Neolithikum in England

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von silesia, 1. Juli 2017.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine große Kreisgrabenanlage (über 30 Meter Durchmesser) wird derzeit in Silsden/England untersucht. Die Anlage wird dem Übergang vom späten Neolithikum zur frühen Bronzezeit zugeordnet.

    Über den "Inhalt" ist noch nichts bekannt. Evt. könnten die Überreste weiteren Aufschluss über Wanderungen und Besiedlungswellen geben. Wie aktuell an der Höhlenforschung deutlich gemacht, können DNA-Analysen eventuell sogar aus dem Bodenuntergrund gezogen werden. Ob das auch "im Freien" aufgrund anderer hydrogeologischer Verhältnisse (und Auswaschungen) als im Höhlenbereich gelingt, bleibt offen.

    Zum kurzen Bericht:
    Neolithic Tomb Unearthed in England - Archaeology Magazine

    Der Bericht geht zurück auf:
    http://www.keighleyonline.co.uk/com...toric-artefacts-unearthed-at-silsden-dig.html
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Urgeschichte Britanniens bietet noch viele ungelöste Fragen.

    Es scheint zunächst eine altansässige Bevölkerung gegeben zu haben, deren Grundstock bis in die frühe nacheiszeitliche Periode zurückgeht. Ab etwa 4000 v. Chr. erfolgte die Neolithisierung Britanniens. Ob damals frühe Ackerbauern (Early Farmers) vom Festland auf die Insel einwanderten oder ob es lediglich einen Kulturtransfer gab, ist umstritten. Vor allem auch, ob es sich um eine zahlenmäßig größere Zuwanderung handelte.

    Ab etwa 2500 v. Chr. gab es eine gut nachweisbare Einwanderung von Leuten der Glockenbecherkultur (Beaker-People), die die Kenntnis der Metallverarbeitung mitbrachten. Auch hier ist umstritten, in welcher Größenordnung man sich die Migration der Glockenbecherleute vorzustellen hat.

    Was aus dieser Bevölkerungsfusion hervorging, repräsentiert die britische Bevölkerung, die Stonehenge errichtete. Es mag jedoch sein, dass bereits die vorangehende jungsteinzeitliche Bevölkerung mit der Errichtung von Megalithbauten begann, denn die erste Phase von Stonehenge wird auf etwa 3000 v. Chr. datiert.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der letztes Jahr im bioxriv vorab veröffentlichte Aufsatz zum "Bevölkerungsaustausch" auf den britischen Insel im Übergang Mesolithikum - Neolithikum ist jetzt in der Nature erschienen,

    Ancient genomes indicate population replacement in Early Neolithic Britain
    (hinter paywall)

    hier die Vorab-Publikation
    Population Replacement in Early Neolithic Britain
    (open access)

    Die ab der Jungsteinzeit auftretende Population entspricht den Bevölkerungsbewegungen, die auch auf der iberischen Halbinsel und in Zentraleuropa auftauchen.
     
  4. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke sehr.

    Stonehenge ist der Fokus und bemerkenswert ist, dass seiner Erbauer (die alte Jäger-Sammler-Gemeinschaften verdrängt haben) offenbar dann im zweiten großen Bevölkerungsaustausch im Übergang zur Bronzezeit (siehe den David-Reich-Artikel leztes Jahr) auch wieder nach einigen Jahrtausenden verschwunden sind.

    Diese Prozesse sind offenbar für weite kontinentaleuropäische Bereiche vergleichbar abgelaufen.

    Vor einiger Zeit ist die Historie der Pesterreger als "Steppeimport" in Zentral- und Westeuropa untersucht worden. Dazu kam die These, dass die Bewegungen mit weitgehend entvölkerten Gebieten in Verbindung stehen. Im Vergleich zu anderen weltgeschichtlichen Ereignissen (die beiden Americas) kann sich der Verdacht heranschleichen, dass die Bewegungen in den Übergängen Mesolitikum/Neolithikum sowie Neolithikum/Bronze ähnlich abgelaufen sein könnten.
     
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  6. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Die These einer Verbindung eingewanderter Pesterreger mit weitgehender Entvölkerung könnte für den Übergang Neolithikum/Bronze bei gegebener Siedlungskontinuität eventuell archäologisch überprüfbar sein.
    Röche nach einer enormen Fleißarbeit...
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da der Pesterreger m.W. in Knochenresten nachweisbar ist, müsste er sich also nachweisen lassen.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zudem wurde die genetischen Entwicklungen der "Stämme" hochgerechnet. Daraus sind wohl Modifizierungen in diese Phasen der Bevölkerungsbewegungen projiziert worden.

    Ich dachte aber an Pesterreger nur als Beispiel für die Wanderung.
    Interessanter ist die fehlende Immunisierung der vorhandenen Population, wenn man auch nur von ein paar wenigen verirrten Ankömmlingen "angehustet" wird.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  10. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Gemäß dem Motto “Warum es einfach halten wenn es auch umständlich geht!“ wähnte ich mich in baumloser Steppe anstatt den umgebenden Wald zu betrachten.:confused:
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Pesthypothese hat allerdings, zumindest für den Übergang vom Meso- zum Neolithikum, einen antithetischen Haken. Der Mensch ist kein Wirtstier des Pestflohs. Der Mensch ist nur Zwischenwirt, wenn der Pesterreger Überhand nimmt und zuviele Ratten sterben. Wenn der Floh deshalb keine Ratten mehr findet, sucht er sich zur Überbrückung ein neues Wirtstier. D.h. einer Pestepidemie geht eigentlich immer erst ein Rattensterben voraus bevor die Menschen in auffälliger Zahl von der Krankheit befallen werden. Im Mesolithikum fehlte es aber an Getreidelagern, welche Ratten und Mäuse erst zu Kulturfolgern machten.

    (Die bekannte Erzählung von dem per mongolischem Katapult in die Stadt geschleuderten Pesttoten als biologischer Kriegsführung macht das natürlich obsolet und kennzeichnet diese Erzählung als Legende; sollte die Legende einen wahren Kern haben, dann war folglich der Pesterreger schon vorher in der betreffenden Stadt, nur dass es eine zeitliche Koinzidenz von Katapultbeschuss und Ausbrechen der Pest gab.)
     
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  12. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Meines Wissens wird angenommen, dass die Hausratte, ursprünglich aus Ostasien stammend, erst im Zuge der Expansion des römischen Reiches Mitteleuropa erreichte. Die Wanderratte sogar noch viel später, vor 200 oder 300 Jahren in der Neuzeit.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Umso schwieriger wird es mit einem Wirtstier für den Pesterreger.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es gibt, soweit ich das sehe, keine Pesthypothese.
    Diese würde auch nicht das Mesolithikum, sondern Neolithikum im Übergang zur Bronzezeit betreffen.

    Die Pest war von mir nur als Beispiel für invasive Erreger genannt, im Huckepackverfahren von Wanderungen.
     
  15. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Eventuell sind weitere Floh-Beziehungen in Betracht zu ziehen, solche zu Wirtstieren die in europäischen Gesellschaften des Neolithikum eine verbreitete Rolle als Haustier, Triftvieh oder Jagdbeute gespielt haben?

    Bescheidenes Halbwissen:
    Pesterreger sollen auch heutzutage Rückzugsräume vornehmlich in anderen Nagerpopulationen haben, bevor sie gelegentlich auf Ratten überwechseln. Zudem gelten sie als recht wandlungs- und somit anpassungsfähig, sind also nicht nur an Nager gebunden. Ich erinnere von Katzen gelesen zu haben.
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wir hatten im Neolithikum bereits die Plattwanzen als "Begleiter".
    Ein alter Begleiter: Plattwanzen

    Da auch hier der Mensch offenbar als Mutterschiff funktionierte, wird das nicht die einzige Spezies gewesen sein.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Man hat im MA z.T. Katzen (weil man sie zeitweise mit dem Teufel in Beziehung sah) gejagt, manche Historiker meinen - aber das ist wohl umstritten, ich habe mich aber selbst nie intensiv mit dem Thema befasst - dass die Pestzeiten auf Zeiten folgen, in denen Katzen verfolgt wurden, Nager sich also relativ ungestört ausbreiten konnten.
     
  18. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Es gibt zwar die sogenannte Katzenpest Panleukopenie – Wikipedia , doch ist diese für den Menschen ungefährlich.
    Ein Telefonat brachte des Rätsels Lösung wo ich das mit Katzen und Pest her hatte. Die Hasenpest ist auf Katzen übertragbar, sie befällt auch andere Jagd-(Kaninchen, Wildgeflügel) wie Nutztiere (Schafe, Rinder, Schweine, Hunde), und auch den Menschen. Zudem wird sie nicht nur via blutsaugenden Parasiten übertragen, sondern ebenso beim Kontakt, Schlachten, Häuten und Verzehren infizierter Tiere, wie auch durch die Aufnahme verunreinigter Luft oder Wassers. Ohne Antibiotika ist sie in hohem Maße lebensbedrohlich. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es allerdings nicht.
    Weiteres zur Tularämie – Wikipedia ist nicht schön zu lesen, Experimente und evtl. Einsatz des Erregers als Biowaffe spricht für sich.

    Stellt sich jedoch die Frage, wie nun zurück ins Neolithikum und auf die britischen Inseln? Für mesolithische wie neolithische Gesellschaften könnte der Erreger Seuchenpotential gehabt haben. Fragt sich, wie alt er ist, wo er herkommt, wie er wandert, ob er pandemisch auftritt?
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2019
  19. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Zwar nicht England, zeitlich sich dem Neolithikum aber schon mal annähernd ist die Hypothese eines kanadischen Forschers, dass der Zusammenhang einer ausgebrochenen Seuche verursacht durch die Übertragung von Nutztier (hier Esel und Schafe) auf Mensch bereits den Hethitern bekannt gewesen sein soll, und sie dieses Wissen in Form biologischer Kriegsführung nutzten. Der Krankheitserreger soll Francisella tularensis gewesen sein, die Hasenpest.
    Eine Publikation
    https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0306987707002411?via=ihub
    wird u.a. hier rezipiert:
    Trojanische Schafe - wissenschaft.de
    Were 'cursed' rams the first biological weapons?

    Edit:
    Da ich die Entwicklung des Threads, hin zur Frage ob sich Indizien für vor- und frühgeschichtliche Pandemien finden lassen, maßgeblich mitzuverantworten habe, der Vorschlag, die Beiträge ab #5/6 in ein neues Thema zu überführen bzw. andernorts anzuhängen sollte es schon ähnliche Fragestellung im Forum geben
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. April 2019
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehr kritisch zu den Nachweisen und zur Methodik solcher (speziell auch dieser) Studien:
    The history of biological weapons use: what we know and what we don't.

    "Unfortunately, the evidence to support deliberate spread of disease by the Hittites is nonexistent. The only ‘‘proof’’ of possible use of biological agents comes from descrip- tions of a scapegoat ritual practiced by the Hittites. Trevisanato relies on a study by Professor O. R. Gurney, a noted authority on that ancient society, while Mayor references the similar work by Christopher Faraone, which refers to Gurney’s study but actually focuses on Greek practices.

    Such rituals, widely practiced in the ancient world, sought to induce a divine being to end an epidemic, perhaps by transmitting it to their enemies. Gurney does not directly associate that ritual with the so-called ‘‘Hittite plague’’ studied by Trevisanato, nor does he claim that the practice had anything but symbolic significance.

    These scapegoating rituals do not suggest actual transmission of disease. The ritual is symbolic, not physical, and the rituals are best understood not as BW but rather as a mystical understanding of disease causation (disease resulting from the acts of a god) and as a desire to convince friendly deities both to lift the disease and to inflict it on enemy societies. Hence, there is simply no evidence to suggest that the Hittites waged biological warfare. Nonetheless, numerous publications have reported that the Hittites had engaged in biological warfare."
     

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