Nürnberger Prozesse- Siegerjustiz oder Sieg der Gerechtigkeit?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Miame, 3. Januar 2017.

  1. Tutti

    Tutti Mitglied

    Streicher wurde 1938 von allen politischen Ämtern enthoben. Er durfte nicht mal mehr Nürnberg betreten. Auf die Entscheidung zum Krieg oder zum Holocaust hatte er absolut keinen Einfluss, an der Durchführung hatte er nicht mitgewirkt.

    Dass er ein fanatischer Antisemit und abstossender, vulgärer Hetzer war, mag sicher so sein. Ich finde angesichts seiner politischen Macht- und Bedeutungslosigkeit schon vor Kriegsbeginn ist seine Rolle aber nicht ansatzweise zu vergleichen mit Personen wie Göring, Kaltenbrunner, Frank oder Seyß-Inquart, die den Holocaust geplant und durchgeführt haben. Selbst Speer hat nur 25 Jahre Haft bekommen und der war Reichsrüstungsminister und verantwortlich für millionenfache Versklavung von Zwangsarbeitern, den Betrieb von Konzentrationslagern usw.

    Ich bin kein Jurist, aber das Urteil gegen einen Mann wie Streicher, mag er menschlich auch noch so abstossend sein, finde ich in Relation zu den Verbrechen der anderen Angeklagten nicht verhältnismässig. Kann man natürlich auch anders sehen, aber das ist meine persönliche Meinung.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Er wurde 1940 seines Gauleiter-Amts enthoben. Er blieb Herausgeber des Stürmers und hat aktiv den ideologischen Boden für den Holocaust vorbereitet.
     
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  3. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Dejure wurde er 1940 lediglich "beurlaubt". Er durfte aber den Titel "Gauleiter" weiterführen und konnte auch bis Kriegsende in der entsprechenden Uniform rumlaufen.
     
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  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Julius Streicher war sicher einer der unsympathischsten Angeklagten in Nürnberg. Sein Hetzblatt mit den oft geradezu pornographischen Karikaturen des Zeichners "Fips" war so ziemlich das ekelhafteste, was es an antisemitischer Hetze und Volksverhetzung jemals gegeben hat. Wie viele von den meist recht jungen Soldaten, die sich einen "Spaß" daraus machten, in den Ghettos orthodoxen Juden die Bärte und Schläfenlocken abzuschneiden, mochten Streichers Hetzblatt gelesen haben.

    Allerdings war Streicher nicht als Entscheidungsträger am Holocaust beteiligt, die Federführung und Organisation für den Völkermord oblagen anderen. Ähnlich wie Rudolf Hess war auch Streichers Ruf innerhalb der Partei nicht unumstritten. Als der Holocaust begann, war Hess auf eigene Faust nach England geflogen, um einen Sonderfrieden zu arrangieren, an den Hauptanklagepunkten Verbrechen gegen die Menschheit und Entfesselung eines Rasse- und Vernichtungskrieges, der alle Dimensionen sprengte, die man bis dahin kannte, hatte Rudolf Heß keinen Anteil.

    Heß und Streicher erschienen im Rahmen der Prozesse als etwas versponnene Überzeugungstäter, von denen niemand auch nur ein Wort des Bedauerns äußerte.

    Ganz anders präsentierte sich Albert Speer. Da war ein durchaus nicht unsympathisch wirkender Karrierist und Technokrat, der wohl auch unter einem ideologisch ganz anders gearteten Regime hätte Karriere machen können, der intelligent und kultiviert war und einer der wenigen Angeklagten, der so etwas wie Reue zeigte.

    Gemessen an dem, was wir heute wissen, gemessen an dem, wofür er als Entscheidungsträger verantwortlich war, hatte Albert Speer vielleicht mehr die Todesstrafe verdient, als Julius Streicher sie verdient hatte oder Rudolf Heß die lebenslängliche Haft in Spandau.

    Julius Streicher hat jahrelang bewusst die absurdesten Verleumdungen und Beleidigungen publiziert, Inzest- und Ritualmordgeschichten verbreitet, von denen er genau wusste, dass sie gelogen waren, er hat hundertfach zu Mord und Ausbeutung aufgerufen und natürlich großen Anteil daran, den Boden zu bereiten für industriellen Massenmord.

    Am Massenmord selbst, hatte er keinen persönlichen Anteil, er hat niemanden eigenhändig umgebracht, und er hatte nicht die Entscheidungsgewalt, andere umbringen zu lassen. Hätte er sie gehabt, er hätte wohl keine Minute gezögert, es zu tun.

    Bei nicht jüdischen Gegnern war Streicher sogar bereit, sie wieder in die "Volksgemeinschaft" aufzunehmen, wenn sie sich ruhig verhielten. Er hatte als Gauleiter den Spleen, jedes Jahr zu Weihnachten einen Kommunisten oder Sozialdemokraten freizulassen und ihn zu beschenken.

    Im Fall Streicher kann man sich fragen, wie weit es akzeptabel ist, Volksverhetzung und Aufruf zum Mord, und als solchen kann man das Hetzblatt "Der Stürmer" durchaus betrachten, zu bestrafen wie Mord selbst.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Angeklagten saßen aber nicht auf der Anklagebank, weil sie den Krieg verloren, sondern weil sie einen Rasse- und Vernichtungskrieg vom Zaun gebrochen und industriellen Massenmord begangen hatten. Und dass die Angeklagten mit ziemlich großer Sicherheit schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt werden würden, lag vor allem daran, dass sie schuldig waren.

    Bei allen "Schönheitsfehlern", die in der Diskussion genannt wurden, stellt sich die Frage nach einer Alternative. Nach diesen Leichenbergen war es unmöglich, einfach zur Tagesordnung überzugehen, und wer sonst, als die "Siegermächte" hätte überhaupt die Prozesse organisieren sollen?
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Mein Bedauern über das Urteil gegen Streicher hält sich in Grenzen, mit dem Standpunkt prinzipiell kann ich mich durchaus identifizieren, ein Arschloch und ein Ekel zu sein, verstößt gegen keine Gesetze, und Streicher hat sich zweifellos in Hunderten von Fällen Volksverhetzung, Verleumdung, Beleidigung und Aufruf zum Mord schuldig gemacht, er hat die Vernichtung der Juden gefordert, er hat dafür Werbung gemacht, er hat sie bejaht, und er hat sie geistig vorbereitet, wie kaum ein anderer der Angeklagten.

    Am Holocaust war er allerdings nicht federführend beteiligt, er hatte keinerlei Befehlsgewalt über Deportationen und Vernichtungsbefehle und er war nicht Chef irgendeiner Dienststelle, die daran beteiligt war. Es ist zumindest im Fall von Rudolf Heß auch von alliierten Prozessbeteiligten gelegentlich die Meinung geäußert wurden, dass die lebenslängliche Freiheitsstrafe in Relation zu hart war. Es ist aber nun einmal eine Spielregel vor Gericht, dass Reue, auch wenn sie geheuchelt sein mag, sich strafmildernd bemerkbar macht und das Gegenteil davon eher nicht.

    Im Großen und Ganzen dürfte kaum irgendein Gericht auf der Welt wesentlich milder geurteilt haben. Der Hauptangeklagte hatte sich jeder Verantwortung entzogen, und es waren noch längst nicht alle Täter nicht einmal der Schlimmsten alle angeklagt wurden, von daher konnten die Nürnberger Prozesse auch kein "Sieg der Gerechtigkeit" sein. Was ist das auch für ein Quatsch! Der beste und fairste Prozess hätte die Toten nicht wieder lebendig machen können, und bei dem Ausmaß des Genozids konnten auch gar nicht alle Täter angeklagt und verurteilt werden. Nach diesen Leichenbergen konnte es keinen "Sieg der Gerechtigkeit" geben. Was ist das auch für eine Fragestellung, als gelte das Entweder-oder-Prinzip.

    Was man tun konnte, war, wenigstens einen Versuch zu unternehmen, den Rechtsfrieden wieder herzustellen. Niemand sonst, als die Siegermächte war organisatorisch dazu in der Lage. Und hier stellt sich wieder die Frage nach einer Alternative. Es gab sie schlicht nicht. Richter und Staatsanwälte die gab es in Deutschland, und manche von ihnen hatten durchaus Skrupel, als sie nach dem Grundsatz "Recht ist, was dem Volk nützt, wider besseres Wissen Recht gebeugt haben. Die Justiz der Besiegten aber hatte sich so gründlich diskreditiert, dass es purer Zynismus gewesen wäre, diesem Justizpersonal die Organisation für die Kriegsverbrechertribunale zu überlassen.

    Das was die Nazi-Propaganda den Deutschen immer angedroht hat, das Strafgericht der Sieger am deutschen Volk blieb aus, die Siegermächte hatten kein Interesse an einer "Endlösung der Deutschenfrage". An den Grundsatz "Vae Victis-Wehe den Besiegten hätten sich die Siegermächte gehalten, hat ein Diskutant geschrieben. Richtig ist, mit den ethnischen deutschen Minderheiten in Polen, der Tschecho-Slowakei in Rumänien und anderen Staaten war es vorbei, nach den Erfahrungen der 1930er Jahre, als Hitler die Rechte der Sudetendeutschen instrumentalisierte, wollten die Alliierten reinen Tisch machen, was in Flucht und Vertreibung endete und sicher für die Betroffenen traumatische Erlebnisse waren. Polens Westgrenze wurde um 250 km westlich verschoben, Deutschland und die Deutschen wurden noch gebraucht, und hüben wie drüben war es in beiden deutschen Staaten keineswegs karrierehemmend in der Partei gewesen zu sein. Vor allem die Amerikaner zeigten sich als großmütige Sieger, die Nylons, Chesterfield und Kaugummi zu verschenken hatten, das Strafgericht an den Deutschen nach dem Kollektivschuld-Prinzip es blieb aus. Objektiv muss man sagen, dass die (West)Deutschen sehr glimpflich davonkamen. Bei einem großen Teil der Deutschen schien es aber ein Bedürfnis zu sein, sich bestraft zu fühlen und von "Siegerjustiz" zu sprechen. Wohnviertel bombadiert hatten am Ende auch Briten und Amerikaner, und mit dem Narrativ von der angeblichen "Siegerjustiz" war es recht bequem, jegliche Verantwortung für Kriegsverbrechen zurückzuweisen, indem den Siegermächten jedes moralische Recht, über Kriegsverbrecher zu Gericht zu sitzen abgesprochen wurde.

    Aus der Befindlichkeit der Besiegten im Jahre 1945, von denen sich die überwältigende Mehrheit viel zu tief mit dem Nationalsozialismus eingelassen hat, mag eine solche Haltung noch psychologisch verständlich sein. Der Terminus "Siegerjustiz" ist aber alles andere, als neutral, sondern ideologisch vorbelastet, weshalb einige auch ihre Probleme damit haben.
     
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  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

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  8. Tutti

    Tutti Mitglied

    Wie wäre es mit der Einrichtung eines interntionalen Gerichtshofs gewesen, der sämtliche Verbrechen rund um den Weltkrieg juristisch aufarbeitet und Prozesse durchführt? Mit Anklagebehörden und Richtern aus im Krieg neutralen Staaten, damit gar nicht erst der Eindruck entsteht, dass Sieger über Besiegte zu Gericht sitzen? Vor einem solchen internationalen Gerichtshof hätten dann auch Verbrecher unabhängig ihrer Nationalität angeklagt werden können, also deutschen Verbrechern wäre genauso wie britischen oder amerikanischen der Prozess gemacht worden.

    Gab es eine solche Überlegung überhaupt damals?
     
  9. Tutti

    Tutti Mitglied

    Ich weiss jetzt nicht, in wie weit Streicher wirklich konkret den Mord an allen Juden im "Stürmer" gefordert hat. Von "Vernichtung der Juden" sprach ja z.B. auch Hitler ganz öffentlich im Reichstag. Laut Peter Longerich wurde der Begriff "Vernichtung" damals noch nicht so wie heute mit Mord gleichgesetzt und verstanden, sondern gehörte zu allgemein aggressiven politischen Sprache dieser Zeit.

    Mod an: Link wurde gelöscht. Grund: https://www.geschichtsforum.de/thema/hinweise-zu-verlinkungen.37262/ Mod aus

    Viele Dinge zu Streicher sind auch reine Spekulation. Wieviel gesichertes Wissen hatte er überhaupt vom Holocaust? Und wenn er gesichertes Wissen hatte, begrüßte er ihn? Und wenn er vom Holocaust sicher alles wusste und ihn begrüßte, wie macht ihn das juristisch schuldig am Holocaust, obwohl er diesen weder angeordnet, noch organisiert, noch durchgeführt hat?

    Da ich kein Jurist bin, kann ich das nicht beurteilen. Als juristischer Laie tue ich mich aber schwer damit, einen politischen Organisator des Holocaust gleichzusetzen mit einem Zeitungsverleger, der Lügen und abstossende Verleumdungen verbreitet hat.

    Nebenbei: Wie gross war denn eigentlich der Einfluss des "Stürmer"? Gibt es dazu Untersuchungen?
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 9. März 2021
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  11. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Vernichtung und Auslöschung ist Mord, Tötung. Damals wie heute.

    Gemeinsam begangener Mord führt zur Verurteilung.
     
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  12. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Was Julius Streicher betrieben hat, könnte man heute mit dem Begriff Stochastic terrorism fassen. Er hatte keine direkte Befehlsgewalt, aber er hat zu Gewalt aufgerufen. Es reicht ja schon allgemein gegen Menschen zu hetzen und zu fordern "es müsse etwas unternommen" werden, ohne direkt zu Aktionen aufzurufen. Juristisch mag es schwer sein, eine direkte Kausalität herzustellen, aber moralisch ist derjenige, der indirekt zu Terrorakten aufruft, ebenso verantwortlich wie die Täter.
     
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Welche Neutralen
    Der Stürmer erschien in einer geschätzten Auflage von 700.000 Exemplaren von 1923 bis 1945. In jedem Dorf hing ein Schaukasten des Stürmers, Inhalt des Blattes waren Verschwörungstheorien, Ritualmordgeschichten und pornographische Geschichten. Blonde arische Unschuld vom bösen Juden verführt/vergewaltigt, dazu Auflistungen oder Fotographien von "Volksgenossen", die immer noch beim Juden kauften. In der eigenen Partei war Streicher nicht unumstritten, er legte sich mit vielen an, galt als ein auf Krawall gebürstetes Ekel, das auch ziemlich korrupt war, über den aber der Führer trotz allem seine Hand hielt. Etliche hielten Streicher für einen Spinner. Vielen Lesern des Stürmer dürfte, wie heute auch vielen BILD-Lesern klar gewesen sein, dass das alles gelogen war. Untersuchungen wie sich die Propaganda auswirkte, darüber gibt es natürlich keine Studien. Was es gibt, dass sind die zahlreichen Bild- und Tondokumente und die Berichte von Holocaustüberlebenden über die Jagdszenen in den Ghettos seit 1939. Vielen Soldaten, SS-Leuten und Polizisten wurde vor dem Einsatz "Der Ewige Jude" gezeigt, und die Berichte aus dem Stürmer hatten sie ohnehin alle gehört und verinnerlicht. 23 Jahre lang hatte der Stürmer die Parole Judentum=Verbrechertum ausgegeben, und wie das NS-Regime mit "Verbrechern" und "Asozialen" umsprang, war seit 1933 zu beobachten. Zuerst in "wilden KZs der SA, bald danach in Lagern wie Dachau und Buchenwald, die schon früh einen ekelhaften Ruf hatten. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass man die "Verbrecher", die "Ritualmörder" und "Rassenschänder", wenn man ihrer habhaft würde, nicht zur Sommerfrische nach Madagaskar schicken würde. Nach den Nürnberger Gesetzen, den Novemberpogromen 1938 und dem Morden in Polen seit 1939 war klar: Mit Endlösung war die physische Vernichtung gemeint, und die aggressive politische Sprache, die Julius Streicher seit 1923 in seinem Hetzblatt verbreitet hat, hat diesen Genozid ideologisch vorbereitet. Julius Streicher war ein Hassprediger, schon Kinder waren Zielgruppe des Volksschullehrers Streicher, der auch ein Kinderbuch "Der Giftpilz" herausgab, in dem gegen die Juden gehetzt wurde. Mit seinem pathologischen Judenhass war Streicher selbst in der Partei extrem, seine Hetze hatte aber System, und sie blieb natürlich nicht folgenlos.

    Noch etwas zum Vorschlag, ein Tribunal aus Neutralen zu bilden. Es stellt sich die Frage, aus welchen neutralen Staaten hätte man denn ein solches Kriegsverbrechertribunal rekrutieren sollen? Aus den Niederlanden und Belgien, die von Nazideutschland überfallen und besetzt wurden oder vielleicht doch eher aus Schweden, das vielerorts willfährig mit Nazideutschland kollaboriert hat ähnlich wie übrigens auch manchmal die Schweiz. Wie hätte man die Sowjetunion dazu überreden wollen, die unglaublichen Verbrechen, die auf dem Territorium der SU gegen Zivilisten und Rotarmisten begangen wurden, von Neutralen untersuchen zu lassen? Das wäre nach allem, was sich dort ereignet hatte, ein unglaublicher Affront gewesen, überhaupt einen solchen Vorschlag zu machen. Es wäre damit der Versuch einer juristischen Aufarbeitung im Keime erstickt worden.

    Im Verlauf des Luftkrieges haben die Briten und Amerikaner zuletzt in erschreckender Weise nach dem Motto "Wie du mir, so ich dir" das wiederholt, was die Luftwaffe in Warschau, Rotterdam und Coventry vorgemacht hat. Ich bin der Meinung, dass die Bombardements von Dresden und Nagasaki Kriegsverbrechen waren. Trotzdem waren das noch Verbrechen im Zusammenhang von Kriegsanstrengungen, und diese Kriegsverbrechen lassen sich auch in keiner Weise mit der Qualität der deutschen Kriegsführung vergleichen, eines Rasse- und Vernichtungskrieges, der allen Regeln der Kriegsführung widersprach, die seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges gültig waren und erst recht nicht mit dem industriellen Massenmord, der an den europäischen Juden begangen wurde. Das Porajmos, die Vernichtung der Roma und Sinti übertraf an Gemeinheit noch die von Stalin angeordneten Massaker von Katyn, wo 10.000 polnische Offiziere liquidiert wurden. Das wurde von der deutschen Bevölkerung selbst so empfunden. SD und Gestapoberichte beklagten, dass sich die Empörung der deutschen Öffentlichkeit in Grenzen hielt, als 1943 die Massengräber gefunden und von einer neutralen Kommission ausgewertet wurde, da sehr viele wussten, dass systematisch 1939 die polnische Intelligenz ausgelöscht wurde und an der Ostfront wurden viele Zeugen der Shoah.

    Ich bleibe dabei, eine Alternative zu den Nürnberger Kriegsverbrechertribunalen gab es nicht, keine jedenfalls die praktikabel gewesen wäre und als Kompromiss akzeptabel für alle Beteiligten der sehr unnatürlichen Anti-Hitler Koalition, die schon dabei war auseinander zu brechen. Im einzelnen kann im Nachhinein natürlich leicht Kritik an einigen Urteilen geübt werden. Rudolf Heß hatte weit weniger auf dem Kerbholz als Streicher, viele waren der Meinung, dass er im Verhältnis zu hart bestraft wurde, und er taugte weit eher als Streicher dazu, als "Märtyrer der Bewegung" dargestellt zu werden, zu der ihn die rechtsradikale Szene aufbaute. Die Vorbereitung der Verfahren war eine gigantische Aufgabe. Es wurde nach individueller Schuld gefragt, Belastungszeugen ausfindig zu machen, die den Genozid überhaupt überlebt hatten, war sehr aufwändig und schwierig, etliche der Opfer waren schwerstens traumatisiert, Akten waren ausgelagert und vernichtet worden, etliche Zeugen waren über ganz Europa versprengt. Die Verfahren müssen auch an diesen Schwierigkeiten gemessen werden. Kritik an einzelnen Urteilen ist schon von Zeitgenossen geäußert worden. Die Angeklagten hatten im Verlauf des Verfahrens große Freiheit. Gerade Hermann Göring nutzte das, um den Gerichtssaal als Podium zu nutzen, um sich als Kriegsverbrecher Nr. 1 zu präsentieren, der nichts gewusst, und nichts verantwortet hat. Kein einziger Angeklagter ist wegen seines Deutschseins angeklagt oder verurteilt worden, und wenn man einzelne Urteile kritisieren mag, so dürfte ein anderes Tribunal bei den erdrückenden Beweisen kaum zu wesentlich milderen Urteilen gelangt sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2021
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Viele Dinge zu Streicher sind auch reine Spekulation. Wieviel gesichertes Wissen hatte er überhaupt vom Holocaust? Und wenn er gesichertes Wissen hatte, begrüßte er ihn? Und wenn er vom Holocaust sicher alles wusste und ihn begrüßte, wie macht ihn das juristisch schuldig am Holocaust, obwohl er diesen weder angeordnet, noch organisiert, noch durchgeführt hat?

    Da ich kein Jurist bin, kann ich das nicht beurteilen. Als juristischer Laie tue ich mich aber schwer damit, einen politischen Organisator des Holocaust gleichzusetzen mit einem Zeitungsverleger, der Lügen und abstossende Verleumdungen verbreitet hat.

    Nebenbei: Wie gross war denn eigentlich der Einfluss des "Stürmer"? Gibt es dazu Untersuchungen?[/QUOTE]

    Der Stürmer hat jahrelang zu Denunziation animiert. Es wurden Fotos von Leuten veröffentlicht, die in jüdischen Geschäften kauften. Während des Krieges schickten Stürmerleser Fotos von gehängten Juden und Partisanen an die Redaktion oder beschwerten sich, wenn im Hinterland "immer noch Judenweiber herumliefen", worauf dann Streicher einen Artikel schrieb. Also Streicher war im Bilde und wusste, was unter "Endlösung der Judenfrage" zu verstehen war.
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich sag nur Radio-Télévision Libre des Mille Collines 1994
     
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  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das klingt so, als wäre er über diesen Zeitraum in dieser hohen Auflage erschienen. Tatsächlich schaffte er es nur Mitte der 1930er Jahre auf eine halbe Million (abgesehen von Sondernummern mit höherer Auflage):
    Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit – Historisches Lexikon Bayerns

    ... und gab noch in Nürnberg zu Protokoll, er habe keinen Hass gepredigt, sondern nur beweisbare Tatsachen festgestellt.

    OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Und wenn Sie sie »Blutsauger«, »ein Volk von Blutsaugern und Erpressern« nennen, glauben Sie nicht, daß dies Haß predigen bedeutet?

    STREICHER: Ich muß, bitte ich... Sagen Sie mir, ich habe Sie nicht verstanden.

    OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Sie können sie jetzt Rasse oder Volk nennen, wie Sie wünschen. Aber am 1. April 1933 sagten Sie, daß sie »ein Volk von Blutsaugern und Erpressern« wären. Nennen Sie das nicht Haß predigen?

    STREICHER: Das ist eine Feststellung, der Ausdruck einer Überzeugung, die beweisbar ist auf Grund geschichtlicher Tatsachen.

    OBERSTLEUTNANT GRIFFITH-JONES: Verstehen Sie mich doch. Ich habe Sie nicht gefragt, ob es eine Tatsache ist oder nicht. Ich habe Sie gefragt, ob Sie das Haß predigen nennen. Ihre Antwort ist ja oder nein.

    STREICHER: Nein, das ist keine Haßpredigt, das ist eine Feststellung.
     
  17. hatl

    hatl Premiummitglied

    Um einem Missverständnis vorzubeugen, dieses Zitat ist nicht von Scorpio, was nicht gleich zu erkennen ist,
    da seine Zitierung eines anderen Users ein wenig verunglückt ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2021
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  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Neben Alfred Rosenberg war Streicher der zentrale anti-semitische Ideologe, bzw. "Volks-Verhetzer" und beide gehörten zu den "Hauptangeklagten".

    Dazu Reuband:
    Propaganda im Dritten Reich

    "Im Gegensatz zu den anderen Blättern handelte „Der Stürmer“ fast ausschließlich nur von einem Thema: den Juden. Die Losung „Die Juden sind schuld“ gehörte zum festen Layout des Titelblatts und erinnerte jeden Leser daran, welchem Themenbereich man die höchste Priorität einräumte. Julius Streicher war in verschiedenen Phasen des Dritten Reiches zudem führender Protagonist antisemitischer Maßnahmen, so oblag ihm die Organisation des Boykotts jüdischer Geschäfte sowie jüdischer Rechtsanwalts- und Arztpraxen am 1. April 1933. Streicher fiel zwar in späteren Phasen des Dritten Reiches wegen Korruption und anderer Vorwürfe in Ungnade und wurde aus seinen Parteiämtern entlassen, doch er blieb bis Kriegsende Herausgeber des „Stürmer“. In keiner anderen Zeitung oder Zeitschrift und auch in keinem anderen Medium der Massenkommunikation des Dritten Reiches standen antisemitische Themen so sehr im Vordergrund wie im „Stürmer“.

    Kein anderes Publikationsorgan erreichte im Verlauf der Jahre einen derart breiten Kreis der Bevölkerung. 1933 hatte das Blatt eine Auflage von 25.000, zu Beginn des Jahres 1935 war diese bereits auf 100.000 angestiegen, und Ende des Jahres 1935 hatte der „Stürmer“ seine höchste Auflagenzahl von 500.000 erreicht, die bis zum Kriegsbeginn aufrechterhalten wurde. Selbst während der Kriegsjahre belief sich die Auflage noch auf 200.000 Exemplare. Es erschienen zudem neun Sonderausgaben mit speziellen Schwerpunktthemen (etwa über „jüdischen Ritualmord“), die Auflagen von bis zu 2.000.000 erreichten (Bytwerk 1976: 41).

    Die tatsächliche Leserschaft muss jedoch deutlich höher veranschlagt werden als es die Auflagenzahlen nahe legen: Nicht nur wurden die Abonnenten ermuntert, die gelesene Ausgabe an andere Personen weiterzureichen; das Blatt lag vielfach auch in Hotels, Gaststätten, Cafés und Friseursalons aus.1 Vor allem aber dürften die sog. „Stürmerkästen“ maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Zeitung und ihre Inhalte eine große öffentliche Verbreitung erfuhren
    ."

    Taylor (S. 438-443) beschäftigt sich auch mit Streicher. Und formuliert als einführendes Statement."In Julius Streichers Fall sah sich der Gerichtshof zum ersten und einzigen Mal vor die ernsthafte Frage gestellt, ob einer der Hauptangeklagten aus dieser "Mörderbande" tatsächlich im strafrechtlichen Sinne schuldig sei." (S. 438)

    Ihm wurde zur Last gelegt, dass er (Punkt 1 und 4 der Anklageschrift) "Aufreizen zur Verfolgung von Juden" begangen hat. Und die schwierige juristische Frage war, ob dieser Tatbestand eine Grundlage für die Verurteilung durch das Gericht sein kann.

    Nach dem erzwungenen Rücktritt als Gauleiter 1940 wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten und anderer anderer ungesetzlicher Handlungen wurde er unter Hausarrest gestellt. Konnte - und sollte aus der Sicht von Hitler - den "Stürmer" weiter herausgeben. Mit einer von Hitler garantierten Auflage.

    Während der Befragung von Streicher durch seinen Verteidiger, Dr. Hanns Marx, bestritt Streicher alle Vorwürfe. Im Kreuzverhör durch Griffith-Jones konzentrierte der sich darauf, die Anklage der "Anstachelung" zu illustrieren. "Der Stürmer" wurde als Quelle von Griffith-Jones benutzt, um eine Vielzahl von Beispielen vorzulegen, bzw. vorzulesen. (ebd. S. 442)

    In diesem Sinne wurde Streicher u.a. mit folgenden Aussagen konfrontiert, die er im "Stürmer" getätigt hatte (S. 443)

    1. "Die Judenfrage ist noch nicht gelöst....Sie ist erst dann gelöst, wenn das Weltjudentum vernichtet ist" (Januar. 39).
    2. "Die Juden in Russland müssen getötet werden. Sie müssen mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden." (Mai 39)
    3. "Soll die Gefahr der Weiterzeugung jenes Gottesfluchs im jüdischen Blut ein Ende finden, dann gibt es nur einen Weg, die Ausrottung dieses Volkes, dessen Vater der Teufel ist" (Leitartikel Anfang 42)

    Zudem legte Griffith-Jones Beweise aus der Schweiz vor, dass die Aussage von Streicher gegenüber von Marx, er habe erst Anfang 1945 von der Vernichtung der Juden erfahren, gelogen sei.

    Taylor (S. 648)r esümiert das Urteil gegen Streicher durchaus kritisch: "Die hastige und gedankenlose Behandlung der Klage gegen Streicher war kein Ruhmesblatt für den Gerichtshof." Wenngleich durch ein Memorandum von Bob Stewart eingewendet wurde: "Dass sogar ein unappetitlicher, fanatischer alter Nazi das Recht auf ein sorgfältiges Urteil hat, bevor er aufgehängt wird."

    Insgesamt kann man bei den gesamten Beratungen für alle Angeklagten erkennen wie pluralistisch, streitorientiert und mit wechselnden Mehrheiten die Richter geurteilt haben.

    Taylor, Telford (2001): Die Nürnberger Prozesse. Hintergründe, Analysen und Erkenntnisse aus heutiger Sicht. München: Heyne (Heyne-Sachbuch, 19/390).
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2021
  19. Tutti

    Tutti Mitglied

    Wie kann man dann sagen, dass Streicher juristisch eine Schuld am Holocaust trägt? Er hat den Holocaust nicht befohlen, er hat ihn nicht organisiert, er hat ihn nicht begangen.

    Wenn man unterstellt, seine Hetze habe den Holocaust befördert, müsste man da ja wenigstens einen direkten Zusammenhang nachweisen. Ich vermute aber mal, auch ohne Streicher und den Stürmer wäre der Holocaust genau geschehen, wie er eben geschehen ist. Streicher mag ein sehr abstossender und widerlicher Hetzer gewesen sein, aber wegen ihm wurde sicher nicht der Holocaust verübt. Er war auch nur einer unter vielen anderen antisemitischen Propagandisten zur NS-Zeit, die Stimmung gegen Juden gemacht haben. Genauso hätte man z.B. Produzenten von antisemitischen Filmen in Nürnberg vor Gericht stellen können. Wie du schon geschrieben hast, wird auch widerlichen Machwerken wie "Jud Süß" oder "Der ewige Jude" nachgesagt einen breiten Einfluss gehabt zu haben.

    Ich persönlich finde, man muss zwischen moralischer Bewertung und empfundener Abscheu gegenüber einer Peson einerseits und der juristischen Bewertung andererseits unterscheiden. Nur weil man einen ekelhaften Menschen wie Streicher gerne hängen sehen möchte, ist es deshalb nicht automatisch richtig ihn zum Tod zu verurteilen.

    Obwohl ich als juristischer Laie mir da kein fachliches Urteil bilden kann, empfinde ich aus persönlicher Sicht das Todesurteil gegen Streicher für falsch, weil er wie bereits gesagt nicht aktiv am Holocaust beteiligt war, in keiner Form. Von allen anderen zum Tode verurteilten Angeklagten in Nürnberg hatte Streicher mit grossem Anstand den geringsten politischen/militärischen Einfluss auf die begangenen Verbrechen und keinerlei Machtfunktion.

    Einer wie Speer hätte die Höchststrafe viel eher verdient als Streicher. Aber Speer konnte sich wohl einfach sehr geschickt als "edler Nazi" verkaufen, während Streicher als Person wohl als der Prototyp des widerlichen, unmenschlichen Nazis angesehen wurde, was vermutlich auch zu seiner Verurteilung mehr beigetragen hat, als seine tatsächliche persönliche Schuld an den geschehenen Verbrechen.
     
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eigentlich haben Thanepower und Scorpio genug Hinweise gegeben, wie der Stürmer gewirkt hat, auch via der Rückmeldungen, die er von seinen Lesern von der rückwärtigen Ostfront bekam. Ich verwies auf den Genozid in Rwanda und die Rolle des Radios dabei, gewissermaßen als Soundtrack zum Massaker. der
    Dass es Streicher an Machtfunktion gemangelt habe, stimmt nicht. Er war bis 1940 Gauleiter. Er hat in dieser Funktion die ihm gegebene Macht genutzt - über die Schriftleitung des Stürmers hinaus - Juden in Franken zu drangsalieren und sie auszuplündern, insbesondere nach der Reichspogromnacht. Darüber ist er letztendlich gestürzt und konnte dennoch weiterhetzen.

    Es ist also nicht die Frage, ob hier jemand Streicher "hängen sehen möchte" - ob hier irgendwer diese Form des Strafmaßes noch für angemessen hält, weiß ich nicht und darum geht es auch nicht - sondern die Frage ist, ob er mitschuldig am Holocaust war, oder nicht. Als geistiger Brandstifter war er es. Seine Zeitungen waren in Stürmer-Kästen aufgehängt in Parks, vor Fabriken, Krankenhäusern und Schulen.

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