Ortsnamenkunde, allgemein

Dieses Thema im Forum "Historische Hilfswissenschaften mit Genealogie" wurde erstellt von Riothamus, 10. Januar 2023.

  1. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es gibt ja schon einige Threads zum Thema und es spielt auch verstreut in manchen Threads eine Rolle. Unter

    Ortsnamenkunde

    werden Einzelbeispiele behandelt und

    Tübingen

    ist der aktuellste Einzelthread zur Ortsnamenkunde. Da es immer wieder Spekulationen und Fragen in Fällen gibt, die eigentlich klar sind, dürfte ein Thread interessant sein, der sich mit den Wortbildungselementen von Ortsnamen beschäftigt. Einerseits können das Beispiele sein, die interessant sind oder uns in anderen Threads als vorstellungsbedürftig auffallen. Andererseits gibt es natürlich auch umstrittene Ortsbildungselemente, wobei in einem Geschichtsforum eher die zeitliche Einordnung als die Frage der Bedeutung interessieren wird. Zusätzlich dürften Literaturempfehlungen hier besser zu finden sein, wenn kein eigener Thread sinnvoll ist.

    Für Westfalen erscheint im Auftrag der Akademie Göttingen eine Reihe, deren Bände jeweils einen Kreis abdecken: Kirstin Casemir, Jürgen Udolph (Hrsg.), Westfälisches Ortsnamenbuch (WOB). Die Bände sind nach dem Schema Die Ortsnamen des Kreises xy benannt. Leider wird nicht das Gebiet des westfälischen Dialekts, sondern das des NRW Landschaftsverbands Westfalen-Lippe abgedeckt. Osnabrück und Waldeck fehlen hier also.

    Einige weitere Ortsnamenbücher sind bei Wikipedia aufgelistet: Ortsnamenbuch – Wikipedia

    Zunächst für die, für die das Neuland ist eine kurze Erläuterung: Wie können, vereinfacht gesagt, Ortsnamen (im deutschen Sprachraum) gebildet sein?
    • Bestimmungswort + Grundwort: Klar, das Grundwort ist eine allgemeine Ortsbezeichnung, wie etwa -hausen/-husen, -dorf/-dorp, -burg und -stadt, Das Grundwort steht oft im Dativ (3. Fall), weil damit im Deutschen eine Ortsangabe erfolgt ("im Dorf"). Dabei sind teils alte Endungen erhalten, die im Neuhochdeutschen verschwunden sind (-e/-(e)n). Das Bestimmungswort bestimmt den individuellen Ort genauer, etwa durch einen Namen wie bei Augustdorf, Sachsenhausen und Lippstadt. Lippstadt zeigt, dass Namensbestandteile verschliffen sein können, teils bis zur Unkenntlichkeit wie bei Volkmarsen, dass sich über Volkmaressen aus *Volkmarshusen entwickelt hat. Diese Art der Ortsnamensbildung begann im Deutschen während der späten Völkerwanderungszeit. Das Bestimmungswort kann gebeugt sein oder im Nominativ stehen, was Sprachwissenschaftler als Zusammenrückung und Kompositum (Zusammensetzung) unterscheiden. Auch Adjektive (Eigenschaftswörter) und Präpositionen (Verhältniswörter) können Bestimmungswörter sein.
    • Bestimmungswort + Suffix: Namen mit dieser Bildung sind in der Regel älter als die mit Grundwörtern und gehen auf die Zeit vor der 2. Lautverschiebung zurück. Es gibt aber Ausnahmen, die nach dem Vorbild älterer Namen gebildet werden. Ein Suffix ist kein eigenes Wort, sondern ein Teil eines Wortes, dass aber eine Bedeutung transportiert. Wie das -chen in Häuschen ausdrückt, dass es sich um ein kleines Haus handelt, bewirkt ein Ortsnamen-Suffix, dass mit dem Bestimmungswort ein Ort gemeint ist. An das Suffix tritt evt. noch eine Endung. Ein mit Suffix gebildetes Wort wird Ableitung (Derivatum) genannt. Beispiele sind das -ich in Jülich, -ach in Andernach oder das -k- in Böddeken.
    • Einzelwort: Ortsnamen, die aus einem Einzelwort, ob gebeugt oder nicht, bestehen ("Simplizia") sind ebenfalls alt, oft sehr alt. Das gerade in einem anderen Faden erwähnte Boke fällt z.B. darunter.
    Im deutschen Sprachraum sind aber oft auch friesische, slawische (Lüchow mit slawischem Suffix), keltische und romanische (Colonia/Köln) Ursprünge zu berücksichtigen. Diese Sprachen zeigen natürlich eigene Wortbildungsregeln.

    Schwierigkeiten ergeben sich auch aus Dialekten. Bach heißt etwa auf Niederdeutsch Bike oder Beke.

    Für einen allgemeinen Thread sind natürlich neben solchen Einordnungen und Strukturen besonders Grundwörter und Suffixe interessant.

    Und jetzt bin ich erst mal zu müde.

    (Wikipedia ist hierzu leider nicht vollständig und teils missverständlich. Dennoch der Link: Ortsname – Wikipedia )
     
    El Quijote, dekumatland, Sepiola und 2 anderen gefällt das.
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Etwas offtopic: Im größeren Teil von Waldeck, in etwa nördlich der Eder ("Ick pass upp"), kann man durchaus eine Fortsetzung der Westfälischen Dialekte erkennen. Der Teil Waldecks etwa südlich der Eder ("Ich pass uffe") liegt aber auch südlich der Benrather Linie und unterscheidet sich daher stärker vom Westfälischen.
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, nördlich sind sie über der Eder, während südlich die Eder auf ihnen liegt. Oder wie ging die Geschichte zum Merkem nochmal? Da war, meine ich, auch eine scherzhafte Erklärung für den Namen Eder enthalten.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Jülich und Andernach beinhalten natürlich keltische Elemente. -ikon/-akon, latinisiert -iacum/-acum
    Bei Jülich handelt es sich um einen Hybridnamen aus einem lateinischen
    und einem keltischen
     
    Riothamus gefällt das.
  5. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Das kommt davon, wenn man müde ist und Beispiele von Wikipedia übernimmt.

    Dafür muss ich dann nur noch ein friesisches Beispiel ergänzen.
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ein Wortbildungselement, dass oft für wilde Spekulationen Anlass gibt, ist -ing-, oft auch als -ung- auftauchend.

    Das liegt daran, dass es prinzipiell Patronyme bildet, also eine Abstammung bezeichnet: Immedinger, Hunfridinger, Burkhardinger, Liudolfinger, Arnulfinger und Kapetinger sind Sippen, bzw. Dynastien, die nach einem Bedeutenden Angehörigen benannt sind.

    Auch in Ortsnamen ist es oft mit einem Personennamen verbunden. Allerdings kann das nicht einfach mit 'Ort der Nachfahren des xy' oder 'Von xy gegründeter Ort' gleichgesetzt werden. Es bezeichnet im weitesten Sinne die Angehörigkeit oder besser die Zuordnung. Der Ort könnte der Sippe dieser Person oder der Person selbst gehört haben oder war damit verbunden. Wohnort, Gründung, Todesort, Verdienste was auch immer sind denkbar, auch wenn der Besitz des Ortes näher liegt. Es kann sich aber auch auf Abhängige oder Unfreie des Namensgebers oder der nach ihm benannten Sippe, also dessen, bzw. deren 'familia', also die Leute der benannten Personen beziehen.

    Unnötig zu sagen, das Heimatliteratur so einen Ort in der Regel zum Hauptwohnsitz des prominentesten Namensträgers erklärt, der den Ort auch gegründet habe. Teils werden die Einwohner auch gleich zu Nachfahren ernannt.

    Hinzu kommt, dass, insbesondere in Norddeutschland, auch Flussnamen und andere geographische Besonderheiten damit verbunden sind, diese Dinge gleichsam als Ursache des Ortes genannt sind.

    Ein heutiges Amerungen etwa könnte auf Emmer anspielen, ob nun ein Gewässer oder das Getreide gemeint ist. In diesem Fall kommen allerdings auch einige Personennamen (Amal-) oder die Vogel Ammer und Amsel in Betracht. Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass es oft mehrere Möglichkeiten der Interpretation gibt. (nach WOB 11, S. 44 ff. Dort ist die Wüstung Amerungen zwischen Lichtenau und dem Kloster Dalheim gemeint. Es gibt aber weitere Orte des Namens.) Und leider funktioniert Ockhams Rasiermesser hier nicht: Es kann nicht einfach ein möglicher Personenname mit der eleganten Erklärung gegenüber anderen Deutungen bevorzugt werden, da die anderen Muster ebenfalls vorkommen.

    Hier ist auch zu sehen, dass das Morphem bei Ortsnamen seine Bedeutung verschiebt: der so einfache Blick in ein Wörterbuch oder Lexikon birgt damit eigene Stolpersteine.

    Zeitlich werden die Orte ins 6. bis 9. Jahrhundert eingeordnet, allerdings kam es später noch zu Angleichungen an dieses oder Kopien von diesem Muster.

    Wikipedia hat mehr Informationen:
    -ing – Wikipedia
     
    Turgot gefällt das.
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Daher muss auch in Betracht gezogen werden, aus welcher Zeit der Ortsname stammt. Im bairischsprachigen Raum wurde die -ing-Endung ursprünglich fast nur mit Personennamen gebildet, in späteren Jahrhunderten kam es zu sekundären Bildungen von -ing-Ortsnamen, vor allem zu Umbenennungen:

    -ing: ahd -ing, Dativ Mehrzahl. -ingun. Ein vor allem im frühen Mittelalter sehr verbreitetes Suffix zur Bildung von Ortsnamen, die von Personen abstammen z.B. Antheringun 'bei den Leuten des Antheri'. Die Bildung von Ortsnamen mit Hilfe von -ing blieb aber auch in der Zeit nach ca. 1000 noch gebräuchlich, abgeleitet allerdings nicht mehr von Personennamen, sondern vor allem von Flurnamen, z.B. Pointing, Schlipfing. Da Ortsnamen auf -ing so überaus häufig waren, konnte die Endung sekundär auch an Ortsnamen angefügt werden, die nicht mit -ing gebildet wurden, vor allem anstelle von -en, -ern, z.B. Kemating, Fisching 'bei den
    Fischern' (schon 1415 visching); Schaming 'bei den Schaubnern (Schaubenmachern)' (zu mhd. schoup ,Strohbündel')

    Dies sind unechte -ing-Ortsnamen, ebenso die Ortsnamen slawischen Ursprungs, deren Endung -ik seit dem 14. Jh. durch -ing ersetzt wurde (2.8. Mandling, Schladming, Fanning u.v.a.). Quellen: Meid 1967, l98ff .; Wiesinger 1994, 74ff.

    Woher kommen unsere Gemeindenamen?
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    In Norddeutschland sollen es keine sekundären Bildungen sein, es wird im WOB, S. 510 ausdrücklich "hohes Alter" im Gegensatz zu Süddeutschland attestiert.. Ich werde demnächst ein wenig mehr auf regionale Unterschiede achten, will aber im Geist des Eingangsposts nicht zu kompliziert werden, weshalb ich es nur mit einer kurzen Bemerkung Andeutung abhandelte.

    Nun denn, dann seien noch folgende Punkte erwähnt:

    1- '-ungen' kommt vorwiegend in Hessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Südostniedersachsen vor. (Die Orte um Lichtenau mit dem genannten Amerungen gelten als fränkische Ansiedlungen des 9. Jahrhunderts.)

    2- In Österreich gilt das Element auch als Zeichen bayrischer Ansiedlung in slawischen Gebieten ab dem 7. Jahrhundert. (Wenn sich das nicht geändert hat. Es steht zwar auch bei Wikipedia, aber dort ist es ja nicht immer aktuell und es gibt ja auch Angleichungen von slawischen Ortsnamen an dieses Suffix.)
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    In Süddeutschland geht es allerdings auch nicht einheitlich zu:

    "Im Gegensatz zum Bairischen bricht im Schwäbisch-Alemannischen die Bildung der ingen-Namen noch vor dem Hochmittelalter ab — hier bilden sie also wirklich einen brauchbaren Anhaltspunkt für die Entstehungszeit eines Ortes. — Ganz ähnlich verhält es sich mit den ing-Orten in Oberbayern
    westlich der Isar..."
    https://www.zobodat.at/pdf/VeroeffFerd_31_0095-0113.pdf
     
    Riothamus und Carolus gefällt das.
  10. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ja, aber es geht mir nicht um einen Kurs für Linguisten, sondern um die ganz groben Fallstricke. :) Außerhalb eines Studiums steigt ja bei der ersten Berührung damit niemand wirklich tief ins Thema ein.

    Aber ich freue mich, wenn du es genauer schreibst, denn dann ist der Thread auch für diejenigen interessant, die über die simplen und schlanken Erklärungen müde Lächeln. Und die Chronologie ist für das Forum ja nicht unwichtig.

    Ich selbst werde hier aber weiter auf Verständlichkeit und eine gewisse Knappheit achten. So kann, wer erst einmal weniger will, sich auf meine Beiträge beschränken. Das Vereinfachungen und Verallgemeinerungen nie ein ganz korrektes Bild entwerfen, setze ich als bekannt voraus.
     
  11. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nachdem ich heute diesbezüglich wieder etwas erleben konnte, was sich auf einen der angesprochenen Sonderfälle bezieht, diese Woche zusätzlich ein Hinweis zu einem Grundwort, dass ich eigentlich nicht hier vorstellen wollte.

    Als Kotten wird ein kleiner Hof ein kleines Haus, eine Hütte bezeichnet. Daher werden Ortsnamen mit

    -kot(t)e(n) als Grundwort

    entsprechend interpretiert. Aber es kann in Westfalen auch ein Gebäude, das gleichzeitig Wohn- und Werkstattzwecken dient, als Kotten bezeichnet sein*.

    Der Witz ist nun, dass das immer wieder bezüglich der Stadt Salzkotten in der populären Diskussion eine Rolle spielt. Die Stadt wurde 1247 gegründet, der Ortsname für die Örtlichkeit ist aber schon 1160 mit niederdeutscher Lautung als "Saltcoten" erwähnt. Nun ist Saltkote / Soltkote aber auch die mittelniederdeutsche Vokabel für Salzsiedehütte.

    Für die Erklärung des Ortsnamens kann also einfach darauf verwiesen werden, dass es "bei den Salzsiedehütten" bedeutet, statt immer wieder Umschreibungen anhand von Bestimmungs- und Grundwort zu finden. So klar der Name auch schon nach den Einzelteilen ist, ist es noch einfacher. Auch das ist ein Warnhinweis, dass trotz aller richtig und klar erkannter Bestandteile noch eine andere Erklärung zutreffen kann.

    (Randbemerkung, die ich mir nicht verkneifen kann: Was bei Meineke, WOB 11, S. 500 vielleicht auch interessant ist, dass -koten auf eine Erweiterung von indogermanisch *geu / *gu, 'biegen, krümmen, wölben' mit 't' zurückgeführt wird. Die ursprüngliche Bedeutung sei dann 'mit Flechtwerk bedeckte Höhlung oder Grube'. Wer kann sich da so beherrschen, dass ihm nicht die Grubenhäuser in den Sinn kommt?)

    *Das findet sich aber, wenn ich es richtig im Kopf habe, eher in älterer Literatur. Es soll hier nur darstellen, dass man bei dem Thema immer auf einen unerwarteten Twist stoßen kann, wenn tiefer gegraben wird.
     
  12. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich bekenne mich schuldig, Kate und andere Varianten weggelassen zu haben. Mein Fokus lag hier darauf, dass selbst da, wo es eigentlich wie die Kugel in den Kuli passt, Vorsicht angebracht ist.
     

Diese Seite empfehlen