Ortsnamenkunde

Dieses Thema im Forum "Historische Hilfswissenschaften mit Genealogie" wurde erstellt von Sepiola, 9. November 2018.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Denkbar. Die Alemannen wären also auf eine verlassene Siedlung gestoßen, deren Reste noch sichtbar waren.
     
  2. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Ganz etwas anderes: Am Zürichsee, an der Römerstraße nach Kempraten und weiter zum Alpenrheintal liegt ein Ort namens Mutzmalen (Mundart: Mutzmaale), der von den Onomastikern anscheinend ignoriert wird. Bilde ich mir mögliche lateinische Deutungen nur ein?
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die erste onomastische Erwähnung war bei Heinrich Meyer 1849 (!), der einen "keltischen" Ortsnamen vermutet, ohne eine Deutung vorzulegen: ETH-Bibliothek / Die Ortsnamen des Kantons Zürich
    Die Sache ist aber jedenfalls in Arbeit: Kanton Zürich

    Mir drängt sich da weder eine deutsche noch eine lateinische Etymologie auf. An welche lateinischen Deutungen denkst Du?
     
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  4. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    An einer Römerstraße könnte man bei 'Mutz-' an eine Mutatio denken.
     
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  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wobei gerade an einer Römerstraße "Mutatio" so ziemlich der sinnloseste Ortsname wäre, den man sich ausdenken könnte. Um die mutationes voneinander unterscheiden zu können, hatten die jeweils ihre eigenen Namen.
    Tatsächlich gehen etliche heutige Ortsnamen auf Namen von mutationes zurück (z. B. Cozzo = ad cottias). Ich kenne aber kein einziges Beispiel, wo ein heutiger Ortsname auf die Bezeichnung mutatio zurückgeht.
     
  6. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Da mag ich nicht widersprechen. In diesem Fall ("Mutzmaale") lacht mich aber auch der zweite Namensbestandteil ein wenig an, liegt doch dieser Weiler inmitten eines Obst- und Weinanbaugebietes, in dem auch es in römischer Zeit sehr wahrscheinlich schon viele Apfelbäume gegeben hat.

    Auch beim nahe gelegenen, ungeklärten Ortsnamen Meilen könnte man an Äpfel denken (rätorom. mail, pl. maila).
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wobei der rätoromanische mail nur den Apfel meint, nicht den Apfelbaum.
    ortsnamen.ch - Mels

    Eine andere Erklärungsmöglichkeit: ortsnamen.ch - Mols Matten

    Hin und wieder findet man auch sehr Merkwürdiges:
    MAL zu vorröm. *mal ‘Berg, Anhöhe’ + -s. – Für diese Deutung sollte man als Ausgangspunkt nicht die Form Mols, sondern Mals annehmen. Der Name wäre dann sprachlich identisch mit dem Ortsnamen Mals im Südtirol. – Sprachlich ist diese Deutung plausibel, sachlich dagegen schwer begründbar. ​
    ortsnamen.ch - Mols

    Auweia, ich glaube, hier muss ich noch ein wenig ausholen.
     
  8. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Apfelbaum ist auf Romanisch in den hier relevanten Dialekten maler (Sursilvan) oder meler (Sutsilvan).
    Auch das würde in Mutzmalen am Lattenberg natürlich sehr gut passen.
    Gern. ;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2020
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Woher kommt der angeblich vorrömische mal 'Berg'?

    Wenn ich mich nicht schwer irre, aus dem Albanischen!

    Wie kommen nun albanische Vokabeln ins Alpengebiet? Das muss wohl mit dem einst grassierenden Pan-Illyrismus zu tun haben. Wer sich einlesen will, bittesehr: https://www.zobodat.at/pdf/Burgenlaendische-Heimatblaetter_71_0081-0102.pdf

    Nun waren die historisch tatsächlich belegten eigentlichen Illyrier in der Gegend des heutigen Nordalbanien ansässig; sprachlich haben sie leider nur sehr wenig hinterlassen. Zu gerade mal vier Wörtern sind Bedeutungen überliefert, dazu kommen ein paar Ortsnamen, aus denen zu schließen ist, dass ihre Sprache wohl nicht die Vorgängersprache des heutigen Albanisch gewesen ist.
    Die Panillyristen kannten damals keine derartigen Skrupel, man griff auf alles zurück, was der These nützlich war, und alpine Ortsnamen mit albanischen Vokabeln zu "etymologisieren". Einiges davon spukt wohl immer noch in der Literatur herum, obwohl die panillyrische These schon seit Jahrzehnten beerdigt wurde.

    In dem dreibändigen Werk von Egon Kühebacher "Die Ortsnamen Südtirols und ihre Geschichte" (Bozen 1991/1995/2000) wird der Siedlungsname Mals, aber auch der Berggipfel Malander, mit einem "vorrömischen *MAL 'Berg' erklärt. Woher man dieses vorrömische Wort und seine Bedeutung kennt, steht da leider nicht, von "illyrisch" oder "albanisch" ist jedenfalls nicht die Rede.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2020
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  10. Sepiola

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  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe mal die Schnappsidee gehabt, eine Geschichte der iberische Halbinsel + Balearen, Kanaren und Madeira anhand ihrer (etymologischen aufschlüsselbaren) Ortsnamen zu schreiben und daher Ortsnamen gesammelt. Das Projekt scheitert natürlich a) an der Masse und b) daran, dass eine Menge Ortsnamen in der Zuordnung ungesichert sind, obwohl es auch eine Menge Ortsnamen (keltische, punische, baskische, lateinische/romanische, arabische, germanische, modernsprachlich romanische) gibt, die entschlüsselbar sind. Pflanzungen und selbst Einzelbäume sind auf der iberischen Halbinsel relativ häufig Grundlagen für Ortsnamen. Algondonales: Baumwollfelder, Fuente Higuera: Quelle am Feigenbaum, El Algarrobo: der Johannesbrotbaum.
     
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  13. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Darum habe ich die Karte auch weitestgehend auf heute noch gebräuchliche Siedlungsnamen beschränkt, deren vordeutsche Herleitung mehr oder minder unumstritten ist. Es würde sonst völlig ausufern. ;)
     
  14. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Link
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Zu den Weil(er)- bzw. Wil(er)-Namen:

    Beide gehen auf altdeutsche Lehnwörter zurück, die von lat. villa 'Landgut' abgeleitet sind: a) wīla direkt auf villa, b) wīlāri auf villaris ('zum Landgut gehörig', klassisch Plin. Nat. Hist. 10 villaribus gallinis 'den Hofhühnern')

    Insbesondere wīlāri (neuhochdeutsch Weiler) taucht sehr häufig sowohl als Ortsname wie auch als Bestandteil von Ortsnamen auf, im zweiten Fall meist mit einem Personennamen (oben habe ich "Ratprechts Weiler" = Rapperswil erwähnt.)
    Nicht ganz so häufig scheinen die wīla-Namen zu sein; im Lauf der Zeit hat sich aber oft ein -w(e)iler-Name zu einem -w(e)il-Namen verkürzt. (Auch hierfür ist Rapperswil ein gutes Beispiel.)

    "Beide Typen fehlen weithin in BY, vollkommen in A, NI, SH und im Bereich der d. Ostsiedlung. Sie beschränken sich also im Wesentlichen auf das merowingisch-fränk. Staatsgebilde." (Niemeyer, Deutsches Ortsnamenbuch)
    ("Vollkommen in A" stimmt genaugenommen nicht; im alemannischsprachigen Vorarlberg gibt es einige Weiler-Namen!)

    An Weil-Namen ohne Bestimmungswort listet Wiki auf: Weil – Wikipedia

    Hab mal versucht, mich zu den Weil-Orten rings um Stuttgart (Weil der Stadt, Weilimdorf, Weil im Schönbuch, Esslingen-Weil, letzterer hieß allerdings ursprünglich Weiler) schlau zu machen. Bei Lutz Reichardt, Ortsnamenbuch des Kreises Böblingen, Stuttgart 2001 lese ich auf S. 242:
    "Es handelt sich um die Benennung der Siedlung mit dem an den Gebäuderesten haftenden Flurnamen *Wīla, der auf lat. vīlla 'Hof, Landgut' zurückgeht [...] Diese Namengebung setzt lediglich die Erhaltung von Resten der römischen Bevölkerung für die Tradierung des Flurnamens, jedoch keine Siedlungskontinuität aus der Römerzeit voraus; nach den siedlungsgeographischen Untersuchungen von Eisenstuck sind die Weil-Orte als germanische Siedlungen anzusehen."
     
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  16. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Mur kommt da immer das Beispiel Grenzach-Wylen in den Sinn, wo Carantiacum (das Landgut des Caratius) zu Grenzach wurde, während die Alemannen nebenan ze wilon (bei den Gehöften) siedelten.
     
  17. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da will ich ausnahmsweise beim Lachen behilflich sein, wenn ich auch überzeugt bin, dass Du etymologisch auf der falschen Spur bist (abgesehen von der redundanten mutatio liegt hier ein Plural vor: "in den Mutzmalen").

    Aber: eine mutatio Ad Malum wäre sehr wohl denkbar. Sowohl im Itinerarium Antonini wie auch in den Peutingertafeln gibt es jeweils eine Station Ad Malum (allerdings an unterschiedliche Orten).
    Und das I.A. kennt eine Station Ad Ficum (= Zum Feigenbaum), zwei Stationen Ad Olivam (= Zum Olivenbaum), eine Station Ad Salices (Zu den Weidenbäumen), eine Ad Pinum (Zur Kiefer). Das erinnert an die hierzulande gebräuchlichen Gasthausnamen "Zur Linde", "zur Tanne" usw.

    Einen sehr lustigen Wiki-Eintrag finde ich hier: Widin – Wikipedia
    "In einem römischen Reiseführer wird auch der Name Ad Malum verwendet, was feste oder gute Festung bedeutet."
    Da hat ein Lateinheld wohl ein bisschen was verwechselt...

    Ob Ad Pirum auf den Birnbaum zurückgeht? Hier wurde möglicherweise eine Volksetymologie wirksam: Birnbaumer Wald – Wikipedia
     
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  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nochmal zu Bremgarten, diesmal das im Kanton Aarau:
    Beat Zehnder hat eine (von ihm selbst als "kühn" bezeichnete) Hypothese ersonnen, nach der Bremgarten auf eine hypothetische keltische Namenform *Verg-mago-dūnon zurückzuführen sein könnte. Unter Inanspruchname von diversen ad-hoc-Hypothesen erläutert er die Umbildung zu Bremgarten: https://www.toponymes.ch/Texte/Zehnder.pdf
    Wer's glauben will...

    ortsnamen.ch - Bremgarten bei Bern

    Aus lautlichen Gründen scheint mir nunmehr die Deutung "eingehegter Garten" in diesem Fall doch schlüssiger. (Das moderne Wort Verbrämung leitet sich von mhd. brëm ab.)
     
  19. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Dabei hatte ich es mir verkniffen, diese drei rätselhaften Orte nochmals anzusprechen.

    Also: nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist es äußerst unwahrscheinlich, dass gleich drei über hundert Kilometer entfernte Orte, die zufälligerweise auch noch jeweils in einer Flussschleife liegen (oder wie im badischen Fall gelegen haben), den gleichen Namen tragen sollten der auf vergleichsweise belanglose "eingehegte Gärten" verweist.
     
  20. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Dann hab ich auch noch einen:

    Außerordentlich bemerkenswert ist ja auch, dass die drei Finning(en), von denen kürzlich die Rede war, ein gleichschenkliges Dreieck bilden, von dem beide Schenkel genau 80 km lang sind!

    Im Ernst: Wenn man kompliziert verlaufende Umbildungen des Ortsnamens annehmen muss (und dann noch in weit auseinanderliegenden Orten, wo die sprachlichen Entwicklungen keineswegs synchron verlaufen sind), dann wird es äußerst unwahrscheinlich, dass die drei Namen im Frühmittelalter (oder gar noch viel früher) gleich gelautet haben.
     

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