Oskar Schindler - Welcher Charakter?

geschichtsfan07

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Bis vor kurzem hat sich mir diese Frage nicht gestellt und ehrlich gesagt wäre ich von alleine auch nicht auf diesen Gedanken gekommen.
Es geht um Oskar Schindler.
Undzwar hatten wir im Unterricht Mitleidsethik und da fiel der Name des Unternehmers.
Bevor er wusste, was man den Juden antat und wie unfair (das Wort ist viel zu human) man sie behandelte, war er ein Lebemann und Egoist.
Nun aber schien es in ihm eine "menschliche Seite" angeschlagen zu haben und er rettete 1200 jüdischen Menschen unter dem Risiko selbst sein Leben deshalb zu verlieren.
Aber konnte er seinen Egoismus völlig in den Schatten stellen? Ein halbes Leben "vergessen"?
Steckte vielleicht in seiner guten Tat, die ich um Gottes Willen nicht anzweifeln möchte, ein Funken des Eigennutzes, um seinen Betrieb mit Erfolg zu krönen?

Wie schätzt man diesen Menschen nun ein? Kann man das überhaupt?
 
Der Mann war sicher zu Beginn des Kriegs ein Kriegsgewinnler, der die Besetzung Polens durch Deutschland als Chance sah, sich finanziell zu sanieren und darüber hinaus reich zu werden. Später war er jemand, der seine eigenes Gewinnstreben mit humanistischem Verhalten vereinigen konnte: er hatte billige Arbeitskräfte durch den Vertrag mit der SS und konnte auf der anderen Seite einen Teil der Juden des Krakauer Ghettos vor der Vernichtung retten. Zuletzt ist dieser Aspekt völlig zurückgetreten. Ob man seine Ausgaben zur Rettung der Juden als rein humanistischen Aspekt werten muss, oder ob man annehmen darf, dass ihm klar war, dass er mit dem Ende des Krieges auch alle seine Güter verlieren würde, das muss man wohl der persönlichen Bewertung überlassen.
 
@geschichtsfan07: ...unter dem Risiko selbst sein Leben deshalb zu verlieren.
Ja, war das wirklich so? Er war mit vielen Nazis befreundet und dass er Juden beschäftigte, die Hand über sie hielt, war diesen eigentlich auch bekannt.
Ärgere Probleme hätte er bekommen, wenn aufgeflogen wäre, dass in seiner Fabrik mit seiner Billigung Rüstungsgüter sabotiert werden. Der Spielberg-Film zeigt dies. Aber ist das historisch korrekt?
 
Zuletzt bearbeitet:
Wer fragt danach, ob jemand aus altruistischen Motiven oder aus Abenteuerlust, persönlicher Eitelkeit oder aus was für Interessen auch immer Menschen rettet, solange er es nur tut. Schindler hat wirklich viel getan, nicht nur für lebende Juden. Er hat Tote nach allen Ritualen der mosaischen Religion bestatten lassen, da das für orthodoxe Juden von großer Bedeutung war. Er hat in seinem Werk in Brünnlitz jüdische Gottesdienste gefeiert. Schindler hat sich für "seine" Juden noch eingesetzt, als im Grunde keine Hoffnung mehr bestand und er sich in größte Gefahr begab. Die Männer der Schindlerjuden wurden nach Flossenbürg, die Frauen nach Auschwitz gebracht. Es war meines Wissens das einzige Mal, dass in Auschwitz Gefangene namentlich aufgerufen wurden. Schindler hätte sein ganzes Vermögen nicht opfern müssen, um in Yad Vaschem einen Baum zu bekommen.

Sicher er hatte beim obersten Polizeiführer von Krakau wegen seiner "Geschenke" einen Stein im Brett, so dass er sich manches herausnehmen konnte, aber die Sache wurde doch immer undurchsichtiger, und das Risiko, verhaftet, gefoltert und ermordet zu werden, war enorm.

Viele Heilige haben als Wüstlinge und Hurenböcke ihre Laufbahn begonnen, und mancher Hurenbock ist als Heiliger verehrt worden. Schindler hatte ein dubioses Vorleben. Er hatte für Canaris in der Tschecheslowakei spioniert und war zum Tode verurteilt worden. Der Exekution entging er, weil die Deutschen gerade rechtzeitig einmaschierten. Den Sprengstoff für denm fingierten Angriff auf den Sender Gleiwitz hatte Schindler besorgt. Er war ein Frauenheld, ein exzessiver Trinker und Spieler und ein Hasardeur.

Seine Firma hat er sich zusammenergaunert, seine Investoren hat er aber alle gerettet, was er nicht hätte tun müssen.

Ich denke, Schindler war eine Spielernatur, dem das Risiko sicher Spaß machte. Er hat sein eigenes Verhalten reflektiert, und als ihn die unmenschliche Behandlung der Juden mehr und mehr empörte, hat er aktiv gehandelt und Hunderten von Menschen das Leben gerettet, wobei er von der Notwendigkeit seiner Handlung so völlig überzeugt war, dass ihn auch das immer größere Risiko nicht abhielt, wobei je länger, um so altruistischer handelte.

Das ist mehr, als man von den meisten Menschen behaupten konnte oder kann.

Dass er ein Genussmensch, Abenteuerer und Hedonist war, der durchaus auch krumme Touren einschlug, macht ihn für mich eigentlich noch sympathischer.
 
Schindler hätte sein ganzes Vermögen nicht opfern müssen, um in Yad Vaschem einen Baum zu bekommen.

Es wird ihm aber sicher die Annahme, dass zum Ende des Krieges sein Vermögen eh keinen Pfifferling mehr wert sein würde, geholfen haben, es zu opfern. Das soll aber den Mut und die Leistungen dieses Mannes nicht schmälern.
 
Ich hab mich hier auf wiki verlassen, die an einer Stelle schrieben, dass er mehrfach von der Gestapo verhört wurde, man aber ihm nie was nachweisen konnte.


Noch eine Ergänzung:
Schindler wurde von der Gestapo mehrfach der Korruption beschuldigt.
Es gelang ihm aufgrund seiner Verbindungen zu Ministerien jedesmal freizukommen.
Durch gute Beziehungen gelang es ihm ferner, auf seinem Firmengelände eine Zweigstelle des Lagers Plaszow einzurichten. Dort arbeiteten auch Menschen, die den Anforderungen aus unterschiedlichen Gründen nicht gewachsen oder nicht qualifiziert waren.
Das ist für mich ein entscheidendes Faktum im Hinblick auf seine Gesinnung. Welchen "Nutzen" hatten solche Arbeiter und Arbeiterinnen?
Egoismus passt hierzu nicht.
 
Görings Bruder finde ich da viel ergiebiger als Schindler.
 
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