Pauperismus

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Machiavelli, 6. Juli 2004.

  1. Machiavelli

    Machiavelli Neues Mitglied

    In meiner unendlichen Güte dachte ich mir schließ ich mal die Lücke vom Spätmerkantilsmus zur Industriellen Revolution.

    Pauperismus:
    Beschreibt das bis dahin so nicht gekannte Phänomen der Verelendung der breiten Unterschichten beim Übergang von Spätmerkantilismus zur Industriellen Revolution.

    Zum Ende des 18.Jh./Beginn des 19.Jh. schuf sowohl der Spätmerkantilismus, als auch die durch Modernisierung und Ausweitung der Bodennutzung immens gesteigerte landwirtschaftliche Produktion die Grundlage für ein gewaltiges Bevölkerungswachstum. Es entstanden die nötigen Arbeitsplätze und die ernährungstechnische Grundlage.

    Anfang des 19.Jh. war ein gewisser Schwellenwert erreicht, ab dem weder das spätmerkantilistische Verlagswesen noch die landwirtschaft in der Lage waren die Arbeitskräfte aufzufangen.

    Als Folge kam es zur Verelendung und Verarmung der Unterschichten. Im Bürgertum nahm man die Krise und das daraus erwachsende Protestpotential in den Unterschichten seit der fr. Revolution verändert war, Revolutionsängste kamen auf.

    Erst ab ca.1830 ergab sich aus der nun auch in Deutschland anfahrenden ind. Revolution die Lösung des Problems. Die neu entstehende Industrie schuf die nötigen Arbeitsplätze. Aus den verarmten Unterschichten entwickelte sich das dt. Industrieproletariat.
     
  2. Sissi

    Sissi Neues Mitglied

    Pauperismus gab es nicht nur zur Zeit der Idnustriellen Revolution, sondern schon viel eher. Als Beispiel sei hier die Pest von 1348 genannt, bei der der Großteil der Landbevölkerung in die Stadt zog, weil sie dachten, dort mehr Chancen zu haben. Statt dessen fanden sie nur die Armut.... Aber das gehört in eine andere Kategorie und sei hier nur kurz erwähnt...

    Liebe Grüße und Gute Nacht
     
  3. Machiavelli

    Machiavelli Neues Mitglied

    Durch Seuchen und Mißernten verursachtes Massenelend, Hungersnöte usw. gab es schon früher, aber im gegensatz zum Pauperismus hielten sich das Verhältniss von Arbeitsplätzen und Arbeitssuchenden in etwa die Waage. Außerdem waren traditionellen Mittel der Armen- und Altenversorgung (Familie, Landesherren usw.) intakt und fähig die Mißstände aufzufangen bzw. abzumildern.
     
  4. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Die Ausführliche Fassung

    Pauperismus = Massenarmut
    nach der Sozialökonomik:
    Erscheint eine Notlage nicht mehr zeitlich begrenzt, sondern für die Lebenslage insgesamt bestimmend, wird die Lebenssituation als Armut bezeichnet, wobei herkömmlicherweise zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden wird:
    • absolute Armut bezieht sich auf das Fehlen eines pysischen Existenzminimums
    • relative Armut beginnt beim Fehlen eines sozialkulturellen Existenzminimums, das letztlich nur durch den politischen Willensbildungsprozess oder aufgrund von Wissenschaftlern (hypothetisch oder bekenntnishaft) zugrunde gelegter Normen und Zielvorstellungen in Bezug auf die Lebenslagen bestimmt werden kann.

    Massenarmut (Pauperismus) kennzeichnete das Schicksal breiter Bevölkerungsschichten bis zur industriellen Revolution und noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, da das schwankende Verhältnis von Bevölkerungsentwicklung und Nahrungsmittelproduktion den Lebensstandard großer Teile der Bevölkerung bestimmte. Die Wirkungen ausbleibender Ernten und der dadurch ausgelösten Teuerungskrisen - in Europa das letzte Mal 1916/17 - konnten im Zuge des Industrialisierungsprozesses nur allmählich gemildert werden. Zwar wurden durch die Industriealisierung zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen und zugleich die Produktivität in der Landwirtschaft verbessert, doch bewirkte sie zunächst auch ein rapides Bevölkerungswachstum, so dass Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten weiterhin nur zur Deckung des jeweiligen Existenzminimums ausreichten.

    Quellen:
    Gabler - Wirtschaftslexikon
    Mankiw - Grundlagen der Volkswirtschaftslehre
    (Hervorhebungen von mir)
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Juli 2004
  5. Machiavelli

    Machiavelli Neues Mitglied

    Soweit ich weiß, bezeichnet Pauperismus geschichtlich nur die Phase zwischen letztem Aufblühen des Merkantilismus und dem Beginn der Industriellen Revolution.
    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann man definitiv nicht mehr von Pauperismus sprechen.

    "Die Wirkungen ausbleibender Ernten und der dadurch ausgelösten Teuerungskrisen - in Europa das letzte Mal 1916/17"
    Da waren wohl eher der 1.WK und das die englische Seeblockade ursächlich. Zwar verteuerten sich Verbrauchsgüter drastisch, doch führte das ganze nicht zu einer ähnlichen Situation, wie vor 1830. Die Arbeitslosigkeit stieg kriegsbedingt nicht weiter dramatisch an.
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    OK, ich hab noch eine Definition für dich, diesesmal von Duden:
    (bes. im 19. Jahrhundert) Verarmung, Verelendung breiter Bevölkerungsschichten, besonders auch in intellektueller und psychischer Hinsicht.

    Meines Wissens ist der Begriff "Pauperismus" auch kein ursprünglicher Historikerbegriff, sondern ein wirtschaftswissenschaftlicher Terminus, der von Karl Marx geprägt wurde und vielleicht deshalb gerne ausschließlich mit der industriellen revolution in Zusammenhang gebracht wird, was aber so nicht richtig ist, da es Pauperismus bereits davor und auch danach immer wieder gab und auch zukünftig geben wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juli 2004
  7. Machiavelli

    Machiavelli Neues Mitglied

    In einem wirtschaftswissenschaftlichen Forum würde ich dir vollkommen zustimmen :p

    "Verarmung, Verelendung breiter Bevölkerungsschichten, besonders auch in intellektueller und psychischer Hinsicht."
    So gesehen erlebe ich den Pauperismus jeden Tag hautnah.

    Ich würde ja nicht so auf meiner Meinung bestehen wenn ich das Thema nicht vor drei Wochen in meinen Grundwissenstest in NG gehabt hätte. Generell hast du schon Recht, der rein historische Fachterminus aber hat eine andere Bedeutung, als der wirtschaftswissenschaftliche.
     
  8. Schini

    Schini Neues Mitglied

    In England wird ja seit Jahrzehnten unter Historikern gestritten, ob die Industrielle Revolution zu einer Verbesserung des Lebensstandards geführt hat (Überblick: Standard of Living Debate). Dabei hat sich auch der geschichtswissenschaftliche Begriff des Pauperismus ausdifferenziert.

    Aber weil es hier auch um Ursachen geht, möchte ich eine - berühmte oder berüchtigte - Beschreibung des Pauperismus nicht unerwähnt lassen ;) :
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Juli 2004
  9. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Zitat Schini :

    Aber weil es hier auch um Ursachen geht, möchte ich eine - berühmte oder berüchtigte - Beschreibung des Pauperismus nicht unerwähnt lassen ......
    -------------------------------------------------------------------

    Zu den Auslösern der industr. Revolution in England ist wohl auch die enorme Bevölkerungsentwicklung zu berücksichtigen. Zwischen 1750 und 1820 verdoppelte sich
    die Bevölkerung in Großbritannien. Die Folge war ,wie im o.g. von Schini zitierten Artikel erwähnt, eine Agrarrevolution,
    deren Politik der Einzäunung von Gemeindeland (Enclosure ) eine ausgeprägte Landflucht zur Folge hatte. Diese Entwicklungen stellen die Not dar, aus der auch industrielle Erfindungen wuchsen.


    Quelle : Dresdner Hefte Nr. 70 (Dresdner Geschichtsverein ) "Die Industrialisierung Sachsens im Zeichen Großbritanniens 1760 bis 1860." Beitrag v. P. Humphrey
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    @Machiavelli liegt hier durchaus richtig, in der historischen Forschung wird Pauperismus tatsächlich vor allem für die Zeit von 1820-1830 verwendet, wenngleich es natürlich Pauperisierung, und zwar in einem dramatischen Maße, bereits früher gegeben hat. 1770-1772 wurde Europa durch die Folgen des Siebenjährigen Krieges von einer Hungerkatastrophe alteuropäischen Ausmaßes heimgesucht. Selbst Länder wie Württemberg waren davon betroffen, das überhaupt kein Kriegsschauplatz gewesen war. Die Folge davon war, daß sich der flächendeckende Kartoffelanbau durchsetzte. Die Kartoffel wurde Grundnahrungsmittel Tausender von Menschen. Die Hungerkatastrophe in Deutschland um 1820-22 oder die "Great Famine" der 1840er Jahre in Irland resultierten unmittelbar aus einer verheerenden Kartoffelfäule her. Die Bevölkerung Irlands sank von annährend 6 auf 3 Millionen. Wer nicht verhungerte, mußte nach Amerika fliehen. In der irischen Geschichte bis heute ein heikles Thema.

    Vielleicht abschließend noch ein paar Literaturtipps:
    G. Fischer, Armut in der Geschichte Göttingen 1982
    Schubert Ernst Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts Neustadt Aisch 1983
    Dirk Blasius Kriminalität und Alltag Essen 1978
     

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