Penjdeh-Krise und die Frage der Öffnung der Meerengen

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Turgot, 17. Februar 2011.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Als die Russen im Frühjahr 1885 in das afghanische Penjdeh-Gebiet vordrangen, begann es, wieder einmal, im Gebälk des europäischen Konzerts zu knirschen.
    Dieser Vorstoß war den Briten selbstverständlich nicht angenehm, da sie ihre wichtigste Kolonie, Indien, bedroht sahen. Krieg lag in der Luft. Es war anzunehmen, dass in so einem Falle die britischen Truppen sich nicht in das unwirtliche Afghanistan begaben, sondern durch das Schwarze Meer kommen würden. Und an diesem Punkt wird es spannend.
    Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich haben im Artikel 3 des Dreikaiserabkommens sich gegenüber dem Zarenreich dazu verpflichtet, gemeinsam mit Russland dafür zu sorgen, dass das Osmanische Reich die Meerengen nicht für Kriegsschiffe öffne. Sollte der Sultan dies doch tun, würde das die russische Kriegserklärung nach sich ziehen und das Osmanische Reich würde der sogenannten Sicherheitsgarantien verlustig gehen.
    Bismarck hat sich sofort auf die Seite des Zarenreichs gestellt; ihm ging es um den Erhalt des Dreikaiserabkommens. Bismarck schaltete sofort Wien aber auch Paris ein und beide Mächte signalisierten, dass sie Bismarcks Position teilen. Großbritannien sah sich also der Phalanx der übrigen europäischen Großmächte gegenüber. Paris war auf Großbritannien wegen der ägyptischen Frage angesäuert. Der Sultan war in einer wenig beneidenswerten Position. Egal für welche Seite er sich entscheiden würde, er würde auf jeden Fall „Stress“ mit der anderen bekommen. Er hat so einige Täuschungsmanöver in die Wege geleitet und beispielsweise die Meerengen und die Küste am Schwarzen Meer durch deutsche Offiziere inspizieren lassen.
    Meine Frage ist, was ich nicht verstehen, weshalb hat Großbritannien nicht auf dem Sultan entsprechend eingewirkt? Man hätte Ägypten doch wunderbar als Hebel für die Öffnung der Meerengen nutzen können. Kann jemand dieses Rätsel auflösen?


     
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Um mal zu raten: Rußland hatte dem Osmanischen Reich einiges zu "bieten", Stichworte Bulgarische Frage, Kaukasus. Im Kaukasus liefen in den 1880ern die Vertreibungen von moslemischer Bevölkerung, rd. 1,5 Mio. mit entsprechendem Bevölkerungs-Druck auf die Pforte und rd. 400.000 Opfern. Dazu das Armenier-Problem im armenischen Hochland, und aus osmanischer Sicht mögliche Revision der Kaukasus-Gebietsverluste um Kars 1878.

    Die Cambridge-History erwähnt nur nebulös russische "Angebote" (offered Turkey consessions in Asia Minor in return for the closing of the straits)
    The Cambridge history of the British ... - Google Bücher
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Schon, aber der Sultan hatte sehr großen Respeckt, um nicht zu sagen Furcht, vor der britischen Flotte gehabt, der er so gut wie nichts entgegen stellen konnte. Des Weiteren war das osmanische Heer auch noch, zumindest zu dem fraglichen Zeitpunkt, insgesamt in einem beklagenswertem Zustand.

    Und die Bulgarienfrage wurde ja kure Zeit später sehr aktut und hat letzten Endes, aufgrund des ungeschickten Agieren des Herrn Kálnoky, das Dreikaiserabkommen zerstört.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Februar 2011
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das wäre die Wahl zwischen Scylla und Charybdis gewesen.

    Großbritannien stand in der Frage des Durchbruchs - zwecks Bedrohung des russischen Schwarzmeerbereiches - isoliert (Wien und Paris waren wohl durch Bismarck? auf Kurs gebracht). Die russischen Korps im Osten waren aber eine reale Gefahr (hatten wir neulich als rhetorische Frage: was helfen britische Linienschiffe gegen Armeekorps in Ostpreußen).

    Also: dicht für alle (pro forma auch für die russische Flotte). Erscheint mir eigentlich nachvollziehbar.
     
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    So ist es. In Frankreich regierte zu jener Zeit auch eine französische Regierung (Ferry), die nicht so deutschfeindlich eingestellt war und außerdem waren die Franzmänner ohnehin sauer auf Großbritannien.

    Genau. Der Sultan hatte echt ein Sch...job .

    Kurze Zeit später, Bulgarien Krise, hat der Sultan aber die Nase voll gehabt. Er hat in ganz großen Stil Rüstungsaufträge an das Deutsche Reich, Krupp und Co. vergeben. Wenn dann noch die personelle Ausbildung entsprechend abgeschlossen werden würde, war die Armee des Sultans ab sofort wieder ernst zu nehmen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Februar 2011
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Es spircht doch eigentlich sehr viel dafür, dass die russische Bedrohung - Balkan und Ost-Anatolien, sowie Persien - dann als allein maßgeblich gesehen wurde.

    Kapital floß reichlich, u.a. von Frankreich und Großbritannien. Und dann war auch die Marinerüstung drin, für die man in London anfragte.

    Parallel zu den politischen Ereignissen sind die wirtschaftlichen Fühler interessant. Da gibt es eine umfassende, aktuelle Studie:
    Pamuk, Sevket: The Ottoman Empire and European Capitalism 1820 - 1913
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich denke auch, das der Sultan es leid war, sich immer als Schachfigur im Spiel der Großmächte missbaucht zu werden. Wien, St.Petersburg und Berlin haben doch im Zuge dieser Krise vom Sultan verlangt, das er gegen die bulgarischen Umtriebe, Besetzung von Ostrumelien, militärisch einschreitet und zwar und auschließlich im eignen Namen. Das Ärgerliche, aus Sicht des Sultans war nur, das ihm das bulgarische Vorgehen eigentlich sehr recht war, denn daduch wurde der russische Einfluß weiter zurückgedrängt, ja er war zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Was besseres konnte den Sultan eigentlicht nicht passieren.


    Als sich die Krise dann immer weiterzuspitzte, Stichwort serbischer Einmarsch in Bulgarien, sah die Sache schon wieder aus. St.Petersburg und Wien hatten ihre Sateliten ganz offenkundig nicht im Griff und das Dreikaiserabkommen war in Eimer. Der Sultan war dies hochwillkommen und hat nun entschlossen, endlich, gehandelt. Er hatte sich ja jahrelang geweigert aufzurüsten und zu modernsieren, da er Angst vor einem Militärputsch hatte; sein Vorgänger wurde ja uch von den Militärs einkassiert.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Frage ist auch, was die britische Flotte im Schwarzen Meer eigentlich noch ausrichten konnte. Keine Basen für das Kohlen, keine entscheidenden Ziele, nicht genug Truppen für Anlandungen.

    Möglw. war man auch in GB mit der Schließung der Meerenge ganz zufrieden.
    Außerdem hatte man parallel mit Khartum/Sudan zu tun, dass bereits gefallen waren. Gladstone beantragte Kriegskredite von 11 Mio. GBP (rd. 220 Mio. Mark), etwas über die Hälfte war für Rußland vorgesehen.

    Der Zwischenfall war sdchließlich ein Problem der unklaren Nordwestgrenze Indiens, für die es keine genauen Absprachen gab. Die dann eingesetzte brit.russ. Kommission klärte das in drei Jahren. Es blieb die latente Bedrohung Indiens, nicht zuletzt durch die fernöstlichen Eisenbahnen, die Rußland den Aufmarsch mit überlegenen Truppen gestattet hätten. Die britische Landmacht in Indien war durchaus überschaubar.
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ein gewichtiges Argument. Vielmehr als die Bombardierung der Küsten wäre demnach wohl nicht möglich gewesen.

    PS: Waren zu der Zeit eigentlich schon alle Schiffe der Navy mit Dampfantrieb ausgestattet?
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Februar 2011
  10. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Also ab den 1870iger Jahren waren alle großen Einheiten der RN mit Dampfantrieb versehen, aber ebend auch noch mit Segelantrieb, da die Zuverlässigkeit und Ausdauer der Dampfmaschinen nicht 100% gewährleistet waren. In England hatte man zudem auch noch sogenannte Wooden Walls im Dienst, da man sich einfach nicht von den alten Linienschiffen trennen konnte, allerdings waren diese ebenfalls mit einem Schraubenantrieb versehen.

    Es gibt in dem Zeitraum auch mehrere Aktionen der RN im Mittelmeer wie der Angriff auf Alexandria 1882 sowie 1885 ein geplanter Vorstoß in die Ostsee.

    Aber eine Frage habe ich zum Thema Schwarzes Meer. Inwieweit gab es noch Langzeitauswirkungen von der russischen Niederlage im Krimkrieg 1856? Waren nicht internationale Flottenkräfte, vor allem Englische und französische im schwarzen Meer stadioniert bzw. im Bereich der Dardanellen?

    Links zum Thema:
    Bombardment of Alexandria (1882) - Wikipedia, the free encyclopedia
    http://www.geschichtsforum.de/f60/die-royal-navy-im-viktorianischen-zeitalter-34740/
    The late Victorian Navy: the pre ... - Google Bücher
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das Buch von Parkinson habe ich leider nicht (steht aber auf der Wunschliste:winke: ). Aus dem online-blättern entnehme ich nur, dass es unter Disraeli 1879 die Entsendung eines Flottenverbandes in die Dardanellen als Drohgebärde gegeben hat.

    Möglicherweise kreuzten dort einzelne Schiffe herum, Station im östlichen Mittelmeer war aber Alexandria.

    Zu den Folgen des Krimkrieges: Rußland durfte an sich keine größeren Schiffe im Schwarzen Meer unterhalten (dagegen wurde bereits verstoßen - Begrenzung war auf maximal 6 Kriegsdampfer bis 50 Meter Länge), es gab Beschränkungen beim Festungsbau (dagegen auch).

    Wichtige Regelungen (nach Vertrags-Ploetz):
    Artikel XI: keine Kriegsschiffe im Schwarzen Meer (Einzelheiten s.o.)
    Artikel X: Revision des Meerengen-Schließungsvertrages von 1841 (Schließung)
    Artikel XIII: Verbot der Errichtung von Arsenalen an den Ufern des Schwarzen Meeres
     
  12. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Und welche Rolle spielte der rusisch-türkische Krieg 1877-78, ich meine, es ging doch hier immernoch um die Vorherrschaft rund ums Schwarze Meer?
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da finde ich:
    In Bezug auf San Stefano/Berlin: im Wesentlichen Gebietsregelungen, daneben Donau-Fragen. Handelsschiffen neutraler Mächte sollte in Friedens- wie in Kriegszeiten die Durchfahrt Dardanellen gestattet sein (wichtig für russische Exporte/Importe, soweit keine Bannware).
    http://en.wikipedia.org/wiki/Treaty....uoregon.edu/kimball/1878mr17.SanStef.trt.htm
    Art. XII, XIII, XXIV (mit Bestätigung des Vertrags von Paris 1856).
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Pontusklausel des Pariser Freidens hat Russland im Zuge des deutsch- französischen Krieges einseitig für nicht mehr gültig erklärt. Bismarck hat Russland sofort dabe unterstützt. Kein Wunder, denn Russland hat an der Grenze zu Österrich ja auch ein großes Heer während der deutsch-französischen Auseinandersetzung aufmarschieren lassen, um sicher zu stellen, das die Österreicher nicht auf dumme Gedanken kommen.

    Überhaupt ist der österreichisch-russische Gegensatz auch als Langzeitfolge des Krimkrieges zu betrachten.
     
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Nein, um die ging es in diesem Krieg ursächlich nicht. 1875 kam es in Bosnien zu einem Aufstand. Die bevölkerung war mit der Herrschftspraxis des Sultans so rein gar nicht glücklich. Gleichzeitig hatte das Osmanische Reich mit erheblichen finanziellen Problemen zu kämfpgen; man stand qusi vor dem Staatsbankrott. 1876 war diese Aufstandsbewegung kurz davor auf Bulgarien überzugreifen. An dieser Stelle begann die Pforte brutal zur Sache zu gehen und tausende von Bulgaren verloren ihr Leben. Um die Sache noch weiter eskalieren zu lassen, sind Serbien und Montenegro in Bosnien einmarschiert. Nur haben die Herrschaften anscheinend die Osmanen doch so ein wenig unterschätzt; jedenfalls wurde es nicht mit schnell Beute machen.

    Aber die eigentlich Gefahr für das Osmanische Reich war nicht dieser Aufstand, sondern das Zarenreich, das zugunsten der Völker auf dem Balkan aktiv wurde.
     
  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Zur Öffnung der Meerengen noch ein interessantes Detail:

    Als im Februar 1904 der Russisch-Japanische Krieg durch den Angriff der Japaner auf Port Arthur eröffnet wurde, begannen die Russen massiv Druck auf den Sultan auszuüben. Die Russen forderten, das die Meerengen geöffent werden. Schließlich gab der Sultan den russischen Druck auch nach, aber nur unter Auflagen. Es durften nur Handelsschiffe die Meerengen passieren und sie dürfen keine Waffen und Muniton an Bord haben. Die russische "Freiwilligenflotte" hisste die Handelsflagge, fuhr durch die Meerengen, reihte sich dan gleich in die russische Kriegsflotte ein und hatte Waffen geladen.

    Die britische Regierung war zu Beginn des Krieges durchaus unnachgiebig in dieser Frage gewesen; aber im dies änderte sich grundlegend, als die Japaner erste Erfolge erzielten. Im Juni entschied man, das man nichts tun würde, wenn die russische "Freiwilligenflotte" vom Schwarzen Meer ins Mittlemeer einfahren würde.

    Die Russen habe dies schlecht gedankt. Sie haben Mitte Juli vor der arabischen Küste einen britischen Frachter angegriffen und aufgebracht. Die Russen hatten den Verdacht, das hier Waffen für die Japaner geliefert werden solltten. Es waren zwar Waffen geladen, die aber waren für Hongkong bestimmt. Die Wellen gingen entsprechend hoch. Im Oktober gab es dann den allgmeinen bekannten Zwischenfall an der Doggerbank.

    Damit waren die russisch-britischen Annäherung, man war eigentlich schon fast vor Vertragsabschluß, erst einmal auf Eis gelegt. Es sollten dann noch drei weitere Jahre vergehen, ehe es dann soweit war.

    Jaeckel, Die Nordwestgrenze in der Verteidigung Indiens
     
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  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Seit 1856 war es das erklärte Ziel des Zarenreichs, die für sie als demütigenden Pontusklauseln des Pariser Vertrages zu beseitigen.
    Schon frühzeitig erhielt man Unterstützung aus Berlin; namentlich Bismarck.

    Im September 1862 machte der britische Gesandte Sir Henry Bulwer in Konstantinopel eine Erholungsreise ins Schwarze Meer. Die Reise wurde auf der Gannet, ein mit 11 Kanonen bestücktes Stationsschiff, unternommen. Der russische Amtskollege Lubanoff ließ mit seinem Protest wegen Verstoß gegen Artikel 11 des Pariser Vertrages nicht lang auf sich warten.

    Die Franzosen und Österreicher hielten sich zurück. London war zunächst gewillt hierzu eine Konferenz einzuberufen und eine Rechtsfrage aus dem strittigen Punkt zu machen. m September 1862 ist Bismarck preussischer Ministerpräsident geworden. Er ließ sich von der russischen Gesandtschaft den bisherigen Schriftwechsel vorlegen und kam zu dem Entschluß, die gleiche Position wie sein russischer Amtskollege Gortschakoff zu vertreten. Dem war dieses natürlich sehr recht, Ebenso den Zaren Alexander II. .

    Das Ende vom Lied war, das eine Konferenz dann doch nicht nötig wurde und sich der russsische Gesandte in Konstantinopel Lubanoff und Aali Pascha die Frage aus der Welt schafften.

    Das Resultat jedenfalls war, das der Pariser Vertrag löchrig wurde und Petersburg nicht mehr so isoliert war.
     

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