Philosophische Voraussetzungen der Moderne

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Rurik, 24. Juli 2014.

  1. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Die Nazis kamen nicht aus dem Gestern. Der Faschismus war progressiv. Man muss nur dem Begriff progressiv seine positive Intension nehmen.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich möchte dem teilweise widersprechen. Nicht nur dass der Faschismus seine Wurzeln im 19. Jhdt. hatte - im Gründe genommen war er, ohne der kulturellen Epoche der Romantik zu nahe treten zu wollen - sehr durch diese geprägt. Vor allem aber definierte sich der Faschismus durch seinen Antimodernismus.

    Er war
    - antidemokratisch
    - antiliberal(istisch)
    - antimarxistisch/-bolschewistisch/-kommunistisch
    ...

    Die Moderne wurde verächtlich als "Asphalt" bezeichnet ("Asphaltliteratur"). Verbotene Werke (Literatur wie bildende Kunst) waren ja nicht nur die Werke rassistisch verfemter oder politisch unerwünschter Künstler, sondern auch die, welche den Regeln (oder der scheinbaren Regellosigkeit) der modernen Kunst folgten.

    Gleichzeitig nutzten die Nazis natürlich am konsequentesten von allen Parteien der Weimarer Republik die Errungenschaften der modernen Technik. Hitler war der erste deutsche Politiker, der zu seinen Wahlkampfveranstaltungen mit dem Flugzeug flog, mit dem Resultat, dass er mehr Menschen erreichte, als andere.
    Die Nazis nutzten das Radio für politische Zwecke und förderten die Technik (Panzer, Autos, Raketen...).

    Natürlich konnte eine solche antimoderne Ideologie erst in der Reaktanz auf moderne Ideologien entstehen. Insofern ist natürlich auch der Faschismus, trotz all seiner Rückwärtsgewandtheit, als "moderne" Ideologie zu verstehen. Sicher aber nicht als fortschrittlich.
     
  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Hm, ich will das nicht unbedingt falsch verstanden haben, aber danach ist der Kommunismus im Sinne von Marxismus, Leninismus (Bolschewiki) die Moderne? Starker Tobak!
    Die Bolschewiki war alles andere als liberal und/oder demokratisch. Ihr Führungsanspruch betraf alle Lebensbereiche, darunter auch Kunst, Literatur usw.
    Jetzt nicht die Bolschewiki, aber eine andere Partei, die sich diese zum unbedingten Vorbild nahm. Aus der Verfassung der DDR: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.“ Ein Franzose hat es im 17. Jahrhundert nicht ganz so geschwobelt ausgedrückt: "Der Staat bin ich!" Was sollte an solchen Ideen modern sein? Im Grunde geht es nicht um Fortschritt, sondern Macht.


    Kommt drauf an, von welcher Seite man es sieht. Für Rassisten und Antisemiten war das Naziregime sicher ein Fortschritt.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Im "Der philosophische Diskurs der Moderne" hat Habermas die unterschiedlichen Traditionslinien der Aufklärung definiert. Vor diesem Hintergrund ist dabei die Moerne ein bestimmtes Verständnis von Gesellschaft und Individuum, das durch die Ent-Mystifizierung der Erklärung des "Seins" definiert wird.

    Zur Fundierung der "Moderne" waren vor allem die Schriften Hegels relevant, die mit den Arbeiten von Nietzsche in die Postmoderne übergeleitet wurden und mit Foucalt und anderen in ihrem aufklärerischen Impuls radikal hinterfragt worden sind.

    In diesen Kontext gehören die Arbeiten von Marx und Engels. Im Gegensatz zu den philosophischen Traditionen des Faschismus, die keine Berührungspunkte deazu haben.

    Insofern ist das, was ElQ geschrieben hat absolut richtig. Und es enthält auch keine Wertung.
     
  5. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    ich wußte bisher nicht, das Faschismus einen philosophischen Unterbau hatte/hat.
    Das ist jetzt nicht ironisch/sarkastisch gemeint.
    Wenn überhaupt zu den einzelnen Strömungen was geschrieben wurde, war das für mich krudes, zusammengesuchtes, halbgares Zeug ...
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ging dir doch um progressive Strömungen, nicht darum, ob diese im einzelnen gut und/oder wünschenswert sind.


    Wer hat das behauptet? Du hast doch selbst eine wertfreie Definition des Begriffs der Progressivität indie Diskussion eingeführt:

    Also ist der Begriff der Progressivität nun wertfrei, wie in deinem vorherigen Posting definiert, oder ist er unbedingt positiv besetzt? Denn nur letzteres würde deine Kritik plausibilisieren.

    Eigentlich selbst aus deren Sicht nicht, denn der Faschismus sucht das Heil nicht darin Probleme an der Wurzel anzupacken und die Ursache zu beseitigen, sondern in der Heraufbeschwörung einer vermeintlich besseren, in großen Anteilen mythischen oder mystifizierten Vergangenheit. Rassistische Anteile dienen dazu, Sündenböcke zu liefern. So neigt der Faschismus etwa zur Etablierung vertikal statt horizontal organisierter "Gewerkschaften", die sowohl sozialistischen wie kapitalistischen Bedürfnissen nicht entsprechen (können).
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    @ElQ

    In den allermeisten Kontextualisierungen, sieht man vom Syllabus einmal ab ;), hat die Kategorie: "Progressiv" eine positive Konnotation. Hinsichtlich der Modernität des Faschismus, erlaube mir bitte noch eine Anmerkung, so unmodern waren D'Annunzio, Marinetti etc. doch wiederum nicht. Deine Argumentation trifft doch wohl eher auf den Nationalsozialismus zu und weniger auf den Faschismus in seiner Ausprägung in den 1920'er und frühen 1930'er Jahren.

    Modernität und Totalitarismus sind m.E. keine sich ausschließenden Kategorien.

    M. :winke:
     
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  8. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Was verstehst du unter Progressiv im Zusammenhang mit Faschismus? Das Wort ist alles- und nichtssagend.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teilweise Zustimmung. Allerdings gehen aber die Begriffe jetzt durcheinander und führen eher zur Verwirrung, statt zur Klärung. Auf die philosophischen Voraussetzungen der Moderne hatte ElQ und ich bereits hingewiesen.

    Moderne ? Wikipedia

    Eines der zentralen Anliegen der Moderne / Aufklärung war die Emanzipation des Individuums von Verhältnissen, die "zwanghaft" und / oder mythischen Ursprungs waren.

    Verstehen wir unter "Totalitarismus" mal die Subsumtion des NS-Regimes und der stalinistischen Sowjetunion unter dieses Konstrukt, dann fließen obige philosophische Traditionen in sehr unterschiedlicher Form in diese beiden Regierungsformen ein (wobei dieser Begriff von "Totalitarismus" mittlerweile als problematisch gelten kann und das wurde auch schon ausreichend im GF dargestellt). Anzumerken wäre noch, dass der italienische Faschismus normalerweise nicht unter den "Totalitarismus" einsortiert wird und insofern analytisch auch nicht dazu gehört und ich war in #7 nicht präzise in meiner eigenen Aussage zum "Faschismus".

    Der Stalinismus steht als eine pervertierte Form durchaus in der philosophischen Konstanz der Aufklärung und ist somit historisch gesehen zunächst ein direktes Produkt der "Moderne". Dabei ist unter Historikern allerdings auch umstritten, in welchem Umfang die Theorie von Marx und Engels real, und nicht nur als Anspruch durch die KPdSU, in den Stalinismus, neben anderen russischen Traditionsbeständen, eingeflossen ist.

    Die Ideologie des NS-Systems steht demgegenüber nicht in der Konstanz der Moderne, da sie an philosophische Traditionen anknüpft, die "Vor-Modern" sind. Und die teilweise in der Vorstellung von "mittelalterlichen Gesellschaften" verhaftet sind.

    Dieses differenziert beispielsweise Turner dahingehend, dass es historisch mindestens zwei "Hauptströmungen des national-utopischen Denkens" im NS-Ideologie-System gab (Faschismus und Ant-Modernismus, in: W. Michalka (Hrsg.) Nationalsozialistische Außenpolitik, 1978, S. 148ff) S. 154)

    Den "linken Flügel" verortet er mental in der Vorstellungswelt des "Zunftwesens und der bäuerlichen Umwelt" und zusätzlich mit starken anti-kapitalistischen Tendenzen und billigt ihm aber konkrete programmatische Vorstellungen zu. Die andere Position war wesentlich weniger konkret ausformuliert, wie von Hitler, Himmler oder Rosenberg, und orientierte sich an einer mysthisch verklärten Sicht auf das frühe Mittelalter bzw. an historische Perioden davor (S. 154ff).

    Aus dieser Sicht ergibt sich die volle Widersprüchlichkeit des NS-Systems, das teilweise "archaische Werte" betonte und gleichzeitig auf moderne Industrien setzte, um ihren Krieg umsetzen zu können. Und die reale Situation der zunehmenden Industriealisierung im 3. Reich führte zunehmend das von Hitler vertretene Wertesystem ad absurdum.

    Für den italienischen Faschismus ergibt sich in der Tat wohl die Notwendigkeit einder differenzierten Sicht (vgl. z.B. E. Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. 1984, S. 193ff)

    Wobei das alles nichts mehr mit "Verräterkindern" zu tun hat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2014
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Rurik,
    entfernt man das ethisch Positive oder Negative aus der Betrachtung, und konzentriert sich nur auf das was man als progessiv, also fortschrittlich, betrachten kann, bleibt auch dann ein sehr widersprüchliches Bild.

    EQ hat hierauf Hinweise gegeben und mE zutreffend auf den "Antimodernismus" hingewiesen.
    Dieser zeigt sich u.a. in der Verachtung der Gelehrsamkeit,
    im tiefen Bezug auf eine tendenziös gewählte Mythologie,
    und auf ein antiquiertes Frauenbild.
    Ebenso erwähnenswert ist ein radikal wiederbelebter Militarismus vorhergeganger Zeit.

    All das steht im krassen Gegensatz zu der Fortschrittswahrnehmung die durch die "Aufklärung" eingeleitet wurde.

    Die "Modernität" des deutschen Hitlerfaschismus ist vordergründig im vergleichswise geringen Altersdurchschnitt der breiten Anhängerschaft und der Parteispitze zu sehen.
    "Modern" ist auch eine radikale Interpretation des Darwinismus und auch die Ablehnung religiöser Grundwerte.

    Die These, die Nazis seien nicht aus dem "Gestern" gekommen, ist nicht haltbar.
    Vielmehr ist es so, dass (heute hoffentlich) gestrige Vorstellungen sich hier in modernem Gewande präsentierten.

    Brigitte Hamann - Hitlers Wien , Lehrjahre eines Diktators- ,
    arbeitet sorgfältig und gewissenhaft die Bezüge Hitlers auf Guido von List (bei dem er sein mythisches Erblindungs-Erweckungserlebnis abschrieb), auf Schönerer, auf die "Welteislehre" Hörbigers, auf die "alldeutsche Bewegung" und auch auf den Germanenkult Wagners, heraus.
    Und die Kunst des Gebrauchs der Massenmanipulation schaut er u. a. bei Lueger ab und wird wohl auch durch - Gustave le Bon - Psychologie der Massen -, beinflusst worden sein.
    Den Nimbus des Originären, Progressiven und Neuen kann Hitler nur dadurch aufrecht erhalten, indem er Quellen nur ausnahmsweise nennt (ein übrigens ebenso typisches wie verdächtiges Verhalten) und jeden vorherigen Bezug verwischt.
    Es ist ein großes Verdienst Hamanns, dass sie diese Bezüge rekonstruiert hat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2014
  12. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    HHmm, also das bisschen , was ich so an originär faschistischer/nationalsozialistscher Literatur gelesen habe, bezog sich auf eben Wagner und andere "romantisierende" /mystifizierende Quellen wie Wagner etc.
    Während die Quellen eindeutig Literatur sein wollten, also z.T. sehr bewußt überhöht haben, um Werte in ihrer Zeit rüberzubrin gen, nahmen die Faschisten diese dann schon historischen Texte und bastelten sowas wie ne Ideologie.

    Also irgendwelche Sagen, modern überarbeitet, als Grundlage irgendwelcher Ideen ist jetzt kein Bezug auf irgendetwas mittelalterliches, sondern man bezog/bezieht sich auf "Werte" des 19./20.Jahrhunderts, und verbog das dann auch noch.

    Das ist zwar sehr kreativ und progressiv, war zu allen Zeiten modern, aber ein philosophisches Konstrukt wie bei Hegel, Kant o.ä. kann ich da nicht erkennen.

    Leidensfähigere als ich mögen das anders sehen....
     

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