Placentia / Cremona und Mutina

Dieses Thema im Forum "Die Kelten" wurde erstellt von brigont, 24. Dezember 2019.

  1. brigont

    brigont Mitglied

    Hallo.
    Nach Telamon wurden ja die Boier und Insubrer mehr oder weniger; oder zumindest bis Hannibal kam; unterworfen und römische Kolonien am Padus gegründet und laut Polybios mit je 5000 Kolonisten besetzt. Wie darf man sich so eine Kolonie vorstellen? Wie ein Legions Lager? Wurde dort auch Viehzucht und Ackerbau betrieben oder einfach nur Abgaben eingetrieben?
    War Mutina auch so eine Kolonie oder ein eroberter boischer Ort?
    LG. Und frohe Weihnachten!
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Eine Kolonie war grundsätzlich eine zivile Siedlung, in der natürlich auch Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde. (Die Zuweisung von Land war geradezu charakteristisch für eine Koloniegründung und sorgte - wie auch im Fall des diesseitigen Gallien - für Konflikte mit der Vorbevölkerung.) Aber natürlich war eine Kolonie zumindest in ihrer Anfangsphase faktisch oft auch ein militärischer Stützpunkt zur Kontrolle des eroberten Landes. Die Kolonisten waren Zivilisten und - im Bedarfsfall - Soldaten. Ein Berufsheer gab es schließlich im 3. Jhdt. v. Chr. noch nicht, damals war jeder männliche Römer im wehrfähigen Alter grundsätzlich wehrpflichtig, und es wird im 5.-3. Jhdt. v. Chr. kaum einen gesunden römischen Mann gegeben haben, der nicht irgendwann in seinem Leben in den Krieg musste.

    "Kolonie" und "eroberter Ort" war kein Widerspruch. Es konnte auch auf Grundlage einer bestehenden Siedlung eine Kolonie angelegt werden. Das traf auch auf das von den Boiern eroberte Mutina zu, das allerdings erst im 2. Jhdt. v. Chr. Kolonie wurde.

    Cremona und Placentia waren übrigens meines Wissens keine römischen, sondern latinische Kolonien. Polybios schreibt von je 6000 Kolonisten.
     
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  3. brigont

    brigont Mitglied

    Super. Danke.
    Das es noch ein Bürgeraufgebot war ist mir bekannt. Welche Beweggründe bringen 12000 Latiner nach Norden.
    Zwang durch Rom? Oder war es die Landlose Unterschicht, die sich auf diesem Weg eine bessere Existenz erhoffte? Gab es Landnot zu dieser Zeit in Latium?
    Interessant, dass es gerade je 6000 waren, etwas über Legionsstärke....
     
  4. brigont

    brigont Mitglied

    Kurz vor Hannibals Ankunft brach lt. Polybios ja erneut der Aufstand los und die Kolonien wurden Belagert, wobei viele Gefangene gemacht wurden, darunter römische Prätoren. Also standen die Siedler aus Latium unter röm. Kommando? Wurde Mutina nicht überhaupt kurzzeitig von den Boiern zurück erobert?
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Dezember 2019
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich nehme an, dass es primär Armut gewesen sein wird, was Menschen veranlasste, sich freiwillig für eine Koloniegründung zu melden. Schließlich erhielten Kolonisten normalerweise ein Stück Land zugewiesen. Zumindest Römer, die in einer latinischen Kolonie angesiedelt wurden, werden einen einigermaßen triftigen Grund gehabt haben, da sie dadurch ihr volles Bürgerrecht verloren. Für Römer war die Teilnahme daher freiwillig. (Allerdings wird aus der Zeit der Ständekämpfe auch überliefert, dass "unruhige Elemente" in Kolonien abgeschoben wurden.)

    Mittelitalien dürfte im 4./3. Jhdt. tatsächlich noch recht dicht bevölkert gewesen sein (*), und das nutzbare Ackerland wurde weniger statt mehr, da das ursprünglich von den Volskern besiedelte Gebiet nach der Unterwerfung durch die Römer zunehmend versumpfte (die Pontinischen Sümpfe).
    (* Das änderte sich in der späten Republik mit der Ausbreitung des Großgrundbesitzes.)

    Als der gallische Aufstand losbrach, flüchteten die Kolonisten nach Mutina, ebenso die drei römischen Triumvirn, die für die Landverteilung an die Kolonisten zuständig waren. (Bei ihnen handelte es sich um einen ehemaligen Konsul und zwei ehemalige Praetoren.) Die aufständischen Gallier belagerten Mutina, eroberten die Stadt aber nicht. Die drei Triumvirn wurden, als sie mit den Aufständischen verhandelten, von diesen gefangengenommen. Ein Entsatzversuch des Praetors Lucius Manlius schlug fehl, und er wurde selbst eingeschlossen (aber nicht in Mutina). Die Gallier zogen sich anscheinend zurück, als sich der Praetor Gaius Atilius mit einer Legion und 5000 Bundesgenossen näherte.

    Amtierende Praetoren wurden also keine gefangen, nur zwei ehemalige.
     
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  6. brigont

    brigont Mitglied

    wow!!! Hast du das alles im Kopf oder schlägst du es nach?
    Drei noch: Mediolanum zu dieser Zeit, muss man sich wohl wie ein Oppidum vorstellen?
    War die Hafenstadt Spina zu dieser Zeit venetisch, griechisch, etruskisch oder keltisch?
    Geschah das oben Geschilderte (Belagerung von Mutina, Gefangennahme derTriumvirn) bevor, nachdem oder zur gleichen Zeit, als ein gewisser Magalus/Magilos bei Hannibal vorstellig wurde?
    LG. und Danke für die sehr hilfreichen Antworten!
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nein, das habe ich nicht alles im Kopf. Details zum gallischen Aufstand musste ich schon bei Polybios und Livius nachlesen.

    Da Mediolanum erst kürzlich von den Römern erobert worden war, wird es wohl noch seinen keltischen Charakter gehabt haben.

    Spina müsste zur fraglichen Zeit etruskisch gewesen sein.

    Der Konsul Scipio musste eine Legion dem Praetor Atilius abgeben, als dieser dem Praetor Manlius zu Hilfe eilte. Danach hob er eine neue aus, erst danach segelte er ab. Als er bei Massilia einen Zwischenstopp machte, erfuhr er, dass Hannibal bereits die Rhone erreicht hatte. Magilos/Magalus' Besuch bei Hannibal wird für diese Zeit, als er an der Rhone weilte, erwähnt.
    Somit müssen die Belagerung von Mutina und die Gefangennahme der Triumvirn davor stattgefunden haben.
     
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  8. brigont

    brigont Mitglied

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