Polen im 18. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Krähenschnabel, 6. Dezember 2015.

  1. Krähenschnabel

    Krähenschnabel Neues Mitglied

    Eine Frage die mich zur Zeit umtreibt, ist folgende:

    Polen war im 18. Jahrhundert ja eine Adelsrepublik mit einem König an der Spitze. Die Macht im Land lag jedoch größtenteils beim Adel. Mich interessiert in diesem Zusammenhang das tägliche Leben in diesem Staat. War das ein für damalige Verhältnisse eher liberaler Staat?

    Viele Juden emigrierten ab dem 16. Jahrhundert nach Polen-Litauen. Es scheint daher dort eine größere religiöse Toleranz geherrscht zu haben als im restlichen Europa. Woher kam das? Oder hatte das andere Gründe?

    Polen hatte 1791 auch die auf europäischem Boden erste Verfassung, die auf den Werten der Aufklärung basierte - noch vor Frankreich. Auch hier meine Frage: War die polnische Gesellschaft Ende des 18. Jahrhunderts politisch und humanistisch "weiter" als der Rest Europas?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Frage kann man wohl mit einem "Nein" beantworten. Die "Aufklärung" wurde im wesentlichen in den intellektuellen Zentren Europas vorgedacht. Und dafür war eine bestimmte Infrastruktur notwendig. Dazu gehört eine an Bedeutung gewinnende Publikationslandschaft und entsprechende Orte der Kommunikation, wie Cafees etc.

    Diese Infrastruktur hat die Netzwerke erstellt, die dann von der reinen intellektuellen Beschäftigung auch über die soziale und politische Organisation in der Realpolitik bedeutsam wurden.

    Für Polen läßt sich da wohl eher eine die Ideen der Aufklärung rezipierende und nachvollziehende Rolle diagnostizieren. So stellt beispielsweise "Jonathan Israel" (Democratic Enlightment, S. 149) fest, dass das Gedankengut der Aufklärung primär durch Übersetzungen aus dem französischen in die slawischen Länder kam. Und bezeichnender Weise war es nicht das pro-Gedankengut, dass zuerst übersetzt wurde, sondern die "anti-philosophie". Durch die Beschäftigung mit dieser Sicht gewann die Ideen der "radikalen Aufklärung" erst an Gewicht.

    Die Bedeutung sollte man jedoch nicht überschätzen, da es eine sehr kleine "Elite" war, die in Polen die Gedanken aufgriff. Zumal diese Ideen auch immer in den Kontext der nationalen Identität gestellt wurden. Es war somit auch immer der Kampf um die nationale polnische Eigenständigkeit, die dann vor allem Napoleon für seine Ziele gen Russland "geschickt" nutzte.

    Vergleiche dazu beispielsweise für Deutschland und es wird ersichtlich, welche "komplexen" Voraussetzungen erfüllt sein mußten, um eine "bürgerliche Öffentlichkeit" aufzubauen.

    v. Dülmen: Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland
    Ruppert: Bürgerlicher Wandel. Die Geburt der modernen deutschen Gesellschaft im 18. Jahrhundert
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Dezember 2015
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ohne mich jetzt mit Polen explizit auszukennen, wird es wohl eher so sein, dass Polen evtl. nur weniger restriktiv mit den Juden umging. Die Behandlung der Juden war laufend einem Wandel unterworfen. Mancher Landesherr ordnete ihre komplette Ausweisung an bzw. beschnitt die Erwerbsmöglichkeiten dermaßen, dass ein Weggehen die einzige Lösung für die Betroffenen wurde, andere lockerten die Beschränkungen, gestatteten religiöse Zeremonieen, den Juden wichtige Aspekte bspw. wenn es um die Versorgung mit für sie angemessenen Fleisch ging. Geringe Schutzgelder sprachen sich scheinbar auch rum und lockten weitere jüdische Familien an, die sich um ein Schutzverhältnis bei attraktiven Landesherren bemühten.
     
  4. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Über das tägliche Leben verschiedener Gruppen in der Neuzeit findest du evtl. etwas in diesem alten Thema. http://www.geschichtsforum.de/f56/westpolen-s-dpreussen-posen-schlesien-der-fr-hen-neuzeit-39460/

    Welche Gebiete jeweils als Polen bezeichnet wurden, unterliegt einer wechselhaften Geschichte.
     
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  5. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Polen im 18. Jahrhundert war ein riesiger Vielvölkerstaat mit vielen, unterschiedlichen Sprachen und Religionen. Die Vielfalt ist beispiellos in Europa. Die Juden sind gar nicht das extremste Beispiel. Im Königreich lebten sogar muslimische Tataren.
    Eine weitere Besonderheit ist, dass der Adel (Szlachta) einen sehr großen Anteil (ca. 10 %) an der Bevölkerung hatte. Es gab also eine ziemlich große Bevölkerungsgruppe, die politischen Einfluss hatte.

    Polen war keineswegs isoliert vom Rest der Welt. Königsberg, im 18. Jahrhundert, ein Zentrum der deutschen Aufklärung, war quasi von Polen-Litauen umringt und die Universität Königsberg Königsberg wurde auch von der deutschsprachigen Bevölkerung Polens besucht.

    Am Anfang der 19. Jahrhundert es im Vormärz zur Polenschwärmerei ? Wikipedia. Die nationale Bewegung der Polen war Vorbild für die deutschen Nationalisten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Dezember 2015
  6. tvinnefossen

    tvinnefossen Mitglied

    Bei einigen klingt es hier zum Glück schon an, aber leider ist das nicht sehr verbreitet. Der Staat, um den es hier geht, ist nicht Polen, zumindest möchte ich das behaupten.

    Es ist Polen-Litauen. Und ja, Polen-Litauen war im 18. Jh. ein riesiger Vielvölkerstaat. Interessanterweise verläuft die heutige Meinungsmehrheitsgrenze zwischen russischer/separatistischer und prowestlicher Ausrichtung in der Ukraine so ziemlich genau da, wo sich früher russisches Zarenreich und Polnisch-Litauische Union bzw. später Österreich-Ungarn begegneten.

    Nur von "Polen" zu sprechen, wäre also nicht ganz korrekt. Ich weiß, die meisten Polen reden heute auch nur von Polen. Dies aber aus ähnlichen Gründen, warum für einige Deutsche Arminus, Karl der Große spätestens aber Friedrich der Große auch schon Deutsche gewesen sein müssen....

    Unterm Strich bin ich aber der Auffassung, daß das Polnische-Litauische Großreich am Ende des 18. auch wegen seiner vorweggenommenen fast demokratisch anmutenden Ausrichtung nicht mehr funktionierte, die einzelnen Adligen viel zu mächtig waren, als das der Gesamtstaat hätte politisch beweglich bleiben können, so daß am Ende drei multiethnische Großreiche ein viertes mittlerweile sehr schwaches, multiethnisches Großreich in ihrer Mitte untereinander aufteilten. Zum damaligen Zeitpunkt wohl auch nicht weiter tragisch für die Bevölkerung(en) (zumindest nicht in den nun österreichischen und preußischen Gebieten) Schlimm wurde es für die "Neubürger" mit den in Europa flächendeckend erstarkenden Nationalbewegungen. Da half auch die zwischenzeitliche Polenbegeisterung in Preußen nicht viel, weil sie eben eine intellektuelle Bewegung ohne großen Einfluß auf die Tagespolitik war und eben auch dafür sorgte, daß sich im späteren Deutschland nationale Gegenbewegungen etablierten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Dezember 2015
  7. tvinnefossen

    tvinnefossen Mitglied

    Meine Meinung in aller Kürze:

    Auf dem Papier waren Sie "weiter" als alle anderen, nur hat die Sache in der Realität (leider) überhaupt nicht funktioniert. Deswegen konnten am Ende die Teilungen der Polnisch-Litauischen-Union ja auch erfolgreich gelingen.
     
  8. Krähenschnabel

    Krähenschnabel Neues Mitglied

    Vielen Dank für die interessanten Antworten. Ihr habt mir schon mal weiter geholfen. Danke Rena8 für den Link zu dem alten Thema. Die Beiträge dort erscheinen mir sehr informativ. Ich werde mir diese zu Gemüte führen.

    Ich habe zwar keinen persönlichen Bezug zu Polen, finde dessen Geschichte allerdings interessant. Vor allem finde ich es bemerkenswert ja erläuterungsbedürfig, wie ein Land, das zumindest im deutschsprachigen Raum fast reflexartig eher mit Nationalismus und konservativem Katholizismus in Verbindung gebracht wird das erste europäische Land mit einer Verfassung wurde, die auf den Prinzipien der Aufklärung beruhte.

    So hinterwäldlerisch kann Polen-Litauen damals also nicht gewesen sein, denn diese Ideen dafür müssen ja schon lange in einem Land reifen, bevor die Mächtigen sie zur Staatsräson erklären. Aber stimmt, Kant lehrte in Königsberg, mit Krakau war eine wichtige Universität im Land, ein starker zahlreicher Adel und somit eine mächtige Schicht, der die Aufklärung nicht fremd gewesen sein dürfte. Hinzu eine - wie ich in dem von Rena8 verlinkten Thema gelesen habe, Tradition der religiösen Toleranz zumindest bis zur Zeit der Nordischen Kriege.

    Die Verfassung von 1791 entstand ja zu einer Zeit, in der Polen-Litauen sich bereits im Zerfall befand. Die Erste Polnische Teilung war bereits geschehen und das Land kaum mehr handlungsfähig, zumindest nicht außenpolitisch. Die Zweite und die Dritte Polnische Teilung erfolgten nur wenige Jahre später.

    Eine weitere Frage:
    Könnte es sein, dass 1793 und 1795 die Länder der Reaktion, nämlich Russland, Österreich und Preußen das Land Polen-Litauen auch deshalb schnell unter sich aufteilten um eine weitere Ausbreitung des liberalen Gedankens wie in Frankreich zu verhindern?
    Oder war das Land damals bereits völlig ungefährlich (auch im ideologischen Sinne) und nur noch eine leichte Beute?

    Ich finde es schon auffallend, dass die polnische Verfassung von 1791 fast zeitgleich mit der französischen Revolutionsverfassung in Kraft trat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Dezember 2015
  9. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Weis man den aus welchen Gebieten die Jüdische Bevölkerung eingewandert ist? Das währe in dem Zusammenhang doch interessant zu wissen. Zumal Russland damals auch einige Erschütterungen politischer Natur zu überstehen hatte.

    Apvar
     
  10. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    War die Gesellschaft wirklich weiter oder zeigte sich nicht die Schwäche des Staates durch die Zugeständnisse?

    Hatte der einfache Bürger Vorteile durch die Verfassung, z.B. Schutz gegenüber Willkür der Verwaltung? Die Zeit bis zu den nächsten Teilungen war nur kurz, aber gibt es belastbares wie die Verfassung im Alltag wirkte?
     
  11. Krähenschnabel

    Krähenschnabel Neues Mitglied

    Gute Frage. Ich habe soeben folgendes gefunden: "Verfassung der "Republik" Polen (3. Mai 1791)

    Unten in den Erläuterungen steht folgendes, Zitat:

    "Vorstehende Verfassung samt dem Gesetz vom 14. April 1791 über die Freiheiten der königlichen Städte Polens war die erste geschriebene Verfassung Europas, noch vor der ersten französischen Verfassung vom 3. September 1791. Vorstehende Verfassung wurde durch eine adelige Vereinigung ("Konföderation von Targowica"), die sich mit Hilfe Rußlands unter der Kaiserin Katharina II. gebildet hatte, ausgehebelt, bevor sie ihre Kraft entfalten konnte, und König Stanislaus August wurde genötigt, seinen Eid, den er am 8. Mai 1791 in einer Kirche in Warschau geleistet hatte, zu brechen. Am 23. Juli 1792 schloß sich der König gezwungenermaßen der öppositionellen adeligen Vereinigung an, und berief nach den alten, nicht mehr geltenden Bestimmungen einen Reichstag nach Grodno ein, wo dieser am 29. September 1792 die Verfassung vom 3. Mai 1791 rechtswidrig wieder aufhob.

    Man kann die vorstehende Verfassung auch als den Beginn vom vorläufigen Ende der Staatlichkeit Polens bezeichnen, denn durch diese freiheitliche, (revolutionäre) Verfassung kam es zu einer Allianz der absolutistischen Staaten Rußland und Preußen, die 1793 in einer zweiten Teilung Polens, sich große Teile des Staates Polen einverleibten und diese mußten den Abtretungen auch noch formal zustimmen. Die zweite Teilung hatte jedoch einen Volksaufstand von 1794 zur Folge, der wiederum dazu führte, daß von den Teilungsmächten von 1772 und 1793 eine dritte Teilung durchgesetzt wurde, mit der Polen als unabhängiger Staat vorläufig unterging."

    Die Verfassung hatte also wohl von Anfang an keine Chance irgend eine Wirkung zu entfalten.
     

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