Portugal - Nelkenrevolution

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Mercy, 25. April 2004.

  1. Mercy

    Mercy unvergessen

    Am 25. April 1974 war es soweit. Um 0 Uhr und 30 Minuten las der Sprecher des katholischen Rundfunks Rádio Renascença die erste Strophe des Liedes "Grândola vila morena" des Liedermachers José Afonso vor:

    "Grândola vila morena,
    Terra da fraternidade,
    O povo é quem mais ordena,
    Dentro de ti ó cidade."

    Nach der Lesung dieser Verse erklang das Lied selbst, gesungen von José Afonso. Für alle militärischen Einheiten der MFA waren die Verse das vereinbarte Zeichen zum bewaffneten Aufstand. Ministerpräsident Caetano und Staatspräsident Americo Thomas, der nach dem Tode Salazars zum Staatschef ernannt worden war, verschanzten sich anfänglich noch in einer Kaserne. Sie traten unter dem starken Druck der MFA aber unblutig ab. Knapp 18 Stunden später hatte also die MFA Europas älteste Diktatur gestürzt. 48 Jahre der Verfolgung und Verbannung, der Unterdrückung und Ausbeutung, der Zensur und der Folter gingen zu Ende.

    Es gab insgesamt nur 4 Tote und 45 Verletzte. General Antonio de Spinola wurde auf Vorschlag von Costa Gomes, beides aufständige Generäle, von der Junta der nationalen Errettung (Junta de Salvacac Nacional) zum Präsidenten der Republik gewählt. Portugal wurde eine bürgerliche westliche Demokratie. Die Kolonien erhielten ihre formale Unabhängigkeit.

    http://www.wir-in-portugal.de/themen/nelkenrevolution.html
     
  2. Leopold Bloom

    Leopold Bloom Neues Mitglied

  3. Alexandros

    Alexandros Neues Mitglied


    Portugal.... Portugal, :rolleyes: :rolleyes: da war doch noch was anderes, hm was war das noch für ein geschichtsträchtiges Datum :rolleyes: hmmm..... :idee:


    12. Juni 2004 Punkt 18.00 Uhr

    klickst du hier: http://www.euro2004.com/
     
  4. Hamilkar

    Hamilkar Neues Mitglied

    Tja, Alexandros sucht immer den aktuellen Bezug...
    Kannst du ja als TV-Tipp angeben :p
     
  5. Hamilkar

    Hamilkar Neues Mitglied

    Zurück zum Thema:

    Mich erstaunt die erfolgreiche Absprache bei dieser Nelkenrevolution...
    ...vor allem wenn man so in Eile war (vgl. Link von Mercy)
     
  6. Alexandros

    Alexandros Neues Mitglied


    da kannst du ein Ei drauf legen mein karthargischer Kämpfer....nach der EM gibts dann die aktuellen Tour-de-France Infos mit dem Armstrongvernichter Ulle und danach die Olypianews, das sind alles zeithistorische Ereignisse. Welch ein Sportjahr.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich stöbere gerade in alten Threads... was mich an diesem hier erstaunt, ist das Fehlen des eigentlichen Grundes für die Nelkenrevolution. M.E. lag er weniger darin, dass Salazar tot war (immerhin schon knapp vier Jahre), sondern dass die Soldaten nicht mehr bereit waren in einem unsinnigen Kolonialkrieg (Angola) zu sterben.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  9. Mîrzâ Qara Khan

    Mîrzâ Qara Khan Neues Mitglied

    Mal etwas anderes was hat Portugal denn von dieser Nelkenrevolution mal abgesehen von dem Verlust ihres Empires und ihres Status einer Nation und der Heutigen Unterordnung in die EU und die defacto Abhängigkeit von EU Almosen?
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Z. B. eine demokratische Verfassung mit einer verbesserten Menschenrechtslage. Aber auch das Land wurde modernisiert, z. B. der im Estado Novo noch sehr hohe Analphabetismus auf ein europäisches Niveau gesenkt.

    Außerdem: Wieso soll Portugal keine "Nation" mehr sein? Und das Kolonialreich war ohnehin nicht mehr zu halten, sondern die verlustreichen, aussichtslosen und unpopulären Kolonialkriege hatten lediglich den Niedergang der Diktatur beschleunigt.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Letztlich war die Nelkenrevolution auch eine Folge der portugiesischen Kolonialkriege, insbesondere in Angola. Der Verlust des portugiesischen Empires ist also nicht Resultat, sondern gewissermaßen Ursache: Warum sollten weiterhin Steuern verschwendet werden für einen Krieg der ein Fass ohne Boden war? Warum sollten weiter Soldaten verheizt werden für einen Krieg, von dessen erfolgreichen Ausgang nur eine kleine Elite profitieren würde? Gleichzeitig machte Portugal seit den 60er Jahren das gleiche Erlebnis wie Spanien (Aperturismo): Während die unteren Klassen in Abhängigkeit gehalten wurden, kamen die Touristen aus Mittel- und Nordeuropa, die, obwohl selber vielfach zur Unterschicht und unteren Mittelschicht gehörend, sich Urlaub, ein Auto, Fernsehen etc. leisten konnten. Für Spanien beschreibt das wunderschön Manuel Cortés, der letzte sozialistische Bürgermeister von Míjas (Andalusien) der als Maulwurf von Míjas, weil er sich vom Ende des Bürgerkrieges bis zur Generalamnestie für alle republikanischen Kämpfer 1969 verstecken konnte, bekannt geworden ist, wie das von den Menschen erlebt wurde, wie ihnen durch die Touristen vor Augen geführt wurde, dass in einem Land mit einer funktionierenden Wirtschaft, in einer Demokratie, auch die Arbeiter und Angestellten am allgemeinen Reichtum teilhaben, dass Auto, Kühlschrank, Fernseher und Urlaub eben keine Luxusgüter sein müssen, die Reichen vorbehalten sind.
     
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  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nur nebenbei: In meinem Schulatlas aus der Mitte der 80er wurde auf einer Karte Portugal (als einziges europäisches Land) sogar als Dritte-Welt-Land eingestuft, und das war immerhin schon ein Jahrzehnt nach dem Ende der Diktatur.
     
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  13. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Vor einigen Tagen habe ich im Kino den Film Nachtzug nach Lissabon gesehen - übrigens sehr sehenswert und macht auch Lust auf Lissabon. Die Rahmenhandlung in der Gegenwart angesiedelt geht es in Erzählungen um Zeit vor der Nelkenrevolution. Dabei wird auch der repressive Charakter des Regimes dargestellt. Leider kann ich im Internet nicht allzu viele Informationen über den sog. Estado Novo und insbesondere den begangenen Menschrechtsverletzungen finden.

    Wie "brutal" ist eigentlich die portugiesische Geheimpolizei (PIDE) gegen Regimegegner vorgegangen?
     
  14. Isleifson

    Isleifson Gesperrt


    Wegen der sehr geringen Alphabetisierungsrate. Sehr viele portugiesische Frauen über fünfzig, unterschreiben noch heute mit einem Kreuz.

    Die PIDE war sehr brutal, sie war auch in Frankreich, der Schweiz und in Luxemburg aktiv.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. Februar 2019
  15. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Im Tageskalender-Thread habe ich heute Morgen fälschlicherweise geschrieben, aus dem Gebäude der PIDE heraus seien die vier im Zuge der Nelkenrevolution zu Tode gekommenen Zivilisten erschossen worden. Richtig wäre DGS statt PIDE gewesen. Unter Caetano kam es ab 1968 zu Umstrukturierungen bei der Geheimpolizei, und in der Folge entstand 1969 die DGS.
    Ich habe mich da beeinflussen lassen von privaten Kontakten, seitens derer vornehmlich die Bezeichnung PIDE, stellvertretend für die Geheimpolizei des Regimes, verwendet wird - wahrscheinlich der Vereinfachung halber aufgrund der zeitlich viel länger andauernden Existenz der PIDE (1945-69).

    Zu Deiner Frage. Was mir von Portugiesen, u.a. auch zwei von den Methoden der PIDE/DGS direkt Betroffenen erzählt wurde, ließ mir im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade herunter fallen. Es war und ist für mich immer noch schwer in Einklang zu bringen, dass dort wo ich meinen kindlichen Spieltrieb im portugiesischen Alltag auslebte, noch ganz kurz zuvor Menschen derart gequält wurden - in einem westeuropäischen Land.

    Eine mir empfohlene Arbeit, von mir aber nicht gelesen, in dem auch die Zeit vor und nach PIDE berücksichtigt wird (portugiesisch):
    Irene Flunser Pimentel: A História da Pide. Temas & Debates, Lissabon 2011 ISBN 978-972-759-956-1

    Und eine Rezension zu dieser Publikation, die mir nicht sonderlich von Pimentels Arbeit angetan zu sein scheint - unter dem Vorbehalt dass mein Französisch grottig ist:
    Irene Flunser Pimentel, A história da PIDE
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. April 2020
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  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vor kurzem ist ein Roman, Roter Staub, auf deutsch erschienen. In dem Roman setzt sich die Autorin Isabela Figueiredo mit ihrem Vater, der nur ein kleiner Automechabiker war auseinander - deshalb erwähne ich ihn in diesem Thread, weil es eben ein autobiographischer Roman ist. In Portugal hat der Roman die Debatte um den Rassismus in der in Portugal ja auch erst mit der Nelkenrevolution beendeten Kolonialzeit neu angefacht, vor allem auch, weil die Autorin die derbe Sprache ihres rassistischen Vaters literarisch umsetzt.
     

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