Preußische Beteiligung am Polnischen Erbfolgekrieg

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 5. Juli 2006.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke die groben Fakten sind bekannt. In der Schule kam im Unterricht dieser Krieg nicht vor, obwohl er zum Verständnis der späteren Ereignisse (polnische Teilung etc.) eklatant wichtig ist.
    Mit dem Tod August des Starken 1733 wurde die polnische Krone wieder vakant. Wiederum gelang es Stanislaus I. Leszczyński auf den polnischen Thron mit Hilfe französischer Unterstützung, er wurde abermals zum König gewählt. Der Beginn des Krieges bestand im Einmarsch russischer und sächsicher Truppen, welche Warschau besetzten, den polnischen König zur Flucht nach Danzig, das dann aber auch von sächsischen Truppen 1734 eingenommen wurde. Die Flucht des Königs setzte sich fort. Frankreich erklärte Österreich, welches ein alter Verbündeter Sachsens gewesen war den Krieg. Am Rhein kam es zu einigen Kampfhandlungen ohne Entscheidungen. Der Prinz Eugen kommandierte wiederum die kaiserliche Armee. Die Russen schickten 12.000 Mann dem Kaiser zur Hilfe mit der Abmachung, dass Österreich am Ende des Krieges in den Konflikt gegen die Türken wieder einträte (was für Ö. fatale Folgen hatte). In Italien wurden die Kämpfe noch erbitterter geführt. In der Schlacht bei Parma fiel unter anderem der Prinz von Kulmbach, was auf die fränkischen Hohenzollern einigen Einfluss haben sollte (denn die Ehe des damals regierenden Markgrafen von Bayreuth blieb ohne männlichen Nachkommen). Im Wiener Präliminarfrieden fand eine Einigung statt, welche Friedrich August II., als August III. zum König von Polen erhob. Stanislaus I. wurde Herzog von Lothringen und Bar, wo er allerdings weiterhin König genannt wurde. Die Kampfhandlungen gingen in Italien und am Oberrhein allerdings bis 1738 weiter. Der Friede von Wien beendet endgültig den Krieg. Der Gewinn Neapels, Siziliens und Elbas für die spanischen Bourbonen steht kleineren Erfolgen Kaiser Karl VI. in Norditalien gegenüber.
    Insgesamt hatte Frankreich ein letztes Mal militärisch wie diplomatisch auftrumpfen können, die Anwartschaft auf Lothringen und Bar und die Herauslösung aus dem Reichsverband brachten Louis XV. einen entscheidenden Schritt zur Réunion weiter. Frankreich hatte sich die Kräfte für ein neues Messen aufgespart, das allerdings nicht so glücklich abgehen sollte.

    Jetzt meine Frage:
    Preußen nahm ja am Krieg am Oberrhein teil. Friedrich Wilhelm I., wie auch der Kronprinz waren persönlich bei den Truppen. Natürlich hatte FWI ein Kontingent im Rahmen des Reichsaufgebotes zu stellen, laut meinen Quellen ungefähr 10.000 Mann. Nun sagt allerdings Wilhelmine von Bayreuth zum Beispiel, dass diese Truppen vertraglich geregelt waren. Heißt das nun Friedrich Wilhelm I. war der Verbündete des Kaisers oder sein Lehnsmann, der als Markgraf und Kurfürst die Kontingente zu stellen hatte?
     
  2. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Welche Quellen sprechen von einem preuß. Kontigent für den Kaiser gegen wen ?:grübel:
    Österreich versuchte seit 1725 im span. Erbfolgekreig verlorengegangenes Reichsgut zurückzugewinnen, daher schloß Karl VI. ein Bündnis mit d. span. Bourbonen 1725, welches durch Preußen und England durch das Bündnis v. Herrenhausen hintertrieben wurde.
    Friedrich-Wilhelm I. , Vater der guten Wilhelmine, ließ sein Heer zwar zur modernsten europ. Armee drillen, aber verwickelte sie Zeit seines Lebens in keinen Krieg, wohl verlieh er seine Kerls gegen klingende Münze. Ich denke mal daher die Bemerkung Wilhelmines betreffs einer solchen Abmachung- hier allerdings für preuß. Truppen auf franz. Seite gegen Habsburg, um dieses zu schwächen.
    Dazu bekannte sich später Friedrich II. in seinem Testament schon 1752 ;
    " Preußen darf nicht ruhig zusehen, daß Frankreich, das Elsaß und Lothringen
    verliert, und die Divisionen, die Preußen zugunsten Frankreichs unternehmen kann, sind wirksam, denn sie tragen den Krieg sofort in das Herz der österr. Erblande ."
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Prinzessin Wilhelmine spricht in ihren Memoiren eindeutig von preußischen Truppen, welche am Rhein unter dem Kommando Prinz Eugens vorgingen. Ihr Gemahl, der Markgraf, war auch bei den Einheiten, was ja seine Pflicht als Kommandeur eines Dragonerregimentes war. Es geht deffinitiv um den poln. Erbfolgekrieg. Ich suche bis Donnerstag ein Zitat raus.
    Mit der Überquerung der Grenzen des Reiches durch die französischen Truppen am Beginn des Krieges, war der Fall der Mobilmachung des Reichsaufgebotes eingetreten oder etwa nicht?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Polnischer_Erbfolgekrieg
    Da stehen auch die besagten 10.000 Mann:
    http://www.preussenweb.de/Kriege.htm

    Dass Friedrich Wilhelm I. seine Armee niemals eingesetzt habe ist halt eine von den Unwahrheiten, welche sich komischer Weise seit einer halben Ewigkeit halten. Denn überdies beteiligte sich FWI ja auch noch am Nordischen Krieg, was ihm einige Gewinne in Pommern einbrachte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juli 2006
  4. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Du hast absolut recht ! :yes: Es handelt sich um die von Friedrich-W- I. angebotene Hilfe ! Phillipsburg sollte auf dem Rückzug noch gegen die Franzosen gehalten werden, dabei waren der Soldatenkönig und sein Sohn dabei .
    Meine Einlassung trifft erst auf das spätere Revirement gegen Habsburg zu
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hier die zwei contrairen Fakten:

    Die Reichsarmatur von 1681 besagte, dass von den Ständen des Reiches ein Reichsaufgebot von 40.000 Mann, davon 12.000 zu Pferd (2.000 Dragoner inkl.) und 28.000 zu Fuß aufgestellt werden sollten. Im Assoziationsrezeß von 1697 wurden zwar die 5 westlichen Kreise noch besser koordiniert, das hatte aber auf den Osten keinen Einfluss. Eine Streitmacht von 40.000 Mann, die zudem ohne Abschlag, da es ja strenggenommen keine Reichsfestungen gab, allesamt ins Feld gestellt werden konnten, erscheinen daher als achtungsgebietend. Man muss aber berücksichtigen, dass die tatsächliche Zahl der Reichsarmee jedoch nicht zunahm, trotz der erhöhten Anforderungen (die Heere des Span. Erbfolgekrieges wurden ja schon in hunderttausendern gezählt). Die armierten Staaten wie auch Preußen übernahme für die nichtarmierten, d.h. diejenigen, welche ein stehendes Heer hatten für die ohne, die Aufstellung des Reichsaufgebotes, welches jeder Staat eines Reichskreises entsprechend zu stellen hatte. Dafür lieferten diese Kleinststaaten regelmäßige Zahlungen an die armierten Staaten und Klientele aus Abhängigkeiten entwickelten sich, welche bei Entscheidungen des Reiches (wie Erklärung des Reichskrieges) immer wieder einiges Gewicht entwickelten. Große Staaten wie Brandenburg-Preußen oder die Kurpfalz waren ja gleichzeitig in mehreren Kreisen vertreten. Große Staaten nahmen in den, von ihnen bestimmten Kreisen, eine Art Vorsitz ein.
    Während mir bei Preußen keine spezifischen Reichsregimenter bewusst sind, stellte zum Bsp. Sachsen u. andere Staaten extra Kreisregimenter neben den anderen auf, die ausschließlich für das Reichsaufgebot bestimmt waren.
    Von daher war Preußen zur Aufstellung eines Reichsaufgebotes verpflichtet, welches inklusive der Stellungen für die nichtarmierten Staaten um die 10.000 Mann gelegen haben mag.

    Dem gegenüber steht die Aussage von der Prinzessin Wilhelmine von Preußen, welche eine recht präzise Beobachterin ihrer Zeit war in ihren Memoiren (zw. 1744 u. 1747 verfasst):
    Also worum handelt es sich nun bei den 10.000 Mann, um Truppen, welche der Reichsarmatur gemäß gestellt werden mussten oder vertraglich speziell geregelten Bündnistruppen zwischen Friedrich Wilhelm I. und Karl VI.?
    Ich finde die Frage schon bedeutend, da der Unterschied zwischen beiden Aussagen, doch den Zustand des Reiches zu dem Zeitpunkt (1733/34) etwas beleuchten würde.
     
  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    1. )Geht es in dem Geheimvertrag (1700?) zwischen Fr-W. I. und Leop.I.nicht um die Unterstützung für die pragm. Sanktion und im Gegenzug für die Erhebung zum König in Preußen ?
    2.) Fr.-W- hat über seine reichsfürstl. Verpflichtung hinaus Kontingente für Karl angeboten, die über ein offenbar nicht in Gänze angenommen wurden, da man zurecht eine einzufordernde teure Retourkutsche befürchtete ( Jülich-Berg)
    3. Fr.W. wollte meinen Quellen zufolge erst mit zusätzl. Kontingenten (über die 10.000 hinaus laut Krontraktat von1700)eingespringen, als England und die Generalstaaten ihre Unterstützung zurückzogen für den poln. Erbfolgekrieg, ...:grübel:
    4. Die geheimvertragl. Konsequenzen, die ich im Einzelnen nicht kenne, beziehen sich auf das Königtum Preußen als nicht d. Reichsverband angehörigem Territorium.
    ..daraus folgt für mich , daß diese "Militärhilfe " offenbar ein" Geschenk "an Karl sein soll, welches dieser an der Haustür mit gebremster Begeisterung annahm...
    .........soweit meine amateurhaften morgendl. Ergüsse....:)
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Juli 2006
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es ist auch denkbar, dass es beides war Reichsaufgebot und durch Vertrag abgesichert und es ist ebenso möglich, dass Wilhelmine irrte und der Geheimvertrag (davon gab es ja ständig welche) keine Auswirkungen auf die Stellung der Truppen besaß. Zu prüfen wäre, wenn das überhaupt feststellbar ist, in wie weit Wilhelmine überhaupt Einblick in die Politik über die Heiratspolitik genau hatte. Sie könnte durch Kronprinz Friedrich eingeweiht gewesen sein, der ja doch den König bei allen Reisen begleiteten/begleiten musste.
    Vielleicht sollte so ein Vertrag auch, den König weniger kompromittieren, da dieser ihn weniger als Vasallen deklassierte, wie es eine gewöhnliche "Heerfolge" als Untertan des Kaisers, was er ja als Markgraf von Brandenburg war, getan hätte.
    Interessant dazu sind Wilhelmines Ansichten, die laut ihr, ihr bei Hofe in Berlin eingegeben worden waren, dass nämlich das Königshaus von Preußen sehr mächtig und alle Fürsten im Reiche nur ihre Vasallen wären.
    In dem Zusammenhang ist die Notwendigkeit eines speziellen Vertrages, trotz der eigentlichen Verpflichtungen verständlich.
     
  8. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied


    sehe ich auch so,
    .....wenn es 10.000 Mann waren, die am Oberrhein eingesetzt waren, dann deutet dies m.M. auf das reichsrechtl. Pflichtkontingent hin, die im Kronkontrakt v. 1700 vereinbarten "Hilfstruppen " waren ja noch für d. span. Erbfolgekrieg bestimmt, dieser Vertarag war schon damals geheim gehalten worden.
    Ob die gute Wilhelmine das alles auseinanderhalten konnte viel später, wage ich zu bezweifeln.
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Allerdings verkehrt Wilhelmine mit den bedeutensten Ministern wie Grumbkow (ihr persönlicher Feind) und Seckendorf(der österreichische und sächsische Interessenvertreter und Grumbkows verschworener Freund). Bei Cercles der Königin waren diese Leute durchaus geladen. Es fragt sich, wie frei damals die Politiker über ihre Politik sprachen und wie geheim denn diese Verträge wirklich waren. Ich finde, das ist ein spannendes Thema, lässt dies doch erst eine Bewertung der Macht der Verträge und ihre Auswirkungen zu.
    In wie weit lassen sich die Taktlosigkeiten des Königs ausschließen, welche solche Verträge auch werden enthüllt haben können?
     
  10. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    ....falls dich weitere literarische Hinweise auf die Ereignisse interessieren , hier noch ein Literatur -Tipp : J. Klepper :"Der Vater" Roman eines Königs
    Handelt vom Roisergant und seiner Zeit. Speziell ab S. 733 sind interessante Details zum Thema oben zu erfahren. :)

    http://www.dtv.de/_google/titel/titel11478.htm
     
  11. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    @Brissotin
    Ich komme wegen des Verweises aus "Reichsitalien" kurz hier herüber:

    Polnischer Thronfolgekrieg:
    - "Denn der Kaiser, der aus Mißtrauen die preußische Hilfe am Rhein abgelehnt hatte ...." (Handbuch d. europ. Gesch., 4, S. 42)
    - "Preußen erschien verdächtig durch das Wohlwollen, das des dem flüchtigen Stanislaus entgegenbrachte. (Immich, S,. 273)

    "Beleuchtend" ist die Situation allemal.
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Danke schonmal dafür.
    1. Den Punkt betont auch Peter Mast. Karl VI. stand Friedrich Wilhelm I. scheinbar an Misstrauen (v.a. gegenüber Friedrich August I. von Sachsen aber auch gegenüber den Engländern) um keinen Deut nach. Preußische Truppen am Rhein verbunden mit der Hoffnung Preußens kaiserliche Unterstützung im weiterhin unterschwellig fortexistierenden Streit um Jülich und Berg, das war schon ein kleines Pulverfässchen.

    2. Klar, Friedrich Wilhelm I. mochte die Wettiner garnicht. Da saß im Süden der alte "geheime" Feind. Dass dieser nun ein zweites Mal das große Polen erhalten sollte, schmeckte noch weniger und dass Preußen dann dem Kaiser in dessen proaugusteischen Polenpolitik aus alter Bündnistreue unterstützen musste, schlug dem Fass bestimmt fast den Boden aus.

    3. Das trifft zu, vielleicht beleuchtet dies ein bisschen doch die Grundkonturen einer dauerhaften preußischen oder kaiserlichen Politik, welche das späte 17. und die Hälfte des 18.Jh. bestimmte. Auch wenn ich solchen angeblichen dauerhaften Leitlinien in der Außenpolitik von Staaten zumeist nicht trauen mag.;)
     
  13. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Stimme vollständig zu! Vermutlich wussten die Vertragspartner (Kaiser und König), dass der jeweils andere kein Vertrauen hatte, und man versuchte sich notdürftig abzusichern.
    Im Geheimvertrag von Wusterhausen (12.10.1726 - diesen oder den Folgevertrag vom 23.12.1728 könnte Wilhelmine gemeint haben) verpflichtete man sich zu gegenseitiger Garantie: der Kaiser wollte im Zweifelsfall mit 12000 Mann helfen, der König mit besagten 10000, letzteres mit der Maßgabe, die Truppen dürften "bloß im Reiche und in dessen Österreichischen Niederlanden" verwandt werden.

    Aber, etwas platt ausgedrückt: Solange Verträge geschlossen wurde, wurde nicht geschossen - den Schritt in den Abgrund tat erst Friedrich II.
     
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1. Eben diese Maßgabe finde ich so bezeichnend. Denn eigentlich brauchte man keinen Vertrag, wenn eine der beiden Vertragsparteien im Reich attackiert wurde, dann griffen ohnehin die Instrumentarien des Reiches und die Reichsarmee von 40.000 Mann Friedens- und 120.000 Mann Kriegsstärke würde theoretisch aufgeboten werden. Vielleicht überging man diesen Fakt beflissendlich, um den preußischen König nicht damit zu kränken, dass man ihn an seine Verpflichtungen als Markgraf von Brandenburg gegenüber seinem Kaiser erinnerte.:D

    2. Fritze war eben auch kein guter Verhandler. Frankreich wollte 1756 noch den Krieg insgesamt abwenden, aber das gehört hier wohl nicht her.:rotwerd:
     

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