Preußische Polenpolitik in der Weimarer Republik

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Gast, 8. August 2010.

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  1. Gast

    Gast Gast

    Hallo

    schreibe gerade eine Arbeit über die deutsch-polnischen Beziehungen nach dem 1. Weltkrieg.

    Ich sollte auch die preußische Seite anschauen.

    Ich tue mich damit ein wenig schwer.

    Preußen war in der WR sehr mächtig und die WR Republik setzte im Prinzip die alte preußische Polenpolitik fort. Ich weiß, dass es einge Gegensätze zwischen preußischer Regierung und Reichsregierung gab. Ich sehe nur die Diskrepanz in der Polenpolitik nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass Preußen der Reichsregierung seine Polenpolitik aufgezwungen hat.

    Sehe ich das falsch?
     
  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Gast

    Das Dir die Bewertung der preußisch-polnischen Beziehungen in der WR schwer fällt, kann ich verstehen. Selbstverständlich gab es Differenzen zwischen den Reichsregierungen und den preußischen Staatsregierungen. Die Außenpolitik war mit marginalen Einschränkungen aber Sache der Reichsregierung:

    Vergl Artikel 6.:
    documentArchiv.de - Verfassung des Deutschen Reichs ["Weimarer Reichsverfassung"] (11.08.1919)

    Einfluß auf die Außenpolitik konnten von den marginalen Ausnamen abgesehen die Länder höchstens über den Reichsrat nehmen.

    Vergl.: ebenda Artikel 60 ff.

    Bleibt die informelle Einflußnahme, zu der ich Dir aber leider nichts mitteilen kann.

    Natürlich aber gab es bei der Ausgestaltung der "Minderheitenpolitik" durchaus Gestaltungsspielraum bei den Ländern, also auch Preußens. Schau Dir einfach mal folgendes an:

    "Diese Politik rächt sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Denn im Gegensatz zum Gros der deutschen Bevölkerung löst der Kriegsbeginn bei der polnischen Minderheit keine Begeisterungsstürme aus. Selbst die im Verlauf des Krieges erfolgende Lockerung der restriktiven Polenpolitik, die für die notwendige Loyalität der Polen gegenüber dem Deutschen Reich sorgen soll, verfehlt ihre Wirkung. Vielmehr sind sie überzeugt von der baldigen Wiederherstellung des polnischen Staates und beteiligen sich daher auch nicht an den in Deutschland ausbrechenden revolutionären Unruhen, die nur „die Deutschen“ etwas angehen würden. Sie warten nun auf eine schnelle Rückkehr in ihre ehemalige Heimat.
    Dieser Traum scheint sich zunächst zu erfüllen. Am 11. November 1918 wir die polnische Republik ausgerufen und schon bald machen sich zahlreiche Ruhrpolen auf den Weg in die vermeintliche Heimat. Hier werden sie jedoch schon bald mit der harten Realität konfrontiert. Die Wohn- und Lebensverhältnisse sind schlecht, die politischen Verhältnisse wirr und die Arbeitsmarktsituation hoffnungslos. Zudem werden die „Westfalczyks“ von den Polen häufig diskriminierend behandelt und keineswegs herzlich in ihre ehemalige Herkunftsgebiete aufgenommen. Aus diesem Grunde steigt rasch die Zahl der „Remigranten“, die nach Westfalen zurückkehren, und damit auch die Tendenz zur Assimilation. Die Hoffnung von der Rückkehr in die polnische Heimat scheint endgültig zerbrochen zu sein.
    Von der preußischen Staatsregierung erfährt diese neue Haltung nur teilweise Unterstützung. Zwar ist man zum einen an den qualifizierten polnischen Arbeitskräften interessiert, doch liegt die Intention zugleich auf einer ethnischen Homogenisierung, die eine baldige Abwanderung der Ruhrpolen impliziert. Der Abstimmungskampf um Oberschlesien, polenfeindliche Ausschreitungen sowie die Abwanderung nach Frankreich infolge des Ruhrkampfes verschärft das Klima zwischen polnischer Minderheit und deutscher Regierung, so daß die Zahl der Ruhrpolen von 230.000 im Jahre 1923 auf 150.000 im Jahre 1929 sinkt. Die Zurückbleibenden sind nun zu einer verstärkten Assimilation gezwungen.

    Eine solche vorschnelle Anpassung zu verhindern, setzt sich der 1922 in Berlin gegründete „Bund der Polen in Deutschland“ (Zwiazek Polakow w Niemczech) zum Ziel. Er versteht sich als Wahrer der Interessen der polnischen Minderheit in Deutschland in allen wichtigen gesellschaftlichen Feldern und bemüht sich darum, der polnischen Minderheit die in der Weimarer Verfassung festgeschriebene Gleichberechtigung aller Staatsbürger und ihre Anerkennung als nationale Minderheit zu erkämpfen. Doch auch wenn er als reichsweit operierender Dachverband zentrale Bedeutung für das polnische Organisationswesen erlangt, kann er doch nicht den allmählichen Rückgang des polnischen Vereinsleben verhindern. Neben den Erfahrungen von Verfolgung und direkten Repressalien spielen die Auswirkungen der Massenarbeitslosigkeit für den Rückgang der Vereinsarbeit eine entscheidende Rolle. So sind nicht nur Auflösungstendenzen der polnischen Ruhrgebietspresse zu konstatieren, sondern auch der Niedergang der polnischen Jugendbewegung, wobei sich innere Streitigkeiten ebenfalls negativ für den Zusammenhalt auswirken.
    Mit dem Machtantritt Hitlers verändert sich die Situation der polnischen Minderheit grundsätzlich. Zwar wird ihnen eine Art von Sonderstatus zugestanden, doch werden ihre Vereine ebenfalls der „Gleichschaltung“ unterworfen und müssen sich immer wieder gegen massive Einmischungen lokaler Dienststellen zur Wehr setzen."

    Vergl.:

    http://www.preussen-hronik.de/thema_jsp/key=thema_westfalczyks+oder+pollacken.html



    Bund der Polen in Deutschland ? Wikipedia

    Vllt. kannst Du hier auch einfach einmal wegen Materials anfragen:

    Bund der Polen in Deutschland


    M.
     
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  3. Schlumpi

    Schlumpi Neues Mitglied

    Kleinvieh

    Ich habe leider nur Kenntnisse zur preußischen Polenpolitik bis 1914. Daher auch nur zwei Hinweise: Das Reichsvereinsgesetz vom 19.04.1908 verbot polnisch in öffentlichen Versammlungen. Das es nur für Kreise mit unter 60% Polen galt war Preußens Köder für die Annahme des Gesetzes in Reichstag. Preußen drohte mit einer härteren Version auf Landesebene.
    Dazu Broszat, Martin: Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, S. 124.
    Als weiteres kommt man Problemen der Reichs- und Länderebene über die Parteiengeschichten der Sozialdemokraten, Konservativen, Liberalen usw. weiter.
     
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  4. Gast

    Gast Gast

    Danke Euch, dann werde ich wohl auf meinem Standpunkt bleiben müssen. Bei den innerparteilichen Streitigkeit kommt Polen nicht vor. Ich muss wohl davon ausgehen, dass deutsche Polenpolitik = Preußische Polenpolitik war und die preußische Regierung die Reichsregierung nicht erpresst hat. Andersherum ebenso nicht. Selbst in einer Otto Braun Biographie habe ich diesbezüglich nichts gefunden.

    Ich danke Euch!!!
     
  5. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Ich rufe dem Gast noch etwas hinterher:

    Es sind vor allem zwei Politikfelder, in denen Diskrepanzen zwischen dem Reich und Preußen bestanden: die Frage der Grenzsicherung und die Schulpolitik.

    Zu ersten Frage gibt es schon andere Threads hier, zur zweiten nur so viel: Das Reich legte Wert darauf, seine Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag und aus bilateralen Abkommen genau zu erfüllen, während Preußen recht eigensinnig zu Werke ging und Konflikte mit der polnischen Minderheit in Kauf nahm. {1]


    [1] Siehe "Fremdsprachige Volksteile" und ... - Google Bücher und Sprachliche Minderheiten und ... - Google Bücher
     

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