Prinzen und Prinzessinnen - Misshandlungen durch Erzieher und Eltern

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Mischa, 25. März 2012.

  1. Mischa

    Mischa Aktives Mitglied

    Hallo :)

    angesichts der Flut von aktuellen (und auch weniger aktuellen) Veröffentlichungen, die sich in den letzten Monaten über uns ergießt, habe ich mich ausführlich mit Friedrich II. und seinem Vater dem „Soldatenkönig“ befasst.

    Das Verhältnis der beiden lässt sich wohl ab der Pubertät Friedrichs so beschreiben, dass der Vater den Sohn regelrecht misshandelte.

    Wenn ich mir aber überlege, was ich bei früherer Gelegenheit über die Erziehung von Königs/Fürstenkindern der frühen Neuzeit gelesen habe, denke ich, dass Friedrichs Schicksal nur in zweierlei Hinsicht eine Ausnahme darstellte: Weil er a) in aller Öffentlichkeit und b) vom Vater selbst misshandelt wurde.

    Die Prinzen und Prinzessinnen dieser Zeit (und auch nicht danach und wohl erst recht nicht davor), wuchsen nicht verwöhnt und behütet auf. Viele waren Erziehern ausgeliefert, die sie vernachlässigten, körperlich oder seelisch quälten oder sogar sexuell missbrauchten.

    Bekannte Beispiele waren Peter III. von Russland und Christian VII. von Dänemark, die beide von brutalen Erziehern derart misshandelt wurden, dass sie sich psychisch ihr ganzes Leben nicht mehr davon erholten und Wilhelmine, die Schwester Friedrich II., die nicht nur ebenfalls von ihrem Vater, sondern auch über lange Zeit von einer Erzieherin misshandelt wurde.

    Ich glaube, diese Fälle stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Wie mag es Prinzen ergangen sein, die keine Throne bestiegen, und Prinzessinnen, die keine Memoiren hinterließen?

    Im Grunde wuchsen diese Kinder meist in Situationen auf, die heute das Jugendamt auf den Plan rufen würden. Sie hatten Eltern, die nur der (dynastisch-politische) Zufall zusammengeführt hatte, die sich meist – und besseren falls – fremd blieben und keinerlei wirkliches aneinander und oft auch an den Kindern hatten, die sie abschoben und zu denen sie wenig persönlichen Kontakt pflegten.

    Die Kinder waren nur Spielkarten im politischen Intrigienspiel. Ihre Eltern blieben ihnen persönlich fremd und wurden aus guten Grund gefürchtet. Die Qualifikation eines Erziehers war oft bestenfalls eine erfolgreiche militärische Laufbahn. (Schlechteren falls er war ein Saufkumpan des jeweiligen fürstlichen Vaters.) Eine Erzieherin war meist eine hochadlige Dame im Großmutteralter. Ihre Empfehlung im besseren Fall, dass sie selbst Kinder bekommen, aber nicht erzogen hatte.

    Worauf ich hinaus will: Misshandlungen in der einen oder anderen Weise waren meiner Meinung nach häufig und brachten entsprechend schiefe Charaktere auf die Throne und in gesellschaftliche Schlüsselpositionen. (Im Adel dürfte sich die Situation oft nicht viel unterschieden haben. Und „kinderfreundlich“ in unserem Sinn waren die Erziehungsmaximen in keiner Gesellschaftsschicht dieser Zeit.)
     
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  2. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    Hmm, also ich habe mich beim Lesen der Memoiren der Wilhelmine von Bayreuth gefragt, in wie weit ihre Erinnerungen der Wahrheit entsprechen.
    Ich bin nun keine Psychologin, aber mir kam es so vor, als ob diese Frau ständig etwas zum Jammern und Nörgeln brauchte und niemals etwas positiv sehen konnte. Ich bin nun nicht dabei gewesen (wie keiner der hier anwesenden - hoffe ich zumindest ;) ) und kann nur spekulieren, aber wie gesagt, mir kam es so vor, als sei der Zweck ihrer Memoiren sie selbst als unendlich duldsames Opferlamm und geradezu Heilige hinzustellen... was allerdings dagegen spricht ist, dass sie wohl Zeit Lebens ihre Schrift nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen hatte und sie nur für sich selbst schrieb.

    Ich denke aber auch wie du, dass man sich nicht wundern braucht, dass so viele gestörte Persönlichkeiten an den Höfen Europas herumliefen, bei den Erziehungsmethoden die bisweilen angewand wurden.

    Es gibt aber auch Gegenbeispiele! Die Frau Friedrichs II, Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern hatte ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihren Eltern und es viel ihr wohl sehr schwer sich von ihnen zu trennen.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gab in dieser Zeit noch keine etablierte Pädagogik, deren Anfänge sind bei Rousseau zu suchen in seinem Roman Émile. Ansonsten behandelte man Kinder eher als unfertige Erwachsene.
     
  4. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Nun gut, prinzipiell müsste man sich erst einmal fragen, was für Unmenschen jene gewesen sein müssten, die diese Taten begangen. Da ich davon ausgehe, dass heute wie damals die meisten Menschen beim Anblick eines Kindes nicht daran denken, ihm Schlimmes anzutun, halte ich geschilderte Misshandlungen bei allem Mitleid mit den Betroffenen doch für Einzelfälle, auch wenn es vielleicht häufiger passierte als in heutigen Zeiten. Ganze Bevölkerungsgruppen wie alte Frauen oder Adlige als potenzielle Kinderfeinde zu betrachten finde ich unsinnig.

    Generell ist davon auszugehen, dass so etwas wie elterliche Liebe immer existiert, egal ob das Kind ein geliebtes Ein und Alles oder nur ein zwingend benötigter Thronfolger ist. Auch der Mensch hat Instinkte.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist zu ahistorisch gedacht und vergisst, dass es bis vor wenigen Jahren noch üblich war, Ohrfeige, Klapps, Tacht Prügel, am Ohr ziehen etc. als Erziehungsmethode einzusetzen (und bei Licht betrachtet werden diese Erziehunsgmethoden wohl auch heute noch viel eingesetzt, wenn auch dieselben Eltern, die das tun ein solches Verhalten vielleicht öffentlich kritisieren). Der Rohrstock in der Funktion des Disziplinierungselements ist erst vor wenigen Jahrzehnten verboten worden. Bis dahin war es also auch in der Schule üblich, aus erzieherischen Maßnahmen zu prügeln ("wer nicht hören will, muss fühlen").
    Das hat also wenig mit Liebe und Nichtliebe zu tun und höfische Etiquette dürfte viele Kinder und Eltern einander entfremdet haben.
     
  6. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Ich denke, dass die vorkommende Gewalt aus einer gewissen Anonymität innerhalb der "Familie" mit entstehen konnte. Gerade der Schwerpunkt eines Königs lag eben in dieser Aufgabe. Er war an erster Stelle nicht treusorgender Vater, er war der Landesherr.
    Dementsprechend war dieses Verhältnis der Person des Vaters und des Landesherren bei eventuell schon mittleren, kleineren und kleinsten Herrschaften verwobener.
    Ich denke, dass es einem Reichsgrafen oder Freiherren eher möglich war, ein Auge auf seine Sprößlinge zu haben, als ein Kaiser oder König. Zwar standen alle in der gleichen Verantwortung, das Land zu führen, gut zu erhalten und zu bewahren und es einem geeigneten Nachfolger zu übergeben, aber der Umfang der damit verbundenen Arbeit war doch weit unterschiedlich.
    Klar dürfte doch sein, dass an einem Königshof ein anderer Wind wehte, als an der Residenz eines Reichsgrafen.

    Gewalt und Misshandlungen wird es keinesfalls nur unter den adligen Familien gegeben haben. Wenn man sich so nur die Titel von einigen Akten in Archiven ansieht, springt einem so viel Missgunst, Gewissenlosigkeit und haltlose Brutalität und bei allem eine erschreckende Stetigkeit entgegen, dass man sich schon einiges fragt.
    Man könnte ja auch sagen, dass Mütter, die ihr uneheliches Kind umgebracht haben, ganz widerwärtig sind. Die erste Frage liegt aber schon einmal darin, ob sie dieses Kind überhaupt gewollt haben und insgesamt in welcher Lage sie sich dann befanden. Oft waren sie ziemlich mittellos - wie ist die Situation also zu beurteilen? Ist die Mittellosigkeit eine Rechtfertigung für den Mord?? Leider kann man wohl nicht ein Verhältnis zu den Frauen herleiten, die ihr Kind nicht ermordert haben.

    Analog kann man wohl auch nicht leicht ein Verhältnis zwischen den adligen Familien herstellen, in denen die Kinder gut und weniger gut aufgewachsen sind. Bekannt sind die "prominenten" Fälle der Misshandlung.
     
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  7. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Wie hier bereits geschrieben, gab es diese Widerwärtigkeiten mitnichten nur in prominenten Adelshäusern. Kinder hatten wohl in kaum einer Schicht wirklich ein angenehmes oder gar freudvolles Leben.

    Mißhandlungen und Züchtigungen, egal ob von Eltern, Ammen, Kindermädchen, Gouvernaten, Lehrern oder Erziehern waren wohl an der Tagesordnung.

    Im Übrigen haben sich die aushäusig untergebrachten Kinder zumeist bei den Eltern nicht beklagt, weil sie sicher sein konnten dort kein Gehör zu finden, oder nur eine Bestätigung der Rechtmässigkeit der Züchtigung.

    Das heisst, man kann nicht allgemein sagen, dass das Leben adliger Kinder nun widerwärtiger gewesen wäre, als das der Anderen.
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Mich würde interessieren, ob es neben den geschilderten Beispielen noch mehr gibt.

    Ich entsinne mich an Memoiren, worin erwähnt wurde, dass der Fürst von Anhalt-Dessau seinen Sohn nach der Natur erzogen habe und er ergo ein rechter Esel geworden sei. Es gab also wohl schon direkt im 18.Jh. bisweilen halbwegs naive Versuche das rousseausche Vorbild nachzuleben (in wie weit das von Rousseau so gedacht war, lasse ich mal dahin gestellt).

    Bei der Erziehung gibt es unterschiedliche Probleme in den Herrscherhäusern. Gewalt an den Eleven mag vorgekommen sein. Dass es die Regel war, scheint mir nicht aus den Quellen, die ich bis jetzt las, ersichtlich.
    Im Falle des preußischen Königshauses waren die Komponenten ja ganz besondere. Der Soldatenkönig wird von Zeitgenossen auch immer wieder als brutaler Typ beschrieben, wobei noch zu Lebzeiten seines Vaters Friedrich I. gewisse negative Charakterzüge des Kronprinzen zu Tage getreten waren.
    Auf der anderen Seite sollen ja die übrigen Kinder des Soldatenkönigs durchaus nicht so arg unzufrieden mit ihrem Vater gewesen zu sein. August Wilhelm galt ja als der ausgenommene Liebling seines Vaters - vielleicht verstand sich der spätere König auch deswegen nicht mit ihm, wie es ja auch zwischen ihm und seinem Bruder Heinrich dann auch immer wieder zu Streit kam.
    Der Erzieher war auch schon bisweilen in der Bredouille, wenn der Eleve arg lernunwillig war. Ganz schnell konnte aus dem Kron- oder Erbprinzen von eben, sein nächster Souverän werden und dieser konnte sich an seinem Erzieher rächen. Generell kam es sicher darauf an, in wie weit der Vater oder die Mutter bzw. der Regent hinter dem Erzieher stand. Kompliziert wurde es, wenn die Befugnisse nicht ganz geklärt waren. So gab es in Frankreich im Falle von Louis XV als Gouverneur des Königs den Duc de Villeroy, der keinen guten Einfluss auf den König gehabt haben soll und durch die Vorführung seines Schützlings eher zu dessen Scheu beigetragen haben soll. Dann gab es noch den Bischof von Fréjus, der im Gegensatz zu Villeroy einen positiven Einfluss als Erzieher ausgeübt hatte. Neben Villeroy war der Bischof von Fréjus noch ein junger Hüpfer, war der Duc de Villeroy bereits über Siebzig nach dem Tode von Louis XIV.

    Man muss im Detail schauen, welchen Einfluss denn die Erzieher auf den Prinzen hatten. Neben den Erziehern gab es ja zumindest in großen Häusern noch das reinste Heer an Lehrern, die für die speziellen Unterrichtsthemen zuständig waren.

    An kleinen Höfen scheint es auch nur einen Hofmeister gegeben zu haben, der sogar für mehrere Prinzen zugleich zuständig sein konnte und die Bildung selber in die Hände nahm und eventuell den Zögling bis zu dessen Gang auf die Akademie oder gar Universität begleitete.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  10. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Allerdings gibt es den Begriff von "Zucht und Ordnung", was anfänglich vor allem als "christliche Zucht und Ordnung" gemeint war, seit dem 15. Jahrhundert.
    Und es war klar, dass diese gewollte gesellschaftliche Zucht und Ordnung notfalls mit Gewalt durchzusetzen war, wenn sich ein Individuum tatsächlich oder scheinbar nicht dreinfügen, sprch unterordnen wollte. Diese rechtmässige Gewalt wurde den Eltern zugestanden, Meistern, Lehreren und überhaupt Erziehenden und "Ausbildern", egal ob beim Militär oder anderen Lebensräumen. Nicht umsonst gab es dann das "Zuchthaus", für die, die sich nun gar nicht unterordnen wollten.

    Und es gab recht bekannte Internate, vor allem auch in England, wo die höheren Sprösslinge nun gerade recht hart und unnachgiebig erzogen wurden, was als besondere Qualität der Erziehung verstanden wurde. Als Bestrafung diente meines Wissens z.B. das stundenlange Knien auf Holzrosten, Holzbänken oder blankem Fussboden.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein - nach wie vor Klassiker - ist die Arbeit von Elias zum Prozess der Zivilisation, ein Kontext, in dem auch die Erziehung und die Ausbildung von adeligen Kindern zu sehen ist.

    Über den Prozeß der Zivilisation ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. März 2012
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Was hat das mit dem Thread zu tun?

    Die Frage ist bei den Prinzen doch, in wie weit es einem Erzieher anstand, einen gesellschaftlich über ihm stehenden zu schlagen. Dass das vorkam, möchte ich garnicht in Abrede stellen. Wird aber doch auch eher dort funktioniert haben, wo der Prinz zu seinen Eltern keinen guten Draht hatte.
     
  13. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Es geht darum, dass Gewalt, sprich rigorose, ja unmenschliche Strafe, in der Erziehung gang und gäbe war, nicht nur gegen Prinzen und Prinzessinen. Entscheidend ist dabei nun gerade nicht der "Rang" und die Frage, ob der Erzieher in seiner Funktion ein Untergebener war, und Gewalt gegen den Zögling seines Herrn ausüben durfte. Im Übrigen war der "Oberaufseher" der Prinzen meist selbst Adliger. Solange die Eltern, also auch Fürsten und Könige, "Zucht und Ordnung" als erstrebenswert ansahen und ihre eigenen Zöglinge als Vorbilder sahen, war diese Gewalt durchaus nicht nur gewollt und anerkannt, sondern sogar gefordert.

    Wie El Quijote auch ausführte, gehörte der Rohrstock, oder ähnliches bis vor wenigen Jahrzehnten zur Ausstattung eine jeden Lehrers, da wird auch ein Privatlehrer keinen Unterschied gemacht haben. Ganz im Gegenteil sollte der Privatlehrer ja eine besondere "Qualität" der Erziehung/Ausbildung sicherstellen. Vorsorglich: Bitte das nicht als mein Statement dazu zu verstehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. März 2012
  14. Cécile

    Cécile Neues Mitglied

    OT:

    Klar die Prügelstrafe war Gang und Gebe, alledings gab es auch Menschen - und nicht nur hochtrabende Philosophen - die sich darüber Gedanken machten.

    In der Schulordung von Schwäbisch Hall aus der ersten Hälfte des 18.Jh. wird den Schulmeistern eingeschärft, dass die Prügelstrafe nur in Härtefällen eingesetzt werden soll und im Normalfall die Drohung und Ermahnung allein das gewünschte Ergebnis bringen sollte, denn eingeschüchterte Kinder würden selten besser lernen.
    In wie weit diese Richtlinien allerdings in der Realität umgesetzt wurden weiß ich nicht, es könnte natürlich sein, dass das nur die "Hirngespinste" von humanistisch geprägten Ratsherren und Pfarrern waren, die sich mit dem Alltag eines überforderten selbst kaum gebildeten Schulmeisters nicht vereinbaren ließ, aber wie gesagt, das ist auch nur eine Spekulation.
     

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