Pruzzentum - Versuch einer Rekonstruktion

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von supana, 24. Oktober 2005.

  1. supana

    supana Neues Mitglied

    Kalevi Wiiks, Ago Künnaps und János Pusztays These geht davon aus. dass die Uralischen Sprachen, dem Herzstück der Finno-Ugrischern Sprachen in einem Sprachbund entstanden sind, in einer Art Schmelztiegel zwischen Zentralauropa und dem Ural und beinflussten und diese beieinflusste die Herausbildung der Indoeropäischen Sprachen, insbesondere das Germanische, Baltische und Slawische. Diese These mag sehr umstritten, noch nicht vollständig bewiesen und auch vielleicht in Teilen nicht richtig sein. Sie geht aber trotzdem m.E. in eine neue Richtung. Und es gibt mehre Schlussfolgerungen von Wissenschaftlern der Vergangenheit, die sicherlich einer neuen Betrachtung und Erforschung bedürfen.
    Die Finno-Ugristik ist als Wissenschaft in der Blütezeit des Habsburger Reiches entstanden. Ich möchte hier nicht diesen Wissenschaftszweig in seiner Daseinsberechtigung kritisieren und man kann den Wissenschaftlern auch nicht vorwerfen, das die Politik in allen Zeiten versucht deren Erkenntnisse auf andere Weise zu verwenden. Aber z.B. in der damaligen Habsburger Zeit gab es neben dem Interesse die Ungarische Sprachgeschichte zu erforschen auch eine Motivation von politischer Seite des Kaiser- und Königshauses den Ungarn eine den Habsburgern "genehmere" ungarische Geschichte zu "entwerfen". In dieser damaligen Zeit des Erwachsenwerdens der Nationen, war dies bei vielen Europäern kein ungewöhnlicher Vorgang. (Soll hier nur als Feststellung dienen, bitte wenn dann bitte andernorts diskutieren - supana)
    Auch mit den gewichtigen Umwälzungen in Osteuropa entstand eine Situation, in der die wieder freien Völker in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung auch neue Fragen zu ihrer Identität und Herkunft stellen. Damit ist aber ein Klima entstanden in der auch stark nationalistisch geprägte Strömungen mehr Gehör finden. Inwieweit davon einige Wissenschaftler beeinflusst werden möchte ich niemand unterstellen. Doch die in Medien geführten Diskussionen zu der neuen These, haben oft den Anschein solche Schlüsse zuzulassen.
    Die These fasziniert sehr wohl, weil sie in auch anderer Weise in eine neue Richtung anstrebt, weil sie der Sprachwissenschaft endlich Fesseln von Abstammungslehren abstreift.
    Allerdings ist die These immer noch eine These und noch kein bewiesenes wissenschaftliches Faktum. Wie der Wiener Finno-Ugrist Cornelius Hasselblatt sehr detailliert in seiner Arbeit "Wo die wahre Revolution ist" beschreibt, fehlen der These wesentliche sprachwissenschaftliche Untermauerungen.

    Warum sollten uns die Entwicklungen in der Finno-Ugristik für das Thema der Pruzzen interessieren? Die Aesti werden über einen Zeitraum von etwa 800 Jahren als ein etnische Einheit in der antiken Literatur beschrieben. (Ich spreche jetzt von einer ethnischen Einheit, weil bisher nicht nachgewiesen ist, ob es sich bei den Aesti um eine Sippe, Stamm, Volk oder Völkergemeinschaft handelt)
    Tacitus erwähnt die Aesti als Bernsteinsammende an der Ostküdte der Ostsee in seiner "Germania" (98)
    Jordanes zwei Mal in seiner "Gethica"(350-376), als an der Vistula Siedelnde und von ihrer Unterwerfung durch den Ostgotenherrscher Ermanerich,
    Cassiodorus in seiner "Variarum" (523-526) mit dem Dankesbrief Theoderich des Grossen an die Aestier und letztlich berichtet
    Einhardt in seinem Werk "Das Leben Karl d. Grossen" (833-836) von einem Krieg gegen die Welatabier (Wilzen) und der von ihnen beherrschten Aesti, Sclavii und anderer nicht erwähnter ethnischer Einheiten.
    Durch diese etwa 800 Jahre und damit einem sehr langen Zeitraum des Berichtens, kann davon ausgegangen werden, dass die Aesti sicherlich mehr als eine Sippe waren, aber jegliche Festlegung wäre zu diesem Zeitpunkt reine Spekulation bis hin zu der Annahme, dass es sich um die Proto (Vor)-Balten handelt. Da aber in unserer Arbeit nicht unwichtig, und eben noch zu klären ist, wer die Vorfahren unserer Pruzzen sind, lässt allerdings die aufgestellte These von Wiik, Künnaps und Pusztay vielleicht vieles in neuem Licht erscheinen.
    Um wissenschaftlich vorzugehen ist zu beachten, dass Sprachwissenschaft und Völkerkunde zwei unterschiedliche Disziplinen sind, und nicht unöntig miteinander vermengt werden sollten. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, das Estnisch eine Finno-Ugrische Sprache ist, aber dies beweist weder, noch stellt es in Frage, ob die Esten mit den Balten verwandt oder nicht verwandt sind.
    Wie aus den Erkenntnissen der Geschichtforschung zu entnehmen ist, war das Baltikum im Vergleich zum restlichen Europa kein Ort der Völkerwanderung und abgesehen vom Durchzug und kurzzeitigen Ansiedlung der Goten an der Vistula/Wisla/Weichselmündung auch nicht von den Ereignissen und Auswirkungen der Völkerwandeung wesentlich betroffen. Ebenfalls fehlen, (bzw.sind mir auch nicht bekannt), wesentliche Einwanderungen von Ethnien in des Gebiet des Baltikums. Kriege und Eroberungen ja, durch Goten und später Dänen und Deutsche.
    Die Suche nach den Vorfahren der Pruzzen muss sich demnach auf die im Baltikum bereits Ansässigen bzw. die vor dem Jahre 98 u.Z. eingewanderten Ethnien beschränken.

    Liebe Grüsse
    supana
     
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  2. askan

    askan Neues Mitglied

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