RAF - Revolutionäre oder Terroristen?

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von Rainertitan, 15. Januar 2007.

  1. Rainertitan

    Rainertitan Neues Mitglied

    hallo Forum :>

    Ich besuche die 12te Stufe eines Gymnasiums und habe mich entschieden meine Facharbeit in Geschichte zu schreiben.
    Mein Thema ist, wie der Titel schon sagt:

    RAF - Revoluitonäre oder Terroristen ?

    Mein Lehrer will wenn es geht Vergleiche zu der Französichen Revolution und der Deutschen Revolution 48', aber ich bin erstmal dankbar für jeden guten Link oder wirklich brauchbaren Buchtipp zu der RAF oder noch besser der Fragestellung.


    Mfg, Rainertitan
     
  2. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Warum nicht Revolutionäre und Terroristen? ;)
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Strefan Aust: "Der Baader Meinhof Komplex" ist sehr ausführlich und sollte sicher hilfreich sein. Wir hatten hier im Forum aber auch schon eine interessante Diskussion im Unterpfad BRD DDR und zwar "politische Gefangene auch in der BRD?"
     
  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Persönlich empfehle ich als Einstieg erst mal das Buch "Die Rote Armee Fraktion 14.5.1970 bis 20.4.1998" von Klaus Pflieger. Das ist nicht das Beste, aber das übersichtlichste Buch zur RAF und gibt knapp wesentliche Fakten wieder.

    Ich weiß einiges über die RAF, aber nur weniges über die Revolutionen von 1848 und 1789. Aber einige Punkte sind kennzeichnend:

    - Die RAF-Terroristen handelten nicht - wie es bei Revolten der Neuzeit (auch Weberaufstand/Schlesien, Bauernkriege etc.) oft der Fall war - aus materieller Not. Sie kämpften auch nicht gegen die Rechtlosigkeit ihres Standes an (was z.B. in der Frauenbewegung oder der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA der Fall war). Dagegen kamen viele RAFler aus dem Bildungsbürgertum und nicht wenige (darunter z.B. Ensslin oder Raspe) hatten gute Aussichten, beruflich Karriere zu machen. Ulrike Meinhof und Horst Mahler waren bei ihrem Einstieg in den Terrorismus zumindest in der linken Szene sogar "prominent".

    - Revolutionen haben immer das Ziel, das bestehende System zu stürzen. Anders als die idealistischeren Bewegungen 1789 und 1848 strebten die RAFler von ihren Anfängen an insgeheim jedoch keine große Volksbewegung an. Ulrike Meinhof schrieb dazu in dem wichtigen Papier "Konzept Stadtguerilla" von 1971 folgendes:
    "Wir bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik und Westberlin überhaupt schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie zu entwickeln...
    Wir behaupten, dass ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische Intervention der
    Avantgarde, der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozess gibt, dass das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewusste Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu führen, sondern voranzugehen hat."
    Die "Avantgarde" und der "bewusste Teil" - das war niemand anderes als die RAF-Terroristen selbst, denn die RAF hatte nie (und das war auch nicht geplant) einen "legalen Arm" wie z.B. die IRA (mit der Partei Sinn Fein) oder die baskische ETA (mit der Partei Herri Batasuna).

    - In diesem Text wird auch der "Primat der Praxis" angesprochen - was nichts anderes besagt, dass die RAF von Anfang an den "bewaffneten Kampf" und damit Terroranschläge plante. Dies wird auch im frühesten RAF-Interview von Ulrike Meinhof 1970 deutlich, in welchem sie sagt: ".. wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. D.h. wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesne Leuten zu reden, und natürlich darf geschossen werden!"

    - Die Terroristen waren weniger von aktuellen Notständen, als durch den historischen Materialismus einerseits und die Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt andererseits beeinflusst. Die "Theorie" war, dass sich durch die Terroranschläge der Konflikt mit dem Staat hochschaukeln würde, die BRD in dieser Kampfphase die Rechte der Bürger mit immer drastischeren Mitteln einschränken müsste und sich die "Arbeiterklasse" (angesichts der Verhältnisse in der BRD auch schon Anfang der 1970er Jahren ein eher theoretisches Konstrukt) dann vom Staat abwendet und die "Avantgarde" in ihrem Kampf unterstützt.

    - Im Gegensatz zum Beispiel zu den "Vorbildern" in Form der Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt, hatte die RAF nie einen sozialrevolutionären Anspruch. Es fehlte auch eine konkrete Zielvorstellung. Dieses Problem konnte die RAF während ihrer gesamten Existenz nie lösen - die Konzeption der Anschläge änderte sich, aber der Terror an sich blieb immer selbstzweckhaft, was mit immer neuen Rechtfertigungen begründet wurde.

    - "Klassisches" Verbrechen, vor allem Bank- und Autodiebstahl, waren bei der RAF von Anfang an nötig und eingeplant, um die Logistik für den bewaffneten Kampf aufzubauen.

    - obwohl es ohne Zweifel etliche Sympathisanten gab - aus denen oft der terroristische Nachwuchs rekrutiert wurde - fand die RAF von Beginn an keine größeren Sympathien in der Bevölkerung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Januar 2007
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  5. Rainertitan

    Rainertitan Neues Mitglied

     
  6. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Ich glaube die Definition zwischen Terrorist und Revolutionär bzw. Freiheitskämpfer wird Dir die meissten Kopfschmerzen machen. Hast Du da schon etwas Konkretes, wie Du die beiden voneinander abgrenzen willst?
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied

  8. Rainertitan

    Rainertitan Neues Mitglied

    Ich hatte ein paar Tage kein Internet dank Kyrill und werde mich in den nächsten beiden wochen intensiv mit dem Thema befassen. Das Buch von Klaus Pflieger lese ich gerade und wenn ich Fragen habe melde ich mich :>
     
  9. Rainertitan

    Rainertitan Neues Mitglied

    So das Buch von Klaus Pflieger habe ich durch, erster Einblick ist geschafft. Thema interessiert mich immer mehr, finde ich richtig gut! Morgen bekomme ich den Baader Meinhof Komplex geliefert und gerade lese ich "RAF-Terrorismus in Deutschland" von Butz Peters.

    Ich habe natürlich Glück, dass das Thema gerade wieder in die Medien kommt, so habe ich auch den Spiegel gelesen, aber die Frage ob es Revolutionäre und/oder Terroristen sind macht mir zu schaffen. Also über Terroristen braucht man nicht zu reden, das ist klar. Aber Revolutionäre?
    -Was haben sie egtl genau angestrebt? Anarchie ? Sie reden ja auch immer von Antiimperialistisch...
    -Und was gab es für Freiheitsbewegungen in der 3ten Welt die sie unterstützten wollten ?
    - Sich selber haben sie nicht als Terroristen gesehen oder ? Im ersten Buch ist erwähnt, dass die Entführer der Landshut sehr empört reagieren, als Geiseln sie so nennen. Ich weiß dass es zwar Palästinenser waren, aber haben die Mitglieder der RAF es ähnlich gesehen ?


    Und weiß jemand wo ich eine gute Definition von Revolution finde ? Muss definitiv eine schreiben , und Wikipedia ist beim Lehrer als Quelle nicht gerne gesehen , was ich auch verstehe.

    Schonmal vielen Dank für eure HIlfe, Rainertitan
     
  10. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Die RAF hatte keine so genauen Vorstellungen, wie die Gesellschaft nach ihrem Sieg aussehen sollte. Gerade das Buch von Butz Peters wird dir zeigen, dass die RAF kein klares ideologisches Konzept hatte und auch die Vorstellungen immer wieder den Gegebenheiten anpasste. Übereinstimmend werden die Personen der RAF von Autoren als "marxistisch-leninistisch" ausgerichtet beschrieben - also ein traditionelles, strenges Bild vom Kommunismus. Damit unterschieden sich die RAFler vom Personal der beiden anderen Terrorgruppen in Deutschland, den "Revolutionären Zellen" und der "Bewegung 2. Juni", wobei diese eher aus der Sponti-Szene kamen und anarchistische Vorstellungen dort verbreiteter waren.

    Im Grunde wie bei der 68er Bewegung alle "antiimperialistischen" Freiheitsbewegungen, wobei aber ein einseitiges Bild herrschte - es "zählten" eigentlich nur die Bewegungen, die in irgendeiner Weise gegen die USA, andere westliche Staaten oder deren Verbündete kämpften. "Betriebsblind" war man gegenüber antikommunistischen Bewegungen - zum Beispiel denen, die in Afghanistan gegen die UdSSR kämpften.
    Die RAF sah aber wohl weniger die Notwendigkeit, die Bewegungen in der Dritten Welt zu unterstützen - diese wurden eher als Vorbilder gesehen für den bewaffneten Kampf in Deutschland. Vielleicht verstanden sie sich eher als deutscher Arm einer weltweiten Freiheitsbewegung - von daher gab es auch Attentate auf amerikanische Einrichtungen oder Personen wie den Nato-General Haig.


    Nein. Natürlich waren die RAFler davon überzeugt, dass sie einen berechtigten Kampf gegen ein faschistisches System führten. Am deutlichsten vertraten sie ihre diesbezüglichen Standpunkte wohl im Stammheim-Prozess - sie versuchten darin, einen Kombattanten-Status für sich zu erwirken (dass sie also nicht als "gewöhliche" Verbrecher, sondern als Soldaten und Kriegsgefangene gesehn würden), und auch namhafte amerikanische Politiker und Militärs als Zeugen zu laden - um zu zeigen, dass ihr Kampf wegen deren Kriegsführung berechtigt sei.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du solltest eigentlich in jeder Bibliothek ein politikwissenschaftliches Lexikon finden, besonders in Eurer Schulbib. Wenn Du keinen Zugang dazu hast, bitte Deinen Lehrer darum, dass er Dir Lexikon oder Zugang beschafft - sofern die nächste öffentliche Bib. nicht um die Ecke ist.

    Ich habe mich nie so richtig mit der RAF beschäftigt, empfinde diese Aussage aber als problematisch. Die RAF mag zwar in der Selbstwahrnehmung "marxistisch-leninistisch" gewesen sein, in ihrem Handeln war sie es aber imho nicht, da es sich hier um eine kleine relativ isolierte Gruppe handelte, die weder auf die Bedürfnisse noch Bedürfnisse der Arbeiter, also der Bezugsgruppe marxistisch-leninistischer Organisationen, Rücksicht nahm.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Februar 2007
  12. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Ja, das ist eine interessante Beantwortung dieser Frage.

    Gehen wir erst mal davon aus, was eigentlich eine Revolution ist, oder definiert wird.
    Da kann ja jeder mal eben daherkommen und sagen, ich bin die "rote Armee Fraktion", mit dem Hintergrund, kriminelle Machenschaften auszuführen.
    Nein, so einfach ist das nicht. Das waren Verbrecher und sonst nichts.

    Und ich muss mich sogar noch für "meine" DDR schämen, das die das auch noch unterstützt haben.
     
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  13. Donald

    Donald Gesperrt

    Terrorismus ist definiert als Gewaltanwendung gegen eine bestehende politische Ordnung, um einen politischen Wandel herbeizuführen.
    In diesem Sinne sind alle Freiheitskämpfer, Revolutionäre und Widerständler, soweit sie nicht gewaltfrei agieren und agierten Terroristen. Ich weiß, daß es im heutigem Verständnis eigenartig klingt einen Spartacus, Müntzer, Hofer und Washington als Terroristen anzusehen. ;)
     
  14. Klaus

    Klaus Neues Mitglied


    Einspruch ! Der Begriff "Terrorismus" beschreibt kein politisches Ziel, sondern eine Waffengattung.

    Die Waffe eines Terroristen ist die beim Gegner erzeugte Angst (lat. terror). Die erwünschte militärisch/ politische Wirkung soll durch die angstmotivierten Handlungen des Gegners erreicht werden.

    Deshalb ist es auch unsinnig, von einem "Internationalen Terrorismus" zu sprechen. Man könnte genauso gut den "Internationalen Gewehrschützen" den Kampf ansagen.
     
  15. psbvbn1

    psbvbn1 Neues Mitglied

    Einspruch Einspruch, Klaus!

    Also ist das Wirken des Terroristen eine Gewaltanwendung, die darauf beruht neben physischer Gewalt gegen Menschen und Gebäuden, auch psychischen Druck auf bestehende Institutionen auszuüben, um sie zu stürzen.
    Somit würde ich einen Müntzer, einen Washington und einen Spartacus durchaus als Terroristen sehen. Dies ist nicht die schlimmste Sache der Welt. Erst in den Zeiten seit dem Wirken der anarchistischen Zirkel in Europa Ende des 19. Jh. ist dieser Begriff so negativ belegt, dass wir bei ihm uns heute nur noch die islamischen Gotteskrieger vor unsern Augen explodieren sehen.
     
  16. florian17160

    florian17160 unvergessen

    So ungefähr meinte ich das auch.
    Aber hier wird gleich von Revolution geschrieben.
    Da gibt es schon ein paar kleine Unterschiede.
    Ich könnte ja mal so nebenbei eine Bank mit der Waffe in der hand ausrauben und anschliessend sagen ich mache hier Revolution und will euch gar nichts böses antun.

    Ich will damit sagen, nun kommt mal wieder runter.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das Hohe Gericht lehnt beide Einsprüche ab! Wie Klaus richtig schrieb, kommt Terrorismus von terror Angst und ist somit per definitionem negativ belegt.
    Allerdings ist Terrorismus nicht als Waffe zu bezeichnen, wenn schon, dann Terror (hier der deutsche, nicht der lateinische Begriff). Beide Begriffe sind definitorisch zu trennen, weshalb man auch von Internationalem Terrorismus weiterhin sprechen kann. -ismus ist immer ein Begriff für ein Verhältnis, eine Lehre oder eine Ideologie. Der Terrorismus hat also den Terror in der Form des bewaffneten Kampfes zur Ideologie erhoben (wobei Kampf und Bewaffnung hier häufig einseitig vorliegen).
    Auch sollte man unbedingt die Begriffe Widerstand und Terrorismus trennen, denn der Begriff Widerstand wird gerne genutzt, um Terrorismus zu verschleihern oder zu rechtfertigen. Widerstand ist dann gerechtfertigt, wenn die Wahl der Mittel angemessen ist. Der Terrorismus greift immer zu brutaler Gewalt als Mittel, ohne zu prüfen, was denn angemessen sei! Die Angemessenheit der Mittel resultiert wiederum aus den Mitteln, welche der Unterdrücker anwendet. Wenn ich also Polizisten oder Politiker erschieße, weil meine Region Teil eines Staates ist, der diese nicht in die Unabhängigkeit entlässt, dann ist das unangemessen. Wenn aber ein Diktator in die Menge schießen lässt, wenn diese gegen Hungerlöhne demonstriert, dann lässt sich gezielte Gewalt als letztes Mittel des Umsturzes ggf. rechtfertigen. Auch die Zielrichtung ist ein wichtiger Unterschied zwischen Terrorismus und Widerstand: richtet sich die Gewalt gegen den Urheber und die Vertreter der Unterdrückung oder richtet sie sich wahllos gegen alle bzw. nimmt sie unschuldige Opfer in Kauf?

    Für die RAF lässt sich sagen, dass sie irgendwann die Prüfung dessen vergaß welche Mittel denn nur angemessen wären und schließlich eben auch Unschuldige als Opfer in Kauf nahm. Der westdeutsche Staat mag an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig gewesen sein, aber hier können wir klar von Terrorismus seitens der RAF sprechen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Februar 2007
  18. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Ein am Anarchismus orientiertes Gesellschaftsmodell wäre das Letzte gewesen, das die RAF befürwortet hätte (grob vereinfachend charakterisiert: Anarchismus = Selbstverwaltung - Gegenseitige Hilfe - Funktionen nur als sogen imperatives Mandat, dh jederzeit durch die Basis abrufbar, wenn deren Vorstellungen nicht umgesetzt werden).

    Eine marxistisch-leninistische Organisation geht mE davon aus, daß eine Kaderorganisation die Revolution *für* die Arbeiter macht und sieht sich als Avantgarde der Arbeiterklasse. Bei einer solchen Sichtweise wird es geradzu zweitrangig, ob die realexistierende Arbeiterklasse mit den Zielen und Praktiken der Avantgarde völlig, gar nicht oder nur teilweise übereinstimmt, da die Avantgarde die Bedürfnisse der Arbeiter natürlich besser kennt als diese selbst und besser beurteilen kann, was deren Interessen sind. In der Theorie jedenfalls.
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Gut, das mit der Vorhut der Arbeiterklasse haben wir in der Vergangenheit ausreichend gesehen.
    Nun ist es nicht so, dass auch die Avantgarde der Arbeiterklasse ihre Legitimation auf dem Willen der Arbeiterklasse aufbaut? Dass sie artikuliert, was der einzelne Arbeiter zwar vielleicht wünscht, aber nicht unbedingt artikulieren kann? Demnach wäre es nicht mehr zweitrangig, ob die realexistierende Arbeiterklasse mit den Zielen und Praktiken der sie vertretenden Partei übereinstimmt, oder nicht.
     
  20. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Nun ja, du kannst aber auch argumentieren, daß die realexistierende Arbeiterklasse von den Kapitalisten derart mit Unsinn gefüttert wird, daß sie vor lauter Entfremdung ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse nicht erkennt, weswegen du stellvertretend tätig werden mußt, da dein Durchblick ja ein ungleich besserer ist. Nicht tätig im Sinne von zb Bildung, damit Bewußtwerdung und Artikulation auch stattfinden können, sondern per gewaltsamer Entfernung der herrschenden Klasse.

    Soweit ich mich erinnern kann an die Erklärungen der RAF aus den 70ern, waren diese von einer unsäglichen Arroganz gegenüber denen geprägt, für die sie tätig sein wollten. Die aus ihrer Praxis notwendig resultierende weitere Isolation der RAF hat ebenfalls nicht zu größerer Realitätsnähe geführt, sondern im Gegenteil.

    Nachsatz: mE baut die Legitimation eher auf einer Interessenlage der Arbeiterklasse auf, wie sie die Avantgarde erkannt hat. Die Willensbildung an der Basis ist nicht das entscheidende, prägende Moment, sondern die Erkenntnisse der Avantgarde, die Interessen und Bedürfnisse definiert und ihre Politik daran ausrichtet. Dies läuft zwangsläufig auf eine Anordnung von oben nach unten hinaus und wird absurd (wie du sagtest, das mit der Vorhau.. pardon: Vorhut der Arbeiterklasse haben wir gesehen), wenn eben die Menschen ihre Bedürfnisse und Interessen nicht selbst artikulieren, sondern diese für sie definiert werden.

    In der Existenz (oder deren Annahme) einer Avantgarde ist ja bereits im Ansatz enthalten, daß diese fortgeschrittener ist, den besseren Überblick hat, mehr und Genaueres weiß. Von da zum Hinwegsetzen über den (auch artikulierten) Willen der Arbeiterklasse sind es mE nur Millimeter ("Die Partei hat immer Recht"...)
     

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