Ratschläge für Keltenreenacting

Dieses Thema im Forum "Die Kelten" wurde erstellt von Corvinus, 9. Januar 2007.

  1. Corvinus

    Corvinus Neues Mitglied

    Guten Abend,
    Ich bin bereits seit einiger Zeit am Reenactment interessiert und habe auch erste Schritte (im Bereich Hochmittelalter) gemacht. Jetzt habe ich mir überlegt, es einmal mit den Kelten zu versuchen (auch aus Geldgründen, da man viele selbst herstellen, nähen etc. kann).
    Meine Fragen:
    Wo kann ich vernünftige Informationen zur keltischen, auch inselkeltischen, Lebensweise bekommen? Literaturtipps, aber auch Weblinks, wenn möglich.
    Ich bräuchte vor allem Informationen zu Waffen und ggf. auch Kleidungsformen (geplant sind Beinkleider, Hemd, Schild, Speer und ggf. eine Axt).
    Das Ganze ist allerdings momentan eher ein kleines Privathobby als ein größeres Reenactment, dh ich bin auch nicht völlig authentischen, dafür aber günstigeren Wegen zugeneigt.
    Danke für eure Mühen,
    Corvinus
     
  2. Tib. Gabinius

    Tib. Gabinius Aktives Mitglied

    Welche Phase darfs denn sein? Die Kelten gab es ja nicht gerade einen kurzen Zeitraum.
    Soll es lieber zu Zeiten des Besuches in Rom oder doch nach der römischen Eroberung oder gar nach der Romanisierung sein?

    Generell muß ich sagen sind die Kelten nicht unbedingt die beste Wahl zum Einsteigen, da sie eben kein überlieferndes Volk waren und uns ausgesprochen wenig von sich selbst überließen. Ein paar Darstellungen, das wars.
    Das meiste Wissen über ihre Hintergründe haben wir durch ihre Nachbarn, Römer und Griechen überliefert bekommen.
    Was sie uns archäologisch ließen findest du in einem sehr kurzen Abriß, der dafür eine sehr gute Einführung ist, in dem Buch "Die Kelten, Mythos und Wirklichkeit" vom Herausgeber Stefan Zimmer.
    Ansonsten beschäftigt sich das Buch sehr mit Sprache & Religion, also nicht unbedingt Realienkunde.
    Dafür wirst du die in der Keltik immer wieder auftauchenden Begriffe der Hallstatt- und LaTene Kultur erläutert bekommen und vielleicht auch einen Eindruck bekommen, was dir so am ehensten vorschwebte.

    Danach würde ich Kontakt zu einer Gruppe in der jeweiligen Zeit empfehlen, welche dir den richtigen Einstieg dann erleichtern können, so z.B. die Gruppe Carnyx.
    Aber vorsicht, gerade die Keltenszene hat einige schwarze Schafe und leidet darunter, was die Qualität angeht.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bei der HDGM (Historische Darstellungsgemeinschaft München) beschäftigen sich einige Leute mit Kelten und soweit ich das beurteilen kann, auch recht intensiv. http://www.hdgm.de/index2.html
    Die Vorgehensweise vieler Mitglieder im 18.Jh. besonders was die Bekleidung angeht ist sehr gut (handgenähte Uniformen anhand Originale). Das lässt mich ungefähr einschätzen, dass die Beschäftigung mit der Antike sicherlich auch gewissen Ansprüchen genüge tut.

    Ansonsten kann ich von Dokus und Fotos her, nur Tib. Gabinius Aussagen unterschreiben. Gerade bei den Kelten öffnet der Mangel an Quellen scheinbar Tür und Tor, den Wilden in Fellen oder anderen Klischees von dieser eigentlich hoch zivilisierten Kultur. In Süddeutschland gibt es, meines Wissens recht spannende archäologische Funde, auch Textiles, aber dann eben eher von der Oberschicht.
     
  4. Secundus

    Secundus Aktives Mitglied

  5. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    www.hallstattzeit.de Legen Wert auf seriöse Darstellung und umfangreiche Recherche. Hab mich mal mit denen kurz unterhalten. Machten einen netten Eindruck.
     
  6. gabel

    gabel Neues Mitglied

    Hallo Corvinus,
    keltisch ist ein weiter Begriff.
    Ich habe meine Darstellung an einem bestimmten Grab festgemacht, klar datiert und mit wenigen Befunden. Damit war Zeitstellung, Kulturkreis und eben Fundstücke gegeben.
    Die Beschreibung der Befunde habe ich aus einem Buch, das der ehemalige Leiter unseres Heimatmuseums geschrieben hat und das man nicht mehr kaufen kann. Einziger Waffenfund war eine Speerspitze, offenbar eine Jagdwaffe.
    Die Gewandung habe ich an Befunden der näheren Umgebung orientiert, da es in dem Grab keine Textilreste gab. Zum Teil habe ich mich belesen, zum Teil die Ausstellung eines benachbarten Grabes, das in Bonn im Museum nachgebaut ist, angesehen, im wesentlichen aber Antworten von kundigen Leuten auf konkrete Fragen erhalten.

    Vieles selbst machen spart nicht unbedingt Geld.
    Die Kelten hatten Wolle von Schafen, die es vergleichbar heute kaum noch gibt. Entweder man kauft teuren Webloden oder man besucht einen Schäfer, der noch Schafe mit filzfähiger Wolle hat. Dann baut man sich einen Gewichtswebstuhl, spinnt die Wolle, webt die Klamotte auf das passende Maß, damit sie zusammengefilzt auch passt (die Kelten haben nicht genäht).
    Alles nicht soo einfach.

    Ich habe gerade echte Schwierigkeiten damit, dass ich meine Frau mit einem passenden Kopfschmuck versehen muss. Wird ne Weile dauern, bis ich Bronze schmieden kann...

    Ganz einfach kann man als Kelte gehen mit Oberlippenbart, einer karierten Hose aus Wolle oder Leinen, an den Füssen mit Lederriemen geschnürt und mit einem Gürtel gehalten, an dem ein Beutel hängt. Die Schuhe können Bundschuhe, sollten aber eher Schnabelschuhe sein. Muster finden sich in Hallstadt oder im Internet. Am Oberkörper trägt der Kelte ein langes Hemd mit einem Gürtel, darüber einen Mantel aus einem quadratischen Stoffstück, an der Schulter zusammengehalten von einer Art Sicherheitsnadel, in der Formgebung zeitabhängig, kann aus Eisen, Bronze oder Holz sein (letzteres ist nicht widerlegt). Mantel und Hemd können mit Bordüren gesäumt sein, deren Muster allerdings genau zu Zeitstellung und Gegend passen muss.

    Manche Kelten trugen einen Dolch, manche ein Schwert, Äxte soll es auch gegeben haben, ausserhalb meines Wissens. Aufwendig wird die Darstellung, wenn Helme, Kettenhemden oder Rüstungen angesagt sind. Grundsätzlich trug der Kelte meistens Speer, hin und wieder auch Pfeil und Bogen in unterschiedlichen Ausführungen, je nach Gegend und Zeit gab es Fusskämpfer, Reiter oder Wagenlenker. Trotz ihres kriegerischen Rufes dürften die meisten Kelten vorrangig friedliche Bauern gewesen sein, die mit dem Pflug besser umgehen konnten, als mit dem Schwert. Neben der Lebensgrundlage Landwirtschaft, verdienten sie ihren Wohlstand durch Handel, ob das friedlich, oder mit Maffiamethoden geschah, sei dahingestellt.

    Alles eine Frage von Zeitstellung, Ort und gesellschaftlicher Stellung. Angeblich trugen Druiden nur eine goldene Sichel oder einen einfachen Holzstab, im Kampf lenkten sie die Streitwagen ihres Fürsten, nicht alle Leute waren Krieger, nicht alle Kelten lebten in feindlicher Umgebung oder mussten sich als Söldner verdingen.

    Wenn man ein bestimmtes Darstellungsziel hat, sollte man sich gezielt in Museen informieren, Leute befragen, die in der gleichen Gegend Gleiches tun und das Ganze immerwieder hinterfragen :)

    Buchempfehlungen sind auch stark abhängig von Gegend und Zeit, fundiertes Allgemeinwissen vermittelt IMHO aktuell: Die Kelten in Deutschland (J. Biel, S. Rieckhoff)
    Gruss
    gabel
     

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