Reaktionen der Arbeiter/Gewerkschaften auf die Maßnahmen Krupps

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von torbus, 7. Februar 2013.

  1. torbus

    torbus Neues Mitglied

    Liebe Mitglieder des Forums,

    beschäftige mich gerade relativ intensiv mit den sozialpolitischen Maßnahmen Krupps. Mich wundert es sehr, dass ich bislang noch rein gar nichts dazu gefunden habe, wie die Arbeiter nun auf den verstärkten Wohnungsbau ab 1871 oder die anderen Maßnahmen reagiert haben. Zumindest sollte es doch positive Aussagen der Arbeiter zu den Leistungen ihres Chefs geben?! Noch mehr würde ich mich allerdings über ein Zitat freuen, das Unbehagen ausdrückt. Mir ist jedoch bewusst, dass es solche Statements wohl kaum geben wird, gingen sie doch mit Sicherheit negativ für den Beschäftigten aus. Zumindest die Gewerkschaften sollten sich doch geäußert haben, schließlich profitierten sie nicht gerade von den Maßnahmen und deren Intentionen.
    Oder darf ich das Schweigen auf Seiten der Arbeiter so deuten, dass sie es negativ sahen. Keine Äußerungen können in diesem Fall ja auch sehr aussagekräftig sein. Freue mich schon jetzt auf eure Infos.

    MfG,

    torbus
     
  2. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Die Arbeiterbewegung war damals noch nicht so strukturiert und organisiert, dass man mit offiziellen Verlautbarungen irgendeines Wortführers rechnen darf. Die Tätigkeit von Gewerkschaften und Vertretern der Arbeiterschaft wurde damals noch mit großem Misstrauen beobachtet. Man denke nur an das Sozialistengesetz von 1878. Öffentlich sichtbar wurde die Arbeiterbewegung erst ab 1890, als die ersten "Maikundgebungen" stattfanden, damals noch getarnt als gemeinschaftliche Ausflüge ins Grüne, mit der roten Nelke (die sich bis heute erhalten hat) als Symbol, da eben wegen der Sozialistengesetze das Tragen von Fahnen und Transparenten verboten war. Zudem kann ich mir vorstellen, dass die Krupp-Belegschaft damals nicht in der ersten Reihe mitmarschierte, weil Krupp schon viele Jahre vorher Maßnahmen ergriffen hatte, um seine Arbeiter abzusichern und gleichzeitig ans Unternehmen zu binden (Einrichtung einer Art "Kranken- und Sterbekasse").

    MfG
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Desweiteren war den Kruppianern die Mitgliedschaft in SPD und Gewerkschaften von Seite der Werksleitung untersagt.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bislang waren mir nur die Streikklauseln bekannt, also Kündigungsrechte der Werkswohnungen: "Exmission" bei Streikbeteiligung.

    Stammt das aus dieser Arbeit von Stemmrich zu den Kruppschen Werkswohnungen? Ritter/Tenfelde (Arbeiter im Deutschen Kaiserreich) erwähnen das mW nicht.
     
  5. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @torbus

    Ein wirklich interessantes sozialgeschichtliches Thema. Aber dazu dürfte die Literaturlage naturgemäß eher bescheiden sein. Maelonn hat die wichtigsten Gründe dazu benannt (Arbeiter schreiben keine Autobiographien) und "offizielle statements" von Gewerkschaften aus dieser Zeit wirst Du auch nur schwer finden.

    silesia benannte in #4 das Standardwerk. Vergl. auch hier:

    Arbeiteraristokratie ? Wikipedia

    Ab jetzt werde ich "schwammig". Ich würde hier starten:

    "Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus" das ist von Jürgen Kuczynski, der war ein ml Wirtschafts- und Sozialhistoriker, aber sehr "detailverliebt" und Du mußt ja nicht seine Schlußfolgerungen antizipieren.

    Jürgen Kuczynski ? Wikipedia

    Ansonsten bliebe Dir der Weg ins Krupp-Archiv, die Findhilfsmittel sind für ein Firmen-Archiv ganz o.k.:

    ThyssenKrupp Konzernarchiv - Bestandsübersicht - Archive - ThyssenKrupp AG

    Und/oder auch hier:

    Archiv der sozialen Demokratie

    Da wären die Ortsverbände interessant, da diese Deine Fragestellung bestimmt thematisierten. Ich habe aber keine Ahnung, wie der Erschließungszustand ist.

    M.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Februar 2013
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht ist der Erschliessungszustand gar nicht so schlecht. Ritter/Tenfelde weisen auf diese Arbeit von Kemmrich hin, der sich wohl speziell mit den Kruppschen Siedlungen befasst hat.

    Wesentliches Motiv - vielleicht trifft es annähernd der Vergleich mit heutigen "Goodies" wie Dienstwagen - war wegen der Wohnraumnot die Bindung mit den Werkswohnungen an das Unternehmen, um Fluktuation und Beschäftigungsengpässe im Unternehmen zu verhindern. Das nahm beachtlichen Umfang an, Ritter/Tenfelde schieben einen beträchtlichen Teil der Baukonjunktur 1870/1914 auf diese Werkswohnungen.

    Da muss es weiterhin Auswahlprozesse gegeben haben: sozusagen "Engpass-Qualifikationen", da die Werkswohnungen nun auch nicht für alle da waren und ausreichten. Die Auswahl der Werkswohnung-gebundenen Arbeiter war damit nicht deckungsgleich mit der "Grundgesamtheit" aller Werksangehörigen.

    Wie gesagt: Kemmrich scheint da viele Quellen ausgewertet zu haben.
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Das ist ein wirklich guter Tip. Denn der führt direkt in den Bestand des preußischen Finanzministeriums und Handelsministeriums. Die müssen sich ja Gedanken hinsichtlich des bilanziellen Ausweises von Werkswohnungen und der steuerlichen Behandlung gemacht haben. Jedenfalls in "Handelssachen" bis 1899 und in Steuersachen bis 1920.

    Der Erschließungszustand ist gut und die Referenten haben zu ihren Themen eifrig Informationen gesammelt (veröffentlichte Reden, Zeitungsausschnitte etc.).

    M.
     
  8. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Was den Wohnungsbau für Werksangehörige angeht, hatte das im Ruhrgebiet schon eine gewisse Tradition, als Krupp mit solchen Projekten begann. Es gab schon um 1850 eine Reihe von Zechen, die für ihre Beschäftigten Wohnungen angeboten haben. Vermutlich hatten die Arbeitgeber damals gar keine andere Wahl, weil sie in großem Maßstab Arbeitskräfte von außerhalb anwerben mussten. Nicht umsonst enden die Namen vieler urdeutscher Bewohner des Ruhrpotts noch heute mit den Buchstaben "ski". Da gibts ja bis heute den geflügelten Spruch "Dreimalski und doch kein Poll..." :pfeif:

    Zur Ausgangsfrage: Bin gerade im Internet auf ein Buch gestoßen, das sich offenbar genau damit befasst: "Alfred Krupp und die Arbeiterbewegung". Ich kenne weder das Werk noch den Autor Johann Paul, kann also nichts über die Qualität des Buches sagen. Aber sicher bietet es zumindest Ansatzpunkte für weitere Nachforschungen.

    MfG
     
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