Reiseerlaubnis im 2. Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von Schwalbe, 31. Oktober 2015.

  1. Schwalbe

    Schwalbe Gast

    Guten Abend an alle,

    ich arbeite momentan an einem Romanmanuskript, dessen Handlung teilweise im Ostpreußen des Jahres 1944 angesiedelt ist. Bei einem Punkt stehe ich - trotz ausgiebiger Recherche - allerdings völlig auf dem Schlauch: War es im Herbst 1944, trotz des von Gauleiter Koch verhängten Verbots von Evakuierungsmaßnahmen, möglich, mit der Eisenbahn in den Westen zu reisen? Brauchte man dazu zwingend eine von offizieller Stelle erteilte Reisegenehmigung oder konnte man diese umgehen, indem man beispielsweise immer nur kürzere Strecken auf einmal zurücklegte?
    Es wäre prima, wenn mir jemand auf die Sprünge helfen könnte ...
    Schon jetzt herzlichen Dank für Ihre/Eure Hilfe!

    Viele Grüße,
    Judith
     
  2. Monika

    Monika Gesperrt

    Ich denke, es kommt darauf an, WER reisen wollte. Ist es eine Person mit hohem Rang dann war es sicher kein Problem. Ist es aber ein gewöhnlicher Bürger, dann war es sicher sehr schwierig.
    Aber ich kann mich jetzt auch irren. Vielleicht kann dir jemand besser weiterhelfen?
     
  3. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Die Fahrkarten der Reichsbahn in Ostpreußen wurde nur gegen Vorlage der Reisegenehmigung verkauft. Die Reisegenehmigung bekam man üblicherweise schnell und problemlos, wenn einem dringende familiäre Angelegenheiten in den Westen riefen. Ein Brief der Verwandtschaft - auch der zukünftigen Verwandtschaft oder der weit entfernten Verwandtschaft - hat gereicht. Das war nach dem Verhängen des Fluchtverbots auch der üblichste Weg vor dem Winter 1945 aus Ostpreußen rauszukommen. Das galt selbstverständlich nur für Reichsdeutsche, Staatsangehörige oder Ausländer erhielten keine Reisegenehmigungen mehr. (Mit dem Konstrukt Reichsdeutsch-Staatsdeutsch-Ausländer aus dem Reichsbürgergesetz lohnt sich im Zusammenhang mit Ostpreußen die Auseinandersetzung sicherlich :winke: )

    Ein Aneinanderstückeln der Fahrkarten halte ich für schwierig. Die Reisen wurden aufgrund des Fluchtverbots ja erfasst und die Kontrollen in den Zügen waren streng. Dann lieber ein anderes Verkehrsmittel.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    In bezeichneten "Zonen" hinter der Heeresgruppe Mitte (so auch den zwei Armeen an der ostpreußischen Grenze) gab es Ende 1944 auch s.g. ALRZ: "Auflockerungs- und Räumungszonen", mit organisierter Räumung.

    - der Betrieb der Reichsbahn war stark durch die militärischen Transporte belastet.

    - die Rückkehr von Frauen und Kindern in die ALRZ war durch Anordnung von Gauleiter Koch seit dem 17.12.1944 untersagt.

    - Betriebe wurden abgebaut und inkl. Arbeitskräfte nach Westen verlagert. Ebenso landwirtschaftliche Güter.

    - die HG definierte "kriegswichtige" Betriebe (zB Sägewerke, Baubetriebe). Die dort arbeitenden Personen konnten nicht abreisen.

    - kleinere frontnahe Evakuierungsmaßnahmen (in Tiefe rund 30 km) wurden direkt in den "Reichseinsatz" überstellt.

    Bei dem Räumungsverbot Kochs geht es um größere "Tiefen" des Armee-Rückraums, bzw. um eine generelle Räumung. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Bildung von Volkssturmeinheiten anlief, wofür man auf die männliche Bevölkerung zugriff.
     
  5. Schwalbe

    Schwalbe Gast

    @Monika, Lili, silesia: Vielen Dank für Eure Antworten.

    Habe ich das richtig verstanden, dass eine Fahrkarte also grundsätzlich nur unter Vorlage einer Reiseerlaubnis ausgestellt wurde? Also auch, wenn man, sagen wir mal, nur mit der Kleinbahn ins Nachbarstädtchen fahren wollte, um Onkel Fritz zum 70. zu gratulieren?

    Ich bin davon ausgegangen, dass eine Reiseerlaubnis nur innerhalb der Ostgebiete bzw. zum Verlassen dieser benötigt wurde. Sobald man "Im Reich" war, konnte man sich doch (sofern überhaupt ein regelmäßiger Zugverkehr stattfand) frei bewegen, oder?

    Schöne Grüße,
    Judith
     
  6. Monika

    Monika Gesperrt

    Hallo Judith,
    ich hatte es falsch vermutet, aber Lili hat dir ja sicher schon ausreichend beantwortet.
    Villt. weis jemand noch hier etwas genaueres?
    Ich habe es so verstanden, dass man mit einer Reisegenehmigung auch außerhalb Ostpreußens fahren durfte. Aber forsche lieber nochmal genau nach.
    Ich habe mich noch nicht mit diesem Thema umfangreich beschäftigt.
    Villt. kann dir Lili oder silesia noch ausführlicher antworten?

    Lieben Gruß
    Monika
     
  7. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Reisegenehmigung - Reiseerlaubnis war die Nomenklatur der DDR. ;) Für die Benutzung der Reichsbahn war in Ostpreußen eine Reisegenehmigung erforderlich, auch wenns nur nach "nebenan" ging und auch wenn es nur mit einer Tertiärlinie war.

    Nein. Es mag sein, dass man in dem ein oder anderen Teil des Reichs auch 1944 noch das Gefühl hatte, dass man sich frei bewegen könne, aber dem war nicht so. In Wahrheit konntest oft noch nicht mal unbehelligt mit dem Radl irgendwo hin fahren.
     
  8. Schwalbe

    Schwalbe Gast

    Das ist zwar nicht die Antwort, die ich mir erhofft hatte ... aber trotzdem vielen Dank dafür. Dann muss ich mir wohl einen Plan B überlegen.

    Schöne Grüße
    Judith
     
  9. Monika

    Monika Gesperrt

    Eigentlich ist doch Lili auf deine Frage eingegangen? Oder hattest du noch eine andere Frage? Welche Antwort hast du dir denn erhofft? Noch eine Frage zum Gauleiter Koch?

    LG Monika
     
  10. Schwalbe

    Schwalbe Gast

    Nein, alles gut ;-). Sachlich war Lilis Antwort perfekt.
    Ich hatte nur gehofft, für meine Protagonistinnen doch noch ein Schlupfloch zu finden und sie ohne Reisegenehmigung aus Ostpreußen rauszukriegen.

    Schöne Grüße
    Judith
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wie oben erwähnt, könnte diese Reisegenehmigung dadurch obsolet gewesen sein, dass eine Person in den ALRZ bzw. im rückwärtigen Frontraum von 30 km Tiefe ansässig war. Hier griffen die Heeresgruppenbefehle, die eine "Auflockerung" oder Räumung vorsahen, mit Ausnahme "kriegswichtiger" Funktionen.

    In den Räumen wurden auch landwirtschaftliche Betriebe geräumt, das Vieh und Erntebeständebestände requiriert oder rückwärtig verbracht. Dortigen Personen war schon deswegen der Verbleib nicht möglich.
     
  12. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Dazu gab es noch ein Hindernis, 1944, besonders Ende '44 war "mal eben" Eisenbahn fahren eh nicht mehr, da viel Infrastruktur zerstört war. Ich schau mal ob ich den Bericht meiner Großtante über ihre Verlegung in den Westen noch finde und rekapituliere ihn grade nur mal aus meiner Erinnerung. Sie war Ende '44 in einer BDM/RAD-Einheit, die dann von Brodnica (damals Strasburg in Westpreußen) nach Westen verlegt wurde. Den Ankunftsort hab ich leider nicht mehr im Kopf. Es ging, bei Tiefschnee für die Gruppe erstmal mit dem Pferdeschlitten fürs Gepäck und zu Fuß zur Bahnstation, ab da dann mit dem Zug voran, häufig mit langen Stationen auf Abstellgleisen. Da viele Brücken zerstört waren mussten sie häufig über behelfsmäßige Fußbrücken über die Flüsse. Immer wieder wurde die Zugfahrt wegen Fliegeralarm unterbrochen und alle mussten den Zug verlassen.
     
  13. Monika

    Monika Gesperrt

    Vielleicht über Schleichwege, die schwer auszumachen waren, oder durch Dickicht fliehen konnten?
    Wäre das überhaupt möglich gewesen?
    Ich denke aber nicht, oder?
     
  14. Schwalbe

    Schwalbe Gast

    Vielen Dank für Eure Überlegungen.

    @Silesia: Ort der Handlung ist Wehlau bei Königsberg, also im Herbst '44 noch nicht in nächster Frontnähe.

    @YoungArkas: Ja, das mit den zunehmenden Schäden im Eisenbahnnetz ist wirklich ein Argument. Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Andererseits berichtete z. B. Marianne Peyinghaus in den Briefen, die sie in den Jahren'41-'44 aus Ostpreußen schrieb, bis in den Spätsommer '44 hinein von (Vergnügungs-)Fahrten mit der Eisenbahn, z. B. nach Königsberg.
    Von A nach B schien man - irgendwie - ja zu kommen, wenn auch unter so widrigen Umständen wie Deine Großtante berichtet hat. Das größte Problem scheint wirklich die Reisegenehmigung zu sein.

    Schöne Grüße
    Judith
     

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