Revolution von 1918/19: Verpasste Chance eines Neuanfangs?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Faunia, 8. Mai 2016.

  1. Faunia

    Faunia Neues Mitglied

    Gewiss gab es Gründe, dass die Revolution, die den Obrigkeitsstaat ablöste, eine gebremste war (z.B. der Grad der Demokratisierung und Industrialisierung, es herrschte auch bereits der Kapitalismus oder dass eine Räterepublik generell in Zeiten des Umbruchs sehr lange dauert). Es hatte sich aber eine parlamentarische Demokratie und keine Räterepublik durchgesetzt, auch wenn die provisorische Regierung die Monate nach den Aufständen auch aus den Arbeiter-und Soldatenräten bestand.

    Inwiefern aber kann man diese Revolution als verpasste Chance eines Neuanfangs bezeichnen, sie als "unvollständig" bezeichnen; bzw. was wären Möglichkeiten(/Grenzen) gewesen?

    Ich hätte folgende Punkte:
    - bis zum Sommer 1918 wurde die Außenpolitik noch von den Beamtenschaft des Kaiserreichs ausgeübt; Führungspositionen generell (Hindenburg ab 1925 Reichspräsident)
    - in der Weimarer Verfassung hat der Reichspräsident die Macht eines Ersatzkaisers
    - Beibehaltung der alten Rechtsordnung
    - mangelnde Entmachtung des Militärs

    ...
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Gegenfrage: Gibt es denn eine oder die "Standard-normal-Revolution"? Gut, es gibt sie nicht und das verweist auf eine durchaus zutreffende Sicht im Rahmen des Historischen-Materialismus, das zu jeder Zeit die konkreten Bedingungen zu bewerten sind und entsprechenden politischen Strategien zu realisieren sind. Eventuell auch im Rahmen einer "Revolution".

    Wobei allerdings gerade mit Marx noch eingeschränkt werden sollte, dass die "naive" Vorstellung - die sich auch teilweise bei Lenin etc. findet- man könne eine "sozialistische Revolution machen", irreführend ist und einer der "Geburtsfehler" der Sowjetrepublik war.

    Man kann durchaus einen politischen Wechsel erzwingen, aber die politische Strategie und die damit verbundenen Ziele der Arbeiterklasse ist an die Entwicklung der Produktivkräfte gebunden, so zumindest Marx. Nicht umsonst hat er dem Proletariat empfohlen, auf diesem Weg mit dem aufgeklärten reformorientierten Bürgertum zusammen zu arbeiten.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die Strategie des politischen und sozialen Wandels in der Weimarer Republik 1918/19 eine durchaus sinnvolle und maßvolle Strategie. Radikalere Abweichungen von dieser integrativen und defensiven Strategie hätten in einem deutlich höheren Maße und Umfang die Anfänge eines Bürgerkriegs (Kapp-Putsch etc.) eskalieren lassen können.

    Es gab keine "verpaßten Chancen", aber es gab sicherlich ein Entscheidungsspielraum, der anders genutzt hätte werden können. Aber das ist in der Regel "lediglich" Spekulieren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Mai 2016
  3. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    und warum hättens die alte Rechtsordnung nicht beibehalten sollen?
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Merkwürdige Frage angesichts der katastrophalen Kriegsfolgen, dem Elend 1918/19 (von den Hungerwintern zuvor ganz zu schweigen), der erstmal abtauchenden Eliten 1918/19, dem Militarismus, dem Obrigkeitsmief der Exekutive und den notdürftig überdeckten sozialen Spannungen im Kaiserreich.
     
  5. hacege

    hacege Neues Mitglied

    Wäre es nach den "aufrührerischen Kräften" gegangen, so wäre am Ende der Revolution so etwas wie die "Sozialistische Räterepublik Deutschland" mit einer wahrscheinlich weitgehend verstaatlichten/vergesellschafteten/sozialisierten Wirtschaft gestanden. Wie genau dieser Staat ausgesehen hätte, ist - weil nie real passiert - Spekulation.

    Die Antwort liegt im (politischen) Auge des Betrachters: Was dem einen eine verpasste Chance ist dem anderen verhindertes Unglück.

    Das beschreibt jetzt allerdings vorwiegend Punkte, die die langfristig instabile politische Lage innerhalb der Weimarer Republik begründen.

    Wenns darum gehen soll, warum eine über die Grenzen einer parlamentarischen Republik hinausgehende Revolution 1918/19 gescheitert ist, dann biete ich vorerst folgende (kursorische und unvollständige) Gedankengänge an:
    a) die obrigkeitshörig-duckmäuserische Alltags- und Leitkultur des vormaligen Kaiserreichs war ungebrochen
    b) der "Elan der revolutionären Massen" war endenwollend: einem Teil genügte der sprichwörtliche "Spatz in der Hand"
    c) das "Schisma der Arbeiterbewegung" und die Rolle/Parteinahme der (M)SPD schwächte derartige Bestrebungen.

    Sollten Sie für die unter a) und b) angerissenen Gedanken näher interessieren, so empfehle ich u.a. die Auseinandersetzung mit Antonio Gramsci.
     

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