Rezipientendesign in der antiken Rhetorik

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Altertum" wurde erstellt von emniya, 22. Juli 2010.

  1. emniya

    emniya Gast

    Hallo!

    Ich schreibe eine Arbeit über Rezipientendesign würde auch gerne etwas über mögliche Anfänge des Rezipientendesigns in der antiken Rhetorik in meine Arbeit aufnehmen.

    Gibt es hier jemanden, der sich mit den Überlieferungen der Reden, die vor Publikum gehalten wurden, auskennt und mir die Frage beantworten kann, ob diese Reden auf die Zuhörer zugeschnitten waren (also in Wortwahl, Stil usw.) oder ob es eher Monologe waren, die keine Maßschneiderung für Zuhörer erkennen lassen?
    Rezipientendesign bedeutet grob, dass man Annahmen über das Wissen des Zuhörers trifft und danach seine Gesprächsbeiträge hinsichtlich Sprache, Stil, Wortwahl, Informationsgehalt gestaltet. Wurden zB Sachverhalte für die Zuhörer erklärt, bevor darüber debattiert wurde oder hätte man als einfacher Bürger niemals alle Verweise, Anspielungen, Namen etc. verstanden?

    Ganz toll wärs, wenn jemand dafür noch eine Quelle hätte oder mich an einen Spezialisten (Professor z.B.) verweisen könnte.

    Vielen Dank im Voraus
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Als echte Reden kann man z.B. die Reden Ciceros klassifizieren. Daneben gibt es noch die in antiken und mittelalterlichen Quellen vorkommenden Reden als Stilmittel des Historiographen, die dem thukydideischen Prinzip entsprechen: Reden werden nicht so wiedergegeben, wie sie wirklich gehalten wurden, sondern wie sie im Prinzip hätten gehalten werden können, ganz gleich, ob wirklich eine Rede gehalten wurde oder ob der Historiograph seinen eigenen Sermon etwas auflockern möchte. So gibt z.B. Tacitus im Bezug zur Schlacht an den pontes longi eine Rede des Arminius wieder, die im doppelten Sinne "rezipientendesignt" ist: Zunächst einmal spricht der literarische Arminius seine literarischen Untergebenen an. Sinngemäß: "Seht Varus, der uns ein zweites Mal in die Falle gegangen ist", zum anderen Tacitus, der seinen Lesern sagt: "Schaut, Varus und Caecina waren in derselben Situation, aber Varus hat's falsch gemacht, während Caecina zwar Verluste erlitt, aber durch Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung seiner Autorität aus derselben Situation erfolgreich herausgekommen ist."
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Auch bei den Reden Ciceros muss man aber bedenken, dass sie nicht so gehalten wurden, wie sie veröffentlicht wurden und uns heute vorliegen. 5 seiner Reden gegen Verres hat er nicht einmal gehalten, weil Verres vor Prozessende freiwillig ins Exil ging, sondern nur noch für die Publikation verfasst. Aber auch die anderen Reden wurden wohl für die schriftliche Ausgabe mehr oder weniger überarbeitet. Wenn man also Ciceros Reden studiert, muss man bedenken, dass Cicero beim Verfassen nicht nur die Hörer der mündlichen Version, sondern auch die Leser der schriftlichen Ausgabe vor Augen hatte.
     
  4. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

  5. emniya

    emniya Gast

    Hach, super, vielen Dank!
    Ich denke, so nach einem ersten schnellen Blick, dass mir das schon um einiges weiterhilft. Werde gleich nochmal genauer schauen.

    Dankeschön =)
     

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