AlexandrusMaximus

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Hallo Leute,
kommt es mir nur so vor oder ist die römische Königszeit eine häufig übergangene Epoche in der Geschichtsschreibung? Man findet dazu wenig, teils gar nichts, im Vergleich zu anderen Epochen. Titus Livius erzählt als einer der wenigen unter anderem in seinen Werken „Ab urbe condita“ über die Stadt Rom unter etruskischer Herrschaft und deren Anfänge, jedoch meine ich, dass dies eine ziemlich unterschätzte Epoche der römischen Geschichte sei. Was meint ihr?
 
Über die römische Königszeit weiß man leider kaum etwas. Das war schon in der Antike so: Die römische Geschichtsschreibung begann erst im 3. Jhdt. v. Chr. Die Königszeit endete der Überlieferung nach bereits 510/509 v. Chr., nach Ansicht mancher moderner Forscher vielleicht auch erst Mitte des 5. Jhdts., aber jedenfalls mindestens 200 Jahre vor Beginn der Geschichtsschreibung. In der Zeit davor gab es nur dürre amtliche Annalen, die (soweit sie die Königszeit und frühe Republik behandelten) vermutlich bei der Zerstörung Roms durch die Gallier verlorengingen. Somit hatten schon die antiken Autoren über die Königszeit so gut wie keine halbwegs gesicherten Informationen. Insofern ist das, was insbesondere Livius und Dionysios von Halikarnassos (der neben Livius meist vergessen wird) über die Königszeit schrieben, eh sehr ausführlich - aber leider großteils ohne historische Glaubwürdigkeit.
Ein großer Teil dessen, was sie schrieben, besteht obendrein aus Rückprojektionen: Römische Institutionen (Kultus, Gesellschaft, Militär), die in historisch gesicherter Zeit bestanden, wurden auf Ursprünge in der Königszeit zurückgeführt, insbesondere den Königen Numa Pompilius und Servius Tullius als Schöpfern zugeschrieben. In Wahrheit ist das alles ungesichert.

Und heute? Was sollten moderne Wissenschaftler wissen können? Neben den unglaubwürdigen antiken Quellen sind sie auf archäologische Funde angewiesen, aber sie geben zur Königszeit auch nicht gerade viel her.

In Wahrheit wissen wir über die Königszeit wesentlich weniger als Livius & Co. suggerieren, und das lässt sich auch nicht ändern.
 
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Über die römische Königszeit weiß man leider kaum etwas. Das war schon in der Antike so: Die römische Geschichtsschreibung begann erst im 3. Jhdt. v. Chr. Die Königszeit endete der Überlieferung nach bereits 510/509 v. Chr., nach Ansicht mancher moderner Forscher vielleicht auch erst Mitte des 5. Jhdts., aber jedenfalls mindestens 200 Jahre vor Beginn der Geschichtsschreibung. In der Zeit davor gab es nur dürre amtliche Annalen, die (soweit sie die Königszeit und frühe Republik behandelten) vermutlich bei der Zerstörung Roms durch die Gallier verlorengingen. Somit hatten schon die antiken Autoren über die Königszeit so gut wie keine halbwegs gesicherten Informationen. Insofern ist das, was insbesondere Livius und Dionysios von Halikarnassos (der neben Livius meist vergessen wird) über die Königszeit schrieben, eh sehr ausführlich - aber leider großteils ohne historische Glaubwürdigkeit.
Ein großer Teil dessen, was sie schrieben, besteht obendrein aus Rückprojektionen: Römische Institutionen (Kultus, Gesellschaft, Militär), die in historisch gesicherter Zeit bestanden, wurden auf Ursprünge in der Königszeit zurückgeführt, insbesondere den Königen Numa Pompilius und Servius Tullius als Schöpfern zugeschrieben. In Wahrheit ist das alles ungesichert.

Und heute? Was sollten moderne Wissenschaftler wissen können? Neben den unglaubwürdigen antiken Quellen sind sie auf archäologische Funde angewiesen, aber sie geben zur Königszeit auch nicht gerade viel her.

In Wahrheit wissen wir über die Königszeit wesentlich weniger als Livius & Co. suggerieren, und das lässt sich auch nicht ändern.

Stimmt im Kern, man darf aber, wie ich finde, auch nicht unterschätzen, dass selbst „unzuverlässige“ Überlieferungen noch Hinweise auf reale Entwicklungen enthalten können. Gerade durch Kombination von Archäologie, Sprachwissenschaft und vergleichender Frühgeschichtsforschung lässt sich zumindest ein grober Rahmen rekonstruieren. So kann man frühe Machtstrukturen und kulturelle Einflüsse (wie die der Etrusker und der Griechen) halbwegs plausibel einordnen.

Es existieren heutzutage wahrscheinlich auch keine großen, nennenswerten historischen Ausarbeitungen bezüglich dieser Zeit, weil die Quellenlage durchaus zu dünn für manche ist, was meiner Meinung nach sehr schade ist! Ganz ohne Forschung ist die Zeit ja nicht, nur eben meist sehr spezialisiert und vorsichtig formuliert, weil die uns vorliegende Quellenlage keine großen zusammenhängenden Darstellungen rekonstruieren lässt. Gerade deshalb ist die Phase aber eigentlich spannend!
 
Ja, "können". Halbwegs gesicherte Informationen lassen sich so aber trotzdem kaum gewinnen.
Bei "Kombinationen" unterschiedlicher Disziplinen sollte man besonders vorsichtig sein. Sonst kann es leicht passieren, dass man z.B. archäologische Funde so interpretiert, dass sie mit der schriftlichen Überlieferung zusammenpassen, und sie dann als Beleg für die Richtigkeit der schriftlichen Überlieferung verwendet.

Man vergleiche etwa zwei Publikationen zum frühen Rom:
Robert Ogilvie interpretierte in "Das frühe Rom und die Etrusker" (aus der Reihe "dtv-Geschichte der Antike") archäologische Funde gerne im Lichte der schriftlichen Überlieferungen (denen er hohe Zuverlässigkeit zubilligt) und wertete sie als Bestätigungen für die schriftlichen Überlieferungen. Methodisch ist das ein problematischer Ansatz. Man sollte Funde erst einmal unvoreingenommen interpretieren.
Luciana Aigner-Foresti ist in "Die Etrusker und das frühe Rom" (aus der Reihe "Geschichte kompakt - Antike") wesentlich zurückhaltender.
Entsprechend ihren unterschiedichen Ansätzen vermeinte Ogilvie somit wesentlich mehr über die Königszeit zu "wissen" als Prof. Aigner-Foresti, die ihr Buch 20 Jahre später schrieb.
 
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Ja, "können". Halbwegs gesicherte Informationen lassen sich so aber trotzdem kaum gewinnen.
Das stimmt, das hat keiner bestritten!

Tatsächlich bin ich bei meiner Recherche auf Luciana Aigner-Foresti und ihr Werk gestoßen. Das war eine der wenigen Ausarbeitungen, die ich zur römischen Regalzeit finden konnte, und immer nur im Zusammenhang mit den Etruskern (logisch, da eins das andere sehr beeinflusste).

(denen er hohe Zuverlässigkeit zubilligt) und wertete sie als Bestätigungen für die schriftlichen Überlieferungen
Archäologische Funde können womöglich schriftliche Überlieferungen weiter untermauern. Der vorsichtigere Ansatz wirkt oft unbefriedigender, ist aber, wie Sie bereits sagten, wissenschaftlich sauberer. Am Ende hängt vieles in der Forschung stärker an der Methodik als an den Funden selbst. Wenn man Archäologie primär als Bestätigungsinstrument für literarische Traditionen nutzt, kommt zwangsläufig ein „volleres“ Bild heraus, was aber nicht unbedingt wissenschaftlich belastbar ist. Insofern zeigt Ihr Vergleich Ogilvie vs. Aigner-Foresti eigentlich ganz gut, wie stark unser Bild der Geschichtsschreibung davon abhängt, wie viel Unsicherheit man als Forschender bereit ist, auszuhalten.
 
Es scheint regional unterschiedliche Zugänge zu geben. Im angelsächsischen Raum scheint man den Überlieferungen zum frühen Rom größere Zuverlässigkeit zuzubilligen als (heutzutage) im deutschen Raum.
(Aigner-Foresti ist zwar Italienerin, wurde aber in Österreich ausgebildet und wirkte auch hauptsächlich in Österreich.)
 
Es scheint regional unterschiedliche Zugänge zu geben. Im angelsächsischen Raum scheint man den Überlieferungen zum frühen Rom größere Zuverlässigkeit zuzubilligen als (heutzutage) im deutschen Raum.
Spannend, das wusste ich auch noch nicht. Wissen Sie, wieso genau das so ist? Ist das im angelsächsischen Raum einfach üblicher? Das heißt nicht zwingend, dass eine Seite „richtiger“ liegt, aber es beeinflusst massiv, wie dicht oder wie lückenhaft das rekonstruierte Bild am Ende ausfällt.
 
Archäologie befasst sich i.d.R. mit kleinteiligen Dingen. Also den Ergebnissen einer Grabung bzw. Reiche von Grabungen. Da ist zunächst einmal ein Schnitt, in dem Schnitt hat man Funde gemacht und Befunde dokumentiert. Die datiert man. Da hat man vielleicht ein Gebäude (bzw. einen Ausschnitt davon). Flächengrabungen oder wiederholte Gelegenheiten Schnitte in der Nähe von Altgrabungen anzulegen vervollständigen u.U. das Bild.
Das ist natürlich nichts, womit sich Archäologen zufrieden geben, denn auch die Archäologie ist ja eine Kulturwissenschaft, am Ende möchten die Archäologen etwas über die Menschen erfahren, nicht über den Scherben, sondern über seinen Produzenten. Aber Anspruch und Alltagspraxis gegen da doch ein wenig auseinander. (Das klingt etwas archäologenfeindlich, ist aber überhaupt nicht so gemeint). Der Anspruch: Mittels Archäologie mehr über unsere Vorfahren/den Menschen als zeitgebundenes Subjekt zu erfahren. Die Realität: Eine Masterarbeit über die Befunde einer Altgrabung. Mit viel Glück lässt sich in a wider scale - in größerer Skalierung - etwas über Wirtschafts- und Sozialbeziehungen herausfinden. Viel mehr sehe ich nicht, was die Archäologie zur römischen Königszeit beitragen kann. Ich revidiere meine Haltung wenn man das Grab eines Mannes findet mit einer feuerverkrüppelten rechten Hand.

Sprachwissenschaft befasst sich mit Sprache (ach?!?). Die Teilgebiete der Etymologie und Historiolinguistik mit dem inneren und äußeren Sprachwandel (Etymologie mit dem Bedeutungswandel und seiner Motivierung, Historiolinguistik mit dem Lautwandel), die Toponomastik mit Toponymen, Hydronymen, Oronymen etc. (Ortsnamen, Gewässernamen, Gebirgsnamen). Auch hier ist am Ende wieder das Interesse am Menschen, der dahinter steht, dem zeitgebunenen Subjekt, ausschlaggebend. Aber auch hier sehe ich nicht, dass uns das der römischen "Regalzeit" (ich verstehe den Begriff, finde ihn aber irgendwie - sorry - befremdlich, da ich bei Regal nun mal in erster Linie nicht an rex, regis und die Regalien denke, sondern an das Möbel, in dem meine Bücher stehen - vermutlich hat das aber seinen etymologischen Ursprung darin - jetzt grätscht bestimmt @Sepiola hier herein und weist nach, dass es ein Homonym mit einem ganz anderen Etymon ist; auch das spanische regalo ('Geschenk') dürfte damit zusammenhängen, was der König einem Untertanen als Lehen oder Privileg überließ - habe ich auch nicht geprüft, halte ich aber für eine ausreichend plausible These) weiterhilft.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich sehe noch nicht, mit welchen Methoden uns Archäologie und historische Sprachwissenschaft bei der historischen Erforschung der römischen Königszeit dienlich sein sollen. Allenfalls vielleicht ein Toponym in Latium, welches auf einen Personennamen der Königszeit zurückgeht - gibt es solche?
 
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