Roland Freisler/Volksgerichtshof

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von florian17160, 31. Januar 2005.

  1. Dernburg

    Dernburg Neues Mitglied

    Wie gnadenlos er war, zeigen die Zahlen. 1943 entfielen von den 1662 Todesurteilen des Gerichts mit sechs Senaten 709 auf den ersten unter seinem Vorsitz. Die Urteile schrieb er immer selbst. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, und Freisler war sein williger Helfer. Auch beim nichtigsten Anlass.

    »Fräulein«, hatte da einer 1943 auf der Straße zu einer jungen Frau gesagt, »der Duce ist im Gefängnis, mit Hitler wird es nicht anders gehen.« Das reichte. Oder: »Seit dem Schwindel mit dem Reichstagsbrand habe ich gewusst, dass es so kommen werde, denn auf die Dauer ist ein solches Lügenspiel nicht möglich«, auf einem kurzen gemeinsamen Spaziergang zu einem anderen, 1944. Ebenfalls Todesstrafe.

    Er hat insgesamt 2600 Todesurteile gefällt.
    (Quelle: Die Zeit)
     
  2. Dernburg

    Dernburg Neues Mitglied

    Insgesamt wurden im Dritten Reich 155 Tausend Todesurteile gefällt
     
  3. Mercy

    Mercy unvergessen

    Genauer:
    http://www.zeit.de/2005/06/A-Freisler?page=all
     
  4. Dernburg

    Dernburg Neues Mitglied

    Ingo Müller hat ein Buch darüber geschrieben mit dem Titel: "Furchbare Juristen"

    Weitere furchbare Juristen neben Freisler waren:

    Werner Best, Justitar der Gestapo und später Reichsbevollmächtigter in Dänemark

    Hans Frank, Reichsrechtsführer und Generalgouverneur in Polen

    Hans Kerrl, preussischer Justizminister und später Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten

    Schlegelberger, Staatssekretär im Reichsjustizminister

    Gürtner bis 1941 Reichsjustizminister

    Reichsgerichtspräsident Bumke

    Oberreichsanwalt Werner

    Reichsjustizminister Thierack bis 1945 (Selbstmord)

    Carl Schmitt, ideologischer Rechtsvordenker der Nazis

    Viele Juristen, die ihren Arbeit der Nazis stellten, kamen nach 1945 ungeschoren
    davon, und sind in der Bundesrepublik weiterhin als Richter und Staatsanwälte tätig gewesen.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Besonders makaber war der Fall von Roland Freislers Witwe, denn die bekam eine Rentenerhöhung ausbezahlt, weil der Herr Gemahl ja vermutlich in der BRD weiter Karriere gemacht hätte.

    kein einziger deutscher Richter oder Staatsanwalt wurde jemals wegen Rechtsbeugung zur Verantwortung gezogen. Die meisten machten Karriere, so Staatssekretär Globke, der den Kommentar der Nürnberger Gesetze verfasst hatte und Filbinger, der als Marinerichter noch nach Kriegsende junge Matrosen zum Tode verurteilt hatte.

    "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein", so argumentierte Filbinger bis zum Ende seines Lebens. Rolf Hochhuth nannte ihn einen "furchtbaren Juristen".
     
  6. Piotr

    Piotr Mitglied

    Roland Freisler

    Die Frage gehoert in die Kategorie " was waere wenn" aber in der Geschichte kein Einzelfall.

    Wenn Roland Freisler den Krieg ueberlebt haette und er vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagt waere, was haette man ihm vorwerfen koennen als Jurist?

    Er hat ja nicht wie meisten Hauptkriegsverbrecher direkt jemanden umgebracht, sondern er hat Leute aufs Schafott unter dem Vorwand das Sie gegen das Nazirecht verstossen haetten geschickt.
     
  7. Was man ihm hätte vorwerfen können und warum zu befürchten ist, dass ihm nichts vorgeworfen worden wäre, kann man da lesen: Im Namen der Gerecht: | Nachrichten auf ZEIT ONLINE Schließlich erhielt seine Witwe auch eine hohe Pension, weil unterstellt wurde, er hätte lebendig weiter hohe Justizämter bekleidet.
     
  8. Piotr

    Piotr Mitglied

    Danke fuer die schnelle Antwort.
    Traurig.
    Soviel ich weiss gibt es ein sogenanntes " Naturgesetz" bedeutet, das jeder Jurist nach sogenanten ethischem empfinden seine Urteile geben soll. Wenn also in Nazideutschland die Richter die Befehle haetten alle Juden rechtlich zu toeten, dann wuerden sie gegen das Naturgesetz verstossen und man koennte sie zur Verantwortung ziehen.

    Ich verstehe das nach dem Krieg es einen grossen Mangel an Juristen gab und nicht alle Anwaelte die in der Hitlerzeit regiert haben automatisch Nazis waren, aber meine Frage:

    Wie sehr hat es das Nachkriegsdeutschland interessiert ob jemand ein "NAZI" war oder nicht???

    Dem Artikel entnehme ich das nicht so sehr, aber ich weiss das man nicht alles glauben soll was die Medien veroeffentlichen.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wir haben einge Threads zu diesem Thema, die Dich vielleicht interessieren:
    http://www.geschichtsforum.de/f46/aufarbeitung-der-geschichte-1933-45-den-50ern-und-60ern-22785/
    http://www.geschichtsforum.de/f46/e...e-schonung-von-andenauers-rechter-hand-11370/
    http://www.geschichtsforum.de/f66/drittes-reich-und-funktionselite-22608/
    http://www.geschichtsforum.de/f66/globkes-widerstand-6952/

    Eine besondere Zäsur ist auch das Jahr '68 - wobei das zuletzt etwas angezweifelt wird. Von daher könnte auch in den Threads zum Jahr 1968 die eine oder andere Äußerung zu finden sein. Achte besonders mal auf Mitglied Repo, der war damals (also '68) jugendbewegt involviert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. August 2008
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Jedenfalls hat seine Witwe von der BRD eine stattliche Rente bezogen, unter der Begründung, dass Freisler in der BRD weiter hätte Karriere machen können, ganz wie die Herren Globke, Filbinger, Gehlen oder Schleyer.

    Es ist kein einziger Richter oder Staatsanwalt jemals wegen Rechtsbeugung verurteilt worden, denn "was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein".

    Von den Angehörigen von Freislers Opfern hat übrigens keiner etwas bekommen.
     
  11. Piotr

    Piotr Mitglied

    Das ist vielleicht eine Frage an Juristen, aber was haetten den zb. die Angehoerigen in Deutschland fuer eine Chance, wenn sie Freisler nach dem Krieg anklagen wuerden? (natuerlich wenn er leben wuerde)

    Er hat ja wie gesagt nur das Recht vertreten.

    Gab es nach dem Krieg faelle in Deutschland wo Uni-Professoren, Anwaelte und befuerworter auf hohen Positionen, die WEIL sie eben pro-Hitler und Nazideutschland waren zur Verantwortung gezogen wurden?
     
  12. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Doch. Ein einziger wurde verurteilt. Bleibt aber schlimm genug.

    Volksgerichtshof ? Wikipedia
     
  13. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Es gab Versuche einzelne Täter anzuklagen. Hier ein Auszug aus einer Arbeit von mir über die Rote Kappelle:


     
  14. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Es ist hier OT:
    Es war ein oft angewandtes Mittel, dass Mitglieder oppositioneller Gruppen der Spionage bezichtigt wurden.
    Gab es weiter keinen Ärger mit der Bevölkerung, "Spione werden überall hingerichtet".

    Jeder ehem. Landser hat einst (in den 60ern und 70ern) erzählt: "Bei uns war alles verraten". Jeder hat irgendwann mitbekommen, dass da etwas nicht stimmen konnte.
    Und die Erklärung hat auch jeder gleich gehabt, es wurden ja unheimlich viele Spione hingerichtet.

    Nur waren die meisten keine Spione, die Alliierten wussten Dank der Entschlüsselung der Enigma eigentlich alles.
    Vermutlich haben die Nazis mit diesem "Trick" Oppositionelle der Spionage zu bezichtigen, die Aufdeckung dieser Tatsache verhindert.

    Hat das Opfer dieser vielen Menschen vermutlich doch noch erheblich zur Beseitigung der Nazis beigetragen.
     
  15. Der exakte Begriff heißt Naturrecht. Im Großen, Ganzen hast du schon recht mit deiner Auslegung. Richter haben auch übergesetzliches Recht zu beachten, z.B. im Fall Freisler auch die Weimarer Verfassung, die formell immer noch in Kraft war.
    Der Straftatbestand, der in erster Linie in Frage gekommen wäre, ist die Rechtsbeugung. Wenn du es dir antun willst, kannst du mal den Wikipedia-Artikel lesen und vielleicht sogar eines der dort zitierten Urteile.
    Rechtsbeugung ? Wikipedia
    Jedenfalls kann man dort am Beispiel der Nazi-Juristen sehen, wie mit der Rechtsbeugung umgegangen wird, wenn man seinen Berufskollegen eher nichts tun will ("Krähen-Comment"), und wie, wenn man will, am Beispiel der DDR-Juristen.
     
  16. Piotr

    Piotr Mitglied


    Ich wiederhole meine Frage vom Anfang, was hat Nachkriegsdeutschland fuer Schritte unternommen um Nazis zu bekaempfen?

    In der Justiz hat es nicht funktioniert. Wie sieht es in anderen Bereichen aus?
    Vielleicht hat jemand etwas darueber gehoert.
    zb. Uni-Professoren, Beamte, KZ-Aerzte usw
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Es gab die ganzen KZ-Prozesse, Einsatzgruppenprozesse usw. usf.
    Dokumentationszentrum Ludwigsburg als Suchwort
    Dann schau mal da:
    Fritz Bauer war der leitende Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess

    OT: Der erste deutsche KZ-Prozess war übrigens in Hechingen. Musste dann in Ulm wiederholt werden, ein, damals, junger Richter (Flakhelfergeneration) ist "nomgschnappt" Angesichts dieser Verbrechen, was bei der Urteilsverkündung dann hochkam. Die Anwälte der Angeklagten haben ihre Chance wahrgenommen, der gesamte Prozess wurde wiederholt, es hat den Angeklagten aber nichts genützt, die Strafen wurden bestätigt, oder gar noch höher.
     
  18. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Repo hat es ja schon angesprochen, es gab die verschiedenen Prozesse. Zum Beipspiel der Nürnberger Ärzteprozess


    Nürnberger Ärzteprozess ? Wikipedia

    Der Ärzteprozess | Nachfolgeprozesse in Nürnberg

    Hier findest du eine Liste der Nachfolgeprozesse:

    Die Prozesse im Detail | Nachfolgeprozesse in Nürnberg

    Dann gibt es hier auch noch ein paar Artikel zur Juristischen Aufarbeitung:

    Shoa.de - Juristische Aufarbeitung
     
  19. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Vielleicht noch dies:
    Es ist irgendwo unbefriedigend, wenn einer der Tausende von Morden auf dem Gewissen hat, ein paar Jahrzehnte, oder auch lebenslänglich Gefängnis bekommt.

    Aber insbesondere die Nazi-Zeit hat die Deutschen zu der Überzeugung gebracht, dass in Deutschland niemandem mehr von Staats wegen das Leben genommen wird.
    Und das ist gut so.
     
  20. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Ich habe mich noch nie mit diesem Theme beschäftigt.
    Aber könnte das nicht auch daran liegen, daß die Nazis ihre Verbrechen im wesentlichen OHNE "Nutzung" des Justizapparats begingen?

    Meine unrepräsentativen Eindrücke sind eher, daß die Justiz (Ausnahme Volksgerichtshof / 20. Juli) vorzugsweise dort eingesetzt wurde, wo eben die normalen Gesetze eine Grundlage hergaben (gerade in der Militärjustiz).
    Da wäre dann auch schwer Rechtsbeugung nachzuweisen.

    Ansonsten aber wurde ohne Richterbeteiligung gemordet, das wurde dann nach dem Krieg eben als Mord etc. verfolgt.

    Insgesamt haben die Nazis (auch wegen Krieg und relativ kurzer Herrschaftszeit) weniger Wert auf äußerliche Korrektheit gelegt als z. B. die DDR. Der SED war es ja immer sehr wichtig, daß es für alle Unterdrückungsmaßnahmen eine "rechtsstaatliche" Basis gab.
     

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