Rolle der Prädestinationslehre

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Themistokles, 20. April 2007.

  1. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Ich stecke gerade mitten in den Abiturvorbereitungen und im Gespräch mit Freunden stellten wir gewisse Verständnislücken in Bezug auf geistige Vorraussetzungen für den Kapitalismus fest. Wir hatten Max Webers These vom Einfluss des Protestantismus, insbesondere des Calvinismus und hier beginnen die Probleme:
    Prädestinationslehre: Unser Schicksal ist vor unserer Geburt bereits festgelegt, nicht vorhersagbar und unabänderlich.
    Hiervon leitet sich nun irgendwie eine hohe Arbeitsmoral ab?
    Wie? Unser Los verbessern können wir nicht. Die nützlichste Hilfe war bisher die Erklärung durch sich einstellenden Erfolg doch noch erfahren zu können, ob wir vielleicht zu den Auserwählten gehören.
    Kann mir jemand aus dieser Misere helfen? Wo habe ich womöglcih etwas falsch verstanden? Mir (und meinen Freunden) tut sich hier ein logisch nicht überbrückbarer Spalt zwischen „ich kann nichts machen“ und „deswegen mache ich etwas“ auf.
     
  2. Nestorian

    Nestorian Neues Mitglied

    erstmal nen überraschend umfangreichen Wikilink zu Weber und der These: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_protestantische_Ethik_und_der_'Geist'_des_Kapitalismus
    nun mein eigener Senf ohne gewähr: Nach der Prädestination ist ja nun jeder von vorneherein von Gott entweder verdammt oder auserwählt. Daran ändern auch gute Taten nichts. Was sich aber in den Taten der mensch offenbart, ist, ob sie auserwählt sind oder nicht. Also etwas übertrieben dargestellt: Wenn ich xy mache und es klappt, bin ich auserwählt. Da man dass natürlich sein will strengt man sich besonders an damit es ja klappt. Quasi eine sich selber erfüllende Prophezeiung wenn mans ins Extrem treibt.
     
  3. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Ich will mal versuchen, den Gedankengang Max Webers hierzu kurz zu interpretieren.

    In der Reformationszeit war für die Menschen die Frage des jenseitigen Lebens, der ewigen Seligkeit, die vielleicht entscheidendste Angelegenheit für ihr ganzes Leben. Die Prädestinationslehre ließ nun in dieser entscheidenden Frage den Menschen einem von Ewigkeit her feststehenden Schicksal entgegenziehen. Niemand konnte ihm helfen. Für den einzelnen Menschen hatte das zwangsläufig die Folge einer inneren Vereinsamung. Soziale Werke können ihm persönlich nichts bringen, denn alle sozialen Aktivitäten des Calvinisten sind lediglich ein Dienst am Ruhme Gottes.

    Für die damalige Generation war das Jenseits wichtiger als alle Angelegenheiten des irdischen Lebens.Jeder einzelne gläubige Calvinist war also ständig mit der Frage konfrontiert, ob er selbst wohl erwählt sei und wie er das wohl erkennen und so des Erwähltseins sicher werden könne. Calvin hielt sich selber für erwählt und erklärte im übrigen, schon die Annahme, man könne das Erwähltsein eines Menschen erkennen, sei vermessen, es sei ein Versuch in die Geheimnisse Gottes einzudringen.

    Für die Nachfolger und Epigonen Calvins indessen stieg die Frage der Erkennbarkeit des Erwähltseins zu einer alles andere an Bedeutung übersteigenden Frage auf. Das ergab sich schon allein aus den Anforderungen der seelsorgerischen Praxis. die ja immer wieder mit den Qualen des einzelnen, innerlich vereinsamten Individuums zu tun hatte.

    Soweit man nicht an der Substanz der Gnadenwahl rüttelte, durch Uminterpretation, Milderung o.ä., bildeten sich zwei Typen von seelsorgerischen Ratschlägen im Bereich des strengen Calvinismus heraus.

    1. Es wurde zur Pflicht gemacht, sich für erwählt zu halten und jeden Zweifel als Anfechtung abzuweisen, da ja die mangelnde Selbstgewissheit ein Folge unzulänglichen Glaubens und damit auch einer unzulänglichen Wirkung der Gnade sei. Es sei also eine Pflicht des einzelnen Individuums, sich im täglichen Kampf die subjektive Gewissheit des eigenen Erwählseins zu verschaffen. Da, wo Luther dem reuigen Sünder die Gnade verheisst, wird hier ein Typ des selbstgewissen Erwählten herangezogen.

    2. Als Mittel, um diese Selbstgewissheit zu erringen, wurde den Menschen die rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Nur die rastlose Berufsarbeit könne die religiösen Zweifel verscheuchen und dem Menschen die Sicherheit des Erwähltseins geben. Das bedeutet, dass der Calvinist sich die Gewissheit seiner eigenen Seligkeit im Ergebnis selbst schafft, durch rastlose Arbeit, die damit natürlich zugleich eine Art von weltlicher Askese ist.

    So hat der Calvinismus - nach Calvin - in seiner Entwicklung den Gedanken der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben verbreitet, und einen positiven Antrieb für wirtschaftliches Handeln und gleichzeitig eine Art weltlicher Askese gegeben, der sich natürlich auf die ganze Art der Lebensführung in calvinistischen Familien auswirkte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2007

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