Rom - Istanbul

Dieses Thema im Forum "Südeuropa | Mittelmeerraum" wurde erstellt von rena8, 30. Oktober 2008.

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  1. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Aus aktuellem Anlass ( 3 Tage als Tourist in Rom) beschäftigt mich Rom als Stadt/Metropole und da das menschliche Gehirn nun mal so tickt :winke: (jedenfalls meins) suche ich Parallelen, um meine Eindrücke vergleichen und einordnen zu können. Vor ein paar Jahren war ich in Istanbul und finde die Gemeinsamkeiten irgendwie faszinierend.

    1. Gründung als griechische Tochterkolonie, wobei in beiden Fällen vorgefundene Kulturen integriert wurden.

    2. beide fast 3000 Jahre kontinuierlich bewohnt und bis auf kurze Niedergänge immer als Hauptstadt.

    3. wechselvolle Geschichte mit mehreren Eroberungen

    4. vorzügliche geographische Lage, die beide Städte fast zwangsläufig zur Drehscheibe von Handel und Kulturaustausch macht.

    5. beide hatten in religiöser Hinsicht eine fundamentalistische Phase, die aber nur einen Teilaspekt der Stadt betraf

    6. beide haben einen berühmten alten Kuppelbau (ich weiß, das ist albern:))

    7. die Einwohner beider Städte haben auf mich positiv kosmopolitisch und aufgeschlossen gewirkt, soweit man das als Dreitagestourist beurteilen kann.

    Es gibt bestimmt noch weitere Gemeinsamkeiten, über Unterschiede muß ich noch nachdenken.
    Andere vergleichbare Städte im Mittelmeerraum fallen mir spontan nicht ein.
    Wie seht ihr in diesem Zusammenhang Athen, Marseille oder eine spanische oder nordafrikanische Stadt oder vielleicht Jerusalem?
     
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  2. Balduin

    Balduin Gesperrt

    Ich denke, dass du Jerusalem in deine Liste gerne mit aufnehmen kannst. Jerusalem hat in der Glaubenswelt eine fast einmalige Stellung, immerhin betrachteten die Christen Jerusalem als Mittelpunkt der Erde, als Zentrum des Glaubens.
    Du hast Eroberungen angesprochen, die auch auf die Stadt zutreffen - Bestes Beispiel sind die Kreuzfahrer.
     
  3. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ja, Jerusalem könnte passen, wobei meine Punkte keinesfalls mehr als Gedankengänge sein sollen.

    Was mir aber besonders wichtig ist und das hat mich veranlaßt über die alten Metropolen nachzudenken, ist Pkt. 7.
    Da ich Jerusalem nicht kenne, wage ich keine Meinung zur kosmopolitischen, offenen Atmosphäre. Warst du da @Balduin?

    Die Hauptstadt eines mächtigen Reiches ist Jerusalem auch nicht gewesen, jedenfalls nicht vergleichbar mit dem römischen oder osmanischen Reich.
     
  4. Balduin

    Balduin Gesperrt

    Nein, aber beziehst du bei der kosmopolitischen Atmosphäre auf das Hier und Jetzt ? Dann muss man ja auch unter anderem den politischen Zustand im Land und die allgemeine Wirkung einer Großstadt miteinrechnen.

    Man kann ja auch deutsche Städte einrechnen - ich denke mal an Köln, dass dort eine offene Atmosphäre herrscht zeigt doch die rheinische Frohnatur :)
     
  5. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Das ist schwer zu beantworten, natürlich kann ich nur meine heutige Wahrnehmung schildern, dabei frage ich mich eben, ob es auch an der Geschichte der Stadt liegt, dass ich sie so wahrnehme.



    Das stimmt, Paris, London, Moskau und mit großen Einschränkungen Berlin könnte man aus Atmosphären- und Hauptstadtsicht ebenso heranziehen, da fehlen mir aber mindestens 1000 Jahre Geschichte und die entspr. Baudenkmäler, die Religion sowieso.:pfeif:

    Ja, vielleicht und gemessen an deutschen Städten ein hohes Alter, da fehlt mir aber die Komponente als Machtzentrale. Die geographische Lage von Hamburg ist wesentlich besser, die Atmosphäre oberflächlich betrachtet eher nicht.
    Naja, und München fehlt es an fast allem,
    Dresden hat zumindest einen Kuppelbau:still:

    Ok, ich gebe zu, heutige Städte zu vergleichen ist keine sehr objektiv - wissenschaftliche Methode der Geschichtsbetrachtung. :(
     
  6. Balduin

    Balduin Gesperrt

    Köln hatte meines Wissens durch den Rhein eine sehr gute Lage, vor allem in der Binnenschifffahrt. Dementsprechend würde ich Köln als Machtzentrale des Mittelalters/frühe Neuzeit betrachten.
    Auch Berlin ist in seiner Geschichte sehr interessant, über die Entwicklung von München bin ich kaum informiert.
     
  7. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Im deutschen Sprachraum ist wohl allein Wien in der Riege der großen historischen Metropolen zu zählen. Wien zählte ab Mitte des 12. Jahrhunderts zu den bevölkerungsreichsten Städten des HRR und war durch die Lage an der Donau wichtiger Handelsplatz. Die Rolle als Wirtschaftszentrum trat aber ab dem 16. Jahrhundert fast vollkommen hinter die Funkton als "kayserliche Haupt- und Residenzstadt" zurück. Leopold I. stand mit seiner Hofhaltung in direkter Konkurrenz mit Louis XIV wobei sich das habsburgische Selbstverständnis nicht in Architektur ausdrückte, sondern in Festen und Musik. Erste Ende des 19. Jahrhunderts nahme die Strahlkraft der Donaustadt ab umd nach einer letzten Blüte Anfang des 20. Jahrhunderts als überregionaler kultureller Impulsgeber abzudanken.
     
  8. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    München, Köln, Dresden, Weimar, Mannheim, Berlin, Bayreuth, Regensburg, Augsburg, Nürnberg, Hamburg, Würzburg, usw. usw.....
    Deutschland ist voll von faszinierenden Kulturorten die von großer Strahlkraft waren und immer wieder Kulturzentren europäischen Rangs bildeten. Die Faszination an Deutschland ist die Vielfalt an Geschichtsorten, resultierend aus der föderalen Tradition des Landes. Diese Tradition ist aber auch für das Fehlen eines alles überstrahlendes Zentrums wie Paris, Londons, Roms (aber auch Wiens bis ins 19. Jahrhundert). Erst Berlin als neue Hauptstadt ab 1871 begann sich zur Hauptstadt zu entwickeln ohne aber eine Vorrangsstellung wie Paris oder London zu erreichen.
     
  9. Sheik

    Sheik Neues Mitglied

    Bitte streiche Punkt 2 aus deiner Liste, den Istanbul,Konstantinopel, Byzantion haben in meinen Augen nicht unbedingt eine kontinuierliche Siedlungstradition wie Rom. Dazu war Byzantion nie "Hauptstadt" eines Reichs wie es Rom war, dies wird es erst ab 330, also gute 500 Jahre später ;).

    Woher hast du eigentlich die griechische Kolonie Rom? Ich gehe eigentlich noch immer von einem Zusammenschluss latinischer und sabinischer Siedlungen auf den Hügeln aus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Oktober 2008
  10. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Da hast du recht, die föderale eher dezentrale Struktur im deutschsprachigen Raum ist eine gute Erklärung für das Fehlen von vergleichbaren Metropolen.
    Außerdem fehlen mir persönlich meist die 1000 -1500 Jahre, von denen man in Deutschland nichts sieht.
    Hier in Norddeutschland ist eine romanische Kirche so ungefähr das älteste, was es zu besichtigen gibt. Ich war schon begeistert in Trier die Porta Nigra zu sehen.

    Und Wien muß ich wohl dringend besuchen. :winke:

    Naja, vielleicht war der Anfang von Byzantion etwas verzögert und weniger großartig aber nach 330 war es ungebrochen immer eine mächtige Metropole wohingegen Rom im frühen Mittelalter doch längere bedeutungsärmere Phasen hatte.

    Gute Frage, ich habe in den letzten Wochen einige Reiseführer gelesen, wahrscheinlich nicht die beste Quelle aber da war von der Verbindung der Griechen zu den Etruskern die Rede und die Etrusker wurden von den latinisch/sabinischen Gruppen besiegt und gehörten teilweise mit in diese neu gebildete, die Hügel besiedelnde Gruppe. Die etruskischen Siedlungen waren doch auch in Latium an der Küste.
     
  11. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Passend zu deinem Städtevergleich möchte ich auf diesen Thread mit seinen Apsekten hinweisen:

    http://www.geschichtsforum.de/f79/byzantion-byzanz-konstaninopolis-konstantinopel-istanbul-6173/

    Wenn du beide Städte mit ihren Gemeinsamkeiten herausstreichen möchtest, dann fallen mir noch folgende Punkte ein:

    - Beide auf sieben Hügeln
    - mächtige Landmauern, wobei die Istanbuler theodosianische Landmauer wesentlich beeindruckender und befestigter ist
    - beide Hippodrom
    - Sieges und Prunksäulen
    - Käiserpaläste
    - Thermen
    - Zisternen, ober- u. unterirdisch; oberirdisch sind die IMHO in Rom aber schon vor langer Zeit überbaut worden, in Istanbul noch lange sichtbar (jüngst erst durch Umwandlung zu Fussballplätzen etc. immer unkenntlicher geworden)
    - Kirchen mit byzantinischen Mosaiken oder in byzantinischem Stil gehaltene Mosaiken
    - Kirchen mit neobyzantinischen Mosaiken
    - Triumphbögen
    - Foren
    - Äquädukte
    - Basiliken
    -Triumpf u. Prozessionsstrassen
    - Reliquien
    - Million (zentraler Meilenstein des Imperiums)
    - byz. Hafenanlagen wurden jüngst in Istanbul ausgebuddelt, in Ostia war ich aber noch nicht, um da Vergleiche ziehen zu können


    zu Punkt 4.: Die Lage Roms, finde ich persönlich nicht sooo herausragend. Ebenso hätte Neapel, oder zahllose andere Städte auf dem italienischen Stiefel ähnliche strategische Vorraussetzungen. Bei Istanbul hingegen ist die Lage schon genial, als Sperre und Brücke gleichermaßen von einer Landenge und einer Meerenge - letztlich von zwei Kontinenten und zwei Meeren.
    Vergleichbare strategische Position wären höchstens noch die Dardanellen, die jedoch an der engsten Stelle weiter auseinander liegen, als der Bosporus, und demzufolge in früheren Zeiten schwerer zu verteidigen, zu sperren gewesen wären. Ausserdem fehlte der natürliche Hafen des Goldenen Horns bei den Dardanellen.

    Zu Punkt 7:
    Wenn ich heutige Gemeinsamkeiten beider Städte beschreiben müsste, dann sind diese natürlich immens. Mentalität haste schon angesprochen, das Leben pulsiert, findet auf den Strassen statt, in Cafés, beim Eisessen, beim Flanieren, man zeigt sich, sehen und gesehen werden, in etlichen Stadtvierteln beider Metropole wird die neueste Mode getragen, der neueste Schick, frisch aus den Laufstegen der Welt, mir kommt es so vor, als wenn in beiden Städten im öffentlichen Stadtbild unserer Mode um Monate vorraus sind. Ich erinnere mich z.B. an die Latzhosen, die bei Frauen mal einen Sommer modern waren (Anfang der 90er?). Die habe ich schon einen Sommer zuvor überall in der Türkei gesehen. (Ich spreche hier natürlich insbesondere von einer gewissen urbanen Schicht in beiden Städten, nicht von der Putzfrau der römischen Vorstadt, oder der tiefverschleierten Muslimin, denen all das abgeht)

    Zu deinen anderen Städten, kann ich zur Mentalität nur sagen, dass sie mir in Italien, Frankreich, Türkei, Spanien, Griechenland im Groben sehr ähnlich vorkamen. Es gibt sicher Nuancen, aber die Mittelmeeranrainer verbindet wohl vieles.

    Beide Städte haben auch gesichtslose urbane Gürtel mit Betonbauten. Es gibt auch in beiden Städten die globalisierte Warenwelt, also in Istanbul und Rom von McDonnalds, Kentucky Fried Chicken, Burger King angefangen, über Bauhaus, Obi, Hornbachers, bis zu riesigen Supermärkten mit 54 (!!!) Kassen, z.b. von Carrefour, Spar, Lidl, Walmart, etc. (Das mit den gigantisch vielen Kassen habe ich aber nur in Istanbul gesehen, in Rom habe ich Supermärkte in dieser Größe nicht gesehen).

    weitere heutige Gemeinsamkeiten:

    - Openair Diskos
    - Hurenviertel
    - beim Metrograbungen werden immer wieder ärchäologische Notgrabungen fällig
    - Verkehrschaos
    - Abgase
    - Im Sommer verlassen die Römer und Istanbuler gerne (wenn sie es sich leisten können) die Stadt um zu ihren Ferienhäusern oder zu Verwandten ans Meer oder in die Sommerfrische in die Berge zu fahren)
    - Hupkonzert
    - Biennale und Filmfestivals
    - Fussballverrückt



    Unterschiede sind z.B.:

    - Rom ist heute etwa fast 5 mal kleiner als Istanbul, von den Einwohnerzahlen gesehen. Von der Stadtausdehnung weiß ich es nicht, aber man muss vielleicht 160 km fahren, um von einem Ende der Stadt Istanbul zum nächsten zu fahren.
    - Moscheen
    - Sultanspaläste vs. Vatikan
    - Diebstahl
    - Gastfreundschaft
    - Preise
    - Größe der Museumssammlungen und Ausstellungsfläche
    - Klima im Sommer (oft frische Brise in Istanbul durch Bosporus)

    [EDIT] - Ergänzung von heutigem:

    In Istanbul stehen die höheren Wolkenkratzer (die höchsten im Mittelmeerraum),
    in Istanbul ist das größte Shoppingcenter Europas (7. größtes der Welt),
    in Istanbul steht eines der größten "Monoblock"-Kaufhäuser der Welt, also einzelnes Gebäude, statt Shoppingkomplex, mit 38 km Wegenetz im Gebäude, usw.



    usw.

    So, da mein Essen grad fertig ist, höre ich hier mal auf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Oktober 2008
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  12. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Aus aktuellem Anlaß habe ich mich hier mal so durchgelesen, und falls es Dich noch interessiert (oder bist Du mittlerweile Römerin):

    Rom ist zwar stark von der griechischen Kultur beeinflußt, aber keine griechische Tochterkolonie.

    Und kurze Niedergänge sind auch zu hinterfragen, Rom hat ganz schöne Niedergangszeiten durchzustehen gehabt, im Mittelalter war teilweise kaum mehr als ein Dörfchen auf dem Marsfeld übrig, da führte mancher Weg einfach dran vorbei.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dass Rom im Mittelalter nicht zur Kleinstadt mit einer Masse antiker Ruinen herabsank, hat es vor allem seiner Funktion als "Stuhl Petri" zu verdanken, denn die kunst- und prunksinnigen Päpste sorgten dafür, dass ins Zentrum des Kirchenstaats Künstler, Politiker und Staatsoberhäupter kamen. Wer weiß, wo Rom heute wäre, wenn die Päpste ihren Sitz z.B. in Bologna oder Ravenna aufgeschlagen hätten, wo die Kirche ebenfalls reichen Grundbesitz hatte.
     

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