russische Oktoberrevolution

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Marlene123, 3. März 2020.

  1. Marlene123

    Marlene123 Gast

    Hallo !
    Ich bin Schülerin der 10. Klasse und halte bald mein MSA Referat in Geschichte. Die Fragestellung lautet: Die russische Oktoberrevolution - ein Schreckgespenst für die Deutschen ? Nun habe ich folgendes Problem: Zum Thema Oktoberrevolution ist einiges zu finden, allerdings nicht im Zusammenhang mit den Deutschen. Daher meine Frage: Inwiefern hatte die Oktoberrevolution Folgen für Deutschland ?
    Oft heißt es auch, die russische Oktoberrevolution habe die Welt ein Stück weit verändert oder wird als eine historische Wende beschrieben.
    Weiß jemand Rat ?
    Vielen Dank schon mal im Voraus !
    LG Marlene
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Recherchiere mal nach dem Stichwort Antibolschewismus. Und Ausrufung der Weimarer Republik mit den Namen Scheidemann und Liebknecht kombiniert.
    Das Adjektiv russisch brauchst du nicht, Oktoberrevolution ist ein fester Terminus.
     
  3. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Hm. Die Deutschen haben ganz gezielt Lenin nach Russland eingeschleust, der dann schließlich die hoffnungsvolle Februarrevolution mit einem Putsch beendete, den er Oktoberrevolution nannte und daraufhin einen Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich besiegelte.

    Goethe hat mal ein Gedicht geschrieben vom Zauberlehrling, das sich die Deutschen leider selten zu Herzen genommen haben. Aber das ist sicher nicht das Thema, das hier gefragt ist...
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. März 2020
    balkanese gefällt das.
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Im Zuge der Umbrüche im November '18 und der unmittelbar folgenden Frühzeit der Republik, gab es in der Tat in weiten Teilen der Bevölkerung, teils auch der provisorischen Regierung die Befürchtung in Deutschland könne die Ordnung zusammen brechen und es könnte in "russische Verhältnisse" abgleiten (was Bürgerkrieg und weißen wie vor allem roten Terror meinte).

    Als neueres Werk darüber, was diese Umstände relativ plastisch schildert, kann ich dir:

    Jones, Mark: "Am Anfang war Gewalt"

    empfehlen, in dem sehr starkt die These erhoben wird dass die gewaltsamen Ausschreitungen und Zusammenstöße in der Frühzeit der Umbruchphase und der Frühzeit der Republik sher viel mit Autosuggestion der beteiligten und einer latenten Paranoia vor "russischen Verhältnisen" etwas zu tun hatte.

    Versuch das mal in einer Bücherei in deiner Nähe zu finden, so wie ich dein thema verstehe, dürfte es dir sehr helfen.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zur Vorgeschichte ganz hilfreich.

    https://www.welt.de/geschichte/arti...utschland-Russland-den-Frieden-diktierte.html

    Wer da wann zuerst geputscht hat und welche Konsequenzen es hatte, kann man hier nachlesen. Um mal die Schilderung der Ereignisse halbwegs in eine seriöse Abfolge zu bringen (vgl. auch Link unten #4)

    https://en.wikipedia.org/wiki/Kornilov_affair

    Ansonsten zuerst Hildermeier (Die Russische Revolution) bzw. alternativ die Bücher von Rabinowitch (gibt es übersetzt auf Deutsch) und dann Jones für die unmittelbaren Konsequenzen, beispielsweise im Zusammenhang mit dem "Liebknecht-Mythos". Und das instrumentalisierte Feinbild "Bolschewiken" ist ein direkter Aspekt, der zur Ermordung von Liebknecht und Luxemburg führte.

    https://www.geschichtsforum.de/thema/russische-revolution.46577/
     
  6. Marlene123

    Marlene123 Gast

    Vielen Dank für diese ganzen Informationen und vor allem das schnelle Antworten.
    Damit ist mir schon mal sehr geholfen und ich werde mich mit den Tipps und Links auseinander setzen.
    LG Marlene
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wenn ich ein kurzes Storyboard für eine Argumentation schreiben sollte, dann würde es folgende Argumentation verfolgen.

    Die blutigen Vorgänge um die Oktoberrevolution wurden in der Weimarer Republik instrumentalisiert, primär gegen Liebknecht und Luxemburg. Soldateska töteten beide. Und damit wurden die zwei zentralen Personen getötet, die in der späteren KPD eine klare Position gegen Lenin bezogen haben bzw. beziehen konnten. Luxemburg hatte sich beispielsweise deutlich gegen die Vorstellungen Lenin einer "gekaderten Partei von Revolutionären" gewandt.

    Das hat insofern weitreichende Konsequenzen, weil die stalinistische Gleichschaltung der KPD nicht nur - wahrscheinlich - verhindert worden wäre, es wäre auch die krude These zum "Sozialfaschismus" der SPD so vermutlich nicht zum tragen gekommen.

    Es ist somit fraglich, ob die KPD eine ähnlich antagonistische Position zur Weimarer Republik eingenommen hätte wie sie es faktisch unter dem Einfluss der Comintern - unter der Ägide von Stalin - genommen hatte.

    Insofen hat Jones Recht, wenn er den Einfluss der "Gewalt" als ein Element begreift, dass die Politik in der Weimarer Republik nachhaltig beeinflußt hat. Und die Morde des Anfangs ihre Wirkungen über die gesamte Periode zeigten.

    Somit war die Oktober-Revolution ein Schreckgespenst, das primär das rechte Parteienspektrum und ebenfalls das Hitler massiv in "Mein Kampf" für ihre bzw. seine Feindbilder instrumentalisiert hatte.

    Das ist kontrafaktisch, aber soll zeigen, dass mit anderen Personen ohne die zentrale Rolle von Gewalt, eine andere Entwicklung auch denkbar gewesen wäre. Vor dem Hintergrund der politischen Positionen, die Liebknecht und Luxemburg zum Zeitpunkt ihres Todes vertreten haben.

    Laschitza, Annelies (2009): Die Liebknechts. Karl und Sophie - Politik und Familie. Berlin: Aufbau-Taschenbuch
    Laschitza, Annelies (2009): Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biographie.Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    An diesem Thema wird die - voururteilsbeladene - Beziehung zwischen Russland/Sowjetunion und den deutschen Staaten deutlich.

    Im Prinzip sollte man eine Reihe von Phasen unterscheiden, die eine unterschiedliche Bedeutung hatten.

    1. Vor 1914: In diese Phase gehört die "zivilisatorische Angst" vor einem Russland, das drohte, durch die reine Menge an Menschen, eine hegemoniale Position zu gewinnen. In Kombination mit einem autokratischen System und einer als "rückständig" wahrgenommenen Gesellschaft gab es eine Ablehnung Russlands, die von der Spitze der Armee bzw. Politik quer durch die Gesellschaft bis hin zur Sozialdemokratie reichte.

    Diese Furcht faßt Burleigh in ein allgemeines damals zutreffendes Bild: "The Russian army resembled migrating rats who, in times of great destruction, forsake their hiding places in the Siberian tundra in order to eat bare the settled lands." [in Preußen] (Burleigh, Pos. 9195)

    2. Mit der Oktoberrevolution wurde eine Übertragung dieser vorurteilsbeladenen Furcht auf die Bolschewiken vorgenommen. "They also deeply ....feared the "Asiativ" terror of Lenin and his accomplies....." und das ging bis in die Linke: "Rosa Luxemburg had complained about the Tatar-Mongolian savagery of Lenin`s Bolsheviks." (Burleigh, Pos. 9203).

    3. Diese Haltung polarisierte das Verhältnis von 1917 bis 1923. Also die Periode, die noch am stärksten gekennzeichnet war durch den militanten politischen Konflikt, der auch eingebettet war in die Erwartung von Lenin auf eine sich über Polen und Deutschland ausbreitende proletarische Revolution.

    Und, wie oben schon angesprochen, zur Instrumentalisierung des Bolschewismus als "jüdisch-marxistisches" Feindbild - bei z.B. Hitler - führte. Und für die ganze Periode der Weimarer Republik die zentrale politische Konfliktlinie zwischen "extremer Linken / KPD" und der "extremen Rechten / NSDAP" bildete.

    4. Und in seiner Tradierung der Vorurteile gegen Russland bzw. die Bolschewiken dann wieder im Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion in seine "letzte Phase" einmündete.

    Betrachtet man die unmittelbaren Reaktionen - also das "Schreckensgespenst", näher, also Phase 2, dann ergibt sich auf der Linken ein differenziertes Bild.

    Die MSPD hatte die Machtergreifung im November 1917 zunächst positiv beurteilt, da sie die Möglichkeit eines Friedensschlusses erkannten (vgl. Winkler, Pos. 370). Mit der Auflösung der Konstituante durch Lenin am 19.01.1918 änderte sich die Einschätzung:"Was die Bolschewiki betrieben, war nicht Sozialismus oder Demokratie, sondern Putschismus und Anarchie." Und sie lehnten dieses Vorgehen ab und wollten Deutschland ein derartiges Schicksal ersparen. Das erklärt teilweise das Agieren der SPD durch die Person Noskes bis 1923.

    Auf dem rechten Flügel der USPD sah man es ähnlich kritisch. Eine Diktatur des Proletariats, so Kautsky, kann nur durch eines Volksmehrheit wahrgenommen werden, aber nicht durch eine Minderheit. Die Diktatur einer Minderheit, so Kautsky, ist "reaktionär" und würde die Gegenrevolution, sprich den Bürgerkrieg, begünstigen.

    Der linke Flügel der USPD bzw. der Spartakusgruppe wies keine einheitliche Haltung auf. Luxemburg und Liebknecht äußten sich als Reaktion auf die Auflösung der Konstituante kritisch. Sie warfen Lenin und Trotzki vor, "sie verschütteten durch die Beseitigung der Demokratie den lebendigen Quell der Revolution." (Winkler, Pos. 384).

    Demgegenüber ergriffen Clara Zetkin und Franz Mehring Partei zugunsten von Lenin.

    Das illustriert, dass eine Bewertung der Oktoberrevolution auch auf der Linken in der Weimarer Republik zum Zeitpunkt des Todes von Luxemburg und Liebknecht nicht abgeschlossen war. Insgesamt aber insgesamt eher kritisch gesehen wurde. Und durch das teilweise ungeschickte und wirklichkeitsferne Agieren von "linken Revolutionären" - was sie gemeinsam mit der extremen revolutionären Rechten hatte - und der Comintern noch verstärkt wurde. Und zu einer absurden Konfrontation der KPD mit der SPD führte.

    Burleigh, Michael (2000): The Third Reich. A new history. London, New York: Macmillan; Hill and Wang.
    Winkler, Heinrich August (2018): Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. C.H. Beck München: C.H. Beck
     
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  9. friloo

    friloo Mitglied

    Lenin war 1917 in der Schweiz ein Teil der dortigen russischen Emigranten, durch Vermittlung mit dem deutschen Außenminister konnten er und ca. 20-50 Leute im verplombten Eisenbahnwaggon durch Deutschland nach Kopenhagen reisen. Alle waren Sozialisten, die sich aber die "neue sozialistische Welt" unterschiedlich vorstellten. Lenin und andere reisten dann weiter über Finnland nach Russland und führten dort 1918 die "sozialistische Revolution" herbei. Lenin selbst glaubte nie daran das ein Sozialismus in einem Land (Staat) überhaupt Erfolg haben könnte, bis zu seinem Tod hat er darauf gehofft das sich Deutschland anschließen würde. Die deutschen Sozialisten konnten sich aber nicht durchsetzen.
    Das was wir heute als "Sowjetunion" (auch Geschichte) und als "Kommunismus" kennen ist das Werk Stalins.
     

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