Russisches Ostfriesland

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Repo, 5. Juli 2009.

  1. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Habe ich vorhin mal in meinen uralten Putzger geschaut.

    Von 1795 bis 1807 war die Gegend westlich des Jadebusens um Jever russisch.

    War mir bisher gar nicht bekannt.
    Das würde aber ja bedeuten, die "Erfinder" des Kriegshafens an der Jade, preußisch Wilhemshaven also, waren eigentlich Russen.

    Ich denke mal die friesische Equipe hier, hat nähere Infos.

    Könntet Ihr mich an eurem Wissen teilhaben lassen?:D
     
  2. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Bin zwar kein Friese, aber das Jeverland war seit 1667 im Besitz des Hauses Anhalt-Zerbst. Dem selben Hause entstammte die russische Zarin Katharina II. (Adelige waren ja DER Exportschlager des Heiligen Römischen Reiches). Dieser fiel das Jeverland 1793 qua Erbe zu und seitdem war es russisch. Im Nachklapp der Schlacht von Jena und Auerstedt und bestätigt im Frieden von Tilsit wurden das preußische Ostfriesland, und das russische Jeverland dem Königreich Holland zugeschlagen.

    Edit: ... und für kurze, gaanz kurze Zeit gab es so in Holland auch mal ein anständiges Bier...
     
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  3. Friesengeist

    Friesengeist Gesperrt

    Der Friese schaut morgen mal in sein Geschichtsbuch :D
     
  4. Walter

    Walter Gast

    Nein, der Kriegshafen wurde erst 1854 geplant und mit dem Bau begonnen, nachdem dieses Gebiet auch preußisch war.

    Gehörte diese Küstenregion nicht zum Herzogtum Oldenburg mit der Gemeinde Heppens?

    Preußen kaufte diesen oberen Zipfel 1853 an, um hier endlich einen Nordseehafen zu bauen, daß hier vor dieser Zeit ein Hafen geplant war, ist mir nicht bekannt.
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Die Bezeichnung "russisch" finde ich auch etwas wunderlich. Ich denke mal, es handelte sich um eine Personal- und nicht um eine Realunion. Gibt es dazu Genaueres?
     
  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Nun gut, es ist im Geschichtsatlas.
    Putzger Ausgabe 1960, (diesem Ding, einst ein Weihnachtsgeschenk, habt Ihr es vermutlich zu "verdanken", dass Ihr Euch hier mein Geschreibsel antun müsst)
    Nähere Infos dazu stehen nicht im Putzger.

    Aber man macht sich natürlich Gedanken.
    Und meiner war:
    Was wollten denn die Russen da? Klar, Tiefseehafen an der Nordsee.
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das ist soweit klar, aber eine Absicht die die Russen ja ebenso gehabt haben müssten/könnten.

    mir auch nicht.
    Aber mal sehen, vielleicht kommt noch was raus.
     
  8. Walter

    Walter Gast

    Also nach einer kleinen Recherche zu dem Thema eines Kriegshafens im Jadebusen habe ich gefunden, daß König Christian V. von Dänemark plante in der Jade eine Kriegshafen zu errichten. Dies wurde 1681 bei Varel begonnen, aber ca. 10 Jahre später wieder aufgegeben. Die Problematik bei der Ausfahrt aus dem Jadebusen ist der starke Tidenhub und die damit verbundene Sandbewegung, welches die Fahrwasser immerwieder zusetzt.
    Und dann plante tatsächlich Peter der Große einen Kriegshafen in Hooksiel. Es gibt wohl eine Gedenktafel hierzu im Hooksieler Hafen, aber mehr ist nicht geschehen.

    Aber diese Planungen liegen an verschiedenen "Flecken" im (Varel) und außerhalb des Jadebusen (Hooksiel), also keine Vorläufer zu Wilhelmshafen.
     
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Danke schon mal.

    Aber man sieht doch, ein Kriegshafen war möglich Elbe-, Weser-, Ems-Mündung, da sassen überall schon welche, oder eben die Jade.
    Nicht unproblematisch, sonst wären dort ja auch schon welche gesessen, aber anscheinend möglich.
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Nicht nur dein alter Putzger weist die Herrschaft Jever ab 1793 als "russisch" aus, sondern auch moderne Geschichtsatlanten. Das hatte erbrechtliche Ursachen.

    1793 erlosch das Fürstenhaus Anhalt-Zerbst in männlicher Linie, das 1667 in den Besitz der Herrschaft Jever gelangt war. Rechtmäßige Erbin war die Zarin Katharina II. von Russland, eine gebürtige Prinzessin von Zerbst. Somit war Jever russisch, wie z.B. Holstein dänisch oder Vorpommern schwedisch war. Dennoch zählten diese Territorien natürlich zum Heiligen Römischen Reich, auch wenn sie ausländische Herrscher hatten.

    Das Kuriosum währte nur kurz, denn bereits 1818 übertrug Zar Alexander I. die Herrschaft Jever dem ihm verwandten Herzog Peter von Oldenburg, der die Regierung 1823 übernahm.
     
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  11. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Natürlich ist das so. Mein Putzger begleitet mich jetzt bald 50 Jahre (sieht leider auch so aus) und es hat noch immer alles darin gestimmt.


    Sagen wir mal so, die Zarin hätte vermutlich auch etwas anderes von den Zerbster Ländern haben können, so ein kleiner Hintergedanke...


    Was dann heißen würde, entweder gehörte Jever bis 1818 analog Hessen-Homburg nicht zum Deutschen Bund, oder der Zar war 3 Jahre lang Bundesfürst.
    Wusste ich alles nicht. Alles neu.

    Mein Putzger ist gigantisch!
     
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  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Nicht nur dein Putzger, sondern auch andere Geschichtsatlanten wie vor allem der Große Atlas zur Weltgeschichte aus dem Westermann Verlag und der vierteilige Große Historische Weltatlas vom bsv-Verlag sind ausgezeichnete Standardwerke, die in der Bibliothek historisch interessierter Menschen eigentlich nicht fehlen dürften.

    Insgesamt habe ich festgestellt, dass die historischen Karten, die man im Internet herunterladen kann, den Print-Karten der Geschichtsatlanten meist nicht das Wasser reichen können. Die Print-Karten sind besser lesbar, weisen dichtere und informativere Einträge auf und bieten wegen des ausgewiesenen Teams fachwissenschaftlicher Autoren oft zuverlässigere und seriösere Informationen.
     
  13. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Du hast zweifellos recht!

    Meine Begeisterung hat auch einen, etwas anderen, sehr persönlichen Grund.
    In der Unterstufe habe ich mir die Zeit im Geschichtsunterricht immer mit dem Putzger vertrieben, nicht auf das gehört, was der Pauker sagte, wusste ich ja eh schon, und meist besser:pfeif:
    Hat mir einmal ein Geschichtslehrer, allerdings ein kompetenter, den Putzger weggenommen, mit den Worten: "das weißt Du ja alles schon, da findest Du auch nichts neues mehr drin".

    Und heute, netto 45 Jahre später, finde ich noch etwas neues drin!


    Entschuldigt den OT Anfall aber das muss jetzt einfach raus! Mein 50 Jahre alter, zerfleddeter Putzger hat neues zu bieten.
    Habt Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren, Freunde/innen
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Juli 2009
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  14. Großfürst Pavel

    Großfürst Pavel Neues Mitglied

    Und was wäre das?
    Zu dieser Zeit gab es für die Führung Russlands wenig Grund an einen vom russischen Territorium so weit entfernten Hafen interessiert zu sein.

    Natürlich war ersteres der Fall, da letzteres mit Sicherheit im ersten Artikel der Bundesakte des Deutschen Bundes erwähnt worden wäre.
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Nach Kamtschatka war es doch zweifellos weiter, nach Kalifornien sowieso.
    Und die Ionischen Inseln waren zu der Zeit auch russisch.
     
  16. Großfürst Pavel

    Großfürst Pavel Neues Mitglied

    Die Ostexpansion Russlands im Raum des Stillen Ozeans war zu dieser Zeit vor allem wirtschaftlich motiviert und durch die ziemlich isolierten lokalen Kräfte betrieben und hat mit dem Streben nach entfernten Häfen, die als Basen diesen konnten, nur wenig zu tun.
    Die hier stationierten staatlichen Marinekräfte Russlands waren und blieben im Ochotskischen Meer.

    Die Republik der Ionischen Inseln war ein osmanisch-russisches Ko-Protektorat.
    Die begrenzte russische Präsenz dort hatte hauptsächlich als Gegengewicht zu den nahen Mächtigen des Osmanischen Reiches (Hohe Pforte und Ali Pascha) und Frankreich gedient, welche die autonomen Inseln unter ihre Kontrolle bringen wollten.
     
  17. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Eine interessante Arabeske, aber kurzlebig (21.5.1800 bis 7.7.1807) im Gegensatz zu den britisch beherrschten "United States of the Ionian Islands" 1815-1864.

    Ob Rußland jemals ein ernsthaftes Interesse an den Inseln gehabt hat? Ich kann mir nicht denken, dass Großbritannien die russische Präsenz dort nach 1815 geduldet hätte.
     
  18. Großfürst Pavel

    Großfürst Pavel Neues Mitglied

    Ja, als Basis gegen das feindliche republikanische und später napoleonische Frankreich und als relativ eigenständinger griechischer Staat war es für Russland nicht unbedeutsam.

    Die britische Haltung war schon kurz nach der Befreiung der Inseln (1799) problematisch.

    Corfu
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Aber die Russen hatten damals doch gar keine nennenswerte Flotte, schon gar nicht im Mittelmeer.

    Oder doch? :grübel:
     
  20. Großfürst Pavel

    Großfürst Pavel Neues Mitglied

    Die Marine Russlands verfügte um 1779 über 40 und um 1790 über 72 Linienschiffe [1], des größten und wichtigsten Kriegsschifftyps der damaligen Zeit.
    Nur Britannien, Frankreich und Spanien verfügten über mehr Linienschiffe, wobei der Rückstand zur letzterem nicht groß war, nähmlich bei 8 bzw. 5 Linienschiffe um 1779 bzw. 1790 [1].

    Zu der nicht geringen russischen Marineaktivität im Mittelmeer am Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts geben die folgenden Links ausreichend Auskunft: Corfu, The Adriatic, The Dardanelles and Athos und Navarino.

    [1] The Rise and Fall of the Great Powers von Paul Kennedy, Seite 99
     
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