Russland 1914: Historische Voraussetzung und der Eintritt in den WW1

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von thanepower, 1. April 2014.

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  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei der Erklärung der Ursachen für den WW1 wird mittlerweile in langfristig wirkende strukturelle Faktoren und kurzfristige Einflüsse unterschieden. Und dieses läßt sich auch für die Entscheidung in Petersburg, in den Krieg im Juli 1914 einzutreten, verdeutlichen.

    Dabei können die kurzfristig wirkenden Einflussfaktoren schneller dargestellt werden, aber sie können ohne die langfristigen Faktoren nicht verstanden werden. In der Folge soll dieses anhand des Literaturstands ansatzweise - sicherlich auch subjektiv - geleistet werden.

    Separat wird die Darstellung bei Clark, der sich im wesentlichen - fast als "1zu1" Übernahme - auf Lieven und teilweise in der politischen Bewertung auf die kontroverse (um es vorsichtig zu formulieren) Sicht von McMeekin bezieht, gesondert betrachtet.

    In Anlehnung an Strachan (S. 101) - so Herwig (Herwig: "Military Doomsday Machine"? The Decision for War 1914, Journal of Military Studies, Vol. 13, Issue 3, 2011) - ist die individuelle Rolle einzelner von Bedeutung für die Entscheidungen zum Kriegseintritt. "What remains striking about those hot July weeks is the role, not of collective forces nor of long range factors."

    The First World War: Volume I: To Arms - Hew Strachan - Google Books

    Es ist ein gewisser Einfluss auf die Entscheider im Juli 1914 zu erkennen, ihre politischen Entscheidungen auch auf der Basis von "Ehre" vorgenommen zu haben, die nicht selten aus dem Umfeld aristokratischer Werte stammen. Diese Sicht bezieht Herwig und auch Hamilton auf die Arbeiten von Lebow.

    A Cultural Theory of International Relations - Richard Ned Lebow - Google Books

    Diese individuelle Sicht der Entscheider ist vor allem im Kontext der internationalen Beziehungen (IR) der europäischen Großmächte und ihrer Rivalität als imperiale Mächte zu interpretieren. So stellt Strachan fest: "By July 1914 each power, .....,felt ... that its status as a great power would be forfeit if it failed to act." (Stachan, ebd, S. 101).

    In diesem Sinne verfolgten eigentlich alle Großmächte eine Politik der Verteidigung ihrer - vermeintlichen Interessenlage - und setzten diesen tendenzielle defensiven Impuls andererseits sehr aggressiv in praktische Politik um, nicht zuletzt, da vermeintliche "Zeitfenster" die Notwendigkeit für Präventivkriege oder für Krieg als unvermeidlich erschienen ließen.

    Vor diesem Hintergrund des internationalen Kontext ist auch die Rolle des ultra autokratischen zaristischen Russlands zu bewerten. Ein Land, in dem die "Verfassung" (vom 06. Mai 1906) dem Zaren die höchste Gewalt im Staate zuspricht und ihn zum Zentrum der Entscheidungen im Bereich der Außenpolitik und der Militärpolitik macht.

    Formuliert man im Vorgriff auf die differenzierte Darstellung des Wegs von Russland in den WW1 seinen Anteil am Ausbruch dieses Krieges, dann sind aus meiner Sicht folgende Beurteilungen zutreffend und kennzeichnen den aktuellen Forschungsstand.

    In dem Standardwerk zu diesem Thema komt Lieven zu folgendem Schluss:
    " Study of the July Crisis from the Russian standpoint indeed confirms the now generally accepted view that the major immediate responsibility for the outbreak of the war rested unequivocaly on the German government." (S. 151). Diese Sicht wird durch die Darstellungen von W.F. Fuller (Strategy and Power in Russia, S. 445 ff) und drch die Arbeiten von Geyer (Der russsiche Imperialismus, S. 189 ff)

    Russia and the Origins of the First World War - D. C. B. Lieven - Google Books

    Eine neuere Arbeit von Bobroff (War accepted but unsought: Russia`s growing militancy and the July Crisis 1914, S. 251) stellt folgendes fest:

    " Russia did not stumble into war, nor engineer it for ist own gain, but turned to military measures as a show of strength that it hoped would resolve ist diplomatic quandary." (Eine Sicht, die vor dem Hintergrund der Ergebnisse von Trachtenberg zur Mobilisierung und seiner Wirkung auf Bethmann-Hollweg in einem folgenden Thread noch eine Rolle spielen wird)...In the face of other states seeking war for gain or survival, the Russians reluctantly stood their ground, because they could no longer see any alternatives" (S. 251).

    The Outbreak of the First World War: Structure, Politics, and Decision-Making - Google Books

    Von Rich (Russia; Conclusion) wird in ähnlicher Weise folgende Einschätzung vorgenommen "An impotant distinction should be noted here: Russia mobilized; Germany declared war." (vgl. identisch in Hamilton & Herwig: Decision for War, S. 111).

    The Origins of World War I - Google Books

    Vor diesem Hintergrund trägt Russland im Rahmen seiner Rolle als Großmacht und als Teilnehmer an einem europäischen Wettrüsten seinen Anteil an den langfristigen Ursachen für den WW1. Hinsichtlich der kurzfristigen Faktoren für den Juli 1914 liegt der Anteil seiner Verantwortung eher unter dem anderer Mächte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. April 2014
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich möchte keinesfalls unhöflich sein, aber gibt es nicht auch maßgebliche Literatur und Links auf deutsch zu diesem interessanten Thema?
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das gravierendste Problem der Darstellung betrifft die Kontextualisierung der Problematik der Mobilisierung. Die Entwicklung der strategischen Planungen seit 1870 und ihrer operativen und taktischen Umsetzung erfolgte in Europa im Rahmen einer Revolution im Bereich des Militärischen (RMA). Die industrielle Revolution veränderte die militärische Sicht und Moltke d.Ä. forderte das DR auf, nicht Festungen zu bauen, sondern Eisenbahnen. Sie waren fortan der Faktor, der Kriege entscheiden sollte. In diesem Kontext schrumpften Raum und Zeit, die Verwundbarkeit der jeweiligen Territorien legte im Rahmen der Militärstrategien den „Kult der Offensive“ nahe und die dramatische Steigerung der Anforderungen an die Logistik der Millionenheere näherte den Aberglauben an den „kurzen Krieg“ [vgl. beispielsweise 9].

    Die zentralen planerischen Größen in den Generalstäben Europas wurden „Masse und Geschwindigkeit“. Vor diesem Hintergrund entwickelte das DR den Schlieffenplan, der in seiner letzten Fassung drei fatale Merkmale aufwies. Fatal, weil sie die Planungen der angrenzenden Länder beeinflussten und zur Destabilisierung der politischen und militärischen Situation gravierend beitrugen:

    1. Einen Aufmarsch im Westen gegen Frankreich, der keinen lokalen – alleinigen - Krieg im Osten mehr zuließ. Das DR mußte am 01.08. 1914 Russland den Krieg erklären, um überhaupt via Bündnisverpflichtungen im Westen seinen Krieg beginnen zu können.

    2. Einen extremen Automatismus in der Abfolge der einzelnen Schritte zum Krieg hin aufwies, die präzise eingehalten werden mußten

    3. Eine extreme Komprimierung des Faktors „Zeit“ im Rahmen der Mobilisierung und der Konzentration der Kräfte wahrnahm

    Diese Faktoren sind es, die ab ca. 1910 eine deutlich erhöhte Dynamik in die militärische Planungen der einzelnen Ländern in Mitteleuropa brachte. Die zeitliche Wirkung bzw. Kausalität geht dabei von der Kenntnis der Franzosen des Schlieffenplans aus und die sich in einem dramatischen Wettlauf mit dem DR befinden in Bezug auf die eisenbahngestützten Mobilisierung ihrer Truppen und der entsprechenden zeitgerechten Konzentration an den kritischen Stellen der Front befinden.

    Diese Dramatik des antizipierten „Kurzen Krieges“ und des „Kults der Offensive“ stellt Joffre ab 1912 und dann wieder 1913 in den Gesprächen der Generalstäbe von Frankreich und von Russland dar und erhält von Zhilinski, dem Chef des russischen Generalstabs, die -unrealistsische - Zusage, dass Russland „M+15“ plus mit ca. 800.000 Soldaten eine Entlastungsoffensive im Osten gegen Österreich-Ungarn und / oder gegen das DR starten würde, sofern die Durchführung des Schlieffenplans gegen Frankreich zum Einsatz kommt. Dabei beharren beide Seiten auf das Recht der Planungshoheit und legen die Einzelheiten ihrer Aufmarschplanung nicht offen.

    Die gesamte Problematik der schnellen Mobilisierung wird dann während der Schlacht ab dem 17. August 1914 im Bereich der teilmobilisierten 1. und 2. russischen Armee deutlich.

    Der Hintergrund für die Zusage von Zhilinski ist die damalige skeptische Einschätzung der Leistungsfähigkeit des russischen Heeres durch ihre eigenen militärischen Spitzen, ob man in der Lage wäre, nach der Niederlage von Frankreich, erfolgreich gegen das DR zu kämpfen. In diesem Sinne stand die gemeinsame militärische Planung von Frankreich und Russland unter dem Damoklesschwert, entweder gemeinsam zu gewinnen oder gemeinsam zu verlieren.

    Zudem ist relevant, die politische Dimension der Entscheidungen für die Teil- bzw- die dann folgende General-Mobilisierung von den militärischen Problemen zu trennen [vgl. beispielsweise systematisch zu dem Thema Sagan in 9].

    Diese vorangestellten Überlegungen sind für das Verständnis der politischen und militärischen Diskussion im Juli 1914 in St Petersburg wichtig, auch um den nicht unerheblichen politischen und militärischen Druck auf die Mobilisierungs- und Aufmarschplanung durch die Franzosen angemessen zu würdigen, der durch den finanziellen Hebel entsprechend „dezent“ unterstrichen wurde.

    Bei Lieven [1, S. 139ff] und Fuller [2, S. 445ff] wird deutlich, dass sich St Petersburg im Zuge der Juli-Krise bewusst gegen das Appeasement der letzten Jahre gegenüber dem DR und Österreich-Ungarn entschieden hat, wie an der Position des „starken Mannes“ innerhalb des Kabinetts, von Krivoshein deutlich wird [1, S. 143]. Dieses ist umso erstaunlicher, da wie McDonald feststellt, „there was no real conflict of interests between Russia and Germany“ [3, S. 199] und verweist umso deutlicher einerseits auf situative Faktoren für die Eskalation der Krise und andererseits wird auch deutlich, dass die zentrale Konfliktlinie zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufgespannt ist und der Streitpunkt sich um die Erbmasse des zerfallenden Osmanischen Reichs kristallisiert. Und Russland sich, spätestens seit dem russisch-türkisch-Krieg (1877-78) als „Schutzmacht“, nicht uneigennützig, der slawischen Völker auf dem Balkan positioniert hat.

    Die konkrete Bedeutung der Sitzungen des Ministerrats vom 24. Und 25. 07 für die Juli-Krise liegt dann primär darin, dass sich Russland hinter die territoriale Integrität von Serbien stellt und somit gleichzeitig seine Rolle als Groß- und Schutzmacht unterstreicht [1, S. 146]. Dieses ist vor allem für die außenpolitische Bewertung durch Sazonow von Bedeutung, weil er davon ausgeht, dass Ö-U den Krieg gegen Serbien in jedem Fall anstrebt [3, S. 206]. Eine Einschätzung, die u.a. laut Rauchensteiner, durchaus zutreffend ist und darauf abzielt, seine zunehmend schwierigen ethnischen bzw. nationalistischen Probleme mit den Süd-Slawen militärisch zu lösen.

    Mit dieser deutlichen Reaktion gegenüber Ö-U will Russland die Demütigung der Serben respektive der „Süd-Slawen“ verhindern, die auch Russland als „Schutzmacht“ unweigerlich getroffen hätte und ihren Status als Großmacht nachhaltig beschädigt hätte. Gleichzeitig sollte durch diese Haltung das Abgleiten von Serbien auf den Status eines Teils des informellen Österreich-Ungarischen- Imperiums verhindert werden. Diese Positionierung im Juli 1914 gegenüber Wien zielte somit darauf ab, die eigene Position auf dem Balkan durch eine „Eindämmung“ von Ö-U zu stabilisieren und zum anderen die angeschlagene Position seit der Liman von Sanders-Krise am Bosporus zu stärken, wie Bobroff es darstellt [5].

    Gleichzeitig mahnt der russische Ministerrat Serbien auch zur Annahme der österreichischen Bedingungen, sofern sie nicht die staatliche Unabhängigkeit betreffen bzw. einschränken. Um die eigene politische Entschlossenheit zu unterstreichen wird eine Teil-Mobilisierung angeregt, sofern es die Umstände erforderlich machen sollten und ohne das DR provozieren zu wollen. Eine Sicht, der sich ein Nikolaus II anschloss .

    Dieser Schritt der russischen Regierung war durchaus erstaunlich und so durch Bethmann Hollweg respektive Moltke nicht erwartet worden, da sie die russische Armee bzw. die russische Gesellschaft als nicht kriegsbereit eingeschätzt haben. Das DR wird auf diplomatischem Wege über die Ziele der russischen Teil-Mobilmachung informiert!

    Als Ergebnis der Sitzungen vom 24.und 25. Juli trat am 26 Juli das „Gesetzt zur vorbereitende Periode zum Krieg“ vom 17.02.1913 in Kraft. Diese reine Verwaltungsmaßnahme zielte primär darauf ab, den engen Zeitrahmen der Mobilisierung bzw. präziser der Konzentration der Kräfte entsprechend der Aufmarschplanung nach Plan 19 A (Rev), auf Druck der französischen Forderungen (seit 1910 gab es jährlich Treffen der Generalstäbe), organisatorisch (Eisenbahnen, Festungen, Logistik etc.) überhaupt einhalten zu können. Zudem wurden die regulären Verbände aufgefüllt, um die Sicherheit der Bereitstellungsräume für die relativ lange Konzentrationsphase der Armeen zu gewährleisten, die in der finalen Phase der General- Mobilisierung von ca. 1,3 Mio auf 4,7 Mio erweitert wird [6, S. 86].

    Dem Drängen von Sazonow auf die Teil-Mobilisierung, als politisches Druckmittel gegen die drohende Kriegsgefahr von Ö-U gegen Serbien, wurde durch Yanushkevich, als „frisch“ ernannten Chef des Generalstabs aus Unkenntnis der schwerwiegenden organisatorischen Implikationen nicht angemessen widersprochen. Erst am 26.07. informierte der nach St Petersburg zurück gekehrte General-Quartiermeister Danilov die Regierung, das eine Teilmobilmachung in den vier Militärbezirken Odessa, Kiew, Kazan und Moskau aus einer Reihe von Gründen nicht durchführbar sei [1, S. 144 ff]. Die eigentlich politische Verantwortung für diese problematischen Beschlüsse trägt jedoch der Kriegsminister Sukhomlinov.

    Am 26.07. geht Sazonow, wie Grey, noch davon aus, das die Antwort der Serben an Wien zu keinen militärischen Maßnahmen von Seiten von Ö-U führt. Erst die Ereignisse vom 28.07 und 29.07 führten bei Sazonow zu einer veränderten Einschätzung [1, S. 145]. Und am 28.07 hatte Sazonow von Nikolaus II noch die endgültige Zustimmung zur Teil-Mobilisierung gegen Ö-U erhalten. Um dann ab dem 29.07. aus einer Reihe von Ereignissen, u.a. die überraschende Kriegserklärung von Ö-U am 28.07 an Serbien, zusammen mit Yanushkevich und Krivoshein auf die General-Mobilisierung zu drängen.

    Es war dabei nicht nur Sazonow, der dem DR die „verdeckte“ dynamisierende Rolle (vgl. „Blanko-Scheck“) zuschriebe, sondern der russische Generalstab ging in seiner Einschätzung – korrekt – davon aus, dass das deutsche Militär den präventiven Krieg anstrebte, solange das „Große- Programm“ bis 1917 noch nicht abgeschlossen sei [2, S. 450 und vgl. dazu als Bestätigung auch [8, S. 182ff] oder [7, S. 79 ff ])

    Es stellt sich dabei die Frage, warum im Juli 1914 bei den Russen die Bereitschaft vorhanden ist, eine potentielle militärische Konfrontation zu akzeptieren, die sie zwischen 1905 und 1913 nicht gezeigt hatten. Als Erklärung wird darauf hingewiesen, dass eine Veränderung der innenpolitischen Situation ab dem Jahreswechsel 13/14 stattgefunden, die sich in einem veränderten Meinungsklima niederschlägt. War bei vorherigen Krisen nach 1906 im wesentlichen die Angst vorhanden – vor allem auch bei Nikolaus II - vor einer weiteren Revolution und bildete den Grund für das Appeasement gegenüber dem DR, so hatte sich das Meinungsklima gedreht, wie Mc Donald betont [3, S. 204 ff]. Ausgelöst durch die Balkan Kriege und Krisen seit 1908 und vor allem durch die Liman von Sanders-Krise waren durch pan-slawistisch-orientierte Zeitungen gezielt nationalistische und patriotische Sichtweisen vor allem im Duma-nahen Bürgertum verstärkt worden. Auf dieser patriotischen Welle glaubte Nikolaus II über eine ausreichende politische Legitimation zu verfügen, den – kurzen - Krieg in 1914 zu wagen, ohne eine Revolution im inneren befürchten zu müssen.

    Bleibt ein weiterer wichtiger Punkt zum Timing der Bekanntgabe der Teil-Mobilmachung durch die Russen ungeklärt. Die Teil-Mobilmachung konnte zwei Zielen dienen, einem politischen Ziel als Abschreckung und einen militärischen Ziel zur operativen Durchführung eines potentiellen Feldzuges.

    Unter dem militärischen Gesichtspunkt, so Tomaszewski, wäre ein späterer Zeitpunkt der Bekanntgabe der Teil-Mobilisierung optimal, da sich die ö-u-Armee weit in südlicher Richtung in Serbien verstrickt hätte. Und somit ihren Schwerpunkt nur aufwendig nach Nord-Osten gegen Russland hätte verschieben können [4, S. 130]. Unter politischen Gesichtspunkten, als abschreckende Drohkulisse war jedoch ein früher Zeitpunkt zu wählen. Und genau diesen Weg war Sazonow gegangen.

    1. Er hat Ö-U frühzeitig informiert, dass eine Verletzung der serbischen Grenze nicht akzeptabel sei und R zu Gegenmaßnahmen greifen wird
    2. Er hat die politische Drohung durch eine militärische Bedrohung verstärkt, indem er die Teil-Mobilisierung gegen Ö-U frühzeitig bekannt machte.

    Und er hat, wie Trachtenberg gezeigt hat, bei Bethmann Hollweg am 29./30. 07 kurzfristig die Bereitschaft zum Einlenken bewirkt. Die wohl bste Chance, den Automatismus noch zu stoppen.

    Diese Maßnahmen zielten primär auf Abschreckung unter in Kauf nehmen, dass sie auch zum Krieg führen können. Dieses „rationale“ Gedankengerüst der Sicherung der Interessen von Großmächten findet eine Entsprechung in der Sichtweise beispielsweise von Bethmann Hollweg, der zielgerichtet, allerdings auch mit Skrupel, zusammen mit Moltke die subjektiv als relevant angesehen Ziele des DR verfolgt [7, S. 116-117].

    Unter Berücksichtigung der einzelnen Faktoren, erscheint die Bewertung von Lieven als plausibel. Aus seiner Sicht wird das politische Pokerspiel von St Petersburg unter den damaligen historischen Restriktionen im Sinne der Erhaltung des politischen Status quos als folgerichtig angesehen. Letztlich folgert er, gab es im Juli 1914 für St Petersburg keine gangbaren Alternativen [1, S. 146]

    Dieser politischen Bewertung widerspricht Fuller teilweise, der die militärische Bereitschaft von Russland im Jahr 1914 zur Kriegsführung als nicht gegeben sieht und somit die Entscheidung für den Krieg als nicht verantwortliches Handeln beurteilt und darin in der Sicht der 1924 publizierten Einschätzung von Danilow bestätigt wird[2, S. 451]

    Auf die Aspekte der Mobilisierung und der Aufmarschplanung wird im Teil II ausführlich eingegangen werden.

    [1] D. Lieven: Russia and the Origins of the First World War, 1983
    [2] W. Fuller: Strategy and power in Russia 1600 – 1914, 1992
    [3] D. Mc Donald: United Government and Foreign Policy in Russia 1900 – 1914, 1992
    [4] F. Tomaszewski: A Great Russia. Russia and the Triple Entente, 1905 to 1914
    [5] R. Bobroff: Roads to Glory. Late Imperial Russia and the Turkish Straits. 2006
    [6] B. Menning: War Planning and Initial Operations in the Russian Context, in: R. Hamilton & H. Herwig: War Planning 1914, 2010, S. 80-142
    [7] D. Copeland: The Origins of Major War, 2000
    [8] A. Mombauer: Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War, 2001
    [9] Systematische Einordnung des WW1 in die kriegshistorische Sicht durch die Beiträge von Evera, Snyder & Sagan in: Brown, Cote & Jones: Offense, Defense and War, 2004
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Mai 2014
  4. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Danke für diese Zusammenfassung! :yes:

    Bei der Beschreibung der Vorgänge in Russland kommt mir folgende Frage:

    Unterstellt, durch eine russische Garantie (der sich andere anschließen) würde Serbiens Staatsgebiet als unveränderlich erklärt (d.h. z.B. würde kein Friedensvertrag mit Abtretungen akzeptiert), was hätten die verschiedenen Mächte von einem Krieg Ö-U gegen Serbien erwartet?

    Hätten sich für Ö-U ausreichend Kriegsziele geboten? Was hätte beim Ultimatum im Rahmen der Julikrise erreicht werden können? Also im Falle eines Sieges von Ö-U (der ja allgemein erwartet wurde), hätten die Hintergründe des Attentats aufgeklärt werden können? Letzteres hätte ja den Anlass des Krieges ausgeräumt und für den Moment die Weltkriegsgefahr gebannt.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bobroff sieht, in Anlehnung an Williamson [2], einen ähnlichen und somit auch parallelen Prozess ablaufen, der wie in Russland durch die Bosnien Krise und die Balkan Kriege eine deutliche Radikalisierung in der Sichtweise der politischen Eliten bewirkt hatte[1, S. 231].

    Zwei konkrete Aspekte haben einen direkten kurzfristigen Einfluss auf die Entscheidung gehabt, via Ultimatum an Serbien, auf einen lokalen Krieg hinzustreben und eine Problemlösung anzustreben.

    1. Die alleinige Nutzung von Diplomatie gegenüber dem aufstrebenden serbischen Nationalismus wurde durch Wien als nicht ausreichend empfunden und sollte durch "schärfere Maßnahmen" ergänzt werden. Diese militärischen Maßnahmen sollten sicher stellen, dass sich Serbien den politischen Vorstellungen von Ö-U unterwirft.

    2. Die moderate Stimme, die sich deutlich gegen einen Waffengang gestellt hatte, Erzherzog Franz Ferdinand wurde - ironischerweise - das Opfer des Attentats. Und somit wurde der Weg für Conrad von Hötzendorf frei, in Zusammenarbeit mit Hoyos und anderen, einen kritischern Weg zu beschreiten.

    Dennoch ist einzuschränken, dass vor allem Tisza, aufgrund der bereits gravierenden Probleme mit dem zunehmenden Nationalbewußsein der unterschiedlichen Ethnien in Ö-U, darauf drängte, auf weitere Eroberungen in Serbien zu verzichten [3, S. 79]

    In diesem Sinne war das "taktische" Kriegsziel die Ausdehnung des informellen Imperium über die Serben.

    Das strategische zielte auf die Schwächung von Russland als Großmacht ab und auf die Stärkung des Großmachtstatus von Ö-U.

    Und an diesem letzten Punkt war vor allem auch das DR interessiert.

    Diesen Überlegungen zur Status quo-Denkweise der europäischen Großmächte kann man vor allem massive ökonomische Interessen zur Seite stellen. Das DR sah, massiv unterstützt durch die Politik von Bethmann-Hollweg und eine Gruppe einflussreicher deutscher Unternehmer, den Balkan als einen zentralen Markt an, der die wirtschaftliche Entwicklung des DR unterstützen sollte.

    [1] R. Bobroff: War accepted but unsough: Russia`s growing militancy and the July Crisis, in: J. Levy & J. Vasquez: The Outbreak of the First World War, 2014, S. 227 ff
    [2] S. Williamson: Austria-Hungary and the Origins of the First World War, 1990
    [3] M. Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, 1993, bes. S. 67 ff
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Mai 2014
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Vor dem Mai Attentat mit der Ermordung der Obrenovic Dynastie war Serbien faktisch eine österreichische Kolonie.

    Das lag vor allem daran das die Russen sich eher als Vertreter der bulgarischen Interessen seit dem großen russisch-türkischen Krieg 1877-1878. Daneben wurden die Obrenovic immer wieder damit hingehalten das diese doch am Ende von den Österreichern Bosnien bekommen, wofür es sogar Anhänger bei den Österreichern gab (werde versuchen genaue Namen zu finden).

    Zwischen 1903-1914 gab es ein durch französisches Kapital eingesetztes Wirtschaftswunder und auch mit französischen Geld wurde die Armee modernisiert vor allem mit Waffen aus Russland (wo man sowohl französische wie deutsche Waffen kaufen konnte).

    Die Karadordevics setzten voll auf Russland aber auch Frankreich und waren auch nicht mehr bereit zu warten, genauso wie die Radikale Partei.

    Wie weit die Regierung vom ganzen Sache wusste ist nicht ganz klar, dass die Zeitungen (die unter Zensur) standen mehr oder weniger damit prahlten da man hinter dem Anschlag steckt könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Regierung doch viel wusste.

    Der Büdnisswechsel der Bulgaren war dann auch sehr interessant, angesichts der Tatsache das die Bulgaren noch viel mehr den Russen zu verdanken haben als die Serben, jedenfalls im 19. Jahrhundert.

    Übrigens Serbien zu erobern war keine neue Idee der Habsburger seit dem Banater Aufstand http://en.wikipedia.org/wiki/Uprising_in_Banat von einer Versammlung auch die Krone von Serbien bekommen. 3 mal war Zentralserbien Teil der Habsburger und dem serbischen Revolutionführer Karadorde wurde von Österreich angeboten er könne als Verwalter in Serbien+Bosnien regieren wenn die Österreicher diese Gebiete unter ihre Kontrolle bringen.

    Die Situation der Serben in der Doppelmonarchie hatte sich auch Recht stark verschlechtert 1912 wurden in Ungarn die Vorrechte aufgehoben. In Bosnien war die Landfrage die wichtigste Sache ungefähr gehörte 99 % des Landes den muslimischen Begs, während die Landbevölkerung mehrheitlich Christen bildeten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Mai 2014
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ja, und damit sich bereit erklärt, Europa in Brand zu stecken. Wie wohl die Russen reagiert hätten, wenn der Zarewitsch von einer Macht zweiten Ranges ermordet worden wäre? Und wenn man sich anschaut, wie brutal unter welch eigenartigen Umständen die Amerikaner den Krieg gegen Spanien eröffenten, seltsamerweise dann gegen deren Kolonalbesitz die Phillipinen zu Felde zogen.

    Sasonow Erklärung zur Mobilmachung war auch etwas eigenartig. Als Begründung dienten die 8 Korps die gegen Serbien mobilgemacht wurden herhalten. Sasonow meinte, dies müsse auch gegen Russland gerichtet angesehen werden.

    Betrachten wir doch einmal die Lage für Russland Ende Juli. Österreich-Ungarn mobilisierte ausschließlich gegen Serbien; die übrigens vorher damit begonnen hatten, nicht gegen Russland.

    Das Deutsche Reich, genauer Wilhelm, trat in die von Nikolaus am 28.Juli angeregte Vermittlung ein.

    Poincarre sagte den Russen schon einmal vorsorglich definitive Unterstützung zu; Bündnisfall war zwar nicht gegeben, das Russland nicht bedroht wurde und auch nicht angegriffen werden sollte, aber egal.

    Wilhelm wollte seit Kenntnis der serbischen Antwortnote Wien beschwichtigen und die Russen begannen mit der Mobilmachung. Wilhelm erreichte eine Unterbrechung der Mobilmachung.

    Und was trieb Sasonow, Suchomlinow und Januschkewitsch um? Das nämlich schnellstens wieder die Mobilmachung in Gang gesetzt wird und das wurde ja auch erreicht. Im Prinzip war man zu jenem Zeitpunkt gar nicht mehr so weit von einer Lösung entfernt, aber die wollte man wohl nicht.



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  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank vorab dafür, den höchst komplexen Hintergrund für diese Entscheidungsabläufe aufzureißen.

    Fullers abweichende Sichtweise würde ich nicht unbedingt als Widerspruch werten zu der Abschreckungs-These, weil die Optionen einer festen Haltung 1905/08/12/13 aufgrund der militärisch-ökonomischen Lage evt. andere waren als 1914 - und appeasement-typische Zugeständnisse fehlen, appeasements eher als "Rückzieher" zu werten sind. Es spielt eigentlich keine Rolle für die Einschätzung der festen Haltung unter Inkaufnahme eines Krieges, ob man militärisch bereit dazu (tatsächlich!) war. Die Bereitschaft wurde jedenfalls cum grano salis wahrgenommen, unabhängig von Hinweisen auf die fehlende Kriegsbereitschaft und die laufenden Rüstungsprogramme, oder eine günstigere Lage 1917.

    Den Thesen diametral gegenüber steht die Annahme von McMeekin, die er permanent in seinen Schriften vorträgt, jedoch nicht belegt:

    Russland wäre im Sommer 1914 (oder jedenfalls kurz danach!) von der strategischen Zielsetzung getrieben gewesen, die Meerengen/Konstantinopel zu besetzen. McMeekin treibt diese These phantasievoll auf die Spitze, indem er mutmaßt, die Lieferung der beiden britischen Dreadnoughts im Sommer 1914 hätte Russland zu einer militärischen Reaktion und eine amphibische Landung in den Meerengen und "sowieso" einen großen europäischen Krieg veranlasst.

    Diese Ausführungen von McMeekin sind völlig aus der Luft gegriffen, da hierfür Russland (jedenfalls vor 1917!) jedes militärische Mittel fehlte, und im Übrigen jeder militärisch-strategische oder diplomatische Nachweis für eine solche "Aktion" in 1914 fehlt. McMeekin stützt sich im Kern auf Anfragen Sazonows an die Militärs (die übrigens 30 Jahre Vorlauf haben, ohne das es zu einer Aktion gekommen wäre!), und phantasievollen russischen Planspielen über eine Besetzung, die auf einem isolierten neuen russisch-osmanischen Konflikt basierten. Daraus konstruiert er den Masterplan.

    Für eine solche Aktion fehlte Russland im Schwarzen Meer sowohl die Flottentonnage als auch der Transportraum, erst recht, wenn die Lieferung der Dreadnoughts erfolgt wäre. Zudem standen Rumänien und Bulgarien im Weg. Ausgehend von solchen Phantasien wird McMeekin von der Vorstellung beherrscht, es habe Ende Juli die Realisation eines russischen Präventivkrieges wegen der Dardanellen gegeben (sozsagen: "Serbien ist nicht das Objekt, um das es geht"), bleibt aber jede plausible Nachweisführung dafür schuldig. Gleichwohl ist dieser "Masterplan" die Ausdeutungsbasis für alle seine Wertungen der einzelnen Handlungen in der Julikrise.

    Der Hintergrund von McMeekin muss beachtet werden, um sein Drehbuch von den "russian origins of World War I" zu verstehen.

    Auf den Widerspruch von Bobroff und Co. zu diesen Darlegungen von McMeekin ist schon hingewiesen worden.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Balkan ist wohl eine der politisch und gesellschaftlich widersprüchlichsten Gebiete Europa gewesen, in derem Kontext die europäischen Interessen der großen Konzerne und der Hochfinanz massiv aufeinandertrafen. Und sofern Frankreich eigene wirtschaftliche Vorteile wahrnehmen konnte, sich gegen die Interessen von Russland gestellt hat (vgl. beispielsweise Bobroff: Roads to Glory etc.).

    Die lange Dominanz von Ö-U, die Du ja auch beschreibst, hat vor allem die kontinuierliche Ausbildung einer kollektiven Identät, die sich als Nationalbewußtsein artikuliert, verzögert [1] In diesem Sinne erfolgte die Ausbildung der jeweiligen Nationen, basierend auf ethnischen oder anderen homogenen Ordnungsmerkmalen, erst langsam und dann eher bruchhaft.

    Somit argumentiert beispielsweise Erickson folgerichtig, dass die Balkan Kriege ein wichtiger Katalysatoren waren, der diese nationale Identät, auch der Serben, deutlich verstärkt bzw. homogenisiert hat.

    Vor diesem Hintergrund ist die emotionale Polarisierung der potentiellen Kriegsgegner Serbien und Ö-U zu verstehen, dass selbst eine ö-u "Polizeiaktion" - die auch auf sehr wackeliger Legitimation stand - eine "unsensible" Verletzung serbischer Ansprüche auf nationale Selbstbestimmung bedeutet hätte.

    In der Konsequenz wäre der Kampf um die nationale Unabhängigkeit zurück geworfen worden und die die Süd-Slawen wären erneut in die Abhängigkeit von Ö-U gekommen.

    Diese extrem wichtige historische Entwicklung der nationalen Identität auf dem Balkan für Süd-Ost-Europa seit den russisch-türkischen Kriegen wird dabei beispielsweise von Clark (Die Schlafwandler) völlig ignoriert und stattdessen lediglich der destabilisierende Effekt betrachtet, der von dem serbischen, teils auch militanten, teils auch terroristischen, Patriotismus ausging. Um darauf seine Rechtfertigung für den Angriff von Ö-U auf Serbien zu basieren.

    Die Demütigung Serbiens sollte folgenden Ziele dienen, sofern man sich kurz die konservative monarchische und streckenweise naive Sichtweise von KW II zu eigen macht (vgl. die Telegramme von KW II und seine Randbemerkungen auf Telegrammen in der dtv-Dokumentation [3] oder auch bei Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund, Bd. 3:

    - durch den Angriff auf Serbien sollte dem "monarchischen Prinzip" genüge getan werden
    - "Glanz und Gloria" für die mobilisierte kuk Armee erreicht werden, um deren Moral zu stabilisieren
    - damit sollte gleichzeitig die Monarchie stabilisiert werden, die ihren ethnischen und gesellschaftlichen Probleme keine angemessene Problemlösungskompetenz mehr entgegenstellte
    - durch die "Polizeiaktion" mit "Halt in Belgrad" sollte ein Faustpfand geschaffen werden, über das die Kosten für die Mobilisierung der kuk-Armee von Serbien zurück gefordert werden könnten.

    Bei diesen Vorstellungen für eine temporäre Besetzung von Serbien orientierte sich KW II an die Besetzung Frankreichs durch das DR in 1870/71. Die ja ihrerseits bereits ausgesprochen "erfolgreich" zur Völkerverständigung beigetragen hatte und deswegen natürlich eine "hervorragende" Blaupause für den Krieg von Ö-U gegen Serbien bildete.

    Und noch eine Anmerkung zur Einschätzung der Rolle Russlands in der Juli Krise und zur anschließenden rasanten Entwicklung der Ereignisse:

    So hat Pourtales am 25.07. 1914 - Datum !!!!!!!!!! - an Jago ein Telegramm formuliert, dass auf einem Gespräch mit Sazonow basierte: "Auch der Wunsch nach einer Europäisierung der Frage scheint darauf hinzuweisen, dass ein sofortiges Einschreiten von Russland nicht zu erwarten ist". Dieses kommentiert KW II am Rande des Telegramms mit "richtig" [3, S. 172]

    Erstaunlich ist das auch insofern, als Sazonow Pourtales bereits am 21.07, also vor dem Ultimatum an Serbien, einen Krieg gegen Serbien nicht akzeptieren würde. Dieses wiederholt Sazonow gegenüber Berchtold am 22.07.

    Vor dem Hintergrund eines drohenden Krieges auch gegen Russland kann man erahnen, welch massive Motivation in Ö-U vorhanden war, diesen Krieg gegen Serbien dennoch führen zu wollen.

    Und man kann erkennen, vgl. obiges Telegramm, dass Berlin zu dem Zeitpunkt. 25.07, Russland als potentiellen Kriegsgegner für sehr unwahrscheinlich hielt, weil nicht fertig gerüstet.

    [1] K. Zernack: Zum Problem der nationalen Identität in Ostmitteleuropa, in: H. Berding (Hrsg) Nationales Bewußtsein und kollektive Identität, Bd. 2, 1996, S. 176 ff
    [2]E.J. Erickson: Lessons Learned from the Balkan Wars, in:M. Hakan Yavuz, Isa BlumiWar and Nationalism: The Balkan Wars, 1912-1913, and their Sociopolitical Implications, 2013
    [3] I. Geiss: Juli 1914. 1986

     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2014
  10. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Wird diese These nicht als bestændiges Ziel Russlands angenommen, als das Ziel russ. Aussenpolitik?
    Sie taucht doch immer wieder in den Geschichtsbuechern auf.
    Insofern wære dies im Sommer 1914 natuerlich auch nicht falsch, aber auch nichts neues.

    Gruss, muheijo
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die These ist insofern neu, als McMeekin ein konkretes Vorhaben im Sommer 1914 sieht, eine Eskalation in zZsammenhang mit der Flottenrüstung 1914 und dieses mit dem Kriegsausbruch verknüpft.

    Insofern geht es hier nicht um die grundsätzliche strategische Zielrichtung, sondern um die behauptete Konkretisierung als Plan im Frühjahr/Sommer 1914, auch ohne das Sarajewo-Attentat.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist der Punkt. Man sollte, folgt man Bobroff oder Reynolds (Shattering Empires), die langfristigen politischen Ziele Russlands von den unmittelbaren Zielen für die Periode um 1914 trennen.

    1. Sazonow hat keinen Krieg führen wollen, wegen der Problematik der Dardanellen und hat sich, wie Bobroff zeigt, auch teilweise gegen seine Interessen dort entschieden, wie beispielsweise die strategische Unterstützung von Italien, statt der des Osmanischen Reichs.

    2. Eine diplomatische Einigung hätte er bereits auch vorher mit dem Osmanischen Reich über den Transit durch die Dardanellen erzielen können. Es gab entsprechende Kontakte auf Botschafterebene, die aber von Sazonow nicht verfolgt worden sind

    3. Für den Endausbau der Schwarzmeerflotte waren 4 Dreadnoughts 1914 auf Kiel gelgt worden, ergänzt durch entsprechende ergänzende Einheiten. Diese wären frühestens 1917 fertig gestellt worden (vgl, Bobroff, S. 183)

    4. Sazonow ging davon aus, dass eine verfrühte Besitznahme der Dardanellen, ohne über eine entsprechendes Flottenpotential zu verfügen, sehr gefährlich sei. Die amphibischen Potentiale waren überhaupt nicht vorhanden und es wurden auch keine Mittel bereitgestellt, diese Formen der Kriegsführung zu üben. Es hätten "normale" Passagierdampfer genutzt werden müssen, die aber auch nur sehr begrenzt zu Verfügung standen. Es ist hier im Bereich von einem Schiff bzw. keinem Schiff zu denken!!!!

    5. In diesem Sinne bestand durchaus, wie bei Geyer (Der russische Imperialismus) auch richtig beschrieben die mittel- oder auch langfristige Perspektive im Juli 1914, den "kranken Mann" am Bosporus abzulösen. Aber es war keine unmittelbare Option für die Kriegsziele in 1914.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2014
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ja.

    Es ist in Zusammenhang mit den entscheidenden Debatten der russischen Führungskreise und Akteure nicht einmal die Gelegenheit ernsthaft diskutiert worden (schlicht, weil sie nicht gegeben war).

    Ebenso weng, wie es einen Nachweis für die Behauptung von McMeekin gibt, man wäre möglicherweise mit Lieferung der Dreadnoughts im Sommer "zur Tat" geschritten. Wodurch er suggeriert und das Hintergrundrauschen verschafft, es läge mit dem Sarajewo-Attentat und der Juli-Krise nun eine günstige Gelegenheit zur Kriegführung vor. Den Kreis schließt er dann, indem er suggeriert, die Kriegsvorbereitungsphase stünde der definitiven Kriegsentscheidung gleich (und sei eine Quasi-Generalmobilmachung), und der Automatismus garantiere den erwünschten Kriegsausbruch.

    Zum Blickwinkel:
    http://www.geschichtsforum.de/f62/k...-vom-deutschen-blankoscheck-48521/#post712983
    http://www.geschichtsforum.de/f62/m...914-smoking-guns-48394/index2.html#post714610

    „A crisis over the arrival of Turkey’s first dreadnought in July 1914 might have spiraled into war. Still, prior to Sarajevo, most of the diplomatic chatter in Europe concerned the possibility of another war between Turkey and Greece, not Russia. The Greeks, pursuing their own naval buildup, might have launched a preemptive strike before the Ottoman Empire floated the Sultan Osman I. A Greco-Turkish clash might have led to a Third Balkan War, as Bulgaria would have taken advantage of the crisis to make good her losses in the Second. Still, it need not have spread to Europe. What made July 1914 different was the direct involvement of a Great Power—Austria-Hungary—in the initial clash, which brought in Russia.
    Had Russia herself launched an amphibious strike on Constantinople in summer 1914, a Great Power war might have resulted. Still, advanced as operational planning for such a strike was, it is hard to see what pretext Sazonov would have used to justify it. A Greco-Turkish war might have provided the spark, but if it seemed as if Petersburg was piggybacking on Turkey’s distress to seize the Straits, then Russia would not have been able to count „on support from France, let alone Great Britain. As Sazonov wrote in his memoirs, the general understanding at the February 1914 planning conference was that Russia’s leaders “considered an offensive against Constantinople inevitable, should European war break out.” The European war, that is, had to come first. Such a war might provide Russia with the pretext to conquer Constantinople, but she could not be seen to start it, or she would find herself just as isolated as in 1878—or, worse still, 1853, when Britain and France had gone against her in the Crimean War. Only the unique sequence of events following Sarajevo—which led Austria to move against Serbia, backed by Germany—produced a European war in which both France and Britain would back Russia. Although there were bilateral agreements between London and the other two capitals, this unlikely tripartite battlefield coalition had never existed before and will never be seen again.“

    Auszug aus: McMeekin, Sean. „July 1914: Countdown to War.“
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2014
  14. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    1916 war Russland zu beachtlichen amphibischen Operationen an der anatolischen Küste in der Lage. Darüber habe ich hier vor einigen Jahren einmal ausführlicher geschrieben.
    Ich denke nicht, dass die Fãhigkeiten 1914 wesentlich geringer waren.
     
  15. hatl

    hatl Premiummitglied

    So, wie ich es verstehe, gab es für eine Teilmobilmachung keine Planung.
    Die Teilmobilmachung untergrub daher die Fähigkeit insgesamt mobilmachen zu können.
    Das Militär hat sich hierbei möglicherweise auf eine Unausweichlichkeit berufen.
    Es stellt sich dabei auch die Frage nach den postulierten Umfängen "militärischer Unausweichlichkeiten" und dem daraus resultierenden Einfluss der verschiedenen Spieler auf den Bühnen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2014
  16. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ich möchte darauf hinweisen, daß 2 Schiffe der Imperatrica Marija - Klasse ( Bauvergabe alle 3 1911) schon vor 1917 in Dienst kamen. So war das Typschiff, die Imperatrica Marija seit Juli 1915 der Schwarzmeerflotte zugeordnet und die Imperatrica Ekaterina II. seit November 1915 in Dienst. Dieses Schiff hatte auch im Januar 1916 Gefechtskontakt mit der Goeben.

    Nur die Imperator Alexandr III. war bis 1917 noch nicht im Dienst.

    P.s. Das 4 Schiff dieser Klasse, ist dieser nicht mehr zugeordnet, weil hier die Planung mit Erfahungen der Gangut-Kasse überarbeitet worden sind, Bauvergabe erst nach Kriegsbeginn 1914.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das "beachtlich" wäre am Umfang mehrerer Korps zu messen, zusätzlich an der weiten Entfernung zur denkbaren Landfront.

    Ein oder zwei Brigaden, oder 2- 3000 Mann in Einzelfällen sind da kein Vergleich.

    Ansonsten wären wir schlauer als der russische Generalstab bzw. die Marineführung, die das als unmöglich einschätzen.
     
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Du magst das denken. Bobroff beschreibt die Situation anders.

    @Köbis: Es ging bei der Darstellung der politischen Situation um die "Projektion" von navaler Präsenz zur Unterstützung von potentiellen territorialen Ansprüchen.

    Und in diesem Kontext ist es nicht wichtig, ob "ein" Schiff bereits einsatzfähig war, sondern ob die gesamte Einheit ihren operativen Zweck erfüllen kann, auch in Kombination mit den entsprechenden Begleitschiffen.

    Und dieser Funktion wurde die Schwarzmeerflotte bis 1917 nicht gerecht, da die Priorität der russischen "Navalisten" immer auf der baltischen Flotte lag.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2014
  19. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Das habe ich bisher auch gedacht, das Landungsunternehmen zur Zeit ab 1914 nur über Beiboote und Dampfer realisierbar war, aber wir unterschätzen die Situation. Ich hatte dazu in einen kürzlichen Thema geschrieben (weiß bloß nicht mehr wo), daher hier der Hinweis nochmal auf die sogenannten Pferdeboote.
    Historisches Marinearchiv - Pferdeboote
     
  20. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Das hätte ich gern näher erläutert, denn nach der Vernichtung der pazifischen und baltischen Flotte 1904/05, war die Schwarzmeerflotte ohne Schäden am Schlagkräftigsten.
    Sicherlich gab es Flottenpläne nach 1906, die baltische Flotte wieder voll aufzurüsten, doch die waren fast nicht realisierbar, die Schwarzmeerflotte hatte dagegen Bestand, wenn auch nach 1905 mit veralteten Material

    Ich werde mich aber nochmal genauer informieren, die aktuellen Gedanke habe ich nur so ausm Kopf ...;)
     

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