Schema zur Quellenkritik

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von ursi, 14. Juli 2010.

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  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Quellenkritik/Quellenbeschreibung:

    Art der Quelle; Bestimmung der Quellengruppe, Überlieferung

    Textsicherung
    Ermittlung des authentischen Wortbestands, Prüfung der Echtheit

    "Äussere Kritik"
    Ermittlung von Entstehungszeit, -ort, Verfasser, Adressat, Sammlung von Zusatzinformationen zur Entstehung

    "Innere Kritik"
    Sprachliche Aufschlüsselung: Erklärung von unbekannten Wörtern, nicht mehr geläufige Wortinhalten, Erklärung von Begriffen.
    Sachliche Aufschlüsselung: Aufklärung von unbekannten Sachverhalte; Erklärung von Anspielungen auf bestimmte Personen, Ereignisse und bestimmte soziale, wirtschaftliche, politische und rechtliche Sachverhalte.

    Quelleninterpretation/Inhaltsangabe
    Bestandesaufnahme als Zusammenschau der im Text enthaltenen, vom Verfasser beabsichtigen Angaben.

    Eingrenzung des Aussagebereichs
    Kontrolle durch andere Quellen und Fachliteratur, Rekonstruktion des Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, Einordnung in ein soziales, wirtschaftliches, biographisches, rechtliches, ideologisches, kulturelles Umfeld und in grössere historische Zusammenhänge.

    Ergebnis und Zusammenfassung
    Bestimmung des Erkenntniswerts für die eigene Fragestellung.


    Wenn man eine Quelle bekommt, dann zuerst beschreiben was es genau ist. Brief, Rede, Urkunde etc.

    Bei der Textsicherung, kann die Authentizität eines Textes unter Umständen schwer sein. Das kommt auf die Quelle darauf an. Bei einer Rede von Hitler die mehrfach überliefert wurde, kann man davon ausgehen das sie an einer Prüfung stimmt.

    Bei der Äusseren Kritik. Hier beschreibt man - an wen - die Quelle gerichtet wurde.

    Bei der sachlichen Aufschlüsselung, sind die Anspielungen auf Personen und Ereignisse zu erläutern. etc.

    Zum weiterlesen:

    Arbeit mit Quellen - Uni Konstanz
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Mai 2015
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ist immer wieder festzustellen, dass Forenmitglieder Probleme mit der historischen Arbeitsweise, bzw. dem Umgang mit Quellen/der Quellenkritik haben. Meist werden da zwei Extreme gefahren:
    1.) Historiker glauben den Quellen alles.
    2.) Historiker wandeln die Aussagen der Quellen in ihr glattes Gegenteil um.
    Nichts davon ist natürlich richtig.

    Was ist Quellenkritik tatsächlich?
    Wir unterscheiden die innere und die äußere Quellenkritik.

    Die Äußere Q-Kritik befasst sich mit der Überlieferung und Gestalt der Quelle.
    Nehmen wir beispielsweise Goebbels Sportpalastrede vom Februar 1943.

    Ich mutmaße jetzt mal, dass uns neben dem eigentlichen Manuskript auch verschiedene Entwürfe vorliegen. Außerdem haben wir Tonband- und Filmaufnahmen der Rede. Gerade aber die müssen auch kritisch betrachtet werden. Denn die gezeigte begeisterte Volksmenge waren geladene Gäste, treue Anhänger des Regimes, zumindest nach außen hin, kein echter Bevölkerungsquerschnitt. Und Goebbels wäre nicht Goebbels, wenn die Aufnahmen nicht ordentlich ausgewählt wären. Hier schließt sich also die Frage an, ob es Filmaufnahmen der Rede gibt, die Goebbels verworfen hat und ob diese nachweisbar sind.

    Oder nehmen wir die Annalen des Tacitus. Die sind nur unvollständig erhalten, in zwei mittelalterlichen HSS, die sich leider nicht decken. Sprich wir haben nicht einmal - wie wir das bei anderen Quellen haben - verschiedene Textzeugen zur Verfügung sondern nur die jeweils eine Abschrift mit all ihren Fehlern. Also zwei Textabschnitte, die auf Pergament in karolingischer Minuskel überliefert sind und in verschiedenen Klöstern in Deutschland und Italien lagen und in der Renaissance entdeckt und einer breiteren Öffentlichkeit durch den Buchdruck zugänglich gemacht wurden.

    Die Innere Q-Kritik fragt erst einmal danach, ob die Quelle geschaffen wurde, um die Mit- und Nachwelt von einer Sache zu unterrichten oder ob sie zufällig erhalten und nicht dazu geschaffen wurde.

    Man unterscheidet zwischen Traditions- und Überrestquellen bzw. Monumenten und Dokumenten. Das Problem ist, dass zwischen Tradition/Monument und Überrest/Dokument nicht immer leicht zu unterscheiden ist. Ein Zeitungsartikel beispielsweise wird i.d.R. als Dokument/Überrest gefasst: Nichts ist so alt, wie die Zeitung vom Vortag.
    Eine andere Unterscheidung ist die nach Primär- und Sekundärquellen. Die Primärquelle ist annähernd unmittelbar zum Ereignis, die Sekundärquelle eben nicht. Die Sekundärquelle ist daher i.d.R. als Monument zu fassen, der Umkehrschluss erlaubt sich aber nicht. Ein Monument kann auch eine Primärquelle sein.

    So sind Memoiren von Politikern Sekundärquellen par excellence, da sie im Nachhinein versuchen, die Deutungshoheit über einen Sachverhalt zu behaupten oder wiederzuerlangen. Wenn es allerdings keine Quellen gibt, die unmittelbar zum Ereignis stehen, das ist etwa bei den wenigen mittelalterlichen Memoiren, die uns vorliegen, der Fall, dann sind diese durchaus als Primärquellen zu werten.

    Die Quellen, mit denen Historiker bis ins 19. Jhdt. fast ausschließlich arbeiteten und die i.d.R. auch die sind, mit denen v.a. jüngere Studenten (und Schüler in der Schule sowieso) arbeiten, sind meist Historiographie, also Monumente oder Traditionsquellen. Erst im ausgehenden 19. Jhdt. begann man, die Archive für die historische Forschung zu entdecken und Überrestquellen in die historische Forschung ernsthaft einzubeziehen.

    Eine Überrestquelle ist z.B. eine Urkunde, die unmittelbar Zeugnis von einem Rechtsakt gibt, oder ein Brief - wobei manche Briefe auch als Traditionsquellen zu fassen sind: So hat z.B. Cicero seine Briefe an Atticus mit dem Ziel geschrieben, dass dieser diese veröffentliche. Sie sollten nicht nur an den Empfänger sondern an die ganze stadtrömische Öffentlichkeit, bzw. den Teil davon, der für Cicero zählte, gehen.

    Auch Tagebücher sind i.d.R. nicht für die Öffentlichkeit und somit Überrestquellen/Dokumente. Was Lieschen Müller am 30. April in ihr Tagebuch schreibt, wird sie nach dem 1. Mai nie wieder lesen. Goebbels Tagebücher dagegen waren für die Veröffentlichung bestimmt und der Propagandaminister redigierte die Texte immmer wieder, sie sind also nicht unmittelbar tagesaktuell, wie das bei Tagebüchern normalerweise der Fall ist sondern Ergebnis eines fortwährenden Schreibprozesses und kontinuierlicher Überarbeitung. Sie müssen als Monumente gefasst werden. Nur dort, wo wir dank der Überlieferung Einblick in den Schreibprozess haben, können wir die Goebbels-Tagebücher noch - bedingt, da er sich ja immer einer späteren Veröffentlichung gewahr war - als Überrestquellen fassen. Ganz anders dagegen Hitlers Tischgespräche; Gedankenfetzen, die ohne Hitlers Wissen im Auftrag Bormanns mitstenographiert wurden und von Bormann genutzt wurden, um Befehle herauszugeben bzw. Gegner innerhalb des Führungsapparates auszubooten.

    Eine sehr reichhaltige Überrestquelle bot die Kairener Genizah: Juden entsorgten hier ihre Schriftstücke auf denen das Tetragramm JHWH stand, da sie diese nicht vernichten durften. Die Kairener Genizah erlaubte daher nach ihrem Auffinden eine Rekonstruktion jüdischer Verwandtschafts, Heirats- und Handelserbindungen im Mittelmeerraum des Mittelalters, vom 'Iraq bis nach Andalusien.

    Text- und Bildquellen können lügen. Das gilt sowohl für Traditions- als auch für Überrestquellen. Ein Wechselbetrug in einem hanseatischen Dokument ist ein Überrest, auch eine Wucherrechnung ist ein Überrest.

    Wir können das als Historiker nicht immer zweifelsfrei feststellen, ob eine Quelle "die Wahrheit" sagt. Wir können aber versuchen Quellen zu vergleichen, wenn wir in der glücklichen Lage sind, mehrere Quellen zu einem Sachverhalt zu besitzen, oder aber textimmanente Widersprüche zu detektieren.
    Haben wir mehrere Quellen zu einem Sachverhalt, dann gilt zunächst einmal deren Abhängigkeit voneinander zu prüfen. Sueton etwa ist abhängig von Tacitus und Flavius Josephus. Wenn er etwas berichtet, was die beiden berichten, dann bestätigt er deren Version nicht, er gibt sie nur lediglich ebenfalls wieder, eben weil er sie von diesen abgeschrieben hat. Besonders interessant für Historiker sind daher Quellen die
    - unabhängig voneinander geschaffen wurden
    - im Konfliktfall die jeweilige Sicht beider Seiten auf die Dinge bieten.

    Wir müssen uns fragen,
    - was der Anlass gewesen ist, die Quelle zu schaffen (bei Traditionsquellen immer, bei Überrestquellen nur dann, wenn sie aus einem bestimmten Anlass geschaffen wurde).
    - wer der Verfasser/Urheber war (ist ja nicht jede Quelle schriftlich verfasst)
    - wer der Adressat war
    - welches Ziel erreicht werden sollte

    Also beispielsweise die Sportpalastrede:
    Anlass war die sich abzeichnende Niederlage des Dt. Reiches, ihr Verfasser waren der Reichspropagandaminister und womöglich einige seiner Mitarbeiter, der Adressat eine ausgewählte Menge überzeugter und fanatischer Nazis, zu einem Großteil Personen, die mit dem Frontalltag wenig zu tun hatten. Das Ziel welches erreicht werden sollte, war, die Kriegsbereitschaft aufrecht zu erhalten und den Menschen am Volksempfänger oder in den Kinovorstellungen zu signalisieren, dass die Mehrheit nach wie vor von dem Krieg begeistert war etc. Die Fortführung des Kriegs gewissermaßen als Umsetzung des Volkswillens. Wir können hier also eine primäre und eine sekundäre Adressatenebene ausmachen.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Weitere Fragen, die z.T. mit den obigen Fragen korrespondieren, sie teilweise ergänzen:

    Was wusste der Verfasser?
    Was konnte - oder nach Kontext - musste der Verfasser an Vorwissen bei seinen Adressaten voraussetzen?

    a) Der Verfasser richtet seine Schrift an ein uninformiertes Publikum: Er kann nicht viel Wissen voraussetzen, muss erklären.
    b) Ein Verfasser mit sinistren Absichten richtet sich an ein informiertes Publikum: Er muss Vorwissen voraussetzen, damit sein "Betrug" nicht so leicht offenbar wird.

    Manchmal kann es auch sein, dass der Verfasser Dinge NICHT erwähnt, WEIL er voraussetzt, dass bestimmte Dinge seinem Lesepublikum nicht erklärt werden müssen. Ein römischer Politiker etwa, der bei einer Schrift ein Lesepublikum vor Augen hat, welches einen ähnlichen cursus honorum wie er selbst absolviert hat, muss nicht erklären, welche Aufgaben bestimmte politische oder militärische Ämter innehaben, das kann er als Vorwissen voraussetzen. Das kann u.U. für den Historiker bedeuten, dass er eine Stelle nur inadäquat versteht oder sich das Wissen anderweitig aneignen muss, um sie zu verstehen.
     
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  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie lassen sich Lügen in Quellen entlarven, wenn es gar keine andere Quelle zu einem Sachverhalt gibt?

    Häufig leider gar nicht.

    Manchmal können wir eine Lüge aber indirekt erschließen oder zumindest plausibel machen.
    Als Bsp. seien hier die Quellen at-Tibyân von 'Abd Allâh ib Buluggîn, seines Zeichens exilierter Exkönig von Granada und die anonyme Historia Roderici genannt.
    Die Historia Roderici berichtet davon, dass verschiedene kastilische bzw. leonesische Adelige von König Alfonso VI. nach al-Andalus gesandt wurden, um von den verschiedenen muslimischen Kleinkönigen Tribute einzufordern. Rodrigo Díaz, der Protagonist der Historia Roderici war mit seinem Gefolge in Sevilla, García Ordóñez, Vertrauter von König Alfonso mit den seinen in Granada. Die Historia Roderici berichtet nun, dass der König von Granada die Gunst der Stunde nutzte und die leonesische Gesandtschaft dazu überredete, mit ihm Sevilla anzugreifen. Rodrigo Díaz habe daraufhin in Briefen an seine Kollegen diese aufgefordert, den Feldzug abzubrechen, da sie alle Untertanen des Königs Alfonso seien. Diese hätten aber nicht auf ihn hören wollen und so sei es schließlich bei Cabra zur Schlacht gekommen, in deren Folge Rodrigo Díaz seine christlichen Gegner auf das Übelste demütigte - was letztlich zu seiner Verbannung führte, dem zentraklen Motiv im Poema de Mio Cid.
    Die Historia Roderici ist die einzige Quelle, die uns über die Schlacht und ihre unmittelbare Vorgeschichte berichtet. Woher wissen wir also, dass uns die HR in einem Punkt belügt? Durch den Tibyan von 'Abd Allâh ib Buluggîn. Dieser war der König Granadas, also der muslimische König, der die leonesischen Adeligen dazu angestiftet haben soll, gegen Sevilla vorzugehen. Über die Schlacht oder den Campeador verliert er kein Sterbenswörtchen.* Aber bei ihm kommt Cabra in anderen Kontexten vor und es handelt sich dabei um einen Ort, der zu seinem Königreich gehört. Die Schlacht fand also auf seinem Territorium statt, nicht auf dem Territorium von Sevilla. Somit ist die Behauptung der HR, Granada habe Sevilla angegriffen, unplausibel. (Zudem wissen wir, dass das Königreich Sevilla sich auf Kosten anderer muslimischer Kleinkönigreiche ausdehnte und zur späteren Taifa-Zeit wieder über ein ganz erhebliches Territorium verfügte.)



    *Aus gutem Grund: 'Abd Allah schrieb den Tibyan in seiner offenbar durchaus luxuriösen Gefangenschaft in Âghmât (bei Marrâkush) und hatte hinreichend Motive dafür, kriegerische Aktivitäten gegenüber muslimischen Glaubensbrüdern und Zusammenarbeit mit Christen aus eben diesem Grund zu verheimlichen, denn die Almoraviden waren Glaubenskrieger, ein Kriegsmotiv, das auf der iberischen Halbinsel bis 1086 kaum eine Rolle spielte. Da zogen unter Almanzor katalanische Kontingente gegen Galizien und Muslime verbrüderten sich mit Christen gegen Muslime und Christen mit Muslimen gegen Christen und so manch ein Kalif nannte den christlichen König auf der anderen Seite der Grenze 'Großvater' oder 'Onkel'.
     
    Pardela_cenicienta und ursi gefällt das.
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