Schlacht auf dem Amselfeld

Dieses Thema im Forum "Krisenzeiten und Renaissance (14. - 15. Jhd.)" wurde erstellt von Nergal, 22. März 2012.

  1. Nergal

    Nergal Neues Mitglied

    In Serbein hört man ja oft dass die Schlacht auf dem Amselfeld (1389) die Osmannen vor einem weiterem Vorstoß richtung Norden abgehalten haben soll, und damit mehr oder weniger das Abendland vor dem Untergang bewahrt wurde.

    Was weiß man eigentlich genau über die Pläne der Osmanen, hat dieser Truppenverlust (zu dem ich nichts wirklich brauchbares gefunden habe) irgendwas geändert?
    Nach den Folgenden Bündnissen und Kriegen scheint 1389 nichts in der oben beschriebenen Größenordnung geschehen zu sein.

    Was ist eure Meinung dazu?
     
  2. Arsacides

    Arsacides Neues Mitglied

    Unter den im Nachhinein romantisch-nationalistisch verklärten Schlachten der Weltgeschichte ist diese hier ein Klassiker par excellence. Die Propaganda spricht von der "Geburtsstunde Serbiens" und "heldenhafter Verteidigung des Christentums" oder "Fall durch Verrat". In Wirklichkeit kämpften die Serben nicht für das Abendland oder die Rettung der Christenheit, sondern für sich selbst und den Fortbestand ihres Königreichs. Die Verluste waren auf beiden Seiten hoch bzw. schwer, bei den Serben allerdings dermassen, dass man die Osmanen - zumindest langfristig - als Sieger erklären kann, denn ihnen fiel die Truppenmobilisierung aufgrund grösserer Reserven leichter. Das Rückgrat Serbiens hingegen war quasi gebrochen.

    Das Land wurde zu einem Vasall, dessen Truppen in der Folge einen wichtigen Bestandteil des osmanischen Heeres darstellten - so entschieden sie u.a. die Schlacht von Nikopolis 1396 durch ihr Eingreifen gegen die Kreuzfahrer zugunsten des Sultans, und standen bei Angora 1402 gegen die Mongolen als einzige loyal zu ihm, als die turkstämmigen Truppen scharenweise zu Timur überliefen, aber alleine konnten sie das Blatt nicht wenden. Auch waren sie vor Wien beide Male mit von der Partie.
     
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  3. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Die Schlacht von Marica war viel wichtiger aber wahrscheinlich war sie für den Otto Normal Serben unwichtig da vor allem Griechen und Albaner drauf gegangen sind (sehr dumm sogar im Schlaf überrascht).

    Von der Geburtsstunde Serbiens habe ich ihn meinem Leben nicht gehört obwohl ich einen großen Teil der serbischen Literatur des 19. Jahrhunderts kenne. Es gibt mehrere Geburtsstunden Serbiens das Reich Caslavs Großzupan der Serben Bis zu Konstantin Bodin (der ein Katholik war) der den Titel trug König der Serben, Duklja, der Küstenländer, Rasziens und Bosniens. Oder den ersten Nemanjic dessen Bruder die Orthodoxie in Serbien verbreitete Stefan der Erstgekrönnte. Nirgends hab ich gelesen die Schlacht am Amselfeld es sei die Geburtsstunde Serbiens.

    Grundsätzlich gibt es solche Mythen auch bei den Ungarn und Kroaten, dass das Amselfeld solche Berühmtheit erlangt hat liegt an den Ereignissen der 90er Jahre.

    Die Schlacht selbst würde ich als unentschieden sehen, Smederevo fiel erst 1471, eine sehr lange Zeit.

    Zum Thema Schlacht bei Nikopolis grundsätzlich war Stefan Lazarevic Helfer von Bajazit (dessen Schwager er war, sowieso fragt sich die serbische Geschichtsschreibung wie sehr Olivera Bajazit beeinflusste immerhin unterstützen die Türken die Lazarevic in innerserbischen Konflikten immer). Die Lazarevics verachteten grundsätzlich die Ungarn weil diese nach der Schlacht vom Amselfeld gleich Serbien versuchten zu erobern, dass änderte sich nach dem Tod von Bajazit und Lazarevic wurde sogar Herrscher Südungarns (Vojvodina).

    Man muss aber auch sehen das die Brankovics in dieser Schlacht bei den Ungarn waren und die Balsics neutral. Also von einem die Serben waren auf der Seite der Osmanen kann keine Rede sein. Damals war Serbien in drei Teile gespalten das Reich der Lazarevics, Brankovics und der Balsics. Wenn man so will auch von Tvrtko obwohl mich wahrscheinlich ein Bosniake schlecht bewerten wird. Tvrtko hatte Gebiete Serbiens erobert (ganz wichtig Srebrenica Silber und Milesevo [Krünungsort der serbischen Könige]. Er trug offiziell den Titel König der Serben, Bosniens, Rasziens e.t.c und wollte seinen Anspruch auch durchsetzen.

    Zum Thema Verrat. Die Geschichte vom Verrat kommt erst im 17. Jahrhundert auf, wahrscheinlich weil eine bedeutende muslimische Herrscherfamilie die sehr unpopulär war auch Brankovic hieß.

    Zum Thema Mythos sicherlich haben diese Mythen das entstehen eines serbischen Nationalgefühls egal ob die Flüchtlinge in Kroatien, die Stämme des heutigen Montenegro, die orthodoxen Bosnier und diejenigen die in Zentralserbien lebten alle hatten ihre Mythen von Lazar, Obilic und Kraljevic Marko. Ob ohne diesen Mythos der Balkan friedlicher währe ich glaube nicht. Dafür sind die Unterschiede der Völker/Glaubensrichtungen zu stark und die unterschiedliche Stellung im Osmanischen Reich zu groß. Der Kosovo Mythos hat weder den 1. noch 2. serbischen Aufstand bewirkt, noch die montenegrinisch-osmanischen Kriege, den Aufstand in der Herzegowina der zu ihrer Anektion führte. Die Schaffung von Jugoslawien, das Ustasaregime alles hat wenig mit dem Mythos als solchen zu tun.

    Für die Osmanen jedenfalls scheint die Schlacht sehr wichtig gewesen zu sein sonst hätte es wohl kein Viljaret Kosovo gegeben. Kosovo Polje (Amselfeld) Kos =Amsel ovo=Orte enden häufig mit diesem Ende (Valjevo, Sarajevo, Smederevo e.t.c) Polje=Feld. Das Kosovo war im Grunde nur ein Feld vor Pristina und nicht ein Staat oder Region von 12000 km².
     
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  4. Arsacides

    Arsacides Neues Mitglied


    Ich schrieb ja auch nicht von seriösen Werken oder Historikern, sondern von der Propaganda!




    Genauer gesagt hängt es u.a. mit der Rede eines zur traurigen Berühmtheit gelangten Präsidenten zusammen. Diese wurde allerdings bereits 1989 gehalten.




    Wobei Lazarevic das Osmanische Interregnum zugute kam, aber das deutest du ja bereits an.






    Du musst meine Beiträge vorsichtiger lesen. Serbische Truppen waren ein wichtiger Bestandteil des osmanischen Heeres.

    Auf die von dir erwähnte Verallgemeinerung bist du selber draufgekommen.






    Diese Verratsgeschichten kommen immer im Nachhinein auf, wenn die Dinge nicht so wie gewünscht laufen und man einen Sündenbock braucht, um über die eigene Unfähigkeit hinwegzutäuschen. Dafür gibt es überall Beispiele.



    Mag sein, dass die direkten Auswirkungen des Mythos (zunächst) nicht so stark waren, um ein Nationalgefühl zu schaffen. Aber gerade der Balkan ist ein Beispiel dafür, wie wichtig Symbolik und Folklore für das Gemeinschaftsgefühl sein können. Die Geschichten von Milos Obilic, dem Amselfeld und andere Dinge überlebten in Liedern, Gedichten, mündlich wie schriftlich tradiierten Erzählungen und wurden untrennbarer Bestandteil der dortigen Kultur, auch weil die Inhalte zeitlos waren: der Kampf Einheimischer gegen fremde Besatzer, die Verteidigung der eigenen Werte und Heimat, heldenhaftes Opfertum gegen übermächtige Feinde. Ob das alles der Wirklichkeit entspricht, ist eine andere Frage, oft geht es ohnehin eher um die Symbolik. Aber im Vordergrund steht die Überlieferung der Geschichte an sich.


    Die spekulative Überlegung, ob es auf dem Balkan ohne dieses Kulturgut friedlicher gewesen wäre, ist müßig, hat aber ohnehin nichts damit zu tun. Die Konflikte waren ausschliesslich politischer/religiöser Natur.






    Heute ist es offenbar sehr viel mehr als nur ein Feld. Aber wir wollen nicht tagespolitisch werden.
     
  5. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ich würde die Rede von Milosevic nicht überinterpretieren.

    Das was man mit ihr tut, ist Dinge Jahrzehnte später hineineinuinterpretieren. Im Grunde war die Rede eine typische Politiker Rede.

    Immerhin gekämpft haben im großen und ganzen außer im Kosovo nicht Milosevics Truppen sonder die Truppen der bosnischen und kroatischen Serben. Natürlich mit Unterstützung aus Serbien, aber den Großteil der Truppen stellten die Freischärler aus Serbien nicht.

    Den Vorläufer des Bosnienkrieges sehe ich persönlich im 1. serbischen Aufstand und damit in der Osmanenzeit, denjenigen des Kroatienkriegs im 2. Weltkrieg und der NDH.

    Grade der Krieg in Bosnien, serbisch-muslimische Kriege gab es eine ganze Reihe ganz ohne Milosevic oder Amselfeldrede.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. März 2012
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ja wobei es nicht so ist das dieser Mythos von der serbischen Geschichtsschreibung nicht schon seit dem 20. Jahrhundert hinterfragt wird. Sowieso wurde der Geschichte immer mehr in Deutschland/Österreich für die Erklärung der Kriege hereingezogen bei den Serben selbst.

    Finde es auch gut das die Linken und Antinationalisten in Serbien, versuchen die Bevölkerung über den Mythos aufzuklären. Was aber erschreckend ist dass genau diejenigen Gruppen neue historische Mythen schaffen.

    So vom Antifaschisten und Europäer Dositej Obradovic :rofl::rofl::rofl::rofl:, der europäische Werte in Serbien verbreiten wollte und ein Freund der Bosniaken war :rofl::rofl:.

    Das dieser Mann schon die serbischen Freischärler im Krieg http://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Österreichischer_Türkenkrieg_(1787–1792) und den ersten serbischen Aufstand unterstützte (bei welchem mehr Menschen umkamen als in den 90ern) scheint niemanden zu interessieren. Das beide Male auch in Bosnien massiv gekämpft wurde, interessiert niemanden. Das er wohl in Den Haag gelandet wäre auch nicht.

    Aber gut im Vergleich zu anderen historischen Mythen am Balkan ist das auch halb so wild.

    Wobei auch diese Mythen eine wirklich Aufarbeitung der Geschichte des Gebiets verhindert, ohne die Beleuchtung auch dieser Zeit wird es keine Aufarbeitung geben können.
     

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