Schnurkeramiker und Glockenbecher: Clash of Ceramics

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von El Quijote, 26. Januar 2018.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Im 28. Jhdt. entstand grob in Ostpolen/der Ukraine wohl in einer Synthese aus der Kugelamphorenkultur (KAK) und den Jamnaja die Schnurkeramik (KSK), die sich innerhalb weniger Generationen bis an den Rhein ausbreitete.
    Auf der iberischen Halbinsel entstand die Glockenbecherkultur (Bell Beaker/BB), die sich von dort über die atlantischen und mediterranen Küsten ausbreitete. Sie erreichte den Rhein später als die KSK, zum einen über den Atlantik, zum anderen über die Rhône-Saône-Mosel-Schiene. Beide Gruppen sind mit bestimmten Haplogruppen verbunden, die heute in unserem europäischen Genom von Bedeutung sind (wobei man mit allzu weitreichenden Schussfolgerungen eine gewisse Vorsicht walten lassen sollte).
    Die östlichsten Ausläufer der BB hat man auf Bestattungsplätzen in Ungarn gefunden, die nördlichsten auf den britischen Inseln und in Norddänemark. Man kann also ein Nebeneinander der beiden Kulturen vor allem in der Kontaktzone am Rhein feststellen.
    In den Niederlanden hat man eine Evolution der BB-Kultur gemeint festzustellen, anhand einer Abfolge der Entwicklung der Becher auch im Rahmen einer Beeinflussung durch die Schnurkeramiker. Nun ist es aber so, dass diese "Holländische Theorie" zwar theoretisch sehr überzeugend wirkt, aber durch C14-Daten als widerlegt gilt.
    Eine andere These, die auf iberischen Funden von Schnurabdrücken in BB-typischen Artefakten, eben den Glockenbechern, fusst, ist die Rückflusstheorie. Denn eines ist sicher: Unter dem Einfluss der Schnurkeramiker begannen die BB-Leute, ihre Keramik ebenfalls mit Schnurabdrücken zu verzieren (sie hatten früher mit Muscheln, Kämmen und anderen Gegenständen Muster in ihrer Keramik geformt). Nun spielt der Archäologie aber wiederum die C14-Methode einen Streich, denn nach neueren Erkenntnissen gibt es in Portugal BB-Funde mit Schnurverzierung, die vor dem Kontakt mit den Schnurkeramikern, in die Frühzeit der BB-Kultur zu datieren sind. Damit ist auch die Rückflusstheorie ad acta gelegt bzw. man müsste unterstellen, dass die BB-Leute bereits einige Generationen früher als bisher belegt in die Kontaktzone gekommen sind.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Suchst Du derzeit angebotene Erklärungsmodelle für die Kulturausbreitung über Kontakte und die Kontaktzonen selbst?
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich würde mir en paar Meinungsäußerungen zu den Theorien (Rückflusstheorie, Holländisches Modell) und den mit ihnen verbundenen Problemen wünschen.
     
  4. Lukullus

    Lukullus Aktives Mitglied

    Für mich stellt es immer mal wieder ein gedankliches Problem dar, wenn Einordnungen zeitlich weit zurück liegenden menschlichen Schaffens in meines Erachtens zwar enorm hilfreiche, mitunter jedoch verengende Modelle und Theorien erfolgen - die Möglichkeit der Individualität des Handelns geht dabei schon mal unter, oder aber sie wird irgendwo hineingezwängt wo sie gar nicht hin gehört.

    Zum “portugiesischen Fall“:

    Warum sollte auszuschließen sein,

    a) dass eine kleine Gruppe oder gar nur ein einzelnes Individuum der “Reiselust“ erlag weit bevor sich der Kulturkontakt in größerem Umfang ereignete?

    b) dass dort, wo Keramikverzierungen ohnehin mit verschiedensten Gegenständen wie Kämmen, Muscheln, etc. aufgebracht wurden, in einer Töpferstube ein experimtierfreudiger Proto-Lusitanier nicht auch mal eine Schnur zur Hand genommen hat oder vielleicht schlicht durch Zufall inspiriert wurde weil ein noch nicht gebrannter Glockenbecher unbeabsichtigt mit einer Schnur in Kontakt kam?

    Spekulatius a) würde die “Unterstellung“ bedienen, dass der Kulturkontakt zumindest partiell zeitlich vor zu verlagern wäre, der Gebäckkrümel b) würzt die Möglichkeit, dass manches eben nicht nur einmal zu erfinden war, wie bspw. die Ausgestaltung von Steinklingen, der Bau von Pyramiden, usw.
     
  5. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich muss auch sagen, dass hier die Voraussetzung gemacht wurde, dass nur Kulturen, deren Verbreitungsgebiet sich berührt, sich beeinflussen können. Das ist Unsinn. Als Beispiel können Mykene und Kulturen Mitteleuropas gelten. Es braucht ja nur ein Schnurrkeramikergefäß in den Raum der Glockenbecher gelangt sein.

    Darüber hinaus gibt es ja auch noch das Phänomen, das Erfindungen in etwa derselben Zeit an verschiedenen Orten mehrfach gemacht werden konnten. In der Kunst gehen wir in der Regel nicht davon aus, aber bei so einer Quellenlage?
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Lukullus sprach doch bereits Migration über sehr weite Stecken an.
    Im Forum finden sich dazu einige aktuelle Untersuchungen, zB Fälle Lechtal, Dänemark etc.
    Wenn die Genetiker solche Verbindungen rekonstruieren, sollte ein sprungweiser Kulturtransfer als Folge auch nicht auszuschließen sein.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Bestattungsbräuche und Grabbeigaben schnurkeramischer Populationen weichen in ganz typischen Eigenschaften von Gräbern benachbarter Kulturen ab. Insofern lässt sich schnrkeramische Besiedlung gut nachweisen und nicht nur ein kultureller Einfluss. Gleiches gilt für die Grabkultur der Glockenbecherleute.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Schnurkeramische_Kultur#Bestattungen
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2018
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es ging doch aber nicht um Gräber, oder ist die Information nur unvollständig geflossen?
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hockerbestattungen sind eigentlich die in dieser Zeit (Endneolithikum bis Mittlere Bronzezeit) übliche Bestattungsformen in Europa. Selten sind Strecker. In den meisten Kulturen werden die Hocker männlich und weiblich differenziert, bei der Aunjetitzer Kultur (Bronzezeit), gibt es die sexuelle Differenzierung der Geschlechter nicht, dafür aber offenbar eine soziale Differenzierung, jedenfalls gibt es aus der Aunjetitzer Kultur vorwiegend Hocker, aber selten Strecker, die dann aber besonders reich bestattet sind.
    Bei manchen Kulturen finden wir eine festgelegte Blickrichtung der Hocker (z.B. nach Osten, was natürlich bei geschlechtsdifferenzierter Bestattung dazu führt, dass der Kopf je nach Geschlecht genordet oder gesüdet ist). Wir haben in dieser Zeit des Endneolithikums zudem eine Aufgabe der Sammelgräber (die Megalithen wurden immer wieder begangen und alte Knochen beiseite geräumt, um neue Verstorbene zu bestatten, weshalb man in ungestörten Megalithen Knochenlager fand) und eine Etablierung der Einzelgrabkultur.

    Eine gegenseitige Beeinflussung von Glockenbecher und Schnurkeramik im Rheingebiet gilt eigentich als gesichert. Nur ist die Glockenbecherkeramik, wenn verziert, i.d.R. "punziert", teilweise mit Stäbchen, teilweise mit Muscheln. Eine schnurkeramische Verzierung der Glockenbecher finden wir eigentlich erst nach dem Zusammmentreffen beider Kulturen am Rhein.

    Das Problem stellen Funde in Portugal dar, die C14 zufolge der etablierten Chronologie der Glockenbecher widersprechen.
     
  10. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Volker Heyd warnt in seinem Aufsatz "Kosinna's Smile" vor einem zu einfachen Bild von den kulturellen Umwälzungen in Europa im 3. Jtd. v.Chr. aufgrund der Ergebnisse der genetischen Untersuchungen an aDNA. Es sei nicht einfach nur eine Migrationswelle aus der osteuropäischen Steppe für die kulturellen Änderungen verantwortlich. Die Umwälzungen seien komplexer verbunden mit einer "pan-European interconnectivity in the early 3rd millennium BCE, centurys before the bell beakers expansion dating to 2500 BCE."

    Lesenswert ist neben "Kosinna's Smile" auch "Das Zeitalter der Ideologien" von Volker Heyd.
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zu den spätneolithischen Schnurkeramikern (corded ware culture) bzw. ihren skandinavischen "Verwandten" gibt es Neues.
    Eine alte Bezeichnung lautete Streitaxt-Kultur. Für den skandinavischen Bereich wird noch der Begriff battle-axe-culture verwendet.

    Die neue Publikation, open access, ist unter Mitwirkung von Torsten Günther entstanden, Bereich etwa 5000 BP, also vor Eintreffen der Yamnaya-Signale:
    The genomic ancestry of the Scandinavian Battle Axe Culture people and their relation to the broader Corded Ware horizon

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  12. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Hallo

    @Brahmenauer
    Wieso sollte man die C-14 per dendrochronologie eichen müssen ?

    Es reicht typologische Leitfunde und deren beifnde archäologisch typologisch zu datieren, dannhat man ein chronologisches sicheres Ffundament für die zugehörigen C-14 Daten. Ich wüßte jetzt nicht, wieso man aktuelle C-14 Daten (nat. nicht die vor 50 Jahren) von dendrochronologischen Daten (außer der nat. Unsicherheit bei C-14 +- xy) in Bezug auf Datenkongruenz (es wird hier ja wiedermal 300 Jahre Differnz unterstellt) nicht trauen sollte. Man kann Proben per C-14 eben nicht hundertprozentig auf das Jahr xyz festnageln, wie bei der dendrochronologie, aber das ist kein Argument gegen C-14.

    mfg
    schwedenmann
     
  13. Brahmenauer

    Brahmenauer Mitglied

    Intcal 13 bei wiki ansehen
     
  14. Brahmenauer

    Brahmenauer Mitglied

    SK_GBK20191028_06A.jpg SK_GBK20191028_06A.jpg
    "Archäologische Denkmale in Thüringen", Bd. 3, Erfurt und Umgebung, 2015 , 31

    Die verstärkte Bautätigkeit in den letzten 30 Jahren hat zu einem starken Anwachsen der GBK-Funde in Erfurt und Umgebung geführt.
     

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