Schulbuchkritik

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von floxx78, 31. Oktober 2009.

  1. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    [mod]Dieser Beitrag wurde von Vortrag: Grundherrschaft, Lehnswesen, Ständegesellschaft - Frankenreichkopiert und dann leicht geändert.[/mod]

    Kursbuch Geschichte. Von der Antike bis zur Gegenwart, Cornelsen, Berlin 2000.

    Das Buch ist konzipiert für die Oberstufe und enthält - wie so oft - leider keine konkreten Hinweise auf den Autor des Kapitels.

    Erarbeitet wurde es von:

    Rudolf Berg
    Gerhard Brunn
    Andreas Dilger
    Uter Frevert
    Hilke Günther-Arndt
    Ernst Hinrichs
    Hans-Georg Hofacker
    Dirk Hoffmann
    Wolfgang Jäger
    Ulrich Maneval
    Jochen Martin
    Waltraud Müller-Ruch
    Gottfried Niedhardt
    Christoph Prignitz
    Hermann Ruch
    Hans-Christoph Schröder
    Hannah Vollrath
    Elisabeth Zwölfer
    Norbert Zwölfer

    Die Redaktion lag bei Wolfgang Jäger und Christine Keitz.

    Trotz der teilweise renommierten Autoren halte ich das Werk für nur bedingt geeignet, da es zahlreiche fehlerhafte oder zumindest recht fragwürdige Darstellungen enthält.

    Dazu nur zwei Beispiele (aus dem Kapitel über den NS):

    S. 470.

    Angesichts von einer in die Millionen gehenden Zahl von Todesopfern der NS-Herrschaft in Polen und der Sowjetunion sowie der ebenfalls in die Millionen gehenden Zahl von Zwangsarbeitern kann man über so eine Darstellung nur den Kopf schütteln.

    S. 485.

    Auch diese Aussage könnte man sehr wohl hinterfragen.

    Zur "Ehrenrettung" des Werkes ist allerdings zu sagen, dass es sich mit der Qualität vieler anderer Schulbücher nicht wirklich anders verhält. Fehler über Fehler...

    Als Fazit sollte man ein generelles Mißtrauen gegenüber Schulbüchern an den Tag legen.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 31. Oktober 2009
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich steh grad' auf dem Schlauch...:weinen:
     
  3. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Wär ja schlimm, wenn das immer nur ich tun würde :D

    :winke:
     
  4. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Nun.. was lernen die SuS denn? Dass es zehntausende Opfer gegeben hat. Angesichts der millionenfachen Opfer der NS-Besatzungspolitik könnte man angesichts einer solchen Aussage doch von Verharmlosung der NS-Verbrechen sprechen, wenn man es genau nehmen wollte?
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es steht ja außer Frage, dass mehrere Millionen Menschen teilweise direkt, teilweise durch Aushungern und andere perfide Maßnahmen ermordet wurden. Aber dies geschah ja nicht nur in Arbeits- und Vernichtungslagern. Diesen Satz zu kritisieren empfinde ich als hyperkritisch. Ich verstehe den Satz aus dem Buch als Mosaiksteinchen, nicht als Gesamtsumme. :grübel:
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Du ja, aber (im schlimmsten Fall geschichtlich absolut uninteressierte) Schüler? Da teile ich durchaus die Vermutung von floxx, die sehen "zu Zehntausenden in Arbeits- und Konzentrationslager" und merken sich genau das.
     
  7. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Dann möchte ich zur besseren Einordnung des Zitates das gesamte Unterkapitel "Besatzungspolitik" wiedergeben:

    B20 ist folgendes Bild: http://www.rumburak.friko.pl/img/pogrom_kowno.jpg

    Die Bildbeschreibung lautet:
    M26 ist überschrieben mit "Deutsche Besatzungspolitik" und sei ebenfalls wiedergegeben:

    Die Aufgaben zu diesem Unterkapitel lauten:

    Ich denke, es wird deutlich, dass ich das Zitat nicht aus dem Zusammenhang gerissen habe und die Ausmaße der mörderischen Folgen der NS-Besatzungspolitik in diesem Kapitel nicht deutlich werden. Welche Antworten werden die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe des gegeben Materials wohl auf die Fragen 1-3 finden?

    Wohl kaum, dass die Opferzahlen in die Millionen gingen. Wohl kaum, dass der Hungertod von zig Millionen Menschen billigend in Kauf genommen wurde. Und ebenfalls wohl kaum, dass hunderte, wenn nicht tausende Ortschaften in den besetzten Gebieten zerstört wurden, zumal das Buch hier nahelegt, diese Maßnahmen seien nur in den Gebieten Nord- und Westeuropas getroffen worden:

    Alle Zitate nach: Kursbuch Geschichte a.a.o., S. 469f.
     
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  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Aufgabe des Schulbuchs ist eine nüchterne Darstellung der Fakten, nicht aber emotionale Berichterstattung.

    In den Schulbüchern zum Geschichtsunterricht des Cornelsen-Verlags wird über die Besatzungspolitik der Deutschen in Russland angemessen informiert. Es ist aber unredlich, das Kursbuch von Cornelsen wegen seiner knappen Darstellung zu schelten, da es sich hier um ein nahezu lupenreines Quellenbuch für die Oberstufe handelt, während die darstellende Geschichte in breiter Ausführlichkeit längst in den Geschichtsbüchern vom 7.-10. Schuljahr für Gymnasien abgehandelt wurde.

    Im übrigen wurde auch dieses Geschichtswerk eingehend von den Kultusministerien der Bundesländer geprüft, was für alle Schulbücher verpflichtend ist, und von den Gutachtern zum Gebrauch für den Unterricht empfohlen - sonst hätte es gar nicht erscheinen können.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Bildbeschreibung ist falsch. Die Sicherheitspolizei (GeStaPo und KriPo) war nicht uniformiert. Es muss sich um Polizeibataillone gehandelt haben, die kamen von der Ordnungspolizei. Genausogut kann es sich - wenn man nur dieses eine Bild zugrunde legt, ich nehme an, es gibt noch mehr Bilder, die andere Details zeigen - um Wehrmacht handeln.
     
  10. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Ich habe doch aber keineswegs einer emotionalen Überwältigung der Schülerinnen und Schüler das Wort geredet - so etwas halte ich für grundfalsch (und ich befinde mich damit in bester Gesellschaft: Beutelsbacher Konsens ? Wikipedia).

    Nur lässt die
    in dem fraglichen Schulbuch meiner Meinung nach zu wünschen übrig. Was sind denn die Fakten? Dass die deutsche Besatzungherrschaft in Osteuropa Millionen von Opfern gefordert hat. Werden diese Fakten im "Kursbuch" deutlich? Ich denke nicht.

    Im Übrigen würde mich interessieren, wie Du zu der Ansicht kommst, dass es sich
    ,
    wenn sich doch Darstellungs- und Quellenteil im Kursbuch nahezu die Waage halten.

    Und dein Argument:

    ist bei näherer Betrachtung keins. Oder vertrittst Du die Meinung, die Kultusministerien der Bundesländer hätten die Deutungshoheit über die Geschichte inne und dürften per se nicht kritisiert werden?

    Dazu kommt dann noch, dass die Prüfung des Buches um das Jahr 1999 erfolgt sein dürfte (Erscheinungsjahr war 2000), so dass neuere Ergebnisse der Fachwissenschaft, aber auch der öffentliche Diskurs über die Besatzungsherrschaft, wie sie etwa durch die Wehrmachtsausstellungen angestoßen worden sind, keine Berücksichtigung gefunden haben dürften.

    So. Entschuldige bitte meinen polemischen Tonfall, aber das musste jetzt mal raus.
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Emotion

    Emotion sollte man nicht so verdammen. Natürlich ist bei einer emotioalen Herangehensweise immer die Gefahr der Manipulation (die der Beutelsbacher Konsens ja ablehnt) gegeben. Man sollte aber auf der anderen Seite nicht vergessen, dass Emotion auch die intrinsische Motivation zum Lernen fördern bzw. umgekehrt behindern kann.

    So fördert sicher ein Einzelbeispiel wie das der Anne Frank (Identifikation) sehr viel eher das Interesse an Geschichte, als die nackte Zahl der Ermordeten.
     
  12. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @ El Quijote

    Nur eine Marginalie, die Angehörigen der Sicherheitspolizei trugen Uniformen, und zwar die des SD (Dienstgradangleichung).

    Uniformen der Waffen-SS ? Wikipedia

    M.
     
  13. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Sicher. Hier wandelt man als Schulbuchautor und auch als Geschichtslehrer auf schmalem Grat.

    Meiner Meinung nach muss der Autorentext allerdings schon die "nackten" Fakten bieten - und wenn er dies nicht leistet, dann sollten die Fakten aus den Quellen erschließbar sein.

    Das ist in dem Buch nicht der Fall.

    Ebensowenig bieten die Quellen die Möglichkeit einer empathischen Näherung an die Schrecken der Besatzungsherrschaft - wenn man sie durch die Brille des Verfassertextes liest - was die SuS zweifellos tun werden.

    Letztlich liegt es also am Lehrer, diesen Informationen eine zusätzliche Einordnungsmöglichkeit zur Seite zu stellen, um zu der Realität der Besatzungsherrschaft (und auch zu deren Rezeption bis in die heutige Zeit) eine halbwegs gerechtfertigte Arbeitsgrundlage zu finden.

    Nun. Nicht einfach, das alles. Es sei noch verraten, dass ich mit eben dem fraglichen Buch meinen Unterricht in der Oberstufe bestreiten darf und daher auch an einer über unser Thema hinausreichenden Diskussion sehr interessiert bin.
     
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Geschichtsbücher für die Oberstufe der Gymnasien verzichten auf eine ausführliche darstellende Geschichte, da das bereits in der Mittelstufe von Klasse 7-10 erfolgt ist. Es geht somit in erster Linie darum, einige ausgewählte historische Entwicklungen oder Phänomene quellengestüzt zu präsentieren und die weitere Behandlung des Themas in die Hände der Schüler und Lehrer zu legen. Ziel ist es in der Oberstufe, die Schülerinnen und Schüler zu selbstständiger Erarbeitung von Themen und Quellen zu motivieren; eine erschöpfende oder ausführliche Behandlung historischer Themen im Schulbuch steht nicht mehr im Vordergrund.

    Damit folgen die Schulbücher für die Oberstufe den Lehrplänen der Bundesländer, die - bei geringer thematischer Verschiedenheit - eine quellenorientierte, eigenständige Erarbeitung historischer Themen von den Schülern fordern.

    Alle Bundesländer haben Lehrpläne, in denen geschichtliche Themen, daraus abgeleitete Lernziele und ihre didaktische Umsetzung verpflichtend vorgeschrieben sind. Jedes Schulbuch muss vom Verlag bei den jeweiligen Kultusministerien eingereicht werden, die es dann für den Verlag anonymen Gutachtern zuleiten - meist drei - , die prüfen, ob das Buch den verpflichtenden Lehrplänen methodisch, didaktisch und inhaltlich entspricht. Erst nach einem positiven Ergebnis dieser Gutachterprüfung, deren Resultat sich in ausführlichen Gutachten niederschlägt, wird das Schulbuch zum Gebrauch an den Schulen des Bundeslandes zugelassen.

    Entspricht das Schulbuch nicht den gutachterlichen Forderungen, muss es von den Autoren des Verlags überarbeitet und erneut zur Prüfung beim Ministerium eingereicht werden. Insofern haben die Lehrppläne der Bundesländer, die von großen Kommissionen erbeitet werden, natürlich eine Deutungshoheit.
     
  15. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Darum geht es ja gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass in den wenigen Erläuterungen unzureichende - ich will jetzt nicht falsche sagen - Informationen stehen. Zudem erinnere ich mich dunkel an meine Oberstufenzeit. Dort hatten wir reine Quellensammlungen ohne jegliche Erläuterungen als "Geschichtsbuch". Ist man davon mittlerweile wieder ab, oder hängt das auch wieder am Bundesland?

    In dem hier besprochenen Buch scheinen aber doch einige inhaltliche Schnitzer durchgerutscht zu sein.

    Ähm, ja... ich glaube zu wissen, was du meinst, auch wenn es so nicht ganz stimmt, bzw. doch arg verkürzt ist. Was du wohl sagen wolltest ist dass der Lehrstoff umso besser und länger erinnert werden kann, je mehr Emotionen er hervorruft und zwar positive wie negative. Ausschlaggebend dafür ist allerdings auch die Höhe des Identifikationsgrades beim jeweiligen Schüler.
    Was du mit Erhöhen der intrinsischen Motivation meinst bezieht sich eher auf die Stimmung während des Unterrichts. Zur Steigerung der intrinsischen Motivation braucht man ein möglichst positives Stimmungsumfeld. Soll heißen, Wertschätzung, positive Lernanreize, Lob etc.pp.
    Genauer nachzulesen bei Edlinger/Hascher: "Von der Stimmungs-zur Unterrichtsforschung - Überlegungen zur Wirkung von Emotionen auf schulisches Lernen und Leisten"
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Oberstufengeschichtsbücher die ich kenne und die z.Zt. im Gebrauch sind, sind sehr unterschiedlich aufgebaut, da gibt es welche mit Verfassertext und Quellen und welche die mehr Wert auf Verfassertext und anderem, die mehr Wert auf Quellen legen. Und dann gibt es noch welche, die Essays von Historikern einstreuen, in dem ein Bogen vom behandelten Thema auf das heute gespannt wird.

    Nein, ich wollte sagen, dass Emotion bzw. Emotionalität beim Schüler sowohl Interesse (Mitgefühl, Identifikation, Wut etc.) als auch Desinteresse hervorrufen kann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. November 2009
  17. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Du meinst Emotionen die durch Texte erzeugt werden? Wie soll denn das gehen? Oder meinst du doch die emotionale Stimmung in der ein Text gelesen wird? (Ich glaub ich steh schon wieder aufm Schlauch...)
     
  18. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Also mal ehrlich.
    Wer empfindet bei einem Schulbuch schon Emotionen?
    Das wäre mir ganz neu.
    Oder sind die Schüler heute anders gebaut als wir früher?
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Weder noch! Ich wollte bloß gegen die Pauschalverurteilung von Emotion beim Lernen sprechen:

    ____________

    Emotionen sind immer da. Bei der Mehrheit der Schüler vermutlich "ich hab kein' Bock auf diesen Scheiß!!!"
     
  20. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Dass dies nicht immer der Fall ist, hat ja bereits El. Q. erwähnt - und ich kann dessen Urteil nur bestätigen.

    Eine Deutungshoheit über die Inhalte der Geschichtsbücher - geschenkt. Nicht aber eine über die Geschichte. Insofern ist der Verweis auf die Genehmigung eines Buches immer noch kein Argument gegen dessen Kritisierbarkeit.
     

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