"Schuld" an Bismarcks Rücktritt, anfängliche Außenpolitik Wilhelms

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Fragensteller, 15. Juli 2011.

  1. Hallo liebe Forengemeinde,
    bisher schien es mir so, dass Wilhelm II. sich Bismarck entledigen wollte (wohl noch etwas vom Bismarck-Mythos vorbelastet). Doch nun habe ich gelesen, dass Bismarck selbst für seinen Niedergang verantwortlich war, da er schließlich die Zusammenarbeit (Intrigen usw.) mit Wilhelm II verweigerte. So blieb ja Wilhelm letztendlich keine andere Wahl ihn zu entlassen. Wie war denn nun wirklich der Stand der Dinge?
    War das Rücktrittsgesuch eigentlich nur ein letztes Druckmittel Bismarcks (das hatte er ja auch oft bei Wilhelm I genutzt) oder wollte er wirklich zurücktreten?

    Und noch eine zweite Frage: Waren Wilhelms außenpolitische Ansichten immer so gegensätzlich mit denen Bismarcks oder waren sie anfänglich der ähnlichen Meinung? Hatten Wilhelms Berater vielleicht seine radikale Meinung heraufbeschworen?

    Ich weiß, dass das keine einfachen Fragen sind, doch wenn mir hier niemand helfen kann, wo sonst ;-)
    Vielen Dank
     
  2. Klaus P.

    Klaus P. Aktives Mitglied

    Es gibt zu diesen Fragen etwas hier im Forum.
    Außerdem kann man auf den einschlägigen Seiten leicht die Zusammenhänge - nach Bedarf kurz und knapp oder ausführlich - nachlesen.
     
  3. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Darf man erfahren, woher du diese krasse Fehlinformation hast? Bismarck wurde von Willhelm II. ultimativ zum Rücktritt aufgefordert.

    Die Einschätzungen, Ansichten und Meinungen über den künftigen Kurs der Außenpolitik unterschieden sich doch erheblich. Hast du dich denn schon überhaupt mit dieser Thematik näher beschäftigt?
     
  4. Cromwell

    Cromwell Neues Mitglied

    Neben einem Grund für seine Entlassung erklärt der zitierte Bildtext, dass Wilhelm II. als Kaiser des Deutschen Reiches von seinem Recht Gebrauch machte und Bismarck zum Rücktritt aufforderte. Der Verfasser verwendet in seiner Ausführung den Ausdruck "bat", Bismarck hatte aber de facto keine Entscheidungsfreiheit (wie bei einer Bitte üblich), schließlich war er gemäß Verfassung weisungsgebunden :) .

    Wens interessiert, hier der Text des Gesuches: http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/deu/742_Bismarcks Englassungsgesuch_247.pdf .

    Gruß!
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juli 2011
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Dem gibt es nichts hinzuzufügen.:winke:
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Bismarck war darüber hinaus gewissen Herren, beispielsweise den Generalstabschef Waldersee oder den Geheimen Rat des AA Holstein mit seinen außenpolitischen Vorstellungen, nämlich zu Russland unbedingt den Frieden zu bewahren, ein Dorn im Auge. Waldersee hat ununterbrochen bei Wilhelm gegen Bismarck gehetzt und ihm auch den "Floh ins Ohr gesetzt" Wilhelm solle doch sein eigener Kanzler sein. Waldersee wollte diesen Job für sich, aber erst nach dem sich der eine oder andere Nachfolger verschlissen hat. Waldersee wollte auch unbedingt Krieg gegen Russland führen, je eher, desto besser. Holstein lag mit Waldersee weitesgehend auf einer Linie.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    So hat Holstein beispielsweise in der großen Orientkrise (Bulgarien) versucht aktiv einen Krieg zu fingern. Er betrieb quasi eine Nebenaußenpolitik, die diametral der Bismarcks widersprach. Bismarck wollte Frieden, Holstein den Stein ins Rollen, also Krieg, bringen. Er hat immer wieder den deutschen Botschafter in London Hatzfeld angeraten, Salisbury möge doch den Battenberger direkt unterstützen. Oder als die Russen die Herrscahft des Coburgers Ferdinand bei allen europäischen Großmächten für illegal erklären lassen wollten, baten sie um entsprechende deutsche Unterstützung. Bismarck entsprach dem in einstrechenden Erlassen an die Botschafter. Holstein hingegen war eifrig bemüht, dies durch entsprechende Schreiben, Telegramme zu hintertreiben. Als Herbert von Bismarck in London war, um im Auftrag seines Vaters für den erhalt des Friedens zu werben, notierte Königin Victoria, was für ein falsches Doppelspiel Bismarck da eigentlich treibe.

    Holstein spielte da ein ganz übles Spiel.
     
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die zeitgemäßen sozialpolitischen Wünsche des Kaisers, die von Boetticher unterstützt worden waren, dürften ebenfalls eine erheblich Rolle gespielt haben.

    Wilhelm II. hatte Bismarck mehrfach aufgefordert eine entsprechende Novelle zur Besserung der Situation der Arbeiter auszuarbeiten. Darin sollte etwa der Sonntag arbeitsfrei sein, Kinder und Frauenarbeit, insbesondere die von schwangeren Frauen, eingeschränkt werden. Bismarck war vehement dagegen, da er die Auffassung vertrat, man könne doch den Menschen das arbeiten nicht verbieten. Und es sei doch sehr fraglich, ob die Arbeiter diese Ausfälle überhaupt leisten könnten. Auf die Idee, die Arbeiter besser zu bezahlen, ist Bismarck überhaupt nicht gekommen. Jedenfalls hatte Bismarck sich konsequent der Aufforderung seines kaiserlichen Herrn konsequent widersetzt.

    Bezeichnend ist daher auch sein Verhalten 1889 beim organisierten Massenstreik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Während Wilhelm II. Verständnis für die Streikenden äußerte und entsprechend Partei ergreifen wollte. Die wollte Bismarck nicht.

    Auch in der Frage des Sozialistengesetztes war Bismarck unerbittlich und wollte dort eine Passage untergebracht wissen, nach der es möglich ist, die Sozialdemokraten, die gegen die Bestimmungen dieses Gesetzes verstießen, des Landes zu verweisen. Das Gesetz ist krachend im Reichstag gescheitert.

    Auch in der Frage der Publikation des Kriegstagbuches des gerade verstorbenen Kaiser Friedrich zwang Bismarck Wilhelm II. seinen Willen auf. Bismarck behauptete wider besseren Wissen, das Tagebuch sei eine Fälschung.

    Bismarck hatte ganz offenkundig erheblich Schwierigkeiten mit der Tatsache, das er nicht mehrt praktisch Alleinherrscher war. So bot er Wilhelm II. an, das er künftig auf das Handelsministerium verzichte; dann wäre für den Kaiser die Bahn in der Sozialpolitik frei. Wilhelm II. akzeptierte freudig, aber Bismarck setzte trotzdem alle Hebel gegen Wilhelm II. Sozialpolitik in Bewegung.

    Dann bot er Wilhelm sogar an, das er die preußische Ministerpräsidentschaft aufgeben wolle. In Wahrheit wollte Bismarck gebeten werden, zu bleiben und das man ihm eben sagte, er sei nicht ersetzbar. Nur, das kam von Wilhelm II. nicht und so wie Bismarck seinen noch jungen, unreifen und unerfahrenen Kaiser reizte, war das auch nicht zu erwarten.

    Im März war das Fass dann voll. Für Eingeweihte war das keine große Überraschung. Wie Bismarck hinterher überall Verrat und Untreue, beispielsweise bei seinem Paladin Boetticher witterte, war schon ziemlich unfair. Es war eben von Bismarck auch ein sehr großer Fehler, das er von Mai 1889 bei Ende 1889 nicht in Berlin präsent war.

    Bismarck war innenpolitisch gewissermaßen vollkommen aus der Zeit gefallen.
     
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  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Schön formuliert. Bismarck war, das lässt sich m.E. bei vielen Langzeit-Herrschern aller Schattierungen und Richtungen nachvollziehen, selbstverständlich davon überzeugt, unersetzlich zu sein, fast alles zu können und zu dürfen und ebenso aktuelle und richtungsweisende Politik durchzuführen, obwohl Letzteres meist auf inzwischen erstarrten und fixierten sowie immer stärker überholten Vorstellungen und Prioritäten aus immer weiter zurück liegenden Phasen beruht.
     

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