Seekrieg 1870/71

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Undine, 24. März 2009.

  1. Undine

    Undine Gast

    In dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 spielte die preußische Marine eine unterordnete Rolle. Dies war wohl der Umstand, dass ein Einsatz der wenigen Panzerschiffe nicht großartig geplant war und ein Handelskrieg nur sporadisch an der Atlantikküste gegen Warenlieferungen (auch Waffenlieferungen von den Vereinigten Staaten?) nach Frankreich erfolgte.

    Die erdrückende Übermacht der französischen Flotte trug ebenfalls dazu bei, die wenigen deutschen Schiffe nicht einzusetzen.

    Ich weiß, dass man mit Kriegsbeginn ein französisches Geschwader aufstellte, dies aber kaum zum Einsatz kam und schlecht ausgerüstet war.

    Jetzt stellt sich aber mir die Frage, wieso hat man diesen Vorteil der französischen Flotte nicht konsequent ausgespielt und die Deutsche Bucht belagert oder gar ein Anlandungsversuch gestartet?
     
  2. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Hat man,
    die französische Flotte stand mit einem Geschwader Sommer und Herbst 1870 in der Nordsee. Die Preußen haben nicht den geringsten Angriff dagegen unternommen, da man der Meinung war, dass die Franzosen das Geschwader nicht so sehr lange in See halten könnten, was sich dann auch bewahrheitete.
    Es gab einen sehr "nationalen" Spruch der damals englischen Helgoländer als sich die Franzosen um Unterstützung an sie wandten.

    die Amis haben gegen den preußischen Handelskrieg protestiert, weshalb er dann auch unterlassen wurde.

    Das franz. Geschwader kam zurück, die Schiffe wurden außer Dienst gestellt, die Matrosen als Landsoldaten eingesetzt. Inzwischen war das Heer in Sedan und Metz ja fast kpl. untergegangen.
     
  3. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Das klingt nach einer interessanten Anekdote.
    Erzähl: Was für ein Spruch?
    Warum wandten sich die Franzosen überhaupt an Helgoland?
    Wie eigenständig durften die Helgoländer überhaupt agieren?
     
  4. Repo

    Repo Neues Mitglied


    So was wie "sind neutral, aber Herz schlägt deutsch" (unter Vorbehalt)
    mal nachsehen, ich glaube ich weiß noch wo es steht.

    Auch da unter Vorbehalt: Sie hätten gern eine Basis gehabt.
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Sorry, nicht gefunden:rotwerd: suche aber weiter.

    Das franz. Kanalgeschwader ging in die Ostsee, sollte die eigentlich bündnisbereiten Dänen zum Kriegseintritt animieren, allerdings war das eigentlich vorgesehene Landungskorps von ca 40.000 Mann wieder aufgelöst worden, da die Grenzschlachten gezeigt hatten, dass die Truppen für die Rheinfront nicht einmal ausreichten. Die Dänen verzichteten daraufhin.
    Von Stralsund aus griffen ein paar Kanonenboote die Franzosen an, ebenfalls eine Korvette von Danzig aus. Ohne weitere Erfolge.
    Im Sept. zog das Geschwader wieder ab.

    In die Nordsee kam das franz. Mittelmeergeschwader, Jachmann der Flottenchef wollte die Franzosen bei Helgoland angreifen, "seine Kommandanten berieten sich" und rieten ihm von dem zweckfreien Opfergang ab. Im September ging man davon aus, dass Kohlenmangel und Havarien die Franzosen inzwischen so geschwächt hätten, dass ein Erfolg möglich wäre. Die Flotte lief aus. Allerdings hat die Annahme sehr genau zugetroffen, und die Franzosen waren schon weg.

    Das einzige Gefecht fand, abgesprochen zwischen den Kommandanten, vor Havanna statt, vor zahlreichem Publikum.
    Das preußische Kanonenboot Meteor gegen ein franz. Aviso. Der Franzose, stark bescchädigt, zog sich in neutrale Gewässer zurück.

    Für die Besatzung der Meteor wurde, als einzige der Norddeutschen Bundesmarine, diese Zeit als Kriegsdienst angerechnet.
    Quelle: Petter in MGFA 1618-1939

    Die preußische Marinegeschichte scheint reich an "Merkwürdigkeiten" zu sein.
     
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  6. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das erinnert irgendwie an Montevideo, als die Graf Spee auslief. Vor großem Publikum.
    Zur Selbstversenkung.

    Auch dies ist eine "Merkwürdigkeit" der preußischen Marinegeschichte.
     
  7. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Man befürchtete 1870 allen Ernstes französische Landungen an der Ostseeküste. Deshalb wurden zahlreiche Küstenbatterien besetzt, an so kuriosen Orten wie Hiddensee und Poel.
     
  8. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Das ist 19. Jahrhundert in Reinkultur.

    Vielen Dank für diese Geschichten.
     
  9. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Offenbar war ein stattfindendes Gefecht für manche ein touristisches Happening. Bekannt ist die erste Bull-Run-Schlacht 1861, wo die feine Gesellschaft von Washington in Sonntagstracht mit Kutschen und Picknickkörben erschien.
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Franzosen zogen ja auch allen Ernstes bei Cherbourg 40.000 Mann Landungstruppen zusammen, und die Dänen hatten, laut Petter aaO, für diesen Fall auch ihr Mitwirken zugesagt.

    Erst die Niederlagen in den Grenzschlachten verhinderten dies.

    Moltke hat etliches an Landwehr, aber auch Linientruppen für diesen Fall zurückbehalten.
     
  11. Repo

    Repo Neues Mitglied


    War aber vor Montevideo 1939 wohl auch so.
    Halb Südamerika war zugegen als die Graf Spee sich selbst versenkte.

    Eben auch eine "Merkwürdigkeit"
     
  12. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Wie der zitierte Petter (S. 100) richtig schreibt, "dachte" man französischerseits nach 1867 an ein Landungskorps von 40.000 Mann, welches aber niemals gebildet wurde.

    Als der Krieg ausbrach, wurde erwogen, "2 Brigaden (5-6000 Mann) mit 8 Batterien zu formiren und diese unter Zutheilung von 2 Kavallerie-Regimentern auf der Flotte einzuschiffen". Bereits in den ersten Augusttagen wurde diese Idee aufgegeben; von den in Cherbourg versammelten Truppen wurden 3000 sofort, der größte Teil nach und nach abgezogen. (So das preußische Generalstabswerk, Teil I, Band 1, S. 26 f.).

    Werner (Bilder aus der deutschen Seekriegsgeschichte, S. 506), nannte später ebenfalls die unwirkliche Zahl von 30.000 Franzosen, die "in Jade, Weser und Elbe" hätten einfallen und "den ganzen Ausgang des Krieges" verändern können - aber das stand bei Erscheinen des Buches (1899!) schon im Zeichen der Flottenpropaganda.:pfeif:

    Ja, das waren gar nicht wenige: Zum Schutz der Nordseeküste waren insgesamt 29.000 Mann bereitgestellt, für die Ostseeküste 11.000 und als "gemeinsame Reserve" weitere 11.000, die bei Hannover standen (Generalstabswerk, aaO, S. 82)!

    Die französische auch... Beispielsweise hätte es ja nahegelegen, mit der Flotte - die französische war immerhin die zweitgrößte der Welt! - die deutsche Küste zu beschießen. Gambetta "hatte dies auch befohlen, aber der Admiral der Ostseeflotte Bouët Villaumez hielt eine solche Kriegführung für unritterlich und völkerrechtswidrig, so daß er den Befehl nicht befolgte" (Werner, aaO, S. 508).
     
  13. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    O.T.: Vor ca. 20 Jahren habe ich in Uruguay einen älteren Herren britischer Abstammung kennen gelernt. Er hatte sein ganzes Leben dort verbracht und dabei zwei markante Erlebnisse in Erinnerung: Den Besuch der Hindenburg (bei der er als Junge half die Taue zu befestigen) und die Versenkung der Graf Spee die er vom "Cerro" aus sah.

    In diesem Land passierte ansonsten nicht Vieles in den letzten 80 Jahren. :fs:
     
  14. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Aber doch!
    Die wurden 2mal Fussballweltmeister!:pfeif:
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Hatte Gambetta da schon was zu melden? (befehlen???)
    Am 1. September war Sedan und die Armee verloren, und die Geschwader wurden zurückgerufen.


    Schon wahr.
    Der amerikanische Freiheitskrieg wurde letztlich von der franz. Flotte entschieden, und 20 Jahre später war nicht mehr viel davon da.
    Nur mal zum Bleistift;)
     
  16. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ich muss gestehen, dass ich das Zitat von Werner ohne Prüfung übernommen habe.:rotwerd:

    Die Frage ist also, ob es in der Ära Gambetta (ab 4.9. Innenminister, ab 7.10. Leiter der Nationalen Verteidigung) noch Gelegenheiten gab, in denen sein Schießbefehl hätte ausgeführt werden können. Mir fehlt ein vollständiger Überblick, wann die Flotte tatsächlich sich zurückzog. Indizien:

    • "Erst nach dem deutschen Sieg durch die Sedanschlacht im September 1870 verlässt die französische Flotte Helgoland, kehrt aber im Oktober zurück und betreibt Kapereien und Raubzüge." (Ritzebüttel ? cuxpedia)
    • Über Swinemünde wurde am 18.08. die Blockade verhängt. "Der französische Angriff ließ über ein halbes Jahr auf sich warten und ist mit gegenseitiger Streitkräftedemontration beendet worden."(Westbatterie - Zachodni Fort Artyleryjski)
    Werde weiter suchen.
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Wenn man das wörtlich nimmt, wäre ein Angriff auf Swinemünde im Januar/Februar 1871 erfolgt.

    Erscheint mir unwahrscheinlich. Aber es gibt ja mehr Dinge zwischen Himmel und Erde...
     
  18. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Dein Einwand ist berechtigt: Die Swinemünder Verteidiger warteten vergebens - die Franzosen zogen unverrichteter Dinge wieder ab, wahrscheinlich um die Zeit des Waffenstillstands (28.01.71).

    Ich habe mich nochmal quer durchs Generalstabswerk gelesen, das zum Seekrieg bzw. zu den beiderseitigen Marinen naturgemäß wenig berichten kann:

    • In Teil I, Band 1 wird die frz. Marine beschrieben (S. 25-27), in Anhang die deutsche (S. *23-*27); dazu werden S. 112-120 einzelne Händel/Begegnungen erwähnt.
    • In Teil I, Band 2 stehen weitere unspektakuläre Ereignisse (S. 1307-1320). Hiernach wurde der frz. Flottenchef bereits ca. 9.8. informiert, dass es mit den Landungstruppen nix werden würde; ca. 22.8. wurde er ermahnt, nunmehr deutsche "offene Städte" nicht mehr zu schonen, sah sich aber außerstande, Taten folgen zu lassen.
    • In Teil II, Band 1 folgen weitere Ereignisse (S. 428-431), u. a. die Schlacht vor Havanna.
    • In Teil II, Band 3 schließlich wird berichtet (S. 1382-1384), dass frz. Kriegsschiffe sich weiterhin in Nord- und Ostsee aufhielten, z. B. 23.12. vor der Elbmündung erschienen, sich aber weiterhin nix zuschulden kommen ließen.
    Möglicherweise sind die beiden Seeleute, die auf "Meteor" vor Havanna durch Gewehrkugeln getötet wurden, die einzigen Opfer auf deutscher Seite geblieben.
     
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  19. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Wenn ich Petters Beitrag im MGFA-Band richtig im kopf habe, sind die aus der Ostsee etwa zeitgleich im Spetember 1870 abgedampft wie aus der Nordsee.
    Die Matrosen dann als Landsoldaten eingesetzt wurden. Die genannten werden "Handelsstörer" gewesen sein.

    Lediglich ihnen, den Seeleuten der Meteor, wurden in der Norddeutschen Marine die Zeit des franz-deutschen Krieges als Kriegsdienst angerechnet.
     
  20. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Dass viele französische Schiffsbesatzungen später an Land mitkämpfen durften, schreibt das Generalstabswerk auch.

    Die offene Frage ist einstweilen: Welche Schiffe kehrten zu welchen Zeitpunkten nochmal in die Nord- und Ostsee zurück? Da wird man wahrscheinlich nicht umhin kommen, französische Quellen zu Rate zu ziehen.
     

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