Serbien und seine spezielle Sicht auf die eigene Geschichte

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von Turgot, 18. März 2021.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

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  2. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Als 2014 das ORF und ZDF den Fernsehfilm "Das Attentat – Sarajevo 1914 " ausstrahlten, freuten sich entsprechende Kreise in Serbien.
    Das serbische Internetportal srbin.info schrieb (online übersetzt):
    Österreichischer Film: Ermordung in Sarajevo unter der Leitung von Wien
    Inmitten von Diskussionen über die Schuld und die Schuldigen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird nächste Woche Millionen von Zuschauern in Österreich und Deutschland der Spielfilm "Das Attentat, Sarajevo 1914" gezeigt, in dem im Gegensatz zu den meisten lokalen Historikern Serbien nicht als Täter des Attentats beschuldigt wird und daher nicht für den Beginn von Kriegseinsätzen auf dem alten Kontinent verantwortlich ist.

    Obwohl es sich um einen Thriller handelt, dessen Filmgeschichte sich nur auf historische Figuren und Ereignisse stützt, wobei die Details größtenteils weit von historischen Fakten entfernt sind, scheint dieser Fernsehfilm mehr dazu beizutragen, dass die deutsche und österreichische Öffentlichkeit die tatsächlichen Ereignisse dieser Zeit versteht, als alle professionellen Nachbildungen neuer Interpretationen angloamerikanischer, österreichischer und deutscher Historiker, die am Vorabend des 100. Jahrestages des Attentats die Definition des Versailler (Friedens-) Vertrags überarbeiten, nach dem Deutschland und Österreich-Ungarn die ausschließliche Schuld für den Ausbruch des Weltkonflikts haben.


    Lustig fand ich die Schlagzeile zum Film im Spiegel: Weltgeschichte als Kaiserschmarrn
    Das Attentat - Sarajevo 1914: ZDF-Film über Anschlag auf Franz Ferdinand

    Den Film selber, der auf einem Roman von Milo Dor "Der letzte Sonntag. Bericht über das Attentat von Sarajewo" basiert, fand ich als Thriller ganz gut gemacht.
    Wie das Beispiel wieder zeigt, werden solche Geschichten leider nicht überall nur als Unterhaltung aufgenommen.
     
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  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich empfand den Film tatsächlich als Schmarrn. Rein formal war er gut gemacht; Andreas Prochaska hat schon oft ("Das finstere Tal" etc.) unter Beweis gestellt, dass er sein Handwerk versteht, und auch die Schauspieler machten ihre Sache gut. Aber der Inhalt! Statt sich auf die Darstellung der gesicherten Fakten zu beschränken, verirrte er sich in Verschwörungstheorien - und natürlich steckten (laut Film - Achtung: Spoiler!) die "üblichen Verdächtigen" (eine Art "militärisch-industrieller Komplex") hinter dem Attentat. Für das Publikum war aber nicht erkennbar, dass die erzählte Geschichte in weiten Teilen fiktiv war. Gerade bei einem solch sensiblen Thema sollte man schon sorgsamer sein und nicht durch eine leichtfertige Vermengung von (teilweise beinahe dokumentarisch präsentierten) Fakten und Fiktion "Geschichte" vermitteln, die so (soweit bekannt) nicht stattgefunden hat.
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

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  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    @Ravenik Bei mir in D ist das Geoblocking leider aktiv. VPN nutze ich auch nicht, trotzdem danke für den Link.
     
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Seitdem der 2. Weltkrieg faktisch ein Tabu geworden ist (weil Tito nicht mehr der große Held ist), gibt es ein Haufen Serien und Filme über den 1. Weltkrieg in Serbien. Der 1. Weltkrieg hat schon die Aufgabe des 2. Weltkriegs übernommen, welches dieser in Jugoslawien hatte. Dara aus Jasenovac ist der erste Film über den 2. Weltkrieg seit langem.

    Bevor ich aber direkt über die Sicht der meisten Serben genaueres geben würde, würde mich Mal interessieren, wo sich diese Sicht genau von derer in Großbritannien oder Frankreich unterscheiden sollte. Es ist ja nicht so, als wäre Clark in ganz Westeuropa unumstritten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. März 2021
  7. schaf

    schaf Mitglied

    Der Film ist auf Youtube vorhanden.
     
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  8. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das traditionell an Selbstüberschätzung leidende Serbien geriert sich schon seit der Schlacht auf dem Amselfeld gern in der Opferrolle. Was mich aber wundert ist, dass selbst Historiker, die es aufgrund der Fakten eigentlich besser wissen, sich vor den Karren des Nationalismus spannen lassen.
     
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  9. schaf

    schaf Mitglied

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    Viel Widerstand gegen Großserbien.
    Obwohl 20.0000 Demonstranten nicht die Mehrheit sind.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. April 2021
  10. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ich bin ja bei diesen Sachen gespalten. Einerseits bin ich Serbe, andererseits lebe ich in Wien und manchmal denk ich mir, hätte Österreich-Ungarn gewonnen, könnte ich mir die Einbürgerung sparen, dann wäre ich als Bürger Österreich-Ungarns geboren (natürlich ein sehr hypothetisches Szenario weil sich die gesamte Gemengelage verändert hätte).

    Aber ich verstehe schon, dass Gavrilo Princip in Serbien als Held gilt. Serbien gäbe es wahrscheinlich nicht, ohne den Sieg im 1. Weltkrieg, weil Österreich Ungarn klar gemacht hat, Serbien wird entweder Teil der Donaumonarchie oder ein Vasall Österreichs. Einen unabhängigen serbischen Staat wollte man nicht. Das Serbien für einen Zwerg ein riesiges Ego hat, zeigte sich schon im 1. serbischen Aufstand, als die Russen dachten die Serben müssen alles tun was sie wollen und die serbische Führung meinte sie sei ehrlicher gleichberechtigter Partner Russlands und Verbündeter und kein Anhängsel. Als die Russen im Namen der Serben mit dem Osmanischen Reich verhandelten, wollte man den Bischof der daran teilnahm, wegen Hochverrats hinrichten. Also ich würde schon sehen, dass die Serben an Größenwahn leiden.

    Zurück zum Thema, vieles was in Bosnien passiert ist, schmeckte den Serben gar nicht. Der Versuch der Schaffung einer bosnischen Nation (welche meiner Meinung immer schon zum Scheitern verurteilt gewesen ist), die Einführung einer bosnischen Sprache. Selbst Aleksander Obrenovic, welcher ja proösterreichisch war, musste sehr daran schlucken und selbst ohne den Mord an ihn, wäre er sicher zum russischen Lager gewechselt. In der Vojvodina fiel der Prozentsatz der Serben seit mehreren Jahrzehnten. Nicht zuletzt hat ja Serbien ja schon von Geburt den Mythos, dass es entstanden ist, mit der Annahme, dass die Serben am besten für sich Sorgen können und keine fremde Herrschaftsmacht brauchen. Wenn man jetzt Zentralserbien befreit hat, warum sollte man dann damit aufhören oder war dies schon ein Fehler (Wenn ich die Korruption und die Unfähigkeit sehe, kriege ich durchaus meine Zweifel, ob es mit den Osmanen viel schlechter gelaufen wäre).

    Interessant finde ich in diesem Zusammenhang das heutige Narrativ der Bosniaken, die so tun, als wären die Bosniaken für die AU Monarchie gewesen, was großer Blödsinn ist, die Österreichisch Ungarische Monarchie wurde von den meisten Muslimen gehasst, sogar mehr als Serbien, was dazu führte das viele muslimische Intellektuelle mit dem Anschluss an Serbien sympathisierten. Die Aufstände bei der Besetzung Bosniens waren nicht ohne. Nicht zuletzt konnte aber AU es nicht allen Recht machen. Weder wurden die Rechte der muslimischen Großgrundbesitzer völlig beibehalten, noch diese enteignet. Weder Fisch, noch Fleisch gar nichts.

    PS. Wenn ihr Pro Österreich Ungarn serbische Historiker lesen wollt, dann würde ich euch Dubravka Stojanovic, Latinka Perovic, Nikola Samardzic und Branka Prpa empfehlen. Grade von den Thesen von Latinka Perovic halte ich im großen und ganzen nichts, aber diese Historiker sind mehr pro AU als jeder österreichische Historiker den ich gelesen hab.
     
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  11. schaf

    schaf Mitglied

    Sie durften ihre Leibeigenen behalten. Was wollten sie noch mehr ?
     
  12. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    @Zoki55

    Ich danke zunächst einmal für den sehr informativen Beitrag.
    Allerdings tue ich mich mit der folgenden Einschätzung etwas schwer:

    Es ist natürlich nicht zu bestreiten, dass Österreich-Ungarn seine imperialen Interessen im Westbalkan hatte und sicherlich nicht an einem vollständig abhängigen Serbien interessiert war.
    Die Frage ist nur, ob es das aus eigener Kraft heraus dauerhaft hätte verhindern können, wenn es gewollt hätte.

    Welche Möglichkeiten hatte die Donau-Monarchie denn faktisch auf die serbische Politik entscheidenden Einfluss zu nehmen?
    Einen jahrelangen Zollkrieg hatte man ja durchaus erfolglos gegen Serbien geführt. Man konnte die Gewährung von Krediten verweigern, was bedeutungslos war, so lange man von französischer Seite her, wo man ganz andere Finanzvolumina zur Verfügung hatte, bereit war, welche zu geben.
    Man konnte die eigenen Adria-Häfen für den serbischen Handel sperren, nur funktionierte das, mindestens mit den montenegrinischen und den griechischen Häfen ja durchaus nicht, fraglich, ob sich dadurch viel bewegt hätte.
    Sonst konnte Wien außenpolitisch zunehmend versuchen mit Albanien und Bulgarien gegen Serbien zu paktieren, nur musste, so lange es nicht zum Waffengang kam auch das am Ende ein recht stumpfes Schwert bleiben.

    Militärischen Eingreifen von österreichischer Seite war aber nicht ohne russisches Palcet oder deutsche militärische Rückendeckung möglich.
    Russische Erlaubnis dafür würde es ohne weiteres nicht geben und deutsche militärische Rückendeckung war in diesen Mächtekonstellationen einigermaßen wahrscheinlich, so lange Russland die Ereignisse von 1904/1905 noch nicht endgültig verpackt hatte und in Sachen Rüstungen sich noch im hintertreffen befand.

    Aber langfristig?
    Langfristig würde ich da für Serbien (dann zunächst ohne Bosnien, die Herzegowina und die Vojvodina) durchaus ganz gute Chancen sehen, dass es sich von Österreich-Ungarn dauerhaft politisch hätte emanzipieren können, auch ohne Krieg.
    Viel mehr hätte es in diesen Konstellationen wohl eines Österreichisch-Ungarisch-Russischen Ausgleichs bedurft, um Serbien de facto tatsächlich längerfristig politisch an Österreich-Ungarn binden zu können.
     
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  13. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Leibeigene hatten sie nicht, aber das Land durften sie behalten und dann wurde von Österreich-Ungarn die Landreform Jahrzehntelang verschleppt, um ja nicht sich mit der bosniakischen Oberschicht anzulegen.

    Aber sie wurden von der Einführung demokratischer Verfahren und von den Anweisungen aus Wien beschränkt. Vor allem im 19. Jahrhundert hatte nicht mal der Sultan viel Einfluss auf die bosnischen Landlords. Vor allem damals waren die Serben sogar die Mehrheit in Bosnien, eine echte Demokratie mit allgemeinen Wahlrecht und die Partei, die sich für die Landreform einsetzt hätte gewonnen. Die muslimischen Bauern hatten Ladehemmungen, sich mit ihren Begs anzulegen. Es war vielen serbischen Denkern ein Rätsel, warum sie nicht die Herzen der einfachen muslimischen Bauern gewinnen können, die man mit Möglichkeit auf ihr Land lockte. Vasa Prelagic, ein Priester, Sozialist und Nationalist hat viel darüber geschrieben. Vasa Pelagić - Wikipedia Die Serben in Bosnien hatten ja Serbien als Vorbild, wo die Landlords nicht nur ihr Land, sondern auch meist ihre Heimat und sogar ihr Leben verloren hatten.

    Hätten die Großgrundbesitzer wenigstens in ihre Ländereien investiert und die überschüssigen Bauern in die Industrie gewechselt, hätte aus Bosnien ein modernes Staatsgebilde werden können und nicht eine zurückgebliebenes Land. Da wirkte selbst das rückständige und agrarische Serbien (faktisch jeder war in Serbien Besitzer von 1-2 ha Land) als Wunschland. Österreich- Ungarn bekam ja Bosnien und Herzegowina nach dem Aufstand von 1875-1877, als neben dem Anschluss an Serbien auch die soziale Frage von Bedeutung war.

    Aber zu knabbern hatte die islamische Oberschicht schon, spätestens 1912 mit der Aufteilung des Sandschaks von Novi Pazar zwischen Serbien und Montenegro war klar, das Osmanische Reich wird kaum zurückkehren.

    Okay, mit diesen Argument könnte man sagen: " Gavrilo Princip hat Serbien einen Bärendienst erwiesen, diese Sichtweise ist gar nicht mal so selten in Serbien, wie ihr denkt. Ich gehe auch gerne mit, dass es sicher auch eine friedliche Lösung gegeben hätte, allerdings geht mir diese Sicht, ein wenig zu sehr davon aus, dass Russland immer Serbiens "best buddy" bleiben wird. Die Unterstützung für Serbien war 1914 grade mal ein Jahrzehnt alt, der Liebling von 1878 bis 1903 am Balkan der Russen war Bulgarien. Der Frieden von San Stefano war ein Schock für die Serben. (Wobei es neuere Stimmen gibt in Serbien die meinen, der Frieden wäre langfristig für Serbien gar nicht so schlecht gewesen, dies vertreten die Historiker Cedomir Antic und Predrag Markovic in ihrer "Alternativen Geschichte Serbiens".)

    Ein Agreement zwischen Österreich-Ungarn und Russland scheint mir gar nicht so abwegig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. April 2021
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  14. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das Russland vormals eher Bulgarien, als Serbien unterstützte, ist mir dabei durchaus klar. Ich gehe da auch nicht unbedingt davon aus, dass Russland in Zukunft Serbien permanent unterstützt hätte, letzendlich habe ich da vor allem auch Italien und Rumänien auf der Rechnung.
    Selbst wenn man Russland aus der Rechnung mal herausnimmt, stellten diese drei, die allesamt mehr oder minder territoriale Ansprüche auf Österreich-Ungarn erhoben oder mindestens implizierten, mehr oder minder dauerhaft eine potentielle antiösterreichische Koalition dar, im Besondern auch, wenn Österreich-Ungarn Schritte unternahm sich auf Bulgarien zuzugewegen, was ja nun weder Serbien, noch Rumänien und am Ende auch Griechenland nicht besonders schmecken konnte.
    Ein solcher Zusammenschluss hätte kräftemäßig vielleicht nicht ausgereicht um erfolgreich einen Eroberungskrieg gegen Österreich-Ungarn zu führen, aber sicherlich um sich im Fall eines machtpolitischen Ausgreifens der Donaumonarchie einigermaßen erwehren und Wien vor voreiligen militärischen Schritten abschrecken zu können, jedenfalls so lange es kein Einvernehmen zwischen St. Petersburg und Wien in Balkanangelegenheiten gab.

    Ich sehe auch nicht unbedingt, woher ein solches Agreement hätte kommen sollen, einfach weil in Sachen Balkanfragen die Zeit klar für Russland und gegen Österreich-Ungarn lief

    Aber gut, das sind Spekulationen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. April 2021
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  15. schaf

    schaf Mitglied

    Hatten sie doch.
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    Serfdom - Wikipedia
    Dates of emancipation from serfdom in various countries
    Bosnia and Herzegovina: 1918

     
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  16. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ist sicher Definitionssache, ich jedenfalls habe schon mehrere serbische Historiker gehört, die meinten von einem Feudalsystem, kann man bei dem osmanischen nicht sprechen.

    Ö-U hat sicherlich mit ihrem festhalten an den alten Eliten, viele Sympathien bei den Serben verloren.
     
  17. Salvallende

    Salvallende Neues Mitglied

    Eine ganz spezielle Sicht auf die eigene Geschichte haben ja alle Balkanvölker. Ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht, wo ich zuerst anfangen soll. Aber bleiben wir bei Serbien.

    Meine persönliche Meinung zum serbischen Mythos und der serbischen Geschichtsauslegung:

    Die Serben haben sich im 19. Jhdt., wie viele andere Völker, einen wunderbar fantasievollen mythischen Rahmen für ihr nationales Erwachen "erarbeitet".
    Dieser basiert extrem dogmatisch auf dem Kosovomythos und einer ganz eigenen Interpretation des orthodoxen Glaubens inkl. einer zentralen Rolle der serb. orth. Kirche.

    Diese, fast schon verbohrte, Betrachtung der eigenen Geschichte hat dazu geführt, dass sich eine intellektuelle Elite ausgebildet hat, die faktisch keine Kritik an der besagten Konstruktion zulässt. Bis heute betätigen sich Mitglieder der serbischen Akademie der Künste als übergeordnete Moralwächter sobald irgendwo der Mythos angekratzt wird.
    Ein guter Indikator für solch eine nationale Verbohrtheit ist ein komplettes Fehlen von Ironie - der Anspruch ist ganz klar totalitaristisch.

    Wie alle anderen Balkanvölker war und ist die Opferrolle absolut.

    Diese dogmatische Verklärung der eigenen Rolle durch die serbische Gesellschaft und Politik ist in der serbischen Geschichte einem mehrmaligen Schuss ins eigene Knie gleichgekommen und hat berechtigte (wahre) Aspekte der serbischen Geschichte ad absurdum geführt.
    Gavrilo Princip ist demnach auch nicht einfach nur eine historische Erscheinung sondern auch schon Teil des Mythos, eine Personifikation des Freiheitskampfes.
    Ich würde noch "Personifikation der Liquidierung von Personen aufgrund diverser versponnener Balkanintrigen" dazunehmen, aber nun gut...

    Ganz subjektiv ausgedrückt: Man hat die Bosniaken und (aktuell) auch Montenegriner, die eigentlich prädestiniert für eine tiefere Zusammenarbeit und für einen (freiwilligen) gemeinsamen Staat waren, buchstäblich weggeekelt. Die Montenegriner haben noch in den 90ern brav beim Bombardieren in Dubrovnik mitgemacht, haben aber, nicht zuletzt aus Eigeninteresse der montenegrinischen Elite, im letzten Jahrzehnt gemerkt wir destruktiv dieser Fanatismus ist sich sowohl territorial als auch mental vom serbischen Volk abgespalten (wobei noch etwa die Hälfte angibt serbischer ethnischer Zugehörigkeit zu sein).
    Interessant: Fast alle serbischen Herrscher, auch in der neueren Geschichte (Milosevic, Karadzic, Tadic, ...) sind montenegrinischer Abstammung.
    Der Fanatismus, mit dem man den eigenen Mythos gepflegt hat, und der Anspruch der serb. orth. Kirche, haben mit fortlaufender Zeit immer mehr die Brudervölker gegen sich aufgebracht. Das war nicht immer so, ist aber einer der Gründe, wieso man z.b. die Bosniaken nicht für sich gewinnen konnte.
    Die Tatsache, dass in Serbien nach den Aufständen massiv gegen islamische Bauten und Zeichen der islamischen Geschichte "vorgegangen" wurde, ähnlich zu Bulgarien, haben bei der Vertrauensbildung nicht geholfen.

    Ich persönlich kenne eine Muslimin aus dem serbischen Sandschak, die sehr wohl sagt, dass sie Serbin sei und sich ungemein ärgert, dass die serbische Nationalkirche und Interpretation des Serbentums nur orthodoxe Gläubige als Serben inkludiert. Dass natürlich serbische Nationalisten alle Bosniaken als "muslimische Serben" betrachten ist ein anderes Thema, ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein Muslim nicht als "kompletter Serbe" betrachtet werden kann, dank des tollen serbischen Dogmas.

    Die meisten Bosniaken (auch im Sandschak) werden heutzutage aber vermutlich ohnehin von sich behaupten, sie seinen nationale Bosniaken (ein anderes Thema, welches mit einem neueren Nation Building zu tun hat).

    An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass ich überhaupt nicht der Meinung bin, dass die Serben die alleinige Verantwortung für diverse Konflikte oder eine negative Entwicklung des Balkans tragen. Die Serben waren sehr oft selber Opfer am Balkan. Die Balkanfeldzüge durch Deutsche und Österreicher hatten in beiden Weltkriegen eine rassische Note und haben massive Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zur Folge gehabt. Leider werden aber alle anderen, nicht so heroischen und ehrvollen, Aspekte der eigenen Geschichte ausgeblendet.

    Ich bin jetzt eh ein bisschen zu weit abgeschweift und hoffe, dass sich das noch im Rahmen des Thread-Titels bewegt. Es gäbe da noch sehr viel mehr zu sagen.
     
  18. hatl

    hatl Premiummitglied

  19. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Uiuiui ich würde aufpassen mit so einer These, den diese Verbreiten viele nationalistische Serben (halt die Anhänger des Nationalismus ohne religiösen Unterbau). Es gab durchaus serbisch orthodoxe Priester und Bischöfe die davon ausgingen, dass die Bosniaken Serben seien (Vasa Pelagic, Petar Petrovic Njegos, Stefan Statimirovic und viele mehr), es gab sogar Protonationale serbische Tendenzen beim katholischen Bischof Andrija Zmajevic. Beispiele aus dem muslimischen Umfeld kenne ich nicht. Also das die Kirche zu 100 % dieses Dogma vertreten habe, stimmt nicht. Natürlich wissen wir nicht, was der einfache Dorfpriester gelehrt hat. Mir ist aber die These zu billig, was juckt einen Muslim, was der Dorfpriester erzählt. Gäbe es wirklich so einen Wunsch bei den Muslimen sich als Serben zu identifizieren, wäre das auch dazu gekommen. Leider sind solche Beispiele wie das Mädel, welches du kennst, immer Minderheiten gewesen und nicht die Regel. Die Sandschak Muslime bezeichneten sich als Serben in den Volkszählungen nur weil sie es mussten. Ich gehe davon aus, dass es sehr schwierig wäre die Bosniaken vom Serbentum zu überzeugen, selbst hätten die Serben und Serbien alles richtig gemacht.


    Natürlich frage ich mich auch was passieren würde, wenn morgen die Bosniaken alle sagen würden Sie seien Serben muslimischen Glaubens und die Vergangenheit sollte man vergessen. Würden die Serben sie akzeptieren, ich glaube nicht.
     
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  20. Salvallende

    Salvallende Neues Mitglied

    Das habe ich ja geschrieben. Aber Anhänger des serbischen Nationalismus ohne religiösen Unterbau? Gibt es so etwas leicht auch (als Mehrheitsgedanke)? Bei den Albanern gibt es das, da bei diesen die Religion kein Ausschließungsgrund ist, da es auch katholische und orthodoxe Albaner gibt. Aber serbischer Nationalist zu sein ohne stolz serbisch orthodox zu sein? Wenn es so etwas gibt, wird am Ende vermutlich dann doch zumindest erwartet, dass diese Muslime "rückkonvertieren" (wie ein Emir Kusturica etwa, der ein sehr gutes Beispiel ist, was ich meine. Er hat seinen Namen geändert und sich wieder orthodox "rücktaufen" lassen um "kompletter Serbe" zu sein).

    Unabhängig davon was serbische Nationalisten behaupten, gibt es (zumindest habe ich eine getroffen) sehr wohl muslimische Slawen in Serbien, die sich als Serben betrachten (mittlerweile sicherlich die Minderheit der Muslime in Serbien), das hat etwas mit der eigenen Auffassung der Identität zu tun. Ein Zlatan Ibrahimovic hat nicht unbedingt einen schwedischen Namen, wird sich aber vermutlich als Schweden betrachten, ist ja dort geboren und das ist sein Heimatland. Fast alle Amerikaner stammen aus dem Rest der Welt und betrachten sich aber als Amerikaner.

    Ich rede übrigens von der Vergangenheit und mir geht es im Übrigen auch überhaupt nicht um die Frage, als was sich nun die Muslime Serbiens oder Bosniens betrachten, sondern darum, wie unflexibel und dogmatisch sich die serbische Elite in der Vergangenheit ihren nationalen Mythos zusammengeschustert hat.
    Das lässt auch keine Rückschlüsse auf das Zusammenleben der diversen Volksgruppen in Serbien heutzutage zu, welches meistens recht gut ist.

    Im Namen eines vermeintlichen mythischen Serbentums wurde da schon "Verrat am Volke" gesehen und es wurden schon Akteure in der serbischen Geschichte deswegen ermordet und Premiers erschossen.

    Das habe ich auch nicht behauptet, bitte nochmals genau durchlesen, was ich geschrieben habe.
    Ich spezifiziere einmal, welches Dogma ich meine: Die serbisch orthodoxe Kirche ist alleiniger Träger der serbischen Identität und Fundament des Serbentums, egal wo auf der Welt.

    Serbien betrachtet sich als Nationalstaat mit der serb. orth. Kirche als Staatskirche, das lässt wenig allgemeinen (sprich als gesellschaftlichen Dialog) Interpretationsraum bzgl. der nationalen Identität zu und ermöglicht ein Exklusionsprinzip.
    Ist nichts Neues, in Bosnien wird es noch viel drastischer und schlimmer zwischen den 3 staatstragenden Volksgruppen gelebt, während in Serbien die Minderheiten und die Mehrheitsbevölkerung durchaus durchmischt sind und zumindest in Frieden miteinander leben (in Serbien gibt es ja ca. 15-20% Nicht-Serben).

    Bei den Albanern des Kosovo gab es ja noch weniger Versuche diese in einen serbischen Staat zu integrieren (und ich meine hier ausdrücklich nicht Assimilieren). Ganz im Gegenteil, hier haben sich die Serben durch eine mit Gewalt gezeichnete Kolonisierungs- und Unterdrückungspolitik ausgezeichnet. Wo bzgl. den slawischen Muslimen hier und da eine gewisse Ambivalenz herrschte, war dies bei den Albanern überhaupt nicht gegeben. Diese wurden als "Wilde" gesehen und dementsprechend war auch die Politik. Eine Geschichte von über 100 Jahren gegenseitigen Mord und Totschlags war/ist das Ergebnis.

    Am Kosovo ist natürlich massiv der serbische mit dem albanischen Mythos zusammengestoßen. Das albanische Nationalprogramm ist ja nicht minder fantastisch als das serbische.

    Die Vergangenheit vergessen... :) Im Sinne von "das aktuelle Leben und jetzige Einstellungen zu anderen Menschen nicht durch negative Geschehnisse in der Vergangenheit bestimmen lassen"? Tja, ich glaube, dass wir als Menschen da noch ein bisschen Zeit brauchen, ein paar hundert Jahre und ein paar existenzbedrohende Natur- und Umweltkatastrophen noch, und dann wird vielleicht etwas draus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. April 2021

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