Sklaverei in den USA

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Tutti, 22. Juni 2020.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Es waren natürlich weder alle Sklavenhalter noch alle Aufseher "kranke Sadisten". Ich habe auch nichts geschrieben, was diesen Eindruck erwecken könnte. Es war aber nicht unbedingt karrierehemmend, wenn ein Aufseher sadistische Neigungen hatte. Fred Douglass erwähnt mehrere Aufseher namentlich. Die meisten benahmen sich tatsächlich sadistisch und brutal. Eine Ausnahme war ein gewisser Mr. Hopkins. Hopkins peitschte gelegentlich Sklaven aus, schien dabei aber kein Vergnügen zu empfinden. Die Sklaven nannten ihn einen guten Aufseher. Hopkins blieb aber nur kurze Zeit bei Colonel Lloyd, und Fred Douglass vermutete, dass er ging, gerade, weil er Colonel Lloyd nicht brutal genug war. Einen Nachfolger, ein gewisser Mr. Austin Gore war extrem brutal. Er erschoss einmal einen Sklaven namens Denby, der von ihm ausgepeitscht werden sollte und sich in einen Fluss flüchtete. Als Gore ihm befahl, aus dem Wasser zu steigen und dieser sich weigerte, schoss er ihn über den Haufen. Er rechtfertigte sich gegenüber dem Besitzer, dass Denby unkontrollierbar geworden sei, ließe man das durchgehen, wäre es mit der Sklaverei bald vorbei. Diese Entschuldigung wurde akzeptiert, niemals musste sich Gore für irgendetwas rechtfertigen.

    Häufigste Gründe für Misshandlungen waren Verspätung bei der Arbeit und "Unverschämtheit". Ein Blick, eine Geste, eine Grimasse, alles konnte als Unverschämtheit ausgelegt werden! Manche Sklaven flehten den Schutz ihres Herrn an. Meistens entschieden die Herren gegen die Sklaven und zugunsten der Aufseher. Die Beschwerde führte oft dazu, dass ein Sklave noch heftiger geprügelt wurde, auf lange Sicht gesehen, war aber die Beschwerde doch meist erfolgreich. Douglass schreibt, die Sklaven, die sich am leichtesten prügeln ließen, wurden auch am häufigsten geschlagen. Sklaven, die sich beschwerten, sich sträubten, sich womöglich gar wehrten, mussten in der Regel eine heftige Abreibung erdulden, riskierten auch wegen Unverschämtheit erschossen zu werden, aber die meisten Aufseher suchten sich beim nächsten Mal lieber ein leichteres Opfer. Als Fred Douglass ungefähr 15 war, wurde er für 1 Jahr an einen Redneck namens Edward Covey vermietet. Covey war ein armer Schlucker, sogenannter "white trash", er hatte aber den Ruf ein "Niggerbrecher" zu sein. Fred sollte gebrochen werden, in den ersten Monaten wurde er täglich heftig misshandelt. Eines Tages wehrte er sich und schlug Covey nieder. Der hätte Fred Douglass dafür natürlich in die "Calaboose", das Sklavenzuchthaus schicken, um ihn dort auspeitschen zu lassen, dann wäre es aber für immer mit seinem Ruf als "Niggerbrecher" vorbei gewesen. Covey ließ die Sache auf sich beruhen und legte nie wieder Hand an Douglass.

    Danach wurde Fred an einen Mr. William Freeland vermietet. Freeland war ein ganz anderer Mensch, als alle Sklavenhalter, die Fred bis dahin kennengelernt hatte. Er verlangte eine hohe Arbeitsleistung von seinen Sklaven, gab ihnen aber gute Werkzeuge und sorgte dafür, dass die Arbeitsleistung auch erbracht werden konnte. Er gab reichlich und ordentliches Essen aus und ließ den Sklaven genug Zeit für die Mahlzeiten und Zeit genug, um zu schlafen. Obwohl kein reicher Mann, war William Freeland nach Douglass Beschreibung ein kultivierter Südstaaten-Gentleman mit einem Sinn für Ehre und Gerechtigkeit. "Ich hatte niemals einen besseren Master, als Mr Freeland, bis ich in ein freies Land ging und mein eigener Herr wurde, schreibt Douglass über ihn.

    Grundsätzlich ist sicher der Gedankengang nicht abwegig, dass Sklavenhalter prinzipiell ein Interesse daran haben mussten, Sklaven gesund zu erhalten. Wichtiger aber, als die Gesundheit der Sklaven war ihr Gehorsam, war ihre Angst und Einschüchterung. Um das System der Sklaverei, der Rassentrennung, der Slave Codes aufrecht zu erhalten und zu stabilisieren, war Gewalt nötig, und das erforderte ein bestimmtes Personal an Aufsehern, Sklavenjägern etc.. Häufig rekrutierten sie sich aus armen Weißen aus dem Süden, wenn man zeitgenössische Quellen liest, anscheinend gar nicht so selten auch aus Nordstaatlern. Aufseher galten unter der Elite als gesellschaftlich fragwürdige Existenzen, die von der Pflanzer Aristokratie mit äußerster Verachtung betrachtet wurde, die aber nötig war, das System aufrecht zu erhalten und die daher mit großen Kompetenzen ausgestattet wurde.

    Colonel Lloyd sprach niemals persönlich mit einem Aufseher, und keiner von ihnen durfte auch nur das Wort an ihn richten. Die Aufseher bekamen alle Instruktionen von Captain Aaron Anthony, vermutlich Douglass Vater, der selbst 2 oder 3 Farmen besaß.

    Wenn bei den Misshandlungen eine so hohe Infektionsgefahr bestanden hätte, wie du vermutest, hätte kaum ein Sklave und wohl auch kein Kind das 19. Jahrhundert überlebt. Brutale Bestrafungen, Misshandlungen hin und wieder auch der ein oder andere Mord an Sklaven mochten nicht die Regel sein, waren nicht "normal", aber doch so häufig, so üblich und so geduldet und hingenommen, dass es sich keinesfalls um überzeichnete Fälle handelt.

    Es wurde schon in der Öffentlichkeit geraunt, wenn jemand seine Sklaven allzu sehr misshandelte, ähnlich wie in Fällen von Kindesmisshandlung, der Täter oder die Täterin musste aber keine Konsequenzen befürchten, wurde letztlich nicht gesellschaftlich geächtet.

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    In dem Roman Uncle Toms Cabin-Life among the Lowly unterhält sich der Südstaatler St. Clare mit seiner Cousine aus Vermont über dieses Thema. St. Claire nennt die Sklaverei die größere und dreistere Missachtung des Naturrechts als den Kapitalismus, er äußert aber die Ansicht, dass die ca. 1000 Feldsklaven auf den Plantagen, die er von seinem Vater erbte und die von seinem Zwillingsbruder aus den Nordstaaten effizient bewirtschaftet werden, besser ernährt und gekleidet werden, als ein Großteil der englischen Arbeiter in den Textilfabriken.

    Es sind aber Lebensverhältnisse von Industriearbeitern und Sklaven schwer vergleichbar. Besser gemessen woran? In Punkto Ernährung, Kleidung mochte ein Haussklave gegenüber einem (ungelernten) Industriearbeiter Vorteile haben, diese Vorteile konnten sich aber von einem Moment in Nichts auflösen. Jedem Sklaven, auch dem privilegiertesten drohte mindestens einmal im Leben verkauft zu werden.
     
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  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Habe heute morgen den hier ganz übersehen:

    Wenn die Südstaaten darauf bestanden dass es Sache der Einzelstaaten gewesen wäre die Sklaverei als solche zu akzeptieren oder nicht, hätten sie sich gegen die Aufnahme neuer, aus den Territories gebildeter, sklavenfreier Staaten nicht stellen dürfen, taten sie aber und beanspruchten in diesen Fällen, dass Proporz gewahrt würde. Das passt doch vorne und hinten nicht zusammen.
    Wenn man auf dem Standpunkt steht es sei die freie Entscheidung jedes Staates gewesen, hätte man auch akzeptieren müssen, mit der eigenen Entscheidung in der Minderheit zu sein, so lange keine Versuche unternommen würden, die Sklaverei an sich, wo sie bestand auf verfassungstechnischer Ebene anzugehen.

    Realiter handelte man von südstaatlicher Seite aber andersund war schon immer grundsätzlich der Meinung Teilen der neu hinzukommenden Staaten die Sklaverei verordnen zu müssen, damit der alte Süden in dieser Frage frei für die Sklaverei votieren konnte, ohne in die Minorität zu geraten.

    Nö, hätte es nicht, da potentiell neu gebildete Staaten ja erst einmal anerkannt und in die Union hätten aufgenommen worden werden müssen, was sich über den Senat und entsprechenden Tumult ganz gut blockieren ließ. Schau dir da z.B. mal die Auseinandersetzungen an, als es um die Aufnahme Kaliforniens in die Union ging. So einfach war es nicht damit, mal eben x neue sklavenfreie Staaten zu bilden.
    Abgesehen davon, hätte man im Süden darauf mit ähnlichen Finessen reagieren können, wie das schon beim Missouri-Compromise von 1820 bemüht wurde:

    Damals wurde Missouri als Sklavenstaat der Beitritt zur Union gestattet, dafür wurde im Gegenzug Maine, das früher zu Massachusetts gehört hatte als freier Staat eigenständig.
    Was hätte also aus Sicht eines südstaatlichen Sklavereibeführworters für ähnliche Neuordnungen, beispielsweise in Virginia oder Texas, wo das angesichts der Ausdehnung vielleicht sogar Sinn gemacht hätte, gesprochen?
    Bei dem Zank um den Proports ging es ja nicht um demographisches Gewicht und Wählerstimmen insgesamt, sondern um Senatssitze, um potentielle Verfassungsänderungen, sprich Zweidrittelmehrheiten zu verhindern.
    Wäre man nach dem Modell des Missouri-Compromise einfach weiterhin verfahren, hätte man bei weiterer Untergliederung der flächenmäßig ja ohnehin recht großen südlichen Staaten (wenn man das z.B. mal mit Neuengland vergleicht) den Proporz durchaus auch bei Aufnahme weiterer sklavenfreier Staaten in die Union erhalten können.


     
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    2.

    Bleibt wie von anderer Seite schon angeführt allerdings das Faktum, das hier schon mehrfach durchgekaut wurde, dass die Sklaverei auch Härten mit sich brachte, selbst wenn gerade einmal nicht geschunden wurde, z.b. im Rahmen der Möglichkeit dass die Familie jederzeit durch Verkauf auseinandergerissen werden konnte, etc.
    Auch das sind, wie zu recht angeführt wurde, potentielle Grausamkeiten, die nicht dadurch wegzudiskutieren sind, dass es anderswo (wo es diese nicht gab) mitunter auch brutal zuging.

    Natürlich wird man vorsichtig damit sein müssen, es mal eben für normal zu erklären, dass Sklaven von früh bis spät halbtot geprügelt wurden.
    Andere angesprochene Härten blieben aber bestehen. So ziemlich jeder Sklavenbesitzer hatte irgendwann mal Sklaven ge- oder verkauft und damit Familienverbände auseinandergerissen etc.
    Wenn man das von dem Standpunkt diskutiert, war die Mehrheit der Sklavenbesitzer durchaus grausam, wenn vielleicht auch auf anderer Ebene.

    Damit bin ich nicht so ganz einverstanden, weil es dann in den Bergwerken, gemessen damit, was an Arbeitsschutz technisch möglich war (so lange zur Beleuchtung mit offener Flamme hantiert werden musste, weil es isoliterte Grubenlampen noch nicht gab, bestand da gerade im Kohlebergbau immer erhöhte Explosionsgefaht), doch durchaus besser gestanden hat, als in den meisten Fabriken, würde ich meinen. Da ging man auch relativ früh davon ab Kinder mit den wirklich gefährlichen Arbeiten untertage zu betrauen, sondern die übernahmen dann in der Regel Aufgaben übertagen oder beim Führen der Pferde um Kohle und Abraum aus dem Berg heraus zu schaffen.

    Zum anderen, wenn wir in den Fabriken jetzt das Thema Kinderarbeit mal außenvor lassen, war das noch immer freiwillige Arbeit, zu der es mitunter Alternativen gab (Dienst in der Armee oder Seefahrt, etc.), die freilich auch hässliche Arbeit waren, aber die Wahl gab es, auch wenns eine zwischen Pest und Cholera gab.
    Und das Verkaufen von freien Arbeitern in Fabriken gegen deren Willen, ging so einmal auch nicht an. Das mag in den rückständigsten Winkeln Europas noch mit Leibeigenen funktioniert haben, wenn die Scholle, an die diese gebunden waren, den Besitzer wechselte, aber auch das hatte eine etwas andere Qualität als Sklaven mal eben quer über den Kontinent zu verschieben.
    Das einzige, was an Härten da noch rannkommt, ist das wilde Zwanksrekrutieren, sprich Pressen von Rekruten bei Heer und Marine, dass dann allerdings im 19. Jahrhundert mit der Einführung von Wehrverfassungen allerorts auch als Rekrutierungsmethode verschwindet oder wenigstens marginalisiert wird oder die administrative Verbannung, bzw. Verbannung als Strafmaßnahme, wie Russland dass im Hinblick auf Sibirien betrieb und Großbritannien zu erst im Hinblick auf die nordamerikanischen Kolonien, später im Hinblick auf Australien.

    Aber selbst diese Härten waren noch an andere Hürden gebunden, nämlich daran, dass diejenigen Menschen, die verschoben wurden, irgendwas verbrochen hatten und mindestens periodisch musste das auch kapitaleres sein. Wie es mit GB aussieht, weiß ich nicht, aber in Russland ersetzte die Verbannung nach Sibirien ab dem 18. Jahrhundert de facto sukzessive die Todesstrafe.
    Wenn man sich vor Augen führt, dass einem Sklaven jederzeit und einfach so, weil sein Besitzer Kapitalmittel brauchte, das gleiche Schicksal drohen konnte, wie einem Europäer, der sich schwererer verbrecherischer Akte schuldig gemacht oder Rebellionen angezettelt hatte (wenn wir an das Schiksal der Dekabristen denken), kommt man nicht umhin die Härten zu konstatieren, die in dieser Form sicher nicht normal und vergleichbar waren.

    Die Arbeit in Fabriken oder der Dienst in der Armee oder der Marine waren kein Zuckerschlecken und vergleichbar hart. Deswegen darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass mit der persönlichen Freiheit ehemaliger Sklaven eine, nach unseren Maßstäben menschenwürdige Behandlung einhergegangen wäre.
    Das Faktum, dass das Innehaben persönlicher Grundrechte den Sklaven vom freien Menschen unterschied, bleibt aber bestehen und damit kann man Sklavenarbeit und freie Arbeit in dieser Form nicht auf eine Stufe stellen.

    Mit dem Unterschied, dass der Industriearbeiter aus Pennsylvania wenn er ein paar bescheidene Mittel gespart hatte, sich jederzeit als Farmer im mittleren Westen versuchen konnte, zumal es Land dort nach dem Homestead-Act von 1862 ja mehr oder minder zum Schleuderpreis gab:

    Homestead Act – Wikipedia

    Und sonst konnte er sich, wenn ihm sein Job nicht mehr passte auch jederzeit für die US-Army verpflichten oder bei einer der großen Eisenbahngesellschaften für Bauprojekte anheuern etc. etc.

    Demgegenüber konnte sich der Sklave aus Virginia, wenn sein Besitzer morgen in Geldnot geriet, weil er gestern abend mit besoffenem Kopf beim Zocken sein Blatt überreizt hatte, übermorgen auf einer Baumwollplantage in Georgia oder Alabama wiederfinden, mal eben auf nimmer Wiedersehen von Frau und Kindern getrennt.

    Und das gehört dann da auch berücksichtigt.

    Und an der Stelle, muss ich mich, auch wenn ich dazu neige den Ball flach halten zu wollen, dann auch anderem Anschließen. Wenn die Vergleiche so gezogen werden, dass sie sich auf die körperlichen Härten verschiedener Tätigkeiten reduzieren, die zusätzlichen Härten der Sklaverei aber keine Berücksichtigung finden und systematisch die miesesten Formen freier Arbeit mit dem Leben der Sklaven vergleichen wird, die es am glücklichsten Getroffen haben, wird es leider etwas apologetisch.
    Sollte man von weg kommen und kann ich nicht unterstützen.

    Wie gesagt, die persönliche Freiheit war nicht die materielle Sicherheit und auch nicht die Garantie menschenwürdiger Behandlung. Aber gewisse Schicksalsschläge blieben einem damit unter Garantie erspart und das gehört da mit dazu, in der Gesamtabrechnung.
     
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  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Es gab durchaus so etwas wie "familiäre Bindungen", und die waren nicht einmal so selten. Fred Douglass war nicht der einzige amerikanische Sklave, dessen Herr sein Vater war. Für viele solcher Kinder war die privilegierte Stellung die sie oft genossen, sehr zwiespältig. Fred Douglass sagt, dass solche Kinder oft den Zorn der betrogenen Ehefrau und der Stiefgeschwister weckten. Auch eine privilegierte Stellung entschädigt nicht für Unfreiheit.

    Im Haushalt von Hugh und Sophia Auld, dem Bruder und der Schwägerin seines (zweiten) Herrn wurde Fred Douglass relativ gut behandelt. Es gab gut und reichlich zu essen, Fred wurde anständig gekleidet, und seine Herrin Sophia Auld empfand er anfangs fast wie eine Mutter. Sophia stammte aus einfachen Verhältnissen, ihre Familie hatte nie zuvor Sklaven besessen oder gehalten. Von Natur aus war sie eine fromme und warmherzige Frau, und sie hatte Fred selbst etwas lesen beigebracht, bis ihr Mann es ihr verbat. Hugh Auld sagte, in Anwesenheit des Kindes. "Wenn du diesem Nigger lesen beibringst, wird er bald schreiben lernen wollen. Gib einem Nigger ein Inch, und er nimmt die Elle."

    Fred Douglass brachte sich dann mit Hilfe eines Schulbuchs, des "Columbia Orator" selbst lesen und schreiben bei, und er beschreibt eindringlich wie sehr ihn das Bewusstsein der eigenen Lage, der Wunsch frei zu sein belastet hat. Ungeheuer belastend auch, zu erleben von Bildung ausgeschlossen zu sein!

    Ein differenziertes Bild der neuzeitlichen Sklaverei in den USA, Brasilien und der Karibik lässt sich kaum nur aus Filmen gewinnen, Streifen wie "Vom Winde verweht" oder "Fackeln im Sturm" scheinen aber das Bild des Grand Old South so nachhaltig geprägt zu haben, dass es nur schwer durch Fakten erschüttert werden kann.
     
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  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Vielleicht noch etwas zu Aufsehern: Douglass und andere Autoren des 19. Jahrhunderts schrieben, dass diese quasi eine eigene Kaste bildeten, rekrutiert vor allem aus der Schicht der landarmen oder landlosen Kleinfarmer und Tagelöhner oder aus Nordstaatlern aus grenznahen Staaten rekrutiert. Nordstaatler hatten oft zumindest rudimentäre kaufmännische Kenntnisse, und sie konnten meistens lesen und schreiben, in vielen Südstaaten eine recht seltene Kunst.

    Sklaven größere Befugnisse über andere einzuräumen, widersprach rassistischen Vorstellungen, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet waren. Trotzdem hatten manche Sklaven, die Vertrauensstellungen als Koch oder Köchin, Butler oder de facto Handwerksmeister durchaus großen Einfluss. Douglass Vater Aaron Anthony gab die monatliche Zuteilung an Lebensmittel nicht persönlich an jeden Sklaven, sondern überließ dass seiner Köchin "Aunt" Cathy. Uncle oder Aunt waren keine Begriffe, die irgendeinen Verwandschaftsgrad bezeichneten, sondern eine Art Ehrentitel für Fachkräfte, die innerhalb der schwarzen Gemeinschaft über Prestige, Respekt und durchaus auch Macht verfügten, die zuweilen auch recht despotisch ausgeübt wurde.

    Es war selten, dass Schwarze zu Aufsehern ernannt wurden, kam aber durchaus vor. Der in Beecher-Stowes Roman als fiesester Sklavenhalter beschriebene Simon Legree, von Geburt ein Yankee aus den Neuenglandstaaten lässt seine Plantage am Red River von zwei schwarzen "Aufsehern" bewirtschaften, die er nach dem Prinzip "divide et impera" in ständiger Feindschaft hält und so sicher sein kann, alles zu erfahren, was sich auf seiner Plantage ereignet.
     
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  6. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Folgende These habe ich mal an der University of South Alabama in einer Vorlesung gehört (lange her, seit dem hab ich sie 1-2mal in der Literatur gesehen, aber nie an prominenter Stelle ... ):
    Eine beträchtliche Zahl von Weißen im Sünden war vergleichsweise arm. Gesellschaftlich standen sie aber nicht ganz unten. Sie hatten immer noch die Sklaven, auf die sie herunter schauen konnten. Das war ein(!) Grund, warum sie dann im Bürgerkrieg für den Süden kämpften (und damit irgendwo auch für den Erhalt der Sklaverei, obwohl sie selbst keine Sklaven hatten): Mit befreiten Sklaven hätten sie nicht konkurrieren können / wollen.
    Wenn nun solche armen Weißen als niedrige Aufseher angestellt waren, lag es auch nahe, den Frust über das eigene Leben "nach unten" weiter zu geben und die Sklaven entsprechend schlecht zu behandeln. Der Sklaveneigentümer wiederum hat dies bis zu einem gewissen Punkt toleriert, evtl. sogar befördert, da Frust oder Zorn der weißen "Unterschicht" damit ein Ventil fanden (man darf auch nicht vergessen, dass manche Sklavenhalter ja gar nicht persönlich auf der Plantage anwesend waren und von daher eher an der "Rentabilität" der Plantage, als an der Art, wie sie erreicht wurde, interessiert waren).

    Bzgl. Bildung / Kenntnisse der Sklaven: Die "Aunts" und "Uncles" gab es ...und sicher auch öfters als Vertrauenspersonen. Allerdings lohnt sich da ein Blick auf die verschiedenen Gesetze der verschiedenen Staaten::
    "Education of slaves was generally discouraged (and sometimes prohibited) because it was feared that knowledge—particularly the ability to read and write—would cause slaves to become rebellious. In the mid-nineteenth century, slaving states passed laws making education of slaves illegal. In Virginia in 1841, the punishment for breaking such a law was 20 lashes with a whip to the slave and a fine of $100 to the teacher. In North Carolina in 1841, punishment consisted of 39 lashes to the slave and a fine of $250 to the teacher. Education was not illegal in Kentucky, but it was virtually nonexistent. In Missouri, some slaveholders educated their slaves or permitted the slaves to educate themselves." Slavery in the U.S. | Boundless US History
    (vgl. auch Anti-literacy laws in the United States - Wikipedia )

    zu den Kindern von Weißen und Sklavinnen::

    "White and black individuals often were linked together in very intimate ways. Many mixed-race house servants were actually related to white members of the household. Often these relationships were the product of unequal power structures and sexual abuse; however, the children resulting from these relationships were sometimes offered greater opportunities for education, skilled professional development, and even freedom and acceptance within white society. In many households, for instance, the way in which slaves were treated depended on the slave’s skin color. Darker-skinned slaves worked in the fields while lighter-skinned slaves worked in the house and had comparatively better clothing, food, and housing. Sometimes planters used mixed-race slaves as house servants or favored artisans because they were their own children or the children of their relatives." Slavery in the U.S. | Boundless US History
     
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  7. Könnt ihr mal diese Aussage auswerten?

    "Aber wenn ich mir von linken US-Spinnern anhören muss, dass ich nicht sagen darf, dass die Sklaverei in den USA offenkundig von Weißen beendet wurde, weil das eine rassistische Position und außerdem Hate-Speech ist, weiterhin "offensive" gegenüber Schwarzen, weil es ihren Kampf um die Freiheit entwertet, dann muss ich leider feststellen, dass Klein-Wokie den Bezug zur Realität verloren hat. Und das ist mir tatsächlich passiert."

    Der Typ ist felsenfest davon überzeugt, dass Abolitionisten wie Frederick Douglas keinen oder kaum Einfluss hatten. Stimmt das?
     
  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im Laufe der Zeit entstanden Zeitungen, die von Abolitionisten herausgegeben wurden, die bekannteste dürfte "The Monitor" gewesen sein, die von William Lloyd Garrison herausgegeben wurde. Douglass gründete später eine andere mit dem Namen "The Morning Star". Lange Zeit aber war der Abolitionismus in den USA eine Minderheitenmeinung, und nur wenige Bevölkerungsgruppen wie die Quäker lehnten sie kategorisch ab. Als die USA gegründet wurden, existierte sie noch in fast allen Staaten, es gab Sklaven in New York, in Massachusetts und Pennsylvania. New York und andere Staaten im Norden schafften die Sklaverei bis zu den 1820er Jahren ab.

    Bis in die 1850er Jahre war die Sklaverei für die meisten Amerikaner in den Nordstaaten nicht unbedingt ein Thema, das sie unmittelbar anging, über das man intensiv nachdachte. Auch in den Nordstaaten war Rassismus verbreitet, mancherorts gab es restriktive Regularien was die Ansiedelung von freien Schwarzen betraf.

    Das änderte sich durch die Einführung des Fugitive Slave Acts 1851. Damit hörten die Nordstaaten mit einem Schlag auf, ein sicherer Hafen für entflohene Sklaven aus den Südstaaten zu sein. Das galt aber auch für freie und freigeborene Schwarze in den Nordstaaten. Das, was dem Protagonisten in 12 Years a Slave widerfährt, war grausame Realität, und es ereigneten sich solche Fälle 100 und 1000fach.

    Es wurden natürlich dadurch auch Tausende von Nordstaatlern Zeugen von Übergriffen gegen Mitbürger und Nachbarn, und es wurde vielen Amerikanern bewusst, dass die Sklaverei ein gesamtamerikanisches Problem war. In der Folgezeit spielten abolitionistische Positionen zunehmend eine bedeutendere Rolle in der öffentlichen Meinung.
     
  9. Das sie die Meinung verändert haben bestreitet er nicht. Nur das sie Einfluss auf die Entscheidung hatten.
     
  10. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

    Die Frage ist, warum man bei dem Beenden der Sklaverei in den USA überhaupt von Weißen und Schwarzen unterscheiden sollte. Die Bruchstelle ist doch zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei. Etwas merkwürdig ist so eine Feststellung schon. Was will man damit sagen. Soll das die Sklaverei relativieren? Die Sklaven seien, na gut, von Weißen versklavt worden, aber die Weißen hätten das ja auch korrigiert und deshalb gibt es keinen systemischen Rassismus?

    In der Sache wird das wohl eher stimmen als nicht. Denn die meisten Schwarzen hatten aufgrund des Rassismus auch in den Nordstaaten, wie @Scorpio oben schon ausgeführt hat, keine Machtposition. Dennoch sollte man die Rolle ehemaliger Sklaven wie Harriet Tubman auch nicht unter den Tisch fallen lassen. In seiner Absolutheit ist die Aussage also falsch.
     
  11. ---Dennoch sollte man die Rolle ehemaliger Sklaven wie Harriet Tubman auch nicht unter den Tisch fallen lassen. In seiner Absolutheit ist die Aussage also falsch.

    Das war auch meine Position. Aber ich musste mich als ideologisch verblendet beschimpfen lassen. So geht das heute...
     
  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Das stimmt nicht, in Kuba wurde die Sklaverei bereits 1886 abgeschafft. Brasilien war der letzte Staat der westlichen Welt, der die Sklaverei abschaffte.

    In Brasilien wurde die Sklaverei stufenweise abgeschafft. 1873 wurde das lei do ventro libre eingeführt, wodurch alle Kinder, die danach von Sklavinnen geboren wurden, frei wurden. 1885 wurden alle Sklaven ab 60 Jahren frei gelassen. Bis 1888 wurde die Zahl der Sklaven deutlich verringert und 1888 durch die Lei Aurea endgültig abgeschafft. Es gab dagegen Widerstand von Großgrundbesitzern, zuletzt aber trugen paradoxerweise auch rassistische Motive zur Abschaffung bei. Inzwischen war Lohnarbeit rentabler als Sklaverei geworden. Europäische Einwanderer waren billiger als Sklaven, und es bestand keine Pflicht des Unterhalts im Krankheitsfall. oder der Altersversorgung. Außerdem sollte Brasilien demographisch "weißer" werden.
     

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