Soziale Kontrolle

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von ric84200, 26. November 2008.

  1. ric84200

    ric84200 Gast

    Hallo zusammen,
    ich suche zu dem Thema Soziale Kontrolle in der Zeit der Hexenverfolgung Literatur. Zwar habe ich schon das ein oder andere gefunden, aber vielleicht kann mir jemand helfen und mir Tipps geben. wäre super.

    gruß ric
     
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  2. martin12398

    martin12398 Neues Mitglied

    Ich denke, dass die soziale Kontrolle ein Teilgebiet fast jeden Geschichtsbuches ist (eben auf die Zeit bezogen). Ich denke auch, dass dies ein sehr wichtiges Thema ist, da soziale Kontrolle ja nichts weiter als Unterdrückung bedeutet. Genaue Literatur kenne ich dazu leider aber auch nicht.
     
  3. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Könntest Du bitte etwas genauer erkläre, was Du unter "Sozialer Kontrolle" verstanden wissen willst ?
    Wer kontrolliert wen und mit welchem Ziel ?
     
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  4. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 29. Januar 2009
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  5. Drusus

    Drusus Neues Mitglied

    Die Hexenverfolgung kam in der Schweiz auf und war dort aber
    auch ein Mittel der sozialen Kontrolle.Im Obersimmental kam es um 1400 zu ersten Hexenprozessen, die von der Stadt Bern, die das Tal gekauft hatte, benutzt wurden um die Bauern zu unterdrücken. Dabei wurde zuerst hauptsächlich auf Männer abgezielt (nicht auf Frauen). Besonders hervor tat sich dabei Peter von Greyerz, der sich am Ende in den von ihm erfundenen Wahn selbst hereinsteigerte un glaubte Hexen würden wirklich exestieren.:winke:
     
  6. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

  7. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Wenn man hinter Hexenprozessen soziale Kontrolle vermutet, dann muss man davon ausgehen, dass die Initiatoren dieser Prozesse nicht wirklich an Hexen glaubten, sondern nur den Aberglauben ausnutzten. Das mag ich nicht wirklich glauben. Die Angst vor dem heimlichen Verbrechen der Hexerei war groß und für die damaligen Menschen Realität. Wenn jemand das Instrument Hexenprozess bewußt gegen einzelne Personen oder Gruppen einsetzte, dann um diese zu vernichten. Als Drohgebärde taugte es wenig, denn wenn allein der Verdacht aufkam, wurde es schon ernst. Zudem erreichten Hexenprozesse nicht selten durch die Folter eine Eigendynamik, die kaum beherrschbar war.
     
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  8. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Grüezi

    Bei uns in der Region kann man die Opfer der Hexenprozesse in zwei Gruppen aufteilen: Zum einen waren das Auswärtige, Quaksalber, Landstreicher, Kleinkriminelle usw. Zum anderen aber alte eingesesene Familien, die zum Teil komplett ausgerottet wurden. Anhand der Namen kann man aber auch erkennen, dass es sich meist nicht um Bürger handelte.

    Von "Sozialkontrolle" kann man aber kaum sprechen. Die Obrigkeit hatte anscheinend genau definierte Tätergruppen im Auge...

    Gruss Pelzer

    .
     
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  9. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Vorausgesetzt "soziale Kontrolle" wird als bewußter Vorgang konzipiert; dies scheint allerdings nicht der Fall, z. B. gibt Wikipedia für den Begriff folgende Def.:

    vgl. auch Vorlesung: Soziale Kontrolle: Selektivität, Disziplinierung, Sozialer Ausschluss
     
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  10. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Das Wort Kontrolle gefällt mir im Zusammenhang mit Hexenprozessen nicht. Es gibt vielleicht ein paar Prozesse gegen Landstreicher, die der Zauberei angeklagt wurden. Vielleicht wollte man denen sagen, macht einen großen Bogen um unsere Orte. Es gab keine sozialen Kontakte der Landstreicher zu den Bewohnern der Orte, weshalb diese Prozesse weniger auf diese zurückgreifen konnten.
    In einer sozialen Gemeinschaft, Dorf oder Stadt, wo damals jeder jeden kannte, uferte ein Hexenprozess zu schnell in eine wüste Jagd aus. Wenn man schon ins Feuer muss, dann nimmt man doch seinen geifernden Nachbarn, der einen vielleicht angezeigt hat, gerne mit.
    Zudem war der Begriff Hexe auch wenig definiert, außer dass man ihr einen Pakt mit dem Teufel nachsagte. Die vorgeworfenen Delikte waren zumeist imaginäre und widersprachen nicht selten der Logik. Es war nichts beweisbar, weshalb die Folter zum Teil auch solche Auswüchse feierte.
    Kontrollieren ließ sich da wenig bis gar nichts, denke ich.
    Am Ende solcher Prozesse war immer ein großes Schweigen. Die Denunzianten wegen ihrer Schuld und die betroffenen Familien wegen der Schande. Oft schlug die Verleumndung auf die Denunzianten zurück und zum Schluß waren alle besudelt.
     
  11. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Ich habe von Hexenverfolgung keine Ahnung und bin mit einer Antwort daher in Erklärungsnot. Nichts desto weniger möchte ich annähernd versuchen, auf deinen Einwand zu reagieren.
    Hier http://www.geschichtsforum.de/229892-post5.html hatte ich einmal eine (sozial-) psychoanalytische Spekulation als Erklärung für Hexenwahn von Friedhelm Nyssen zitiert. Ähnlich will Evelyn Heinemann in einer Studie argumentiert haben will, daß Frauen "der Hexerei angeklagt [wurden], da sie Opfer eines Über-Ich-Konfliktes der Hexenbeschuldiger waren, die aus Schuldgefühlen heraus die Rache der Frauen für das ihnen zugefügte Unrecht fürchteten" (2003, S.227) Den soeben zitierten Artikel hatte ich auch hier http://www.geschichtsforum.de/314586-post7.html rausgesucht.

    Wenn man annimmt, daß im Hexenwahnwahn und seinen Folgen tatsächlich vielleicht Überich-Konflikte und Mechanismen wie Projektion psychologisch eine Rolle gespielt haben, wäre man mit dem Begriff Überich auf eine psychische Instanz verwiesen, die eine gesellschaftliche Norm und Regulation wiederspiegelt.
    Komme ich damit weiter, wenn ich auf eine Definition (von Clark & Gibbs) zuzürckgreife, die "soziale Kontrolle" definiert als "soziale Reaktion auf Verhalten, das als abweichend definiert wird, und zwar sowohl Überanpassung an wie Verletzung von Normen"?

    Hier kommen mir weniger die Hexen in den Sinn als die Besessenen - E. Heinemann unterscheidet beide streng: "Besessene Frauen wurden in der Regel nicht als Hexen bezeichnet. Besessene Frauen waren junge Frauen, die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung exorziert wurden, also gerade nicht angeklagt und verurteilt wurden. Sie kämpften gegen den Teufel, ihre abgewehrten Impulse, und wurden darin unterstützt. Manche beschuldigte andere, ihnen die Symptome angehext zu haben, die daraufhin als Hexen angeklagt wurden. [...]" (2003, S.225)
    Die Autorin weist darauf hin, daß auch Freud eigentlich nicht die Hysterikerinnen mit den Hexen, sondern jene mit den Besessenen hätte vergleichen müssen, entsprechend analog: die psychoanalytische Kur mit dem Exorzismus.
    Black & Horowitz sollen als einen von vier Stilen sozialer Kontrolle den therapeutischen beschrieben haben. Insofern ließe sich vielleicht analogisieren, daß der Exorzismus eine Therapie - als ein Mechanismus der sozialen Kontrolle - im System des Teufelsglaubens war.

    Mehr habe ich nicht anzubieten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2009
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  12. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich glaube, dass ist alles viel zu kompliziert und aus dem intellektuellen Blickwinkel gesehen. Man sollte vielleicht gar nicht zu viel hineininterpretieren. Die Motivationen sind zumeist eher animalisch, wie Angst, Futterneid und die daraus resultierenden Agressionen. Man steigerte sich zum Teil in eine Art Blutrausch. Der Begriff Hexenjagd trifft es dann vielleicht am besten, also Jagdfieber usw. Man griff wild um sich und erlegte, was man ins Visier bekam.
    Es war ja auch kein Krieg gegen die Frauen speziell, wenn man das mit dem Bewußtsein der Rache der Frauen und dem Über-Ich-Konflikt nimmt, denn der Anteil an Hexern war auch nicht gering und in manchen Gegenden (Trier) sogar höher.
     
  13. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Nenne du es einen intellektuellen Blickwinkel und kompliziert; mir ist hingegen der Biologismus zu simpel, der hier eine animalischer Motivation - was immer das sein soll, annehmen möchte.
     
  14. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Ich kann nicht anders, ich muß des Teufels' Advokat spielen. :)
    (Das Wortspiel war nicht beabsichtigt. :still:)

    Bis zu einem gewissen Grad stimme ich zu, daß der Anlaß vermutlich nicht deutlich als 'Soziale Kontrolle' wahrgenommen wurde, aber ich denke, daß die Auswirkung als solche erkennbar ist. In einem Klima in dem man schnell und mit katastrophalen Folgen zum Ziel werden kann, wird man versuchen sich so gut wie möglich an soziale Normen anzupassen und alles zu unterlassen was Verdacht erregen könnte, auch wenn dieser Verdacht eigentlich willkürlich ist. Insofern sind meines Erachtens nach Hexenprozesse immer eine Art der sozialen Kontrolle, auch wenn dies nicht explizit ist oder so wahrgenommen wird. Damit will ich eigentlich sagen, daß es meiner Einschätzung nach, zwei Ebenen gibt auf denen man Hexenprozesse von sozialer Warte aus betrachten kann.

    Fallbeispiel: (Hab' ich gerade erfunden und ist stark vereinfacht.) Im Dorfe Hintertupfingen kommen der Bauer Meier und der Bauer Mayer und seine Bäuerin, die Mayerin schon seit Jahr und Tag nicht besonders gut miteinander aus. Wie das halt manchmal so ist, versteht man sich eben nicht. Über Mayer und Mayerin wird außerdem gemunkelt, daß bei denen nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht.

    Eines Tages fällt Bauer Meiers Kuh tot auf der Weide um. Es gibt keinen erkennbaren Grund. Niemand kann sich erklären, was genau mit dem Tier passiert sein soll. Mayer und Mayerin werden der Hexerei angeklagt, verurteilt und die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf. Im Dorfe Hintertupfingen ist damit alles wieder gut, und nicht nur das, man weiß auch ganz genau woran die Kuh gestorben ist.

    Als Sozialtheoretikerin aber sieht man hier einen Negoziierungsprozeß der Normen des dörflichen Zusammenlebens, bei dem ein geschehenes Unrecht den normalen Gang der Dinge stört, woraufhin in der dörflichen Gesellschaft einen Prozeß in Gang gesetzt wird, der nach dem Gang durch die Instanzen die bisher gültigen Normen entweder bestärkt oder umdefiniert.

    Wenn man davon ausgeht, daß es sich bei Hexenprozessen im Verständnis der Beteiligten um Justiz handelt, dann geht es bei dieser Justiz um die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Harmonie und des Rechtes. Unrecht ist geschehen, es muß wieder gut gemacht werden, die einzige Art und Weise auf die das geschehen kann ist eine öffentliche Hinrichtung, womit das gesellschaftliche Zusammenleben in der Theorie dann wieder seinen harmonischen Gang nehmen könnte.

    Hat es jemanden getroffen der/die als Querulant/in bekannt war, dann werden alle anderen ihr Verhalten bis zu einem gewissen Grad anpassen, um die Wahrscheinlichkeit zu vermindern, daß man selbst ins Visier gerät. Ob bewußt oder unbewußt, wurde damit Einfluß auf das Sozialverhalten und die Gruppendynamik genommen, womit soziale Kontrolle ausgeübt wurde, aber auf der lokalen Ebene werden wenige das so abstrahieren.

    Will heißen, daß in Hintertupfingen vermutlich niemand irgendwas von sozialer Kontrolle sagt. Da a) Hexerei eine Tatsache ist, die es wirklich gibt, b) dadurch Schaden und Unrecht zugefügt wurde, c) dieses Unrecht nach Gerechtigkeit schrie (Oder eher der Bauer Meier), und d) diesem Verlangen nachgekommen wurde. Aber, auf einer vielleicht unbewußten Ebene ist es eine Warnung an alle anderen die sich mit dem Gedanken der Hexerei tragen, es tunlichst zu unterlassen. Also könnte man eigentlich so weit gehen zu sagen, daß hier auch ein Signal an alle Hexen gesandt wird. Hexerei ist im Rahmen der Gesellschaft inakzeptabel und strafbar.

    Der letzte Satz hört sich vielleicht lächerlich an, aber wenn man die Paralelle zu moderner Hexerei in Teilen Afrikas zieht, dann sieht es schon etwas anders aus. Mir ist gerade nur ein Fall bekannt an dem eine meiner Bekannten, in nicht zaubernder Tätigkeit, beteiligt war. In dieser Gegend werden Hexen lokal nicht mit dem Tod bestraft, aber es muß Wiedergutmachung geschehen um das gemeinschaftliche Leben harmonisch zu gestalten. Hexerei passiert, ist aber ähnlich wie andere Aktivitäten verpönt und unterliegt Strafen. Um dem Ganzen zu entgehen passt man sein Verhalten dem an was als akzeptabel betrachtet wird um den Verdacht der Hexerei gar nicht erst zu erregen. Hier wird also auf der theoretischen Ebene sozial kontrolliert, wenn es auch nicht explizit gemacht wird, wohingegen auf der praktischen und lokalen Ebene niemand einen Hexenprozeß als Form der 'Sozialen Kontrolle' konzipiert, weil es genauso wie Diebstahl ein Vergehen ist, es also um Gerechtigkeit geht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2009
  15. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Bei dem oben genannten Beispiel würde ich jetzt aber vermuten, dass es nicht bei diesem einen Prozess bleiben wird. Man wird den Mayer und die Mayerin alsbald auf die Folter spannen, ihnen dabei die Glieder ausrenken und fragen, wer mit ihnen noch alles auf dem Hexentanzplatz war. Spätestens dann erkennen sie die Chance, sich für das erlittene Unrecht zu revanchieren und werden sagen, dass der Meier und seine Meierin ebenfalls mit von der Partie waren. Sicher haben sie auch noch mit dem einen oder anderen aus der Nachbarschaft ein Hühnchen zu rupfen und werden deren Namen ebenfalls nennen. Der Richter hakt mit Sicherheit nach und lässt die Personen ins Torturprotokoll übernehmen. Wäre doch gelacht, wenn er der Hexensekte nicht auf die Schliche kommt. Wo eine Ratte ist, da sind noch mehr. Vielleicht sieht er den Meier und die Meierin nicht sogleich als Hauptverdächtige, denn die Motivation der Rache liegt auf der Hand. Er hält sich also an die anderen, die genannt wurden. Wenn die dann in die Schrauben gespannt werden und nach einiger Zeit geständig sind, wird man von ihnen wissen wollen, ob sie auf dem Blocksberg auch die Meierin (die ja im Protokoll vermerkt ist) haben nackt tanzen sehen... Nun ist es mit der Kontrolle aus. Der Richter wird entsetzt sein, denn er ist, wie er schon vermutet hat, auf ein wahres Hexennest gestoßen. Die Jagd hat begonnen!

    Wer sich damals nicht anpasste, war auch so verschrien. Ohne sozialen Rückhalt landete man fix bei den Landstreichern und beim nächsten Diebstahl am Galgen. Dafür brauchte man nicht unbedingt die Hexen.
     
  16. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    (Sorry, daß ich deinen Beitrag so zusammengeschnitten hab'.)

    Stimmt schon, daß es vermutlich nicht bei dem einen Prozeß bleiben würde, und das Alles schnell aus dem Ruder laufen kann, und dann in den Wahn fällt. Und natürlich braucht man um soziale Kontrolle auszuüben nicht unbedingt einen Hexenprozeß anzufangen, aber was ich eigentlich sagen wollte- und wofür ich ewig gebraucht habe- ist, daß wenn man Hexerei als unwiderlegbare Tatsache und Vergehen gegen die Gesellschaft ansieht, und es genau wie alle anderen Vergehen bestraft, dann wird auch im ausufernden Fall soziale Kontrolle ausgeübt.

    Meine Theorie über Hexerei und soziale Kontrolle basiert darauf, daß angenommen wird, daß es Hexerei wirklich gibt. Ich gehe also davon aus, daß Menschen genauso überzeugt waren, daß es Hexerei gab, wie wir heutzutage von z.B. moderner Wissenschaft überzeugt sind. Heutzutage würden wir die umgefallene Kuh erstmal auf Krankheiten untersuchen, irgendwelche Tests vornehmen und dann feststellen, daß das Rind an einer Krankheit litt, die ungewöhnlich verlief. (Ich musste beim Suchen nach Rinderseuchen feststellen, daß man in den meisten Fällen schon relativ schnell gemerkt hätte, daß das Tier krank ist, in welchem Fall dann die Wahrscheinlichkeit der Hexenanklage vermutlich vermindert wäre. Hätte ein Schaf nehmen sollen. Die fallen häufiger mal scheinbar grundlos um. :S)

    Hexerei wäre in der Moderne vermutlich die Erklärung die uns am widersinnigsten erscheint. Wir wissen, daß es sowas nicht gibt. Wenn man aber 'weiß', daß es Hexerei gibt und es keine andere Erklärung für das Ableben der Kuh gibt, dann fand hier ein Verbrechen statt. Und der Strafvollzug im Rahmen der Gesellschaft ist eine Form sozialer Kontrolle . Damit möchte ich nicht sagen, daß die Motive dahinter nichts mit Aggressionen etc zu tun haben, und das die Hexenjagd nicht zum Blutrausch geraten kann oder wird, sondern nur das hier nach einer bestimmten Logik gegen eine Gruppe von Menschen vorgegangen wird, die das Zusammenleben durch ihre strafbaren Untaten empfindlich stören. Genauso wie gegen Landstreicher und Diebe vorgegangen wird, wird dann auch gegen Hexen vorgegangen.

    Sorry auch, daß es mal wieder so lang wurde- ist Berufskrankheit, daß ich mich nicht kurzfassen kann. :)
     
  17. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich stimme in den meißten Dingen mit Dir natürlich überein, allerdings glaube ich, dass es beim Strafvollzug in der Sache Hexerei genau umgekehrt war. Die Angst vor der Hexerei war so übergroß, dass sich die Justiz mit all ihren "perversen" Auswüchsen der damaligen Zeit gezwungen sah zu reagieren. Es gibt Prozesse, wo sich die Obrigkeit lange gewehrt hat, bis sie dann dem Druck von unten nachgeben musste.
    Ich möchte nur sagen, dass Hexenprozesse in den seltensten Fällen kontrolliert waren, sie eskalierten, wenn sie dann im Gange waren, fast immer.
    Manchmal wurde es dann auch den Oberen zu viel, wenn es z.B. auf die einflussreicheren Bevölkerungsschichten übergriff. Es wurden sogar, wie in Bamberg, Bürgermeister und ihre Familien verbrannt. Das Massenbrennen nahm dort erst ein Ende, als die Schweden im Zuge des Dreißigjährigen Krieges einmarschierten.

    Ich habe schon Dinge im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung gelesen, wie Hexen-Holocaust oder Sozialfolter, unterdrückte Sexualität usw. Alles mehr als fragwürdig. Da werden Kunstruktionen gebastelt, die schon fast in's Groteske abgleiten und das immer mit viel Psychoblabla, am besten mit vielen Fremdwörtern unterfüttert.

    Um es schlicht mit Friedrich von Spee aus seiner "Cautio criminalis" zu sagen: "Die hauptsächliche Ursache des Hexenbrennens sind Unverstand, Aberglaube, Mißgunst und Bosheit." Die Urtriebe eben, was ich mit animalisch umschreiben wollte.
     
  18. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied


    Ich stimme dir zu, daß da nichts mehr 'kontrolliert' war am Massenbrennen. Ganz im Gegenteil, und ich glaube auch, daß Spee von seiner Zeit ein besseres Verständnis hatte als wir es jemals erringen können. Meines Erachtens nach besteht kein Zweifel daran, daß die Hexenverbrennungen bestialisch waren und vollkommen in den Wahn übergingen. Da stimme ich dir voll und ganz zu.

    Aber um weiter des Teufels Advokat zu sein: Selbst da wo von 'unten' die Obrigkeit gezwungen wurde Hexenprozesse durchzuführen, waren sie eine Art der sozialen Kontrolle. Hier wurde die Obrigkeit kontrolliert, die dem Zwang nachgab. Der Prozess an sich war dann nicht mehr kontrollierbar...


    Nur, letztendlich sind alle Versuche im Nachhinein das Geschehen zu erklären und zu kategorisieren, mit neuen Begriffen zu versehen, doch nichts weiter als der Versuch im Grunde unverständliche Vorgänge verständlicher zu machen, wobei man dann immer an Grenzen stößt, weil man nicht dabei war, niemanden direkt befragen kann, stattdessen Zeitzeugnisse interpretiert und dabei oftmals die eigenen Vorstellungen und das eigene Selbstverständnis hineininterpretiert. Dabei versucht dann jede Fachrichtung die eigenen Theorien zu vertreten und damit alles zu erklären. Da kommen dann Psychologen oder Andere mit diesem oder jenem Ansatz an, und damit wird dann versucht die ultimative Erklärung zu finden. Wie man vermutlich merkt, tendiere ich zu den Gesellschaftswissenschaften, und suche dann erstmal Erklärungen in irgendwelchen Gesellschaftsstrukturen und sozialen Normen.

    Aber Kontrolle oder nicht, fernab der schnöden Theorie, ohne hochtrabende sozialtheoretische/psychologischen etc Erklärungen, brannten zu Spees Zeiten die Scheiterhaufen und das ist wirklich ein ziemlich ernüchternder Gedanke. Oder um's - dich imitierend- auch mit Spee zu beenden: 'Man darf mit Menschenblut nicht spielen [...] wie steht's dann mit der Verantwortung für das vergossene Menschenblut?'
     
  19. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ja, so ähnlich meinte ich das. Wozu hochstechende Wortkonstruktionen basteln, bei denen ich zugegebenermaßen und lästigerweise ständig in Wörterbüchern blättern muss, wenn es am Ende doch nur schnöder, niederträchtiger Mord war. Sicher, ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Im Grunde steht jeder Prozess und jede Prozesswelle für sich, denn die einzelnen Motivationen sind so verschieden wie die Menschen selbst und ihre Kreativität, sich hin und wieder häßliche Sachen einfallen zu lassen.
     
  20. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Ich finde es durchaus wichtig, zu erkennen, dass unsere gesellschaftlichen Strukturen in der Lage sind, eine Eigendynamik zu entwickeln, die, obwohl es niemand gewollt oder gesteuert hat, zu einer Katastrophe führen können.

    Es wäre interessant, diese Dynamik und ihre Mechanismen besser zu verstehen, denn schließlich wären sie dann ja universell, könnten also auch an anderer Stelle eskalieren.

    Wäre das einen eigenen Thread wert ?
     

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