Sperrketten Flussschiffahrt

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von RaubritterRocho, 4. März 2021.

  1. RaubritterRocho

    RaubritterRocho Neues Mitglied

    Im Mittelalter waren die Flüsse wichtige Transportrouten. An Flüssen, die derart genutzt wurden, standen teilweise sehr verdichtet Burgen, die die Flussabschnitte kontrollierten. Welche Arten von Sperrvorrichtungen bzw. Kettensperren gab es. Gibt es Informationen darüber, wie diese Sperrketten technisch verlegt wurden? Anhand eines Beispiels: Wenn ein Fluss z. B. 100 Meter breit ist, so würde die Kette ja mittig stark durchhängen, die Schiffe könnten in der Flussmitte einfach drüber fahren. Wie wurde mit diesen Problemen umgegangen?
    Hat hierzu jemand Informationen?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nichts fundiertes, sondern eine Frage.

    Würdest Du versuchen mit einer wertvollen Ladung an einem Posten vorbeizufahren, die mit "Brandpfeilen" auf Dich schießen könnten.

    Oder von dem aus ein Boot mit Bewaffneten Dein Boot entern könnten.

    Beides keine wirklich guten Optionen.
     
  3. RaubritterRocho

    RaubritterRocho Neues Mitglied

    Diese Frage ist schwer zu beantworten. Es kommt drauf an, wieso ich diese Stelle unbedingt passieren müsste. Aber auf jeden Fall ungern!

    Nicht mal mit einer wertlosen Ladung möchte ich an einem Posten vorbeifahren, der mit "Brandpfeilen" auf mich schießen könnte.

    Die Vorstellung, von Bewaffneten geentert zu werden macht mich auch nicht froh. Von daher stimme ich Ihnen zu, dass das wirklich keine guten Optionen sind!

    Das ändert nun aber nichts an der Tatsache, dass es im Mittelalter Sperrketten gab und mich interessiert, wie sie technisch funktionierten.
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielleicht war es keine Kette, sondern ein Tau. Deutlich leichter, hat einen eigenen Auftrieb. Zusätzlich könnte es problemlos durch kleine Pontons an einzelnen Stellen Auftrieb erhalten. Das würde die normalen flussabwärts fahrende Schiffe wirksam an der Weiterfahrt hindern.

    Teilweise lagen diese Stationen im Rhein, wie der "Mäuseturm" oder "Pfalzgrafenstein" und teilweise waren die später hinzukommenden "Artillerie-Stellungen" (vgl. z.B. Marksburg: Kanonen zeigen auf den Rhein) Rhein gerichtet.

    Ritter am Rhein: Die schönsten Burgen und Schlösser | DW | 08.09.2019
     

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    Zuletzt bearbeitet: 4. März 2021
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich denke auch, dass du am ehesten das Mittelrheintal vor Augen hast.

    Wie kriegt man es hin, dass eine Kette nicht durchhängt? Spannen!

    Wir haben hier im Forum schon mal über die Sperrkette vom Goldenen Horn diskutiert und mir ist noch die Sperrkette vom Torre de Oro in Sevilla bekannt (das Gegenstück des Torre de Oro existiert nicht mehr).
     
  6. RaubritterRocho

    RaubritterRocho Neues Mitglied

    Es geht um die Burg Königswart (Chunigswart), das ist heute nur noch ein sog. Burgstall, sie befand sich am Inn an der Stelle, an der der Nasenbach in den Inn mündet. Rudolf Münch beschreibt in dem Buch "Königswart" die Sage vom Raubritter Rocho, der in der sog. Kaiserlosen Zeit bzw. unter Kaiserin Agnes im 11. Jahrhundert als eine Art Raubritter fungierte. Der Sage nach hat er mit seinen Raubritterkollegen eine Kette über den Inn gespannt, um damit die Schiffe abzukassieren. Münch schreibt, eine Absperrung des Inns mittels einer Kette wäre technisch nicht möglich. Diese Einschätzung würde ich so nicht teilen, daher würde mich interessieren, ob es informationen darüber gibt, wie Kettenabsperrungen funktioniert haben. Es ist völlig klar, dass eine hundert Meter weit gesperrte Kette mittig durchhängt, es gibt aber garantiert irgendwelche technischen Möglichkeiten, mit diesem Problem umzugehen.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist halt Physik. Die Kette hat ein Gewicht, das ist eine Kraft die nach unten zieht (Gravitation). Je höher das Gewicht und somit die Gravitation, desto mehr (Spann-)Kraft muss man in der Waagerechten aufwenden, um dem nach unten Ziehenden entgegenzuwirken. Etwa mit einer "Seilwinde". Warum das nicht gehen sollte, erschließt sich mir nicht.
     
  8. Traklson

    Traklson Aktives Mitglied

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  9. RaubritterRocho

    RaubritterRocho Neues Mitglied

    Ja, das Spannen der Kette wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre z. b. einen Turmartigen Pfosten in der Mitte des Flusses zu installieren, bestimmt gibt es da verschiedene Möglichkeiten. Münch schreibt:

    "Eine Kette über den Inn zu spannen, ist simpel ausgedrückt, technisch nicht möglich. Die Kette mit einer Spannweite von über 100 Metern wäre so groß, massiv und schwer, dass sie in Flussmitte durchängen würde, wahrscheinlich bis zum Grund. Damit könnten alle Schiffe über sie hinweg fahren, ohne aufgehalten zu werden. Auf dem Inn wurden damals hauptsächlich Holzflösse transportiert, die auf dem ungezügelten Inn eine Kette oder andere Absperrung regelrecht zerschmettert und durchstossen hätten..."

    Es stimmt schon, dass der Inn sehr stark und reissend sein kann, keine Frage, damals gab es auch noch keine Wehre, d. h. das war ein wirklich wilder, starker Fluss. Ich würde dennoch dazu tendieren, dass sie da technische Möglichkeiten gefunden haben, vorbeifahrende Boote aufzufangen.
     
  10. RaubritterRocho

    RaubritterRocho Neues Mitglied

    Ja, Schwimmer wären auch eine gute und sinnvolle Möglichkeit! Ich denke, dass es wahrscheinlich ganz einfache, schlaue Lösungen waren, die sie da zur Anwendung brachten.
     
  11. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hier: Sperrkette von Konstantinopel

    Gruss Pelzer
     
  12. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich kann zu mittelalterlichen Sperranlagen wenig sagen. Ein Beispiel könnte aber die Sperrung der Schelde nördlich von Antwerpen in der frühen Neuzeit sein. Zuerst sperrten die Spanier den Fluß um die Belagerung von Antwerpen 1585 zu unterstützen. Man scheint dies, mit einer Schiffsbrücke erreicht zu haben. Als Antwerpen an Spanien fiel, drehte die Niederlande den Spieß um und blockierte die Schelde ebenfalls vom 16. Jahrhundert bis in Napoleonische Zeit. Dabei wurde wohl eine Flotte eingesetzt, die das Ein- und Auslaufen von Schiffen in die Schelde verhinderte. Die Folge der Sperrung war, dass die ehemalige Handelsmetropole Antwerpen enorm an wirtschaftlicher Bedeutung verlor - und eventuell dadurch auch der Aufstieg von Städten wie Amsterdam erst ermöglicht wurde.
     
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ein weiterführendes Stichwort dazu ist die "Kettenlinie". Kettenlinie (Mathematik)
    Grob kann man sagen, dass es technisch und physikalisch nicht möglich ist ein Seil, oder eine Kette, zwischen zwei Punkten exakt waagerecht zu spannen, da in diesem Fall die Kräfte an diesen gegen Unendlich gehen, ebenso wie die Spannung im Seil / der Kette selbst. (Daran ändert auch der Auftrieb der Kette im Wasser grundsätzlich nichts.) Man wird also die Kette von erhöhten Stützen aus entlang der "Kettenlinie" spannen und damit bleiben Bereiche des Flusses passierbar (Innenbereich oder Ränder). Welche Bereiche das sind kann man durch Veränderung der Kettenspannung (stärker oder schwächer ziehen) beeinflussen. Das geht umso leichter je geringer das wirksame Gewicht der Kette ist. Daher würde ich vermuten, dass es vorteilhaft wäre die Kette mit Schwimmkörpern zu bestücken, deren Auftrieb gerade noch nicht ausreichend ist um die Kette schwimmen zu lassen.
    Denn schwimmt die Kette, dann wüsste ich nicht wie man die Durchfahrt freigeben wollte.
     
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  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es handelte sich um "Zollstationen", die in der Regel von legalen und legitimen Landesherren betrieben wurden. Diese Rolle wurde nicht in Frage gestellt. Der Versuch, sich diesem legalen Instrument der Erzielung von Einkommen zu entziehen, wäre einer Straftat gleich gekommen und wäre mit Strafe geandet worden.

    1. es ging darum den Handel zur Kasse zu bitten und dafür zu sorgen, dass er frei und ungehindert den Fluss nutzen kann. Denn nur wenn der Handel "fließt", dann fließen auch die Einnahmen.

    2. Nur im Extremfall wird man überhaupt eine "Sperrung" ins Auge gefaßt haben, da bereits die Androhung von Gewalt für Händler einschüchternd gewirkt hat.

    3. Ergo ist die Frage nach "Ketten", die dauernd ein und wieder ausgefahren werden m.E. "weltfremd".
     
  15. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Eine Sperrkette benutzten die Türken 1543 bei Budapest. Sie war mit Schwimmkörpern aus Holz ausgestattet:
    Anno (15)43 haben die Türcken Ofen und Pest ingehabt, un ist von dem Römischen Reich Kriegsvolck nach Ungern gezogen, und vor Pest gelegen; haben sich die Türken des vortheils gebraucht, und eine Ketten von Ofen bis gen Pest uber die Donauw gemacht, zu fürkommen, das niemand die Donauw hinab möcht kommen, und wirt gesagt von vilen, das ein jeder Ring oder Glied an derselbigen Ketten, hab fünff pfund gewogen, un seind durch die Ketten grosse Plöch (Holzblöcke) gemacht gewesen, ein jeglich hat sein eigen Ploch gehabt, also das die gantz Ketten im Wasser umbher geschwommen, auch damit auff dem Land understützt gewesen, solcher vortheil werden noch heutigs tags vil bey den Türcken gebraucht.

    Von Kayserlichem Kriegßrechten, Malefitz vnd Schuldhändlen, Ordnung vnd Regiment , Das sibendt Buch, Von Besatzung und Profandtierung, Leonhard Fronsberger, Frankfurt a. M. 1565

    Lange Zeit war auch im Kaiserlichen Zeughaus in Wien eine 585m (308 Klafter 1 Fuss 4 Zoll) lange und 502 Zentner 1 Pfund schwere Donau-Sperrkette aufbewahrt. Dabei handelte es sich um die Kette, welche Matthias Corvinus 1484 bei der Belagerung Wiens benutzte.

    Welche Donau-Sperrkette heute am Hôtel des Invalides in Paris hängt, lässt sich nicht genau sagen. Sie soll aus dem Jahr 1683 stammen, besteht aus 1168 Ringen, ist 180 Meter lang und wiegt 3580 kg. Chaîne (obstacle à la navigation)

    In Italien gibt es auch Beispiele von Ketten-Sperren aus dem Mittelalter. Dort wurden meistens Türme mitten in den Fluss gebaut. So in Verona der Torre della Catena (Kettenturm) in der Etsch (14. Jh.) Torre della Catena (Verona)
    Die war noch anfangs 19. Jh. nachts in Gebrauch und wurde mit einer Winde gespannt. Siehe auch der gleichnamige Turm von Padua im Bacchiglione.

    Aus der Sagenwelt:
    Die "Hunde von Kuenring" sollen im 12./13. Jh. eiserne Ketten über die Donau gespannt haben um Kaufleute auszuplündern. Herzog Friedrich von Österreich sandte dann ein vermeintlich reich beladenes Schiff voller Soldaten unter Deck die Donau hinab. Hadmar III. von Kuenring kaperte das Schiff, betrat es und wurde umgehend festgenommen.

    Nach dem Tod eben dieses Herzog Friedrichs (der Streitbare und letzte Babenberger) soll das Fluss-Raubrittertum wieder erstarkt sein.
    Die Pfarrchronik von St. Nikola vermerkt, dass von Werfel nach Langenstein die Donau durch eine Kette abgesperrt war. Die talfahrenden Schiffe wurden so angehalten und gekapert. Die Sperrkette wurde später in der Greinburg aufbewahrt und befindet sich nun im Landesmuseum in Linz.

    Auch Loretta von Sponheim (1300-1346) soll mittels Kette über die Mosel den Erzbischof und Kurfürsten von Trier, Balduin von Luxemburg, gefangen genommen und Lösegeld erpresst haben.
     
  16. RaubritterRocho

    RaubritterRocho Neues Mitglied

    Danke für die Antworten. Alles in allem denke ich jetzt, dass ich da grundsätzlich schon richtig lag. Grundsätzlich machbar ist das auf jeden Fall.

    Grundsätzlich würde ich die Story vom Raubritter Rocho auch im Bereich im Bereich der Sagenwelt verorten. Angeblich wohnte er in der Burg Königswart, bzw. möglicherweise sogar noch in einer ihr vorhergegangenen Holzburg. Ein Herr Kuno Meier hat dann mit Kaiserin Agnes vereinbart, dass er, sofern er den Raubritter besiegt, mit dem besten Pferd des Kaiserlichen Stalls ein so großes Grundstück erhält, wie er vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang umreiten kann. Es gibt hierzu ein Marterl in der Nähe von Haag, an der Stelle, an der dem Gaul die Puste ausgegangen ist:

    Schimmelberg / OT von Maitenbeth

    Falls diese Geschichte wirklich einen wahren Kern haben sollte, so ist er wohl nicht mehr herauszubekommen. Das ist so sagenhaft und wenig glaubwürdig, dass es mich irgendwie gewundert hat, dass der Autor ausgerechnet die "technische Unmöglichkeit" als Grund, die Story zu bezweifeln bringt. Gerade anhand des letzten Beitrags von Naresuan hier, scheint mir die Absperrung des Inns mit einer Sperrkette so ziemlich das am wenigsten unglaubwürdige. Die Methodik scheint mir historisch zumindest ausreichend belegt zu sein.
     
  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    In Prokops Gotenkrieg wird von einer Sperrkette durch den Tiber und von einer innovativen Schiffsmühle berichtet, beides unter Belisar während der Belagerung durch Witichis.
     

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