Sprachen in der Wissenschaft, ihre Zitierbarkeit und der ganze Rest

Dieses Thema im Forum "Historische Hilfswissenschaften mit Genealogie" wurde erstellt von El Quijote, 26. November 2020.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ist völlig unerheblich für die Zitierbarkeit, in welcher Sprache ein wissenschaftlicher Text verfasst wurde. Es ist nur so, dass es bestimmte Sprachen gibt, deren Verbreitung so gering ist, dass man besser in einer anderen Sprache publiziert. Wenn ich will, dass meine wissenschaftlichen Ergüsse von möglichst wenig Peers gelesen werden, dann schreibe ich auf Mongolisch (sofern ich das kann), will ich, dass sie von möglichst vielen gelesen werden, dann fertige ich vielleicht neben der mongolischen Version meines Aufsatzes noch eine englische Version an (so mache ich aus einer Veröffentlichung zwei und erreiche neben der internationalen Wissenschaftscommunity auch Mongolen).
    Die Frage ist nur... wie steht es um die Verbreitung des Han-Chinesischen? :p
    In den Naturwissenschaften ist es ja längst üblich, dass auf Englisch publiziert wird, zumindest in den BeNeLux-Ländern, den deutschsprarchigen Ländern und Ost-Europa. In den Geisteswissenschaften dagegen ist es sehr unterschiedlich, während die Wirtschaftswissenschaften (Frage: Zählen die überhaupt noch zu den Geistes- und Kulturwissenschaften?) selbst in deutschen Texten mittlerweile sehr anglifiziert sind (ich habe nichts gegen Anglizismen an sich, aber in den Wirtschaftswissenschaften wird damit gerne euphemisiert oder verschleiert, dass es sich um Banalitäten handelt), Soziologen schreiben auch viel auf Englisch, Historiker eher in der jeweiligen Landessprache, also entweder in der eigenen oder in der des Landes, mit dessen Geschichte sie sich befassen.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich finde es nebenbei sehr interessant, dass dank der Mommsens, Droysens, Freuds, Jungs etc. also dank der deutschsprachigen Wissenschaftler, die im 19. Jhdt. Grundlagenforschung betrieben haben, deutsche Begriffe in die internationale Wissenschaftssprache eingegangen sind, während wir Deutschen in den letzten zwanzig Jahren dazu übergehen, blöde (weil zum Teil unnötig und weniger präzise) englische Begriffe zu verwenden. Just my sixpence!
    Wirklich: Nichts gegen Anglizismen an sich, aber gegen dieses betriebswirtschaftliche Dummsprech, das sich in wissenschaftlichen Aufsätzen breit macht, habe ich was. Und das, wo Kalle und Fritze - was man auch immer von ihren nationalökonomischen Analysen halten mag - doch ein Instrumentarium geschaffen haben, von dem VWL und BWL bis heute auch noch zehren. Aber ich will Adam Smith und Keynes, Friedman und nicht einmal Hayek (gemeint ist nicht die sympathische Salma) nicht unter den Teppich kehren. Um mal einen sympathischen Ökonomen zu nennen: Muhammad Yunus! Der ist zwar Bangladeshi, aber die islamische Wirtschafts- und Geldtheorie dürfte auch noch den ein oder anderen arabischen Begriff (etwa waqf/wuqûf = Stiftung) oder Ḥawāla zur Verfügung haben (die Ḥawāla ist eine Art Kreditsystem auf Vertrauensbasis. Dient heute leider auch der klandestinen Geldverschickung).
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nachdem ich es mir nun schon mit den Wirtschaftswissenschaftlern unter uns verscherzt habe, noch ein paar Eindrücke zu Erziehungswissenschaftler und Didaktikern. Das langweiligste Seminar in dem ich je gesessen habe, war ein Haupseminar in Geschichtsdidaktik, aus dem der Prof. de facto eine Vorlesung gemacht hat. Ausgerechnet! Jegliche Form von Eigenbeteiligung war verununmöglicht. Maximal Verständnisfragen.
    (Anmerkung: In Spanien habe ich es erlebt, dass ein einziger Dozent versucht hat, die Studierenden einzubinden, zu diskutieren, aber nur die deutschen und österreichischen Erasmus-Studenten sind auf das Diskussionsanagebot des Profs eingegangen, bei anderen Profs, bei denen wir anfingen zu diskutieren, haben die spanischen Studis teils erstaunt bis erschrocken geschaut, wie man denn die Behauptung eines Profs in Frage stellen oder dem gar widersprechen könne. In Spanien an der Uni lernt man weniger Methode und weniger Diskurs, dafür aber mehr Inhalt. Der muss allerdings auch zur Klausur gekonnt werden.)
    So, zurück zum Thema: Ich habe zu Anfang meines Studiums gelernt:

    So präzise wie nötig, so einfach wie möglich.
    Termini in der Wissenschaft sind klar definiert und abgegrenzt. Nehmen wir These und Theorie: In der Wissenschaftssprache sind das zwei verschiedene Dinge, in der Alltagssprache ist Theorie = These.
    Der einfache Satz, den ich zu Anfang meines Studiums gelernt habe, wird z.B. in den Geschichtswissenschaften weitgehend angewandt. Aber es wird sich doch um allgemeine Verständlichkeit bemüht. Nun erwartet niemand, dass man einem Erstklässler erschöpfend die Quantenphysik erklären kann, aber wenn ich eben in die Erziehungswissenschaften und in die Didaktik hinüberblicke, dann ist mein Eindruck, der bei mir im Studium hängen geblieben ist - vielleicht ist der auch falsch, weil ich zu dumm für Pädagogik und Didaktik bin - dass hier unheimlich komplizierte Sätze mit vielen außergewöhnlichen Fremdworten (und als sprachinteressierter Mensch darf ich durchaus sagen, dass mir viele Fremdworte so fremd nicht sind) verwendet werden, um eigentlich ganz banale Dinge zu sagen. Aber gut, mit der Erziehungswissenschaft habe ich mich eh nie ganz anfreunden können. Das liegt aber v.a. daran, dass die Erziehungswissenschaft nicht leisten kann und auch nicht will, was der Erstsemester-Lehrämtler von ihr erwartet: dass sie ihm Rüstzeug für den Schulalltag mitgibt. Das verstehen manche schon im ersten Semester, andere nie....
     
  4. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Mit Wirtschaftswissenschaftlern, die neben Zuneigung auch Distanz zum eigenen Fach haben, hast Du es Dir nicht verscherzt. Allerdings werden viele Volkswirte ins Grübeln kommen, wenn sie ökonomische Termini nennen sollen, die von Marx und Engels stammen und heute noch en vogue sind. Mehrwert und Produktivkräfte gehören zum Beispiel nicht dazu, nicht einmal Ausbeutung, würde ich sagen.
     
  5. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Nein. Das ist ein virtuelles Handwerk, das an Universitäten eigentlich nichts verloren hat.
    Eben darum geht es ja: um die Verschleierung von Banalitäten. Der gute alte Hausmeister steigt dann zum "Facility Manager" auf, bei stagnierendem Gehalt. Das gleiche Theater bieten die selbsternannten "Genderwissenschaftler/innen".

    Venkman, Stantz und Spengler hat man seinerzeit noch wegen groben Unfugs des Campus' verwiesen.
     
  6. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Nur mal zum Verständnis: Haben Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft auch nichts an Universitäten verloren?
     
  7. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Mir ist nicht bekannt, ob diese Fakultäten naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren. Daher kann ich dazu keine Stellung nehmen.
     
  8. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Und WiWi bzw. VWL und BWL ignorieren deiner Meinung nach naturwissenschaftliche Erkenntnisse? Echt, welche denn?
     
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  9. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Zum Beispiel die für jeden Nicht-Flat-Earther simple Erkenntnis, dass die Fläche einer Kugel begrenzt ist.
     
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  10. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Mal abgesehen davon, dass auch eine flache Erde eine begrenzte Fläche hätte, wüsste ich nicht, inwiefern diese Erkenntnis bei Wirtschaftswissenschaftlern ignoriert wird.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es ist eigentlich richtig, Trollen nicht zu respondieren. Und jeder trägt für sich die Verantwortung, auf welche Art er sich lächerlich machen möchte.

    Und vermutlich läuft man in eine Falle, wenn man überhaupt auf diese Provokationen antwortet, da sie ja lediglich Provokationen sein wollen. Zu welchem Zweck auch immer.

    Ansonsten würde eine Kritik überzeugender wirken, wenn sie denn wenigstens wüßte, über was sie fabuliert. Die Frage, was denn ein "virtuelles Handwerk" sein sollte, konnte ich nicht klären. Mir sind zwar AR oder VR als virtuelle Welten bekannt, aber "Wirtschaftswissenschaften", also die Summe der heterogenen Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre, fällt mir schwer unter ein imaginiertes "virtuelles Handwerk" zu subsumieren. Da scheint mindestens bei dem Begriff "virtuell" das Problem des "Bullshit-Bingo" eine Rolle gespielt zu haben.

    Sich mit der inkompetenten Kritik an völlig berechtigten - auch - historischen Studien zur Rolle der Frauen, gegen einen Popanz einer Forschungsrichtung zu stellen, indem man diese seriösen Studien zur "Frauenforschung" als "Verschleierung von Banalitäten" meint benennen zu müssen, ist dann der zweite Sprung des Fettnäpfchen- Weitsprungs. Zumal man sicher sein kann, dass Du nicht ansatzweise einen Überblick geben könntest, was Du meinst lächerlich machen zu müssen.

    Der Gipfel des "komischen Humors" wird problemlos erklommen, wenn derjenige, der das GF wahlweise unterhalten oder genervt hat mit "Malen nach Zahlen" mit Hilfe des Geodreicks, dann das Kriterium der "naturwissenschaftlichen Erkenntnis" bemüht. Nur weil man die Metrik eines Geodreiecks verstanden hat, hat man noch keine "naturwissenschaftlichen Erkenntnisse" gesammelt, geschweige dass man verstanden hat, wie "Wissenschaft" in ihren Teildisziplinen funktioniert. Gut, dazu müßte man ja anfangen, sich mal ernsthaft mit etwas zu beschäftigen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. November 2020
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  12. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Wenn man in der Wirtschaft davon ausginge, dass die Fläche der Erdkugel unbegrenzt wäre, dürfte Fläche und damit Land/Immobilien nichts kosten. Bei einer unbegrenzten Angebotsmenge, das jede Nachfrage befriedigen kann, beträgt der Preis 0. Man muss kein Häuslebauer sein, um zu wissen, dass dem nicht so ist.
     
  13. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Äh, nicht dass ich jetzt Divico beispringen möchte, aber selbst wenn es unendlich viel Land gäbe, hätte der Boden in den Ballungsräumen einen Preis, der in Richtung Rand der bewohnten Fläche bis auf 0 sänke. In den USA zur Zeit des Wilden Westens muss es in etwa so gewesen sein.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    :D
    Angenommen die Flächen der Ballungsräume würden 1/1000 des unendliches Landes darstellen, wie groß wären sie dann? *
    Die Größe dieser Fläche ist zwar begrenzt, doch hat sie selber an keiner Stelle eine Grenze. Wie das die Flat-Earther hinbekommen? Keine Ahnung.
    :D

    * sehr amüsant zur Unendlichkeit ist übrigens Hilberts Hotel:
    Du kommst zu dem Hotel und draußen steht ein Schild: "Unendlich Viele Zimmer!" und willst übernachten.
    Ne, sagt der Hoteldirektor. Kein Zimmer frei.
    Aber wir kann das sein? sagst Du. Sie haben doch unendlich viele Zimmer.
    Sagt der Hoteldirektor Hilbert, ich hab gerade auch unendlich viele Gäste!
    Oh Kacke...,
    doch dann die rettende Idee: Der Hoteldirektor holt alle raus aus den Zimmern und Nr. 1 zieht um in Nr. 2 und Nr. 2 in Nummer 3 usw. Ist nochmal gut gegangen und du kriegst ein Zimmer.

    Am nächsten Tag kommt ein Busfahrer zum Direktor Hilbert und sagt, ich hab da im Bus unendlich viele Leute die ein Zimmer wollen.
    Na gut, auch das lässt sich machen: Nr. 1 zieht in Nr. 2, Nr. 2 in Nr. 4, Nr. 3 in Nr. 6, Nr. 4 in Nr. 8, Nr. 5 in Nr. 10 usw.
    Und schon sind unendlich viele Zimmer frei.

    Und wieder einen Tag später schaut der Hilbert aus dem Fenster seines Hotels und draußen stehen unendliche viele Busse mit jeweils unendlich vielen Gästen....
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2020
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  15. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Selbst die Flat Earth Society behauptet nicht, dass die Erdfläche grenzenlos sei. "Rowbotham behauptete, die Erde sei eine flache Scheibe mit dem Nordpol im Zentrum und mit einem Eiswall am Rand." Wenn es einen Eisrand gibt, kann die Fläche nicht grenzenlos sein.
    (Das erinnert mich an Reinhard Mey:
    Unter den Flachweltlern,
    soll die Erdkugel grenzenlos sein.
    )
     
  16. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    In den USA um 1830 war die Fläche der Ballungsräume durchaus endlich, die Menge an insgesamt verfügbarem Land aber für alle praktischen Zwecke so gut wie unendlich.
     
  17. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Nordamerika war auch schon bewohnt, bevor die europäischen Eroberer dort einfielen.
     
  18. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Ich versuche es einmal ganz einfach zu erklären, damit es auch abgehobene geisteswissenschaftliche Elfenbeintürmler verstehen (obwohl das vielleicht genau der falsche Ansatz ist):

    Die Ressourcen auf unserem Planeten sind bekanntlich begrenzt. Gleichwohl hat sich die Weltbevölkerung allein im Laufe meines Lebens verdoppelt— was allein WiWis sehr erfreut, da sich auf diese Weise auch die Märkte vergrößern. (Zufällig hatte ich 2015 mit höherrangigen Vertretern eines deutschen Versandriesen zu tun; die freuten sich wie die kleinen Kinder über die zu erwartenden Rekordumsätze dank der vielen Neuankömmlinge.)

    Kurzum: wir sind dabei, die Erde komplett zu ruinieren, und die perverse Wachstumsgier der WiWis trägt daran eine gehörige Mitschuld.
     
  19. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich vermute, mit "WiWis" meinst Du Wirtschaftswissenschaftler?

    Warum sollten sich diese (und gar nur diese) freuen?

    Ich weiß nicht, ob Du das damals schon mitbekommen hast, aber so um 1970 rum machten sich einige Wirtschaftswissenschaftler wie z. B. Dennis L. Meadows oder Peter Milling Gedanken über die Grenzen des Wachstums...
     
  20. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Nachdem dieses Kürzel oben schon von anderen Foristen verwendet wurde, habe ich es dankbar aufgegriffen.
    Kein vernünftiger Mensch freut sich über die totale Überbevölkerung, auf die wir zusteuern. Allein WiWis bekommen feuchte Augen vor Freude über die wachsenden Märkte.
    Wirklich durchgesetzt haben sich diese Erkenntnisse aber offenbar bis heute nicht.
     

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