Stolz und Vorurteil 1995/2005

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von Brissotin, 29. Mai 2007.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Damit wir anderswo nicht vom Thema abkommen:

    DM-Lady:
    ...

    Leider finde ich derzeit nicht die Homepage, die ich suche, aber es hat sich einmal jemand die Mühe gemacht das Vermögen der einzelnen Figuren in dem Film bzw. Roman zu untersuchen, jedenfalls sind die Benetts nicht bettelarm, sondern recht vermögend und gehören sozusagen der adeligen Mittelklasse an. (Nicht umsonst versucht ja Mr. Wickham sein Schäflein bei ihnen ins Trockene zu bringen.)
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

  3. Désirée

    Désirée Neues Mitglied

    Das finanzielle Problem der Familie Bennett liegt darin, dass Haus, Grund und Boden unter "Fideikommis" standen, d.h. der jeweilige Besitzer hat nur das Nutzungsrecht.
    Nach seinem Tod fällt ALLES bis auf sein persönliches Vermögen an den nächsten MÄNNLICHEN Verwandten, entweder also seinen Sohn (wenn er einen hat) im Fall der Bennetts aber an den Sohn von Mr. Bennets Vetter, Mr. Collins.
    Solche Verfügungen wurden testamentarisch getroffen, um zu gewährleisten, dass der Besitz nicht im Laufe der Jahre "zerstückelt" wurde, sondern UNGETEILT an das nächste Familienoberhaupt, d.h. den ältesten Sohn weiter gegeben wird. Die Nachkommen hatten keine Möglichkeit, das zu ändern.
    Deshalb kann Mr. Bennett Frau und Töchtern nur sein Geld hinterlassen. Das ist aber nicht sehr viel, denn die Erträge des Gutes, die dem Nutznießer persönlich gehören, wurden ja gebraucht, um davon zu leben. Zu sparen gab es nicht allzuviel, sodass die Hinterbliebenen oft in bittere Armut gerieten und von der Gnade der Verwandschaft abhängig waren.
    Dass das Heim der Bennetts etwas "verwarlost" wirkt, liegt daran, dass der jeweilige Besitzer nur so viel wie nötig zum Erhalt des Hauses tat, denn warum sollte er sein Geld in etwas investieren, das seiner Familie nach seinem Tode nicht mehr gehören würde ?
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Auch bei der 1995er-Verfilmung sieht das Haus der Benetts ja etwas weniger herausgeputzt aus, als Netherfields zum Bsp., Lady Cathrine spricht nicht umsonst von der besagten "Wildnis" hinter dem Haus. Dennoch ist bei der 1995er-Verfilmung die Einrichtung des Hauses auf dem neuesten Stand, für den eigentlichen Wohlstand spricht auch, dass die Benetts immerhin eine eigene Kutsche besitzen, also Pferde etc., vielleicht sogar mehrere Kutschen, jedenfalls können sie in eigenem Gefährt standesgemäß beim Ball in Netherfields vorfahren.

    Sicherlich muss man sich bei einer Bewertung der Lage der Benetts vergegenwärtigen, dass die Töchter selbst kein Vermögen erwirtschaften können (vor allem nicht auf dem Lande und sie sind sehr beschränkt durch ihren adeligen Stand), aber Geld kosten, für Kleidung, Erziehung etc.. Währenddessen konnte ein männl. Nachkomme darauf hoffen, eine Karriere in der Kirche, Armee oder Politik zu machen (alle Beispiele werden ja sogar in dem Roman dargestellt).

    @ Désirée
    :yes: Die Darstellung des Fideikomiss ist tatsächlich für das Gesamtverständnis der Verhältnisse einer Familie wie der der Benetts wichtig.
     
  5. DM-Lady

    DM-Lady Neues Mitglied

    @Brissotin:
    Okay.;)
    Hallo Désirée,
    danke für die ausführliche Erläuterung. Unter diesem Aspekt der Erbschaft betrachtet, finde ich alles recht logisch. Na ja, es ist schon eine Weile her, dass ich den Film gesehen habe. Und damals habe ich ihn überhaupt nicht unter dem historischen Aspekt angeschaut sondern generell aus Neugierde worum es geht. Ich hatte überhaupt keine Ahnung wovon der Film handelt, mich hatte der Titel nur irgendwie angesprochen. Ich muss zugeben, dass ich mich auch nicht mehr wirklich an Einzelheiten erinnern kann. :red: Ich weiß aber noch ziemlich genau, dass es eine Szene gab wo die Familie beim Essen saß und es eine Diskussion über irgendwas mit Geld gab. Und, ich glaube der Familienvater war es, der so etwas sagte wie, dass sie noch nicht so verarmt wären, dass sie sich keine Diener mehr leisten können. Ich weiß aber den Zusammenhang nicht mehr genau.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich glaube jedenfalls, dass er das nicht im Roman sagte.
    Jedenfalls ist die 1995er-Verfilmung näher am Roman, spielt allerdings 1812/13. Da kam nämlich der Roman heraus. Diese Handlungszeit ist nur deswegen einmal unlogisch, weil da von der Invasion der Franzosen die Rede ist, was nur vor 1805 Thema gewesen war. (Man denke an das Lager von Boulogne oder die Landungsversuche General Hoches oder die tatsächliche franz. Landung General Humberts auf Irland 1798!)
    Die 2005er-Version soll um 1797 spielen (erkennbar an den engl. Uniformen), als wohl der Roman von Jane Austen verfasst wurde und wohin er, aus dem erwähnten Grund besser passt. Allerdings ist die Ausstattung und Kleidung, sowie die Verhaltensweise in dieser Verfilmung sehr schlecht getroffen, da der Regisseur davon keinerlei Ahnung hat (er gibt sogar in den Audiokommentaren an, dass er davon nichts versteht). Die zivile Kleidung gibt daher einen kruden Mix von ca. 1770 bis 1820 ab, der so gerade für die Oberschicht in Großbritannien nicht haltbar ist. (Mr. Benett läuft ja rum eher wie ein Penner, als wie ein Landadeliger.)

    Die Schauspieler, zumeist vom Theater, in der 1995er-Version sind übrigens weit besser und wurden auch mit Bedacht ausgewählt. Es gibt zu dem Film von 1995 auch ein Sachbuch (sogar auf Deutsch), welches die Herangehensweise bei der Suche der Schauspieler, der Auswahl der Kleidung und Drehorte darstellt.:yes:
     
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  7. DM-Lady

    DM-Lady Neues Mitglied

    =) Das stimmt wohl. Es passt aber zu seinem schrulligen Auftreten.
    Tja, dann frage ich mich aber: Woran erkenne ich denn nun einen verarmten Adligen? Oder besser: Wie lässt er sich beschreiben?
    Kennt jemand die Bücher von Ilse Gräfin von Bredow. Sie stammt auch aus solch einer Familie, allerdings 20. Jahrhundert. Dort ist es ähnlich dargestellt wie in "Stolz und Vorurteil".
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Mai 2007
  8. Maria Leszczyns

    Maria Leszczyns Neues Mitglied

    Salut!

    Also, ich habe mir an Wochenende die BBC-Verfilmung zu Gemüthe geführt, die neu Version habe ich schon länger auf DVD, und kann sagen das beide Versionen ihren eigenen Charm haben; ich könnte mich in diesem beim besten Willen nicht entscheiden, welcher ich den Vorzug geben sollte.
    Vom Standpunkt der getreuen Buchvorlage und der historisch korrekten Kleider und des ganzen Ambiente ist natürlich die BBC-Verfilmung unschlagbar.
    Bei der neuen Version liebe ich besonders die Filmmusik, auch wenn ich als eingefleischter Filmmusikfreund es sehr bedauert habe das auf der CD nicht alle Tanzlieder zu finden waren, und die sehr natürliche Spielfreude der Benett-Mädels und von Mrs. Benett.
    Auch ist mir das "Benett-Haus" im 2. Teil wesendlich sympatischer, so hätte ich es mir auch vorgestellt; in der BBC-Verfilmung ist alles viel zu chic, aufgeräumt und modisch eingerichtet.
    Im 2. Teil sieht man sehr schön, dass es von der Mode des Spätrokoko zum Empire keinen radikalen Schnitt gibt, sondern das "alte" Kleidung auch aufgetragen wurde und nicht sofort die neueste Mode beim Schneider bestellt wurde.

    Mein Fazit: in meinen Augen hat der 2. Teil sowohl landschaftlich als auch gefühlsmäßig mich mehr angesprochen als Teil 1., auch wenn bei der BBC-Verfilmung sich alles sehr genau an der literarischen, historischen und stiltechnischen Vorlage hielt.

    Liebe Grüße,
    Sepha
     
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  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es kann gut sein, dass seine Kleidung altmodisch ist. Es gibt bspw. in der Bassermann-Jordan-Sammlung in Speyer Belege dafür, dass noch 30 Jahre nachdem etwas in Mode war, Kleidung in dem Stil der vergangen Zeit getragen und sogar in Auftrag gegeben wurde (Die altmodischen Stoffe bekam man aber, außer durch Zufall, wenn bspw. in der Damenkleidung ein altes Stück verändert werden konnte, nicht mehr.).
    Einen wirklich armen Adeligen erkennt man daran, ob er sich standesgemäß fortbewegen kann. Ein Graf oder Baron ohne eigene Kutsche wirkt auf Anhieb etwas ärmlich. Wem ein standesgemäßes Auftreten mangels Finanzen verwehrt blieb, zog man sich nicht selten zurück.
    Der gesellschaftliche Umgang mit dem verarmten Adel ist sehr unterschiedlich gewesen. In Frankreich bspw. wurde bisweilen unter Adeligen zusammengelegt, um Standesgenossen, die in Not geraten waren, eines standesgemäßes Auftreten etc. zu ermöglichen. Es existierte also eine bestimmte Solidarität mancherorts innerhalb des Adels.

    Ungepflegt bewegte man sich dennoch nicht, denn eine Rasur war etwas, was relativ preiswert war. Dass man sich selbst rasieren konnte, war damals allerdings nicht selbstverständlich, auch wenn es zur Eigenrasur Handbücher gab.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Die Musik ist bei beiden Versionen sehr ähnlich, weil die Art der Tänze, einfach Countrydances ja auch die selben sind. Es sind jeweils Melodien aus dem 17. und 18.Jh..
    2.
    Sagen wir es so, es sind beides Gebäude, die so zu der Zeit in England gestanden haben.
    3.
    Eben das ist gerade bei der Oberschicht eben ziemlicher Nonsense an der 2005er-Verfilmung. Schaut man sich die Gemälde, Zeichnungen etc. an, dann sieht man bei gesellschaftlichen Ereignissen durchweg eine ziemliche Uniformität bei der Bekleidung, was vor allem die Damen betrifft. Lediglich bei Herrenfrisuren scheint es, folgt man bspw. den Werken Boillys gewisse Anachronismen gegeben zu haben.
    Eine Dame wie Lady Cathrine wäre sicherlich nicht in völlig veralteter Kleidung aufgetreten, weil sie damit einfach nicht gesellschaftlich konform gewesen wäre. (Bemerkenswert an der Stelle, dass Mr. Collins ja eigentlich darauf hindeutet, dass die Umgebung der Lady Cathrine de Burgh normalerweise besonders aufwendig gekleidet ist(!).)
     
  12. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bei mir bei der 1995er Version, auch wenn die ewig lang ist, aber man kann sich gut in die Handlung vertiefen, da es eben genauso ausschaut, wie man es sich durch die Literatur vorstellt.

    Selbst Colin Firth meinte ja, bevor er das Angebot annahm, dass Jane Austen ausschließlich was für Frauen wäre und heute wird er seinen Ruf als Mr. Darcy nicht mehr los; die BBC-Verfilmung ist eben schon recht legendär... Über Wikipedia kam man zu dieser scheinbar recht vollständigen Auflistung von Jane-Austen-Verfilmungen: Jane Austen - Verfilmungen auf Video
    Schon allein die Anzahl zeigt die bleibende Aktualität des Stoffes und wohl auch den Reiz der sehr hintergründig humorigen oder tiefgründig durchdachten Dialoge. Dabei ist "Stolz und Vorurteil" vielleicht der berühmteste Roman, zumindest wenn man sich Adaptionen etc. anschaut. Diese rühren ja zumeist von einer besonderen Originalität, die ein bisschen den Anflug von Genialität dem Werk von Jane Austen beilegt, auch wenn sie das selber vielleicht nichtmal geahnt hätte...

    Bei "Sense and Sensibility" war natürlich Alan Rickman schon eine Klasse für sich, wie eigentlich immer.;)
     
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe gestern nochmal ein bisschen im Begleitbuch zur 1995er-Verfilmung gelesen und es werden wirklich viele wissenschaftlich arbeitende Institutionen genannt, welche bei dem Film beraten haben. Was ich am bemerkenswertesten fand, war dass eine Mitarbeiterin an dem Film herausfand, dass eine Familie wie die Benetts nicht weniger als 11 Hausangestellte gehabt hätten.

    Diese Zahl hat man leicht zusammen:
    1 Butler, 1 Stallbursche, 1 Gärtner, 1 Kutscher, 1 Lakai (Ich glaube diese Figuren sieht man auch alle in dem Vierteiler irgendwann agieren.)
    1 Haushälterin, 1 Köchin, mind. 1 Kammerzofe, 1 Hausmagd usw. (Man sieht wenigstens 3, wenn nicht 4 weibliche Angestellte um Mrs. Benett herum springen.)

    Was das Verhalten nicht nur der Hauptakteure betrifft, sondern auch das der Dienstboten usw. ist auf jeden Fall die 1995er-Version die bessere Wahl. Dass das Haus so ordentlich ausschaut liegt eben genau daran, dass es beim Landadel wie bei allen Standespersonen der Zeit dienstbare Geister gab, die den Hausherren alles hinterher räumten.:cool:
     
  15. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied

    Entschuldigung, dass ich den Beitrag wieder nach oben zerre, aber ich möchte da auch meinen Senf dazugeben :D


    Grundsätzlich muss man bei Jane-Austen-Verfilmungen im Auge behalten, dass es sich dabei um LITERATURverfilmungen handelt, und nicht um die üblichen historischen Filme. (meine Ansicht, korrigiert mich bitte, wenn ich da etwas falsch sehe :D)

    Jane Austen, die Zeit ihres Lebens unverheiratet blieb (darauf komme ich gleich nochmal zu sprechen :D) zeichnete in ihren Romanen ein Bild von der Gesellschaft ihrer Zeit, allerdings (!) ist es natürlich nichtsdestotrotz Fiktion.

    Dass ein Mr. Willoughby in "Sinn und Sinnlichkeit" sich in eine Marianne Dashwood verliebt, ist Gang und Gäbe gewesen. Dass aber ein Mr. Darcy zu Pemberley eine einfache Elizabeth Bennet (Stolz und Vorurteil) heiratet, war fast jenseits der Realität.

    Der Stand eines Adeligen in der Gesellschaft richtete sich nicht nur nach dessen Hab und Gut, sondern auch nach seinem Namen und dem Alter seines Adelstitels. Nicht umsonst ist in vielen Romanen, die versuchen, diese Zeit authentisch widerzugeben von "Neureichen" die Rede. Beispielsweise konnte sich eine reiche Kaufmannsfamilie durchaus eine Peerwürde erkaufen. Deswegen waren sie trotzdem nicht angesehener. Und Landadel und Stadtadel waren auch zwei verschiedene Welten.

    Wer zum "großen Adel" gehörte, konnte nicht auf ein Haus in London verzichten, egal, wie es um seine Mittel bestellt war (was auch erklärt, warum so viele Adelige immer wieder in hohe Schulden gerieten und zum Schluss ihre Landsitze vermieten - wie in Stolz und Vorurteil der Sitz Netherfield, der von Mr. Bingley angemietet wird - oder gar verkaufen mussten). Auch ist bekannt, dass hoch verschuldete Adelige sich des öfteren aus der Stadt zurück aufs Land zurückzogen, um sich zu "rehabilitieren", heißt: sie verkauften Teile der Ländereien oder verpachtetem sie und lebten eine Zeit lang nur von dem, was das Gut abwarf, bis sie wieder in der Lage waren, in die Stadt zurückzukehren.

    Zu Stolz und Vorurteil gibt es folgendes zu sagen. Fideikomiss war zwar Gang und Gäbe aber keine Pflichtregelung. Es war in England durchaus möglich, auch als Frau zu Erben (nicht umsonst prügelte man sich um reiche Erbinnen!), und zwar nicht nur Geld. Auch bei der Fideikomiss-Regelung gab es Ausnahmen: die Witwe des Verstorbenen übernahm das Gut, bis der Nachfolger ihres Mannes volljährig war (i.d.R. bis zum 25. Lebensjahr dessen), desweiteren bestand für den Verstorbenen immer noch die Möglichkeit, die Fideikomiss-Regelung aufzuheben und alles z.b. seiner Witwe zu vermachen, auch die Ländereien.
    Dass sich also ein Mr. Wickham an eine Familie Bennet hing ist nicht ein Zeichen dafür, dass die Bennets zwingend so vermögend waren... es ist vielmehr die Tatsache, dass er sich sicher war, er wäre in jedem Fall mit einer Bennet-Tochter besser dran. Sie hatte den Namen einer Adelsfamilie (wenn auch nur Landadel) und würde - auch wenn sie kein großes Erbe hätte, sagen wir, 500 Pfund im Jahr - sein Leben absichern. Im Gegensatz zu dem, was ihn erwarten würde, wenn er allein bliebe - er war nicht adelig, er hatte kein Geld und keine Bleibe außerhalb der Armee... sein Vater hatte ihn als Pfarrer zu Pemberley sehen wollen, was er aber ausschlug und somit Heimatlos wurde. Er hatte nur eben nicht geahnt, dass die Erbschaft der Bennet-Töchter fast gleich null war, eben durch den Fideikomiss und die nicht gerade rosige finanzielle Lage der Familie.

    Zu Mr. Darcy sei gesagt, dass er besonders zu Anfang (sowohl im Buch als auch im Film) sehr arrogant dem Landadel gegenüber auftritt. Diese Haltung ist Selbstverständlich, wenn man davon ausgeht, dass der Stadtadel, der regelmäßig mit der königlichen Familie Kontakt hatte, sich zur feineren Gesellschaft zählte. Auch die Tatsache dass alle fünf Bennet-Töchter bereits in die Gesellschaft aufgenommen wurden, obwohl zwei von ihnen gerade erst aus dem Schulzimmer entlassen worden waren und die Jüngste sogar noch IM Schulzimmer saß, zeigt nicht gerade ein sonderlich standesbewusstes Auftreten der Bennets. (Siehe auch den Kommentar der Lady Catherine de Burgh, die pikiert nach dem Alter von Elizabeth fragt ;) )

    Dazu muss erwähnt werden, dass Elizabeth mit ihren über 20 Jahren und Jane, die NOCH älter war, sich schon zu den "Sitzengelassenen" zählen konnte. Zu der Zeit wurden die jungen Damen mit 17 Jahren bei Hofe vorgestellt, "in die Gesellschaft eingeführt", und wenn möglich direkt an den ersten passenden Bewerber verheiratet. Hier komme ich auch wieder auf Ms. Austen selbst zu sprechen, denn sie selbst hatte das Pech (oder Glück, wer weiß) niemals zu heiraten und sich von ihrer Feder ernähren zu müssen. Auch diese Tatsache macht eine Braut aus dem Landadel nicht gerade attraktiv, denn es zeigt, dass die Familie entweder zu arm war, um vielleicht sogar schöne Töchter bei Hofe vorzustellen - derlei war finanziell sehr aufwändig, es musste ein Haus in London angemietet werden, um die gesamte Ballsaison auszunutzen, dazu die Garderobe für die junge Dame sowie deren Begleiterin, die Diener, die das entsprechende Haus versorgten usw. usf. - oder die junge Dame, so sie denn bei Hofe war, war nicht anziehend genug gewesen, als dass sie jemand hätte haben wollen.
    So oder so, Mr. Darcy hätte Elizabeth Bennet nicht heiraten können, ohne innerhalb seines Standes einige Stufen herabzusinken... was er ihr in seinem ersten Heiratsantrag auch mitteilt ;) .

    Auch die Tatsache, dass Onkel und Tante die Bennet-Töchter mit auf Reisen nehmen sprechen sehr dafür, dass die Bennets nicht gerade finanziell auf einem grünen Zweig saßen. Eine Kur in Bath (die zu der zeit sehr in Mode war), oder eine Reise durch das Land, wie sie im Buch erwähnt wird, war außer Reichweite für die Bennets. Wenn man sieht, wie sehr sich Mrs. Bennet freut, dass die älteste nach London eingeladen wurde und die zweitälteste auf eine Reise mitgenommen wird und eine der jüngsten mit der Frau des Befehlshabers des dort Stationierten Regiments auf Reisen geht, kann man davon ausgehen, dass es eine Seltenheit war, wenn irgendjemand in der Familie im Stande war, sich mehr als 20 Meilen vom eigenen Haus zu entfernen.

    Die Bennets als "nicht so arm" zu bezeichnen fällt mir daher sehr schwer. Sie konnten sich zwar die Bediensteten leisten, hin und wieder ein paar neue Kleidungsstücke und ernähren konnten sie sich auch noch. Doch gehörte es z.B. auch zum feinen Ton, wenn die junge Dame auf dem Land auch mal zu Pferde anzutreffen war. Davon ist weder im Buch noch im Film die Rede. Es existiert eine Kutsche, die aber die Familienkutsche ist und auch nur bewegt wird, wenns zu einer Festivität im Umland geht. Was z.B. dafür spräche, dass sie keinen fest eingestellten Kutscher hatten, sonst hätte diese ja immer zur Verfügung gestanden ;) . Das fehlen von Reitpferden erzählt noch ein Übriges. Und es wird auch mehrfach erwähnt, dass die Bennett-Töchter keine Aussicht auf irgendeine Mitgift haben.

    Was die Kleidung an sich angeht, bin ich nicht so bewandert, ich kann dazu also eher wenig sagen, ob sie nun authentisch ist oder nicht.

    Ich halte es aber bei Literaturverfilmungen immer für besser, möglichst nah am Original zu bleiben und daher favorisiere ich definitiv die BBC-Version. Aber das ist Geschmackssache.

    Und wer gern Jane Austen liest und sich in dieser Zeit wohlfühlt, dem rate ich einfach mal, sich Georgette Heyer zu widmen. Ihre Romane erschienen zwar in den 1970er Jahren, sind aber nichtsdestotrotz gut recherchiert und lesen sich sehr angenehm. Der eine oder andere könnte sich sogar erheitert fühlen, wenn die Protagonistin stotternd auf ihren 20 Jahre älteren Ehemann losstürmt und ihn fragt "B-b-b-ist du jetzt f-f-furchtbar b-böse, M-m-marcus?" :D

    Und jetzt bin ich mit meinem Sermon am Ende :D
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2007
  16. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Du musst dich nicht entschuldigen.
    Beiträge, egal wie alt, sind dazu da, um zu antworten, wenn man etwas dazu zu sagen hat.
    Und ich habe eben wieder was gelernt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2007
  17. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1. Kein Grund zur Entschuldigung, das ist doch ordentlicher Senf.

    2. Sicherlich ist es Fiktion, auch wenn das Bild vom England dieser Zeit von einer Zeitgenössin eben noch relativ authentisch gezeichnet wird.

    3. Wie Du schon sagst, die Verbindung ist fast jenseits der Realität. Es gab sicherlich selten solche Aufstiege. Ganz genau erfährt man, wenn ich mich im Moment nicht vertue, ja nie den Titel von Mr. Darcy. Die Bennets gehören wohl zu der Art von Adel, welche einen Sir William Lucas als Neuadeligen mit bescheidenen, aber auf dem Lande wertvollen, Beziehungen zum Königshof, stolz macht einladen zu dürfen. Die Bennets sind durchaus etabliert und der Neffe von Mr. Bennet, Mr. Collins geht als vielversprechender Geistlicher bei hohen Herrschaften ein und aus und erscheint auch einem Sir William als erstrebenswerte Partie für die Tochter. Für Sir William bedeutet nämlich solch eine Verbindung einen gesellschaftlichen Aufstieg, weil somit der ansässige Adel den Neuadeligen in ihrer Mitte scheinbar akzeptiert hat.

    4. Da stimme ich mit Dir überein. Ich meine sogar, dass Mr. Bennet mehr Gründe als nur den hat, dass Wickham ein Halodrie ist. Wickham bringt der Familie nichts ein, da er kein Vermögen besitzt, sondern im Ernstfall sogar noch etwas vom bescheidenen Besitz der Bennets abknappsen würde, wenn er seinen Posten beim Militär verliert. Wickham ist überdies von der gesellschaftlichen Stellung unter den Bennets angesiedelt, ein Grund mehr, weshalb Darcy die Beziehung von einer immerhin achtenswerten Adeligen wie Eliza Bennet und einem Wickham mit viel Befremden aufnimmt. In den Augen der etwas weniger vermögenden Adeligen und scheinbar auch dem Teil der denkenden Bennets, war ihr immerhin einigermaßen wertvoller Ruf als Adelige ihr einziges Pfund auf dem Heiratsmarkt.


    Übrigens danke, dass Du auf das Alter der Schwestern hinweist. Da hast Du natürlich Recht. Der diesbezüglich kenntnislose Zuschauer, könnte bei dem entscheidenden Dialog zwischen Lady de Burgh annehmen, die Schwestern seien zu jung für die Gesellschaft. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Wenn man sich den Adel anschaut, dann heiratete man in dieser Gesellschaftsschicht mit um die 20 und Jane Bennet läuft tatsächlich trotz ihrer beschworenen Attraktivität Gefahr, wenn sie den Bingley nicht abbekommt, eine alte Jungfer zu werden. Denn die adäquaten Männer in ihrem Alter sind ja dann logischerweise mit fortschreitendem eigenen Alte allesamt verheiratet.


    Zu der Kutsche: Ich nehme mal an, man darf den Punkt einigermaßen vernachlässigen, wenngleich ich ihn betonte. Auf dem Lande gab es sicherlich selten die Möglichkeit wie in der Stadt, Mietkutschen zu besorgen, was schlichtweg eine eigene Karosse nötig machte.

    Vom sozialgeschichtlichen Aspekt ist die Geschichte der Bennets natürlich trotz des fiktiven Charakters jedes Romans ja dennoch höchst spannend. Denn durch die Beliebtheit des Romans, bleibt dieser Zeitschnitt in der Aufmerksamkeit der Menschen und die Aussagen des Romans werden anhand tatsächlicher damaliger Vorgehensweisen überprüft. Die Literaturwissenschaftler wollen ja den Gehalt des Romans überprüfen und vergleichen inwiefern er das Leben der Zeit widerspiegelt.


    Bezüglich der Authenzität von Buch und Film (BBC) gibt das Begleitbuch zur BBC-Miniserie ja ganz interessante Einblicke in die Recherche und auch die sozialen Verhältnisse. (In meinem Beitrag vom 19.05.07 verlinkt.)
     
  18. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied


    Naja... eher sowohl als auch. Während Elizabeth und Jane sich fast als "sitzen gelassen" betrachten dürfen, sollte die junge Lydia mit ihren 15 Lenzen eigentlich noch zuhause sitzen und sich im Sticken üben. Normalerweise war es ja so, dass man versuchte, eine nach der anderen Tochter zu verheiraten, ergo, möglichst nicht alle auf einmal auf den Heiratsmarkt warf, um zu sehen ob vielleicht wenigstens EINE geheiratet wird (was wiedermal für die prekäre finanzielle Situation der Bennets spricht, ein solches Verhalten lässt darauf schließen, dass sie DRINGEND eine gute Verbindung brauchen). Das Befremden der lady Catherine bezieht sich auf die klugen Äußerungen Elizabeths, der sie unterstellt, weit über 20 zu sein - und sie damit direkt beleidigt.

    Die Bennets stellen wohl den "alten" Landadel dar. Ihr Besitz ist schon seit vielen Generationen in ihrer Hand, somit sind sie natürlich von der gesellschaftlichen Stellung höher angesiedelt als Sir Lucas. Sie sind aber wiederum gezwungen, auf die Einbindung in die Gesellschaft durch Sir Lucas einzugehen, da sie selbst finanziell nicht in der Lage sind, ihre Stellung zur Schau zu tragen. Sie sind anerkannt, weil sie eine ehrbare und "alte" Familie sind, aber sie sind eben Teil des sog. "verarmten Landadels" was eine Elizabeth Bennet natürlich für einen Mr. Darcy praktisch inakzeptabel macht.
    Zudem meine ich mich erinnern zu können, dass Mrs. Bennet, also die Mutter der fünf Bennet-Töchter, als "unmöglich" betrachtet wird, falls ich mich recht erinnere, wirft Mr. Darcy ihr sogar in einem Gespräch mit Elizabeth unfeine Verwandtschaft vor. Man kann also annehmen, dass Mr. Bennet vielleicht die Tochter eines Kaufmanns geheiratet hat... usw. usf. Man könnte ewig darüber spekulieren :D

    Und, eins noch, was vielleicht auch interessant ist: Elizabeth Bennet ist auch aus einem anderen Grund eine Gefahr für die Stellung Mr. Darcys... sie ist gebildet (zu späteren Zeiten hätte man sie wohl als Blaustrumf bezeichnet. Sie ist nicht nur intelligent, sondern auch belesen. Und damit meine ich nicht die Liebesromane, die vermehrt von den Frauen der damaligen Zeit gelesen wurden, sondern durchaus ernstzunehmende Werke... Wahrscheinlich ein wenig angestiftet von ihrem Vater, der sehr stolz ist, eine kluge Tochter zu haben und alle anderen als dümmlich hinstellt - seine Frau macht für ihn da keine Ausnahme.
    In der Gesellschaft der damaligen Zeit, war es für junge Damen zwar mehr als schicklich, gebildet zu sein (das Können von mindestens einer Fremdsprache wie Französisch oder Italienisch, am besten beides :D , das Erlernen eines Instrumentes - mit Vorliebe Harfe oder Piano, sie sollten Malen können und in der Kunst bewandert sein, Lesen und Schreiben sowie Grundlagen der Mathematik beherrschen), aber trotzdem war es befremdlich, eine Frau zu sehen, die sich eben nicht nur mit den musischen und "romantischen" Dingen beschäftigte, sondern auch ein Interesse an Naturwissenschaft zeigte. Eine Elizabeth Bennet, deren Verstand noch schärfer war als ihre Zunge - oder umgekehrt?? :D - dürfte, trotz ihrer ansonsten durchaus achtenswerten Herkunft und ihrem standesgemäßen Auftreten einige Anfeindungen erlebt haben. Auch das spielt dabei eine Rolle, denn der Ruf eines Mannes konnte durchaus unter einer unpassenden Verbindung oder dem "empörenden" Verhalten seiner Frau leiden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Dezember 2007
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich glaube die Angaben zu Mrs. Bennet sind relativ exakt. Ihre nächsten Verwandten gehören in London zum wohlhabenden Bürgertum, ihr Bruder Mr. Gardiner ist Advokat oder?
    Hier habe ich Aussagen zu den verschiedenen Charakteren gefunden: Jane Austen: Pride and Prejudice -- Index of Characters
    Das englische Wikipedia ist auch tiefgründiger zu der Thematik:
    Pride and Prejudice - Wikipedia, the free encyclopedia

    Kurz angemerkt sei noch, dass man die BBC-Verfilmung nur in der englischen Version richtig schnallt, weil ganz entscheidende Hinweise in der deutschen TV-Verfilmung heraus geschnitten wurden, gerade was die sozialen Verhältnisse der Benetts betrifft.

    Aber ich denke auch, die Grenzen der Spekulation setzen einfach die Aussagen des Romans. Wir können nur soviel zu den Charakteren sagen, wie uns die gute Frau Austen verraten wollte.
     
  20. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied

    Ich hab ne Gesamtaufnahme der eglischen Originalversion, deutsch vertont. Allerdings stimme ich dir zu, dass man in der englischen Originalfassung doch mehr versteht... manche Dinge kann man eben nicht 1:1 übersetzen.. aber ich will hier jetzt keine Diskussion zu Sprachdubbing beginnen, das geht doch zu weit =)

    Ansonsten habe ich dem auch nichts mehr hinzuzufügen :D Danke
     

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