Suovetaurilia

Dieses Thema im Forum "Archäologie" wurde erstellt von hjwien, 2. März 2011.

  1. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Unter Suovetaurilia versteht man ein Opfer, bei dem ein Schwein, ein Schaf und ein Stier geopfert werden. Dies ist meist ein Reinigungs- und Sühneopfer, das nach einem rituellen Umgang erfolgt, um ein Stück Land, wie es bei dem älteren Cato beschrieben ist, um ein Heer, nach einem erfolgten Census um die auf dem Marsfeld versammelten Bürger usw.

    Gerade auf das letzte kann man sich beziehen, wenn eine neue Kolonie errichtet wird, auch dies ist ja ein zensorischer Akt, der sich auf Rom und den Akt der Stadtgründung durch Romulus bezieht.

    Wenn man nun in einer Provinz, in diesem Falle Syrien, auf einem Tempel ein solches Opfer im Relief abgebildet findet, kann/darf/muß man nicht mutmaßen, daß sich diese Darstellung auf die Koloniegründung bezieht? Müßte man den Tempel dann nicht zeitnah an die Koloniegründung herandatieren? Oder kann man sagen, daß sich ein solches Bild allgemein auf die Frömmigkeit bezieht, ohne direkten Bezug? Würde dies aber nicht heißen, das das Reliefbild beliebig ist, man dann den Römern nicht eine gewisse Laxheit im Umgang mit Religion unterstellen, die ja ansonsten durch penible Einhaltung der Rituale bestimmt ist? Wie ernst muß man ein solches Relief nehmen?
     
  2. aquilifer

    aquilifer Aktives Mitglied

    Wie sieht es denn mit anderen Suovetaurilia-Darstellungen in den Provinzen aus? Den im Neuen Pauly zitierten Aufsatz kennst du ja vermutlich:
    J. J. Hatt, Le double suovetaurile de Beaujeu et le culte des Déesses-Mères et de Tutelle à Lyon, RAE 37, 1986, 252-267.

    Könntest du mal einen Abbildungsverweis nennen? Merci. :winke:
     
  3. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Also, ich versuche herauszubekommen, was der Suovetauriliafries am Bacchustempel in Baalbek (wie immer) soll.

    Th. Wiegand, (Hrsg.) Baalbek II (1923) S. 13 Abb. 25, S. 24 Abb. 43, Taf. 8, 25, 26

    Ich versuche gerade, mich durch die Literatur zu arbeiten, den Aufsatz von Hatt habe ich noch nicht bekommen, die Sachen von Scolz und Baudy habe ich schon in Angriff genommen.
    Die Verbindung mit einer Koloniegründung wird nur nebenher gestreift, aber das ist eben mein Problem: Ist eine provinziale Darstellung eines solchen Opfers explizit auf eine Kolniegründung zu beziehen, dann bringt mich das weiter in meiner Interpretation, oder ist es ein beliebiges Opferbild, um Frömmigkeit auszudrücken oder vielleicht nur die jährliche Bitte um reiche Ernte, dann nutzt mir das nichts.

    Ich kenne Darstellungen des Opfers vornehmlich aus dem italischen Raum, es ist ja zunächst auch ein genuin römisches Opfer an Mars, und bin auf der Suche in den Provinzen, allerdings nur mit 10 % meiner Zeit und Kraft, weil das eigentlich nur eine Nebenfrage ist, der ich eher spaßeshalber nachgehe.
     
  4. aquilifer

    aquilifer Aktives Mitglied

    Ich habe die Abbildung mal auf die Schnelle mit meiner Handykamera photographiert (deswegen die schlechte Qualität). Das Schwein siehst du in dem Objekt, dass die männliche Person auf der Schulter trägt? Interessant ist ja die Victoria links am Altar bzw. die zwei weiblichen Figuren (die rechte auch geflügelt) am rechten Rand des Frieses.
     

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  5. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ich erkenne da kein Schwein, sondern einen Sack, der geschleppt wird. Habe auch noch nie gelesen, dass im antik-mediterranen Kulturkreis Schweine als Opfertiere dienten. Dass sie als "unrein" gelten, ist vermutlich eine ältere Tradition als Islam oder Judentum erscheinen lassen. Eine Opferung wäre ja geradezu Blasphemie gewesen.
     
  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Doch, Schweine wurden geopfert. Dass bei der Suovetaurilia ein Schwein geopfert wurde, geht nicht nur aus dem Namen hervor, der das Wort "sus"="Schwein" enthält, sondern wird von Cato dem Älteren in seinem Werk "De re rustica" auch ausdrücklich geschrieben.
     
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  7. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Habe doch noch ein gegenteiliges Beispiel gefunden:
     
  8. aquilifer

    aquilifer Aktives Mitglied

    Ich frage mich das deshalb, weil ich sonst nur Darstellungen kenne, bei denen alle drei Tiere zum Altar geführt werden (s.u.). Ich hatte auch zuerst an einen Weinschlauch (?) gedacht, was dann freilich die Identifikation als suovetaurilia in Frage stellen würde. Möglich wäre es aber, dass das Tier an den Vorder- und Hinterbeinen über der Schulter getragen wird.
    Die Frage nach dem Schwein als Opfertier ist ja ansonsten geklärt. Das "prominenteste Schwein" ist übrigens die von Aeneas geopferte, weiße Sau mit ihren 30 Ferkeln. ;)

    http://fvankeur.myweb.uga.edu/TrajanColSuovetaurilia.jpg
    http://3.bp.blogspot.com/_bpwvlzhuZSo/TUpomnb8COI/AAAAAAAAABk/imYMbyNjTCE/s1600/Suovetaurilia.jpg
    http://farm1.static.flickr.com/30/61984017_ee4124037e_z.jpg
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. März 2011
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  9. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ja, es ist nicht richtig zu erkennen, ob das Schwein nun da ist. Es gibt viele andere Darstellungen von Suovetauriliaopfern, wo es mit vertreten ist. Dazu muß man aber auch sagen, daß der Fries in Baalbek unvollständig ist, sprich, nicht fertig ausgeführt. Das gilt für die teilweise noch in Bosse stehenden Figuren, vor den beiden rechts stehenden Frauen ist eine komplette Bosse, und hinter den Frauen würde es eigentlich weitergehen, um die Ecke herum auf der Antenmauer.
     
  10. Vercingetorix01

    Vercingetorix01 Gesperrt

    Hm, ein Sack mit Gesicht?
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. März 2011
  11. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Ich probier mal ein Photo von dem "Sack" einzufügen, aber es bleibt hier natürlich sehr klein.
     

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  12. aquilifer

    aquilifer Aktives Mitglied

    Ich bin gerade zufälligerweise auf eine Stelle bei Pausanias gestoßen, die interessant sein dürfte (Paus. II 11,7). In Titane in der Korinthia bemerkt Pausanias für den Kult der Koronis:
    "τῆς δὲ Κορωνίδος ἔστι μὲν καὶ ταύτης ξόανον, καθίδρυται δὲ οὐδαμοῦ τοῦ ναοῦ: θυομένων δὲ τῷ θεῷ ταύρου καὶ ἀρνὸς καὶ ὑὸς ἐς Ἀθηνᾶς ἱερὸν τὴν Κορωνίδα μετενεγκόντες ἐνταῦθα τιμῶσιν."
    In der Meyerschen Übersetzung: "Auch ein hölzernes Götterbild der Koronis ist da, jedoch nicht im Tempel aufgestellt, sondern, nachdem man einen Stier, ein Lamm und ein Schwein geopfert hat, trägt man die Koronis in den Tempel der Athena und verehrt sie dort."
     
  13. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Danke für den sehr interessanten Hinweis, der eine Vielzahl von Fragen aufwirft, die ich ohne einen Pausanias bei der Hand zu haben gerade nicht beantworten kann:

    Welche Koronis wird dort verehrt und in welcher Beziehung steht sie zur Athena, und warum wird eine griechische (?) Gottheit mit einem urrömischen Opfer geehrt? Ich will mal schauen.
     
  14. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    In dieser Stelle geht es um das Asklepios-Heiligtum in Titane. Demzufolge wird Koronis, die Mutter des Asklepios, gemeint sein. Die Verbindung mit Athene verstehe ich aber auch nicht, die würde eher auf eine andere Koronis hinweisen, die von Athene in eine Krähe verwandelt wurde.
     
  15. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied

    Hallo Leute,

    die Frage ist ja ganz spannend, aber ich kann mich bei den Abbildungen nicht festlegen. Wenn hier ein Schweineträger dargestellt ist, dann im Typus des Kalbträgers z. B. von der Akropolis. (Wie fügt ihr denn immer die Bilder ein??). Aber das Schwein sehe ich auf der Aufnahme noch nicht.

    Ausserdem wäre es aus einem inhaltlichen Grund sonderbar, weil ja der Moment kurz vor der Opferung dargestellt ist, und dafür war es ja wichtig, dass die Tiere "freiwillig" zustimmten und nicht getragen wurden. Auf der Akropolis wurden extra Ringe in den Boden eingelassen, da wurde das Seil zum Nasenring durchgezogen, damit die Tiere auf die Frage, ob sie geopfert werden wollten, auch ordentlich genickt haben.

    Mir würde es helfen, wenn wir eine Detailaufnahme nicht wie oben von dem "Sack" auf der rechten Seite, sondern von der linken Seite des Trägers hätten. Da müssten dann nämlich relativ deutlich die Schweinefüsse/Hufe zu sehen sein.
     
  16. aquilifer

    aquilifer Aktives Mitglied

    Beim neuerlichen Betrachten des Reliefs ist mir ein "Steg" zwischen dem "Sack" und dem Rücken des Trägers aufgefallen (s. die Nachzeichnung). Entweder ist das der Schwanz der Wutz (oder eines anderen Tieres) oder man müsste sich mal über die Identität des Trägers Gedanken machen. Der Schweif von Satyrn kann ja relativ hoch sitzen.

    edit: Im Nachhinein besehen könnte man den Sack unten auch etwas kleiner einzeichnen, so dass der Steg direkt am unteren Rand anschließt.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 20. Juli 2011
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  17. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied

    Also, nach der Umzeichnung von Aquilifer... ich kann mir immer weniger vorstellen, dass es ein Schwein ist. Ich finde leider grade kein gutes Vergleichsbeispiel aus der Vasenmalerei, man müsste mal unter Jäger suchen, der kalydonische Eber wird nie besiegt und über die Schulter getragen gezeigt. Aber irgendwie würde ich erwarten, dass der Kopf nach unten hängt, und das war hier augenscheinlich nie geplant. Auch nicht in Bosse. Also vielleicht doch ein Weinschlauch, vielleicht mit einem Satyr??
     
  18. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied

    Zum ersten: ja, zum Zweiten: Nein. Da es sich um einen feststehenden Kult handelte, muss der Tempel nicht direkt im Anschluss errichtet worden sein. Es handelt sich ja um kein Foto und um keine Momentaufnahme. Da der Ritus gleich blieb, konnte man noch Jahrzehnte später ein solches Bild einfügen und traf damit die Vorgänge bei der Gründung. Ich würde in diesem Fall nicht so weit gehen, nach dem Motiv des Frieses zu datieren. Du kannst nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass das Bild später angefertigt wurde, nicht ausschliessen. Und: Ja, es kann auch eine Metapher für Frömmigkeit sein, aber wie du weisst, ist das Motiv dafür nicht üblich. Eher Capite Velato oder ähnliches.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juli 2011
  19. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Also, ich denke auch nicht mehr, daß hier ein Schwein getragen wird, auf allen Darstellungen von S. schreiten auch alle drei Tiere. Das mit dem Steg muß ich mir nochmal angucken, das Blöde ist, daß da eigentlich keine originale Oberfläche mehr ist, sondern alles weggebrochen. Und da das Relief so flach ist, gibt es auch keine andere Ansichtseite als die hier, der Träger schreitet nach links, hat also das "Objekt" auf der rechten Schulter, da es ja wohl nicht seinen Kopf überdecken sollte.

    Einen getragenen Eber in der Vasenmalerei kenne ich nur von herakles und dem Erymantheischen Eber, vor dem sich Eurystheus dann im Pithos verkriecht, aber das ist ja schon inhaltlich eine ganz andere Geschichte.

    @ Ogrim:

    Direkt im Anschluß ist ja relativ gemeint, so ein Bau will ja auch errichtet sein, der Bacchustempel ist groß, und er ist über 20 m tief fundamentiert. Mir geht es vor allem darum, daß er nicht vorher errichtet wurde. Er galt bisher immer als antoninisch, wegen der Kapitelle, aber ich würde ihn gern in die severische Zeit setzen.

    Unter Sept. Severus bekommt Baalbek das ius italicum, wohl in den 190er Jahren. Nach Caracallas Tod 217 (er könnte 215 in Baalbek gewesen sein), bricht die Bauaktivität in Baalbek rapide ab, das inschriftlich fixierte Propylon des Jupiterheiligtums ist stark unfertig stehen geblieben, und es gibt Anzeichen, daß dies beim Bacchustempel ebenso war. Deshalb frage ich mich, ob der Tempel aus dieser Zeit stammt und das Relief eben auf die neue Eigenständigkeit abzielt, auch wenn es zwanzig jahre später angefertigt wird und dann unfertig bleibt.
    Es gibt noch spätere Bauaktiväten, aber bis spätestens in den 240er/250er jahren, unter Philippus Arabs und dann Valerian, stand alles, da tauchen die letzten Münzen auf, auf denen alle Bauwerke abgebildet sind.
    Natürlich will ich nicht nach dem Relief datieren, es soll mir nur als Indiz für eine grobe Einteilung dienen.
     
  20. Water

    Water Neues Mitglied

    Ich sehe auf dem Foto ein Schwein... also mit Füßen und Kopf... :grübel:Aber vielleicht vielleicht bilde ich mir das auch nur ein...

    Ja, meine Füße und Kopf sehe ich links... zwei solche ausgestreckten Hufe.
     

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