Telegraphie, wieso so spät?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von RatloserMensch, 8. November 2017.

  1. Hallo,

    bitte lasst mich nicht völlig dumm sterben.
    Schon die alten Römer kannten offenbar sowas wie eine Tageszeitung (acta diurna); auch kommunizierten römische Feldlager via Rauchzeichen, was man als primitiven Vorgänger der optischen Telegraphie deuten kann.
    In jedem Buch steht, dass die Römer zur Hochzeit ihre Reiches durchaus an Kommunikation und Austausch mit der ganzen Welt interessiert waren.

    Meine erste Frage war also: Wieso haben nicht schon die alten Römer einen Telegraphen erfunden?
    Einige Hilfstechnologie (Stichwort Fernrohr, das erst später in den Niederlanden erfunden wurde) standen nicht zu verfügung, hat man mir dann gesagt.

    Okay hab ich dann gesagt, aber wieso hat die Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert auf sich warten lasse, als es schon fast soweit war, die elektrische Telegraphie zu erfinden?
    Das will mir irgendwie nicht in den Kopf. Für Kaufleute und Händler mussten doch Nachrichten aus aller Welt immer schon wichtig und interessant gewesen sein. Brieftauben und optische Methoden waren sehr bald entwickelt. Wieso also gab es z. B. im 18. Jahrhundert kein Kommunikationsnetz?
     
  2. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Man gab sich schon Mühe für eine schnellere Kommunikation über Entfernungen:

    Die Erfindung des Teleskops im 17. Jahrhundert ermöglichte eine breite Palette optischer Signalsysteme. Die früheste Entwicklung ist die der Flaggen auf See. Zuerst 1653 in England entwickelt, wurde die Komplexität der Botschaften, die gesendet werden konnten, im Laufe der Jahre immer größer.
    1782 hatte der Admiral der Flotte, Lord Howe, insgesamt achtundzwanzig Flaggen zur Verfügung, die in Verbindung mit einem gedruckten Code, der an alle seine Offiziere ausgegeben wurde, verwendet werden konnte. In verschiedenen Kombinationen, entweder als ganze Wörter oder einzelne Buchstaben, konnten die Flaggen einen beliebigen Satz bilden.
    Dieses System wurde während der napoleonischen Kriege als Signalbuch für die Kriegsschiffe fertiggestellt, das 1799 von der Admiralität herausgegeben wurde. Dies war der Code, den Nelson 1805 bei Trafalgar verwendete, um von seinen Masten aus die Botschaft "England expects that every man will do his duty" zu senden. Sein Signal-Leutnant erzählte später, dass der Admiral ihm gesagt hatte, er solle die Worte "England confides..“ senden. Aber er schlug die Änderung vor, weil „expects" war in den Codes als ein Wort vorhanden, während „confides" hätte buchstabiert werden müssen.


    HISTORY OF COMMUNICATION
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wieso so spät?
    Ich mein die Römer haben ja den "Telegrafen" besessen, das war ja auch damals nichts neues.
    Feuertelegrafen stellten 200 AD eine schnelle Kommunikation "am Limes zwischen Rhein und Donau" her.

    Und selbst 700 Jahre vorher, beschreibt ein griechischer Dichter die Feuertelegrafie, und lässt sie als Fackel des Triumphs leuchten.
    Wenn Du Dir das reinziehen willst, es ist der Hammer, (Es geht um Troja und ca. 500km Telegrafenstrecke.)
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/agamemnon-4498/2
    Ab „Hephaistos, der vom Ida hellen Strahl gesandt!“ fängt es an.

    (vielleicht fällt Dir mal das Buch von Rolf Oberliesen - Informationen, Daten und Signale vom Deutschen Museum in die Hände, gute Zusammenfassung, ich beziehe mich hier darauf)

    Ganz am Ende des 18. Jhds (1795) versucht man in England ein optisches Netz zu installieren, also verknüpfte Linien. Einzelne Linien gibt es da ja schon wirklich lang (bis zurück nach Troja), aber ein Netz?
    Flügelschwingen, Fernrohr gucken, Feuerzeichen geben usw. haben halt eine miserable Datenrate, und sind deshalb auch so träge, dass sie schwer vernetzen können.
    Als der elektrische Strom aufkam, explodierte jedoch die mögliche Datenrate. Nur noch ein Fingerzucken am Morseapparat, statt Flügelschwenken oder Feuerschüren.
    Und wenn grad nix los is, auf der Leitung, dann spielen die elektrischen Telegraphisten sogar Schach über Morsecode.
    Und Strom lässt sich sogar schalten, Hebelchen umlegen, geht er woanders hin.
    Leitungen muss man halt legen. Aber bald stellt sich heraus, wer es tut hat klug gehandelt und die Leitungen werden dünner, billiger und besser.
    Und noch bevor das erste elektrische Licht in New York leuchtet, entsteht das „Viktorianische Internet“ (Tom Standage hat unter dem Titel ein wirklich lesenswertes und amüsant lesbares Buch geschrieben).

    Warum „so spät?“
    Die Telegraphie war gar nicht so spät.
    Es gab sie schier endlos lange schon und zwischendurch auch im Dornröschenschlaf.
    Im 19. Jhd. wird sie die erste „killer-application“ des elektrischen Stroms überhaupt.
    (Es sollte noch was kommen.)
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ja, die Römer kannten schon Telegraphen. Warum dieses System dann über Jahrhunderte in den Dornröschenschlaf fiel, scheint mir total plausibel. Die Römer hatten gerade unter August einen effizienten Staat. Schon die Bürgerkriege bestimmter Perioden mit Gegenkaisern etc. werden das schon damals empfindlich gestört haben.

    Bei dem realisierten französischen Telegraphennetz, das ab den 1790ern aufkam, sieht man ja den enormen Aufwand, den Telegraphen mit sich bringen.
    Man braucht Gebäude, Personal für jede Station in sinnigen Abständen, welche durch die Leistungsfähigkeit der Fernrohre und auch den Sichtachsen begrenzt sind und ein bewährtes System. Irgendjemand muss den Hut aufhaben, Missbrauch des Systems muss unterbunden werden. Letzteres suchte man dadurch zu erreichen, dass die Zwischenstationen nur einen Teil der Codes, den welchen sie unbedingt benötigten (Signal für schlechte Sicht meinetwegen - Dienstsignale halt), ausgeliefert bekamen.

    Wo soll es denn zuvor einen so gut organisierten und obendrein zusammenhängenden Staat gegeben haben, der das bewerkstelligen konnte? In Frankreich scheiterte ja noch Mitte des 18.Jh. eine vollständige Aufnahme des Königreichs durch ein Kataster am Widerstand des Adels und anderer Kräfte. Für ein funktionierendes Telegraphensystem braucht man aber genau das: Durchsetzungsvermögen. Napoleon hatte es dann offensichtlich und die Vorgängerregierungen scheinbar zumindest in gewissem Maße auch.

    Und was braucht man noch? Ja, die Notwendigkeit! Klaro! Man muss erkennen, dass man so ein aufwändiges System überhaupt braucht.
     
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  5. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Die Mittelmeerküsten sind noch heute mit kleinen ,alten Türmen oder Fragmenten von diesen gesäumt. Dabei handelt es sich um sogenannte Sarazenentürme, die seit dem Mittelalter errichtet wurden, um vor Piraten, mittels Feuer-oder Rauchzeichen ,später durch Kanonenschüsse zu warnen. Besonders auf Inseln wie Sardinien, Korsika ,Malta und den Balearen gab es ein ganzes Netz solcher, fast ständig besetzter Signaltürme.
     
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  6. ervie

    ervie Gast

    Nur eine kurze Nachfrage. Aber ist es nicht ein wesentlicher Unterschied, ob man nun per Signalzeichen gewisse Befehle gibt oder jemanden Benachrichtigt, oder ob man per Telegraphie mit jemanden individuell kommuniziert?
    In dieser Diskussion scheint da kein großer Unterschied zu sein
     
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  7. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Und darin würde ich den wichtigsten Punkt sehen. Brauchte man es wirklich?
    Es liegt in der Natur der Sache, dass komplexe, detaillierte Nachrichten kaum so übertragen werden können. Aber welche einfacheren Nachrichten von der Länge einer Twitter-Nachricht machen überhaupt Sinn, auf solch rasche Weise verschickt zu werden, wenn man die Zusammenhänge und Hintergründe nicht kennt?
    Für komplexe Nachrichten bedurfte es dann doch des Kuriers mit ggfls. persönlicher, mündlicher Ergänzung, oder einer Stafette - was waren schon wenige Tage Verzögerung, wenn man dafür aber umfassend informiert war? (Bsp.: Moskau-Paris 12 Tage)
    2. Lokale Autoritäten konnten (und mussten) in Eigenverantwortung handeln, bis Anweisungen "von oben" kamen. Das war sicherlich in den meisten Fällen ausreichend und ohnehin im Sinne der jeweiligen Regierung.

    Gruss, muheijo
     
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  8. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Die durch die Umstände gegebene Beschränkung auf wenige unterscheidbare Zeichen erfordert im Gegenzug aufwändige Definitionen ihrer Bedeutung.
    Brillant finde ich das Mordealphabet, welches mit nur zwei Zeichen ein vollwertiges universelles Kommunikationsprotokoll (sogar mit Kompression!) darstellt. Was weiß man eigentlich über vergleichbare alte Systeme?
     
  9. ervie

    ervie Gast

    Ich glaub, der Fragesteller sollte sich Gedanken darüber machen, was genau er unter Kommunikationsnetz versteht und ob die "Erfindung der modernen Telegrafie" nicht auch was mit Strom zu tun hat, was die Römer schlicht und einfach nicht kannten. Die Römer hatten aber ein Kommunikationsnetz zum Austausch von Informationen. Dies war der cursus publicus

    Um die Frage beantworten zu können, sollte von einem einheitlichen Begriff von "Kommunikation" gesprochen werden.
    - Wie fand grob die Kommunikation von den Römern bis zum ersten Telegrafenmasten statt?
    - Welche Probleme traten in den einzelnen Etappen der Kommunikation auf? Stichwort: Geschwindigkeit, Komplexität, Länge der Nachrichten
    - Welche technischen Möglichkeiten gab es?
     
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  10. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Warum war Telegraphie erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt worden?
    Zum einen die technischen Vorraussetzungen waren da erst gegeben. Elektrizität ist nun mal Vorraussetzung. Zum anderen musste man lesen und schreiben können. Da die Nachricht empfangen und gesendet werden musste.
    Zum anderen brauchte man relativ viel Personal, da vorher nur optisch mittels Semaphor gearbeitet werden konnte.
    Das andere war das man eine Notwendigkeit haben musste um Daten sehr schnell zu transportieren.
    Mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg (Militär und auch Presse) und der Eisenbahn war die Notwendigkeit gegeben. Und andere haben gesehen welchen Vorteil es bietet.
     
  11. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied

    In unserer heutigen Zeit, in der kaum jemand ohne Mobiltelefon aus dem Haus geht, ist vielleicht schwer vorstellbar, wie die Welt ohne permanente Möglichkeit zur Telekommunikation funktionieren konnte. Ich selber kann mich noch gut erinnern an die Prä-Handy-Zeit, als man nur entweder zu Hause telefoniert hat, oder sich mühsam unterwegs eine Telefonzelle suchen mußte (Google Maps mit POIs gab's damals auch noch nicht). Irgendwie haben wir's damals trotzdem geschafft, in der Clique aus drei verschiedenen Richtungen anfahrend uns ungefähr zur selben Zeit an einem vorher vereinbarten Ort zu treffen, ganz ohne minütliche Statusmeldung per WhatsApp & Co.

    Das Telefon hat die synchrone, also zeitgleiche, Kommunikation auf Entfernung demokratisiert. Die Telegraphie, gleich ob drahtlos oder drahtgebunden, funktionierte für die meisten Gesprächsteilnehmer nur über einen zwischengeschalteten Übersetzer, da die Kommunikation in komplexer Codierung über aufwendige technische Anlagen lief. Synchron ließ sich das nur in privilegierten Kreisen betreiben, z.B. beim Militär. Im Regelfall war's aber asynchrone Kommunikation wie die Briefpost, nur eben deutlich schneller auf große Entfernung.

    Die Telegraphie per elektrischem Impuls oder Funkwelle funktioniert über gewaltige Entfernungen. Andere, ältere Übertragungswege bieten diesen Vorteil nicht, oder nicht in dem Maße. Die Reichweite eines optischen oder akustischen Signals ist nicht besonders groß, will ich das Risiko von umwelt-/ wetterbedingten Störungen minimieren. Für Botschaften, die über weite Strecken transportiert werden sollen, muß ich deshalb eine Kette von Relaisstationen unterhalten. Wenn die Kommunikation halbwegs effizient laufen soll, muß sie in einem speziellen Code formuliert sein ähnlich dem Morsealphabet, und jeder Relaisposten entlang der Kommunikationsstrecke muß diesen Code beherrschen, was den Aufwand zusätzlich erhöht. Bis zu welchem Grad dieser Aufwand sich unter diesen Bedingungen überhaupt rechnet, wie komplex eine übertragene Nachricht noch sein kann, ehe sie von einem berittenen Boten überholt wird, ist halt die Frage.

    Es gibt durchaus Beispiele solcher vor-industrieller Telekommunikationssysteme für komplexere Nachrichten. Auf den kanarischen Inseln etwa gibt es eine Pfeif-Sprache, Silbo Gomero, die im Prinzip ein extrem vereinfachtes Spanisch mit reduzierten Vokalen und Konsonanten in Pfeiflaute übersetzt, die bei günstiger Topografie über Kilometer gehört werden können. In Westafrika wurden "Talking Drums" verwendet, mit denen sich Nachrichten angeblich schneller von Dorf zu Dorf übertragen ließen, als ein Reiter sie hätte überbringen können. Beides sind sehr spezielle und hoch-komplexe Codierungen zur Nachrichtenübermittlung. Von den Römern kennen wir nur Andeutungen in Richtung von Signalen geringerer Komplexität bzw. es fehlen Quellen zu einem ausreichend entwickelten Code, der zur effizienten Übertragung komplexer Nachrichten erforderlich wäre.

    [Edit:] Ein weiterer Aspekt neben Komplexität ist die Vertraulichkeit der Nachricht. Optische Übermittlung läßt sich eingeschränkt, akustische praktisch gar nicht gegen "Mitleser" absichern. Ich kann jetzt meinen Signalisierungscode mit einer zusätzlichen Verschlüsselung absichern und hoffen, nur der Empfänger kennt den Schlüssel. Oder ich verzichte auf wichtige vertrauliche Nachrichten, was insbesondere im militärischen Kontext so ein System deutlich weniger attraktiv macht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. November 2017
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  12. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich würde vermuten, dass die Telegraphie als allgemein erwerbbare Dienstleistung erst mit dem elektrischen System aufkam. Das wäre ein Schritt zur individuellen Kommunikation auf diesem Weg.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe mit einer Bekannten nach wievor primär per Briefen Kontakt. Wenn man sich nicht oft sieht und daran gewöhnt sich etwas Freizeit für Briefverkehr abzuknapsen, ist das ja auch kein Problem. Die Post war ja zumindest in der FNZ, also in der Zeit kurz vor dem Aufkommen der Semaphor-Telegraphie, schon ziemlich fit. Wenn jetzt nicht gerade Krieg herrschte und dieser Einfluss auf das Postnetz hatte, bekam man auch in ein paar Tagen seinen Brief. Der aufkommende Briefroman des 18.Jh. verdeutlicht das vielleicht ein bisschen. Ich denke, dass die Upper-Class um 1800 mit der Briefzustellung eigentlich zufrieden gestellt war und auch keinen Bedarf an schnellerer Kommunikation hatte.

    Ich frage mich, ob das Telegraphensystem Frankreichs in dieser Zeit überhaupt wirkliche Auswirkungen hatte. Wurde es militärisch intensiv genutzt? Was brachte es, in Zeiten als es ja noch ewig dauerte bis sich Truppen in Marsch setzen konnten und diese selbst in Eilmärschen, da noch ohne Eisenbahnnetz oder ähnlichem, nicht so schnell auf die Veränderungen auf dem Kriegsschauplatz reagieren konnten? Waren die Semaphoren nicht eventuell eine Geldverschwendung?
    In bestimmten Fällen (Ladung löschen in Hamburg bei Nachricht von Helgoland oder sowas) kann ich es mir als wirtschaftlich sinnvoll vorstellen.
     
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  14. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Naja, sie wurden aus der Militärkasse erbaut und dann nach Napoleon genutzt. Also dürfte die Wirtschaft nicht genügend Nutzen für den Bau gesehen haben, wohl aber für den Aufwand einer Nutzung (wobei ich nicht weiß, wer was für den Betrieb bezahlen musste).

    Für vieles dürften Briefe ausgereicht haben, aber sowie Informationen von Südfrankreich Einzelne in Paris eher erreicht haben als andere, so konnte damit an der Börse Geld gemacht werden. Das ist ein Anreiz für alle anderen auch davon zu profitieren und der Start einer Entwicklung. Die 40 Jahre bis zur Entwicklung der elektrischen Datenübertragung reichten aus um sehr schnell Kapital für den Ausbau der ersten Telegraphenleitungen aufzubringen
     
  15. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nicht immer sind rationale Gründe ausschlaggebend. Jeder weiß, dass Benzin- und Dieselantrieb vor dem aus stehen und die deutsche Autoindustrie sich nur behaupten kann, wenn sie sich schnell darauf einstellt. Aber nicht nur bestimmte Politiker, sondern auch die Medien bezeichnen die Haltung als industriefreundlich, die den Druck zur Umstellung möglichst verringert. Das Hängen an gewohnten Argumentationsmustern.

    Oder denken wir an die Diskussion, dass so schnelle Fortbewegung die Passagiere der ersten Eisenbahnen töten würde oder, dass Lesen von Romanen schädlich sei, oder die Diskussion, dass eine zu große Erhöhung der Schussgeschwindigkeit nur zu einer sinnlosen Verschwendung der Kugeln auf dem Schlachtfeld führe, oder dass wegen der Strahlung niemand den Weg zum Mond überleben kann. Mitunter setzt sich so etwas auch durch, wie lange Zeit die Sache mit dem Kugelverbrauch. Die Angst vor der Veränderung ist oft groß und Vorurteile nicht tot zu kriegen.

    Im Altertum kommt als drittes hinzu, dass die Wissenschaften zum Otium, zur Ruhe und als Zeitvertreib der feinen Herrschaften diente. Ihre Anwendung hätte bedeutet, dass der Theoretiker, auf den sie zurückgeht, einen Statusverlust erleidet. Zumindest ist das so schon mal als Argument zu lesen. Aber es bleibt die Frage, warum vieles, was damals bekannt war, nur für Spielereien genutzt wurde, die Dampfkraft z.B. nutzte Heron von Alexandrien für eine Art Kreisel und auch ein Geldautomat ist beschrieben, der aber nur zum Spendensammeln in einem Tempel genutzt wurde. Jene Erklärung ist angesichts der Technikbegeisterung von jemandem wie Caesar und Lösungen wie sie Vitruv vorstellt, nicht ganz so glaubhaft, wie sie sich erst einmal anhören mag.
     
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  16. Alfirin

    Alfirin Aktives Mitglied

    ... oder so viel Zeit verging, bis aus einer Spielerei praktischer Nutzen gezogen wurde. Was die Telegrafie betrifft, beschreibt schon Ende des 16. Jhds. Giambattista della Porta nicht nur das grundlegende Prinzip, sondern sogar einen experimentellen Aufbau zur Übertragung von Nachrichten mit einer Buchstabenskala, über die eine magnetisierte Nadel geführt wird. Die induzierte Ladung reichte halt nicht aus, um das Signal weiter als ein paar Meter zu übertragen. Ab etwa 1750 gab es funktionierende Laborprototypen. 1816 baute Francis Ronalds einen elektrostatischen Telegraphen, der nach dem grundlegenden Prinzip della Portas funktionierte, und übermittelte erfolgreich Nachrichten über eine Teststrecke von acht Meilen; die britische Royal Navy, der er seine Erfindung anbot, betrachtete das Ganze als "völlig nutzlos". Den Durchbruch für die elektromagnetische Telegrafie gab es erst 1844 mit Samuel Morse' berühmten Telegramm "What hath God wrought?" auf der Strecke Washington - Baltimore.

    Langer Rede kurzer Sinn: Viele bahnbrechende Erfindungen sind eigentlich "nur" Kombinationen, Variation, Simplifikationen schon lange bekannter Ideen. Warum den nötigen Geistesblitz zur praktischen Anwendung vorher niemand hatte? Tja, im Nachhinein ist man immer schlauer.
     
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  17. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    na ja, Fortschritte im Material, in der Fertigungstechnik, etc. Dampfmaschine als Prototyp oder Funktionsmodell bauen ist eine Sache, industrielle Fertigung eine andere.
     
  18. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Noch anders ausgedrückt, die Zeit muss reif sein für die Idee und ihre Anwendung.
    Bei der Telegraphie war das zum einen die Kommunikation im Amerikanischen Bürgerkrieg zwischen den Unionstruppen und Washington. Sowie Zwischen den Bahnhöfen der Eisenbahn. So das sichergestellt werden konnte das der Zug pünktlich durchkam und keine Gegenverkehr hatte.
    Siehe bei den Western im Kino, Telegraphenstation im Bahnhof. Sieht nach Klischee aus...
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Im Prinzip richtig und . Der Kontext ist dann aber wohl deutlich komplexer. Die industrielle Revolution - ermöglicht durch eine Vielzahl von technischen, sozialen, politischen und wirtschaftliche Innovationen - ist eng mit dem Aufstieg des Westens zum dominanten Verbund von Staaten verbunden.

    Eine These, die diesen Aufstieg im Vergleich zu China - "vgl. Diskussion zu "The Great Divergence" und die die Frage "Warum nicht China?" - erklären will, ist die enge geographische Lage (vgl. Daly und Hoffman zu den ganzen Ansätzen) in Europa und die damit zusammenhängende permanente Konfliktsituation.

    Aus dieser "permanenten" Bedrohung durch die Expansion von Staaten in Europa entwickelt sich der "Zwang" die staatlichen Mittel, so auch das Militär, zu optimieren. In dieser Situation wird die technologische Revolution vor allem in allen Aspekten der Kriegsführung der Garant für die führenden - maritimen - Wirtschaftsmächte sich erfolgreich entwickeln zu können.

    Für China kann man zeigen, so Andrade, dass es lange Zeit bis in die Neuzeit bzw. bis zur Renaissance in seiner Militärtechnologie ebenbürtig war. Erst während der Quing-Periode begann eine u.a. auch technologische Stagnation, die parallel verlief zu einer selbstgenügsamen außenpolitischen Haltung, die nicht die gleich Expansion kannte wie die westlichen Staaten.

    Und diese Rahmenbedingungen der politischen und wirtschaftlichen Expansion waren dann entscheidende Voraussetzungen für die - staatlich - geförderte Durchsetzung von Technologien. Auch wenn sich beispielsweise Traditionalisten in allen Armeen zu allen Zeiten gegen diese Neuerungen gewehrt haben, wie z.B. bei Balaklawa.

    Insofern ist Apvar zuzustimmen, dass es komplexe Voraussetzungen sind, die nicht nur einer Innovation zum Durchbruch verhelfen, sondern auch ihre "Diffusion" in die tägliche Praxis ermöglichen.

    Andrade, Tonio (2016): The gunpowder age. China military innovation and the rise of the West in world history. Princeton, Oxford: Princeton University Press.
    Daly, Jonathan (2014): Historians Debate the Rise of the West. Hoboken: Taylor and Francis.
    Hoffman, Philip T. (2015): Why did Europe conquer the world? Princeton: Princeton Univ. Press
     
  20. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Ergänzung: Die Telegrafenleitungen ließen sich natürlich auch sehr bequem entlang der Bahnlinien verlegen und warten.
    Dass bei der Deutschen Bahn die bahneigenen Datenleitungen parallel zu den Gleisen verlief hatte übrigens andere Gründe: Jeder Datentransfer über öffentliches Gelände musste teuer (an die Post, glaube ich) bezahlt werden. Weshalb die Bahn viel Aufwand Betrieb, um ihre Datenleitungen trotz elektromagnetischer Störungen direkt am Gleisbett verlegte. War richtig viel Aufwand.
     

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