Thesen Hexenverfolgung

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von kate88, 29. Juni 2006.

  1. kate88

    kate88 Gast

    Hallo miteinander

    Am Montag habe ich meine Geschichts-Lehrabschlussprüfung. Dort muss ich zwei Thesen vorstellen. Die Thesen müssen etwas provokativ sein, aber ich muss sie begründen können.

    1. These:
    Aus Wahn wurde Wirklichkeit - die Menschen bildeten sich den Hexenwahn so stark ein, dass er in ihren Augen Wirklichkeit wurde.

    Meine Argumente:
    - die eigenen Vorstellungen wollte man von den Hexen bestätigt haben und folterte es so aus ihnen heraus.
    - Satanskult (Sabbat etc.) konnte nie bewiesen werden.
    - Unerklärliches (Blitz und Donner, Pest, Hungersnöte) machte den Menschen im Mittelalter Angst und bereitete Verzweiflung. Man suchte nach einem Sündenbock, wie z.B. die Hexe...

    2. These:
    Die Kirche liess Leute an Hexen glauben und so mussten die Hexen sterben, damit die Kirche sich am Leben erhalten konnte.

    Meine Argumente:
    - Katharer und Waldenser wurden verfolgt, da sie nicht christlichen Glauben hatten.
    - Die Gelehrten schrieben Hexentraktate. Gelehrte waren oft Geistliche. Geistliche waren sehr mächtig und konnten Gesetze erlassen - Hexengesetze.
    - Hätte die Kirche keine Hexenverfolgung gewollt, dann hätte sie auch nie stattgefunden. (schlechtes Argument, ich weiss.... :weinen: )

    Egal, ob meine Thesen nun wahr sind oder nicht oder ob sie mit eurer Meinung übereinstimmt oder nicht. Ich brauche unbedingt noch Argumente.
    Könnte mir jemand noch Argumente aufzeigen?
    Mein GS-Lehrer ist extrem streng und hinterfragt meistens sehr viel. Daher wäre es mir von Nutzen, wenn ich mehr Argumente hätte.

    lg
    Kate
     
  2. Steph

    Steph Neues Mitglied

    - Hätte die Kirche keine Hexenverfolgung gewollt, dann hätte sie auch nie stattgefunden. (schlechtes Argument, ich weiss.... :weinen: )

    Hallo Kate,
    so schlecht ist das Argument nicht...vor allem in der frühen Neuzeit hat die Kirche sogenannte Hexen verfolgt, allerdings waren nicht mehr der Glaube an den Schaden, den die Hexen anrichten können, das Merkmal, sondern viel mehr die gesitliche Gefahr der Hexen. Sie wurden als Abtrünnige verfolgt.

    So, ich suche nach Thesen...ihr behandelt also vor allem die Hexenverfolgung im Mittelalter. Kannst Du es zeitlich eingrenzen?

    Liebe Grüße, Stephi
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2006
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  3. hyokkose

    hyokkose Gast

    Zu These 1 könnte ich mir noch vorstellen, daß der Wahn ab einem bestimmten Zeitpunkt zum Selbstläufer wird:

    "Wenn so viele Leute davon überzeugt sind, daß es Hexen gibt, dann muß wohl etwas dran sein."

    "In allen Nachbarstädten sind schon so viele Hexen verurteilt worden, nur bei uns noch nicht. Vielleicht ist bei uns etwas faul?"



    These 2 scheint mir etwas unlogisch formuliert, aber sie ist in gewissem Sinne vertretbar.

    Das Versagen religiöser Handlungen wird auf finstere Mächte zurückgeführt: "Wenn in allen christlichen Kirchen Segensgebete für gutes Wetter gesprochen werden, und trotzdem wird die Ernte verhagelt, kann ja wohl etwas nicht mit rechten Dingen zugehen."


    Da fehlt mir die Logik. Sie hätten genausogut Gesetze gegen Vampire oder Einhörner erlassen können. Warum ausgerechnet Hexen?

    Und schließlich gab es gelehrte Geistliche, die Traktate gegen den Hexenwahn schrieben.


    Schlechte Argumente würde ich lieber weglassen, wenn der Lehrer streng ist.

    Ich wäre auch vorsichtig mit dem Begriff "die Kirche". Welche ist gemeint? Die katholische oder die einzelnen protestantischen Kirchen? Die zogen ja keineswegs an einem Strang.

    Es waren auch in erster Linie die weltlichen und nicht die kirchlichen Behörden, die die Hexenverfolgung betrieben.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    zu These 1:
    Die sozialistische Regierung des westafrikanischen Landes Benin ließ nach ihrer Machtübernahme 1975 eine Briefmarke mit dem Thema "La lutte contre la sorcellerie – Forces du Mal" (Der Kampf gegen die Hexerei – Kräfte des Bösen) drucken. Die Antihexereikampagne wollte sie als eine Art des Klassenkampfes verstanden wissen, da Reichtum im traditionellen Afrika oft auf Zauberei zurückgeführt wird. Die Bevölkerung fing jedoch an, alte Frauen zu jagen, die für eine Tetanusepidemie mit hoher Kindersterblichkeit verantwortlich gemacht wurden. Anstatt eine Impfaktion zu beginnen, ließ die Regierung Geständnisse der "Hexen" im Radio verbreiten. Die Frauen gaben an, sich in Waldkäuze verwandelt und kleine Kinder verhext zu haben, um deren Seelen in Tiere verwandeln zu können, die sie dann auffraßen.

    Warum schreibe ich das so ausführlich? Weil es geradezu bilderbuchhaft eine Fülle von Motiven anklingen lässt, die im europäischen Hexenglauben zur Zeit der Hexenverfolgung gleichermaßen zu finden sind. Diese irrationalen Motive von Teifelspakt, Teifelsbuhlschaft, Teufelsanbetung, Hexenflug, Hexensabbat sowie Wetter- und Schadenszauber wurzeln tief in der Glaubenswelt des Mittelalters.

    zu These 2
    Der Hexenglaube war in der Schicht der kirchlichen und staatlichen Elite ebenso verbreitet wie in der ungebildeten Bevölkerungsschicht, wie wir aus zahllosen Quellen wissen. Der Ansatz "Die Kirche ließ Leute an Hexerei glauben" ist daher verfehlt, denn die Kirche selbst glaubte ebenso fest daran, wie ihre Schäfchen.

    Ein schönes Beispiel dafür ist die berühmte so genannte "Hexenbulle" "Summis desiderantes affectibus" von Papst Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484, mit der er die Hexenverfolgung auf eine feste kirchenrechtliche Grundlage stellte. Ich zitiere daraus:

    "Nicht ohne großen Kummer ist uns zu Ohren gekommen, dass in einigen Teilen Oberdeutschlands sowie in Städten und Ländern der Erzbistümer Mainz, Köln, Trier und Salzburg sehr viele Personen beiderlei Geschlechts ihre Seligkeit vergessen und vom Glauben abfallen. Sie treiben Missbrauch mit Teufeln, die sich als Männer oder Weiber mit ihnen vermischen. Mit ihren Zaubereien, Liedern und anderem abscheulichen Aberglauben sowie Lastern und Verbrechen verderben, ersticken und vernichten sie die Geburten der Weiber, die Jungtiere, die Früchte der Erde, Männer, Frauen, Tiere, Vieh, Weinberge ... Auch peinigen sie Männer, Frauen und Tiere mit grausamen Schmerzen und belegen sie mit Plagen ... Wir erteilen also den genannten Inquisitoren die Erlaubnis, die schuldig befundenen Personen gemäß ihrer Verbrechen zu züchtigen, in Haft zu nehmen, an Leib und Vermögen zu strafen. ..."

    Außer Frage steht, dass manche die Hexenprozesse als Karriereleiter nutzten, an den Prozesskosten gut verdienten oder sich am Nachlass der Opfer bereicherten. Verleumdung, Neid, Streit und Sündenbockfunktion spielten ebenfalls eine zentrale Rolle.

    Dennoch war der Hexenglaube in allen Schichten der Bevölkerung tief verankert, auch wenn es von Anfang an Skeptiker und Gegner der Hexenprozesse gab. Gemessen am Gros der Bevölkerung waren Leute wie Friedrich von Spee jedoch eine winzige Minderheit und sein Buch "Cautio Criminalis" wagte er 1631 nicht einmal unter seinem Namen herauszugeben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juni 2006
  5. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ich würde die Argumente - unabhängig davon, daß ich auf alle einen "Konter" hätte - etwas anders formulieren...

    Zur 1. These...

    Es war unwichtig, ob die Hexen eigene Vorstellungen bestätigten, denn für die Menschen damals gab es sie einfach.
    Man wollte sie - die Hexen - jedoch aufspüren und unschädlich machen; wozu Folter etc. ein damals probates Mittel darstellten.

    Wie Dieter bereits schrieb, war das Überzeugtsein von der realen Existenz derart irrationaler Dinge Teil der Glaubenswelt des Mittelalters.
    Insbesondere - und das ist entscheidend; sonst landest Du unsanft - waren die Menschen der Frühen Neuzeit dem noch immer verhaftet, und bei ihnen erfuhr dies sogar eine Verstärkung.

    Zur 2. These...

    Das scheitert bereits im Ansatz; formuliere es eher so:
    "Katharer und Waldenser wurden verfolgt, weil sie in Augen der Kirche Häretiker waren, deren Lehre die Kirche selbst in Frage stellte."
    Denn obgleich sie eben Ketzer waren, so waren sie doch Christen - zwischen "Ketzern" und "Ungläubigen" gibt es einen Unterschied.
    Außerdem ist es problematisch, Ketzerverfolgung im Mittelalter und Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit in einen Topf zu werfen...

    Dies ist auch bereits im Ansatz zum Scheitern verurteilt, also hier ebenfalls eine andere Formulierung:
    "Hätten weite Teile sowohl der katholischen Kirche wie auch der prostestantischen Kirchen sich deutlicher gegen die Hexenverfolgung ausgesprochen, dann ist es möglich, daß die Hexenverfolgung nicht zu einem Massenphänomen geworden wäre."
    Anm. dazu: Die zu der Zeit am stärksten katholischen Lande Europas (Italien, Spanien, Portugal) erlebten fast keine Hexenverfolgungen

    Ganz wichtig ist es außerdem, nicht "die Kirche zu sagen" sowie das hauptsächliche Betreiben der Hexenverfolgung durch die weltliche Macht zu beachten - wie Hyokkose bereits schrieb.

    Vielleicht hilft Dir auch der entsprechende Wiki Artikel, um Deine Thesen noch etwas "angriffsresistenter" zu machen: http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung
     
  6. Dachs

    Dachs Neues Mitglied

    Hallo Kate 88,

    lies wenn du noch die Zeit dazu hast einmal ein paar Seiten aus dem Buch " Die Geschichte der Hexenprozesse" von B. Emil König. Es zeigt sehr gut auf mit welchen durch die Kirche verblendeten Meinungen die Menschen zu dieser Zeit gehandelt haben. Ich denke schon das der glaube an Hexen ganz bewust zum Machterhalt des damaligen Kirchensystems gebraucht wurde. Wo gut ist muss auch Böse sein und da die Menschen vielleicht nicht genug an den Teufel und das Böse glaubten und einfache Bilder und erzählungen nicht reichen ging man halt zu härteren Mitteln über. Anderst ist die Grausamkeit der Folter und der Einfallsreichtum diese zu gestallten nicht zu erklären. Menschen die nicht gestehen wollten wurden zum Richtplatz mit Pferden geschleift und ihnen alle paar Meter eine Hand oder ein Fuß vom Schafrichter abgeschlagen. Wobei das noch die hamloseren der beschriebenen Torturen waren.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Machterhaltung gegenüber wem?

    Kurz ein par Gedanken.
    Die Verfolgung von Ketzern, nicht Hexen, brachte vielleicht eine gewisse Einschüchterung auch des Adels. Selbst dieser konnte als Ketzer gebannt werden usw., aber eben als Ketzer nicht als Hexe. Außerdem sollte man vielleicht mit "die Kirche" vorsichtig sein. Was sollte denn "die Kirche" sein? In den verschiedenen Feudalsystemen bildeten sich unterschiedliche Einstellungen gegenüber den kirchlichen Instanzen heraus, wobei wir bei dem Knackpunkt wären, dass auch ohne Reformation, eigentlich schon regionale Unterschiede bei der Kirche bestanden, welche eine gesamtpolitische Einstellung und Wirkung etwas in Frage stellen dürfte. Teile wie die irische Kirche, auch der heutige katholische Teil, bewahrten eine gewisse Unabhängigkeit von Rom und den dortigen Machthabern.
    Zum Zeit der großen Hexenverfolgungen, gab es bereits die Reformation und auch auf dem Gebiet der reformierten und lutherischen Landesherren wurde der Hexenverfolgung angehangen. Außerdem bildeten sich zu der Zeit auch katholische unterschiedliche Ausprägungen noch stärker heraus, wie die gallikanische Kirche in Frankreich.
    Sollten die unterschiedlichen Kirchen, die selben Interessen verfolgt und die selben Mittel gewählt haben, so sollte man bedenken, dass speziell bei den lutherischen Kirchenleitungen zum Beispiel eine Machterhaltung gegenüber dem Fürsten (dem sie ihre Vorherschaft seit Augsburg verdankten) doch etwas fragwürdig wäre.
    Der Faktor Machterhalt erscheint am ehesten dort schlüssig, wo die Kirche gleichzeitig auch die weltliche Macht wie in kirchlichen Fürstentümern inne hatte.

    Wem gegenüber also die Machterhaltung?
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2006
  8. Dachs

    Dachs Neues Mitglied

    Hallo Brissotin,
    meines wissens nach wurden die ersten Vervollgungen von Menschen durch die katholishe Kirche schon ca. 1000 n. Chr. begonnen um anderstgläubige aus ihrem Machtbereich zu drängen. Dieses Verhalten hat unter Innozenz VIII. der die Hexenverfolgung als Pabstlichen aufgabe ansah zu seinem Höhepunkt gefüht. Die ersten Mitmenschen die als Hexen und nicht zu vergessen auch Hexer gebrandmarkt worden sind wahren sehr häufig Gelehrte die nicht mit dem Denken und Handeln der Kirchenoberen im Einklag standen.
    Sie prangerten sehr häufig das Missverhältniss zwischen geprädigtem Wort und Auslegung der Heiligen Schrifft und dem tatsächlichen verhalten der Kirchenobern an und wurden als Hexen, Hexer oder Ketzer zu tode gebracht. Eine eindeutige Trennung zwischen dem Hexentum und der Ketzerei ist nach meiner Meinung nicht möglich. Der Machterhalt sollte sich gegen die eigenen Gläubigen richten, denn nur wenn diese weiterhin Dumm gehalten worden sind konnten die Prädiger Macht über sie ausüben mit dem Mittel der Angst. Jeder zu dieser Zeit musste rechnen wenn er gegen dieses System aufbegehrte als Hexe,Hexer oder Ketzer sein Ende in den Folterkammen zu erleben
     
  9. hyokkose

    hyokkose Gast

    Du verwechselst Hexen und Ketzer. Das ist ein bedeutender Unterschied.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Stimmt nämlich für die heutige Geschichtsschreibung, was nicht ganz ausschließt, dass Ketzer als Hexer auch deffamiert werden konnten oder irre ich mich?
     
  11. hyokkose

    hyokkose Gast

    Jeder Angeklagte konnte und kann natürlich auch wegen anderer "Vergehen" angeklagt bzw. diffamiert werden; das ändert nichts daran, daß Hexerei und Ketzerei zwei unterschiedliche Tatbestände waren.
     
  12. Dachs

    Dachs Neues Mitglied

    So weit ich gelesen habe hat da die katholische Kirche unter Innozenz VIII. keinen wirklichen unterschied mehr gemacht.
     
  13. Mercy

    Mercy unvergessen

    Ist dir klar, dass du einen Schinken aus dem 19. Jh. empfiehlst? Wundert mich nicht, wenn du so krude, längst überholte Thesen vertrittst, die jeglichen Bezug zum heutiigen Wissensstand vermissen lassen.

    Hier kannst du dich sachkundig machen:

    http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/einfuehrung/
     
  14. Herold

    Herold Neues Mitglied

    Entgegen deinen Annahmen waren Hexenglaube wie auch Hexenverfolgungen keine Instrumente einer herrschsüchtigen Kirche, die alles tat, um die Menschen dumm, furchtsam und beherrschbar zu halten. Die Reduzierung solcher komplexen Phänomene auf ein plattes Stereotyp vom Format einer totalitären Theokratie verzerrt die historische Realität bis zur Unkenntlichkeit. Jede vormoderne Gesellschaft kannte einen Hexenglauben und die Existenz von und das Auskommen mit Hexen war Grundbestandteil des sozialen Daseins. Die Kirche des Früh- und Hochmittelalters lehnte den Hexenglauben einerseits als irrige Illusion ab, bot gegen dessen unangefochtenes Fortbestehen in den magisch-religiösen Vorstellungen des Volkes aber auch Mittel gegen Schadenzauber an. Erst mit dem 13. Jhd., massiv dann ab dem 15. Jhd. änderten sich die Vorstellungen von Hexerei: Jetzt war sie kein Hilfsmittel für alltägliche Probleme mehr, sondern wurde zur die Christenheit bedrohenden teuflischen Verschwörung umgedeutet. Dieses Denkmodell öffnete die Türen für die großangelegten Hexenvefolgungen der frühen Neuzeit, an denen geistliche wie weltliche Macht, katholische wie protestantische Kirche(n) ihren Anteil hatten. Keinesfalls handelte es sich um ein von der Papstkirche initiiertes Projekt zur Unterjochung Ungläubiger oder Andersdenkender. Die Furcht vor der teuflischen Verschwörung war kein zentral gelenktes Steuerinstrument zu Gunsten der Kirche, sondern ein umfassendes soziopsychologisches Phänomen, das Päpste genauso wie Bauern betreffen konnte und sich gegenseitig befeuern oder begrenzen konnte.

    Zudem überschätzt du die Möglichkeiten der Kirche zum Zugriff auf die Gedankenwelt der einfachen Leute. Die gelehrte und gebildete Elitenfrömmigkeit, wie sie in den Führungskreisen der Kirche gelebt wurde, fand nur gefiltert Eingang in die Religiosität des Volkes. Hier musste das religiöse Weltdeutungsangebot immer mit der Volksfrömmigkeit konkurrieren, einem Gemisch aus offiziellen Lehrsätzen, traditionellem Glaubensdenken und magisch orientierten Praktiken. Eine "Verdummung" oder "Einschüchterung" breiter Kreise war kaum von der kirchlichen Zentrale zu leisten, die institutionellen und organisatorischen Voraussetzungen für solche Leistungen waren lange nicht gegeben.


    Das ist - wie bereits gesagt - Unsinn. Hexerei und als Häresie oder Ketzerei verstandene Kirchenkritik sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, in ihrem Ursprung, in ihrer Funktion, von ihren Trägern her und von der kirchlichen Reaktion darauf. Weder wurde John Wyclif im 14., noch Jan Hus im 15. oder Martin Luther im 16. Jahrhundert von der (katholischen) Kirche als Hexer bekämpft, wohl aber als Ketzer. Kirchenkritik wurzelt im intellektuellen Milieu, Hexereivorstellungen dagegen haben ihren Platz in der alltäglichen Normalität eines jeden Zeitgenossen.


    Eine erklärungslose Andeutung von Gräueltaten, verbunden mit der moralischen Entrüstung eines Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts, trägt wenig zum Verständnis des Konzeptes Folter in der Vormoderne bei. Ohne jetzt gleich dieses Thema breit anzuschneiden sei einfach darauf hingewiesen, dass Folter alles andere als unstrukturiert, unbegrenzt und unbedacht eingesetzt wurde und vieles, was uns heute zu Recht abstoßend erscheint, einer zeitimmanenten Logik folgte und tatsächlich Sinn hatte. Beispielsweise hat ein Richtplatz nichts mit der Folter zu tun und auch die Abtrennung von Gliedmaßen gehört nicht in den Kontext der Folter (sondern den der Strafe).
     
  15. Ambicatus

    Ambicatus Neues Mitglied

    Heute kommt einem ja die Hexenverfolgung "so weit weg" vor, das man gar nicht glauben kann das sowas tatsächlich statgefunden hat; bzw. meint das die Personen die Hexen verfolgen irgendwie "krank" waren.

    Deshalb möchte ich an dieser Stelle mal Wikipedia zitieren:
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Calvin)

    "Genau wie Luther befürwortete Calvin vehement die Verfolgung der Hexen und deren Hinrichtung. Johannes Calvin rief in wörtlicher Befolgung alttestamentlicher Aussagen dazu auf, „Hexen“ aufzuspüren und gnadenlos „auszurotten“."
     
  16. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    Ambicatus, wenn dir die Hexenverfolgung so weit weg vorkommt, empfehle ich dir ein kleines Büchlein von Wolfgang Behringer: Hexen - Glaube Verfolgung, Vermarktung. Erschienen bei Beck (habs gerade woanders liegen, deswegen kann ich das Erscheinungsjahr nicht nachschlagen).
    Es gibt einen Überblick über historische wie auch zeitgenössische Verfolgung. Du wirst dich wundern, wie aktuell dieses Phänomen noch immer ist, nur nicht gerade in westlichen Wohlstandsgesellschaften, da sind allenfalls die Methoden subtiler geworden.
    Magie / Hexerei ist nach wie vor ein Erklärungsmodell für alles, was den Menschen anders nicht erklärbar ist.

    Gruß
    Kassia
     
  17. Ambicatus

    Ambicatus Neues Mitglied

    Ich bezog mich bei "weit weg" auf die geschichtsinteressierten Menschen die in diesem Forum hier lesen und schreiben.

    Dass es auf der Welt und auch in Deutschland / Europa viel sog. Irrglauben u.a. gibt dessen bin ich mir vollauf bewußte ;)

    Ich fande es allerdings schon ein wenig verwunderlich das Personen wie Luther oder Calvin - die man ja heute wie damals als vernüpftige und gebildete Personen betrachtet (und die es auch sicherlich waren) - die Hexenverfolgung bejaten.

    Letzlich und genau das wollte ich sagen: Hängt doch die Einstellung die Menschen haben sehr stark von gesellschaftlichen Strömungen ab, vor denen man sich auch als "aufgekärter" Mensch schlecht schützen kann.
     
  18. Roxie-Hart

    Roxie-Hart Neues Mitglied

    Zu These 1:

    Die Sog. Hexen wurden gezwungen, andere Hexen zu bennen. Und eine Hexe musste ja wissen, wer sonst noch eine ist. Wenn also eine andere benannte, war das ja quasi offizieller und auch eine bestätigung, dass es wirklich Hexen gibt.
     
  19. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich wäre bei solchen Etikettierungen wie "irgendwie krank" sehr vorsichtig. Natürlich erscheint die Folter als ein Mittel der Wahrheitsfindung nach heutigen Maßstäben als unmöglich, doch im 16. und 17.jahrhundert stritten die größten juristischen Koryphäen darüber, Befürworter wie Jean Bodin und Gegner wie Friedrich von Spee oder Christian Thomasius.
     
  20. Corvus

    Corvus Neues Mitglied

    Stimmt diese Aussage? Oder lag die Gesetzgebung nicht beim obersten
    Landesherrn?
    Konnte der Papst Gesetze erlassen an die sich alle Landesherrn halten
    mußten?
     

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