Totale Erziehung im Nationalsozialismus

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von sammm654321, 19. Juni 2015.

  1. Hallo,
    Ich habe als mündliches Prüfungsthema: Erziehung im Nationalsozialismus.
    Nun begegne ich bei der Recherche häufig dem Begriff "totale Erziehung". Was ist genau damit gemeint?
    Ist damit gemeint das man Kontrolle über alle Bereiche der Erziehung, also sowohl Kindergarten, Schule, Freizeit (HJ) und auch die familiäre Erziehung hat? Also das all dies Bereiche nationalsozialistisch erzogen werden? Oder hat "totale Erziehung einen anderen Hintergrund?

    Liebe Grüße und vielen lieben Dank im voraus.
    Sam
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Aus einer Rede Hitlers (Reichenberger Rede):
    "Diese Jugend lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum erstenmal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter.
    Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen, alles mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewußtsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei oder drei Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben und sie sind glücklich dabei.
    Und wenn mir einer sagt, ja, da werden aber immer noch welche übrig bleiben: Der Nationalsozialismus steht nicht am Ende seiner Tage, sondern erst am Anfang!"
     
  3. friloo

    friloo Mitglied

    @ sammm654321

    frag doch einfach mal Deinen Großvater, der war damals schließlich dabei.

    Bei meinem Vater (Jahrgang 1931) ist die NS-Erziehung jedenfalls noch deutlich zu erkennen, obwohl er Hitler für das größte Unglück in der deutschen Geschichte hält.
     
  4. friloo

    friloo Mitglied

    Da, leider keine posts mehr dazu kamen, auf die ich gehofft hatte, will ich mal etwas weiter ausholen.

    Hitler und seine Schergen wussten, das Volkserziehung nur über Jugenderziehung funktioniert. Deshalb wurde ein System entwickelt, welches die gesamte Kindheit der Deutschen umfasste.

    Die Quintessenz war simpel "Wir Deutschen sind die besten Menschen" und "gelobt sei was hart macht". Vor allem das zweite wurde natürlich nicht so direkt rüber gebracht, ein 5-jähriger Knabe der weinte, weil er sich das Knie aufgeschlagen hatte, wurde halt mit einem anderen 5-jährigen konfrontiert dem das dasselbe Malheur passiert war und der nicht weinte verglichen und unterschwellig als "mädchenhaft" (heute Weichei) bezeichnet.

    Es ging vor allem darum sich in sportlichen Disziplinen hervor zu tun. Blässuren hin zu nehmen, seine eigene (Nazi) Meinung zu vertreten und jedem der dagegen sprach, aggressiv zu begegnen.

    Wir würden das heute als "Prolls" bezeichnen.

    Die Auswirkungen waren teilweise extrem, auch noch viele Jahre später.

    Was ich (1957 geboren) davon abbekommen habe, war eine fast unmenschliche Härte meines Vaters, obwohl er uns liebte, er glaubte das müsse er tun. Wo heute Kinder zur Rede gestellt werden, bekamen wir den "Gürtel aufs Kreuz". Und das nicht weil unser Vater grausam gewesen wäre, sondern weil er dran glaubte. So wie wir heute an die gewaltfreie Erziehung glauben.

    Das Nazi-Deutschland war eine ganz andere Welt, als das Deutschland in 1920ern oder ab 1965.
    1965 deswegen weil es einfach keine andere Möglichkeit gab als alte Beamte und Lehrer weiter zu beschäftigen, es gab noch keine jungen Lehrer.

    1970 war ich das erste mal im Schullandheim, Dauer 2 Wochen, im Allgäu auf ner bewirtschafteten Hütte. Und wer ist morgens um 6.30 mit der Pfeife durch den Flur gerannt und hat uns alle der Größe nach im Hof antreten lassen? Der Seppe (unser Lehrer, den Originalnamen lass mer mal weg) und dann gings los, Frühsport. "Und meine Herrn nicht so dämlich rumtun, strengt Euch etwas an" (es ware ne reine Jungenschule damals).

    Danach Frühstück. Dann eine Bergwanderung, wir hatten alle kein Geld uund deswegen zu Trinken nur Wasser. Unterwegs haben wir aus Kuhtränken getrunken. Aber das hat uns hart gemacht. 1970!!
     
  5. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Hallo Friloo,

    das tut mir leid zu hören. Ich bin ungefähr eine Generation jünger und habe sozusagen die Zwischenstufe; geprügelt wurde nicht mehr, aber die Erziehung war noch nicht völlig gewaltfrei. Es gab von den Eltern mal ne Ohrfeige, oder Lehrer zogen an den Haaren oder warfen mit Schlüsseln.

    Ob das, was du beschreibst, speziell mit dem Dritten Reich zu tun hat, bezweifle ich; ich glaube, das war schon früher da. Der Schriftsteller Oskar Maria Graf beschreibt in seinem autobiografischen Roman "Wir sind Gefangene" mit eindringlichen Worten, wie ihn die Schläge seines älteren Bruders dazu brachten, 1911 vom väterlichen Bauernhof nach München zu fliehen:
    "Zehn Jahre war ich alt, als einer in mein Leben trat, erzogen von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren, und meine Erziehung in die Hand nahm. Zehn Jahre, als einer zu befehlen begann, mich anschrie, prügelte und immer noch mehr prügelte. Zehn Jahre war ich alt, als ich anfing zu wissen, was Zwang ist, und anfing, ihn zu hassen, sinnlos zu hassen."
     
  6. friloo

    friloo Mitglied

    Hi Ashigaru

    gut gesprochen.

    Blos nur eins es hat mir nicht geschadet, ich wusste/weiß immer noch, das ich mich mich auf meinen Vater 100% verlassen kann. Er ist heute über 80 und wir haben über uns diese damaligen Erziehungsmethoden ausgesprochen. Es war so, basta.

    Aber ich durfte auch in der Großfamilie aufwachsen (Oma, Opa, Mama, Papa) in einem Haus. Soziale Kontakte über das ganze Dorf. Als ich in der Schule war, hat mich mein Großvater im vorbeilaufen abgefragt (zB wieviel ist 3x7) und wenn dann nicht sofort ne Antwort kam (21) gabs ne Schell. Aber mein Großvater (Bauer) hat mir auch den Respekt vor jeglicher lebender Kreatur beigebracht, er hat mit gelernt wie man einen Bogen baut und Pfeile die nicht weh tun. Wie man einen Kreisel schlägt und soviel mehr, was ich ngar nicht aufzählen kann. Es ist eine Verarmung der Zivilisation das es heute alleinerziehende Mütter gibt. Mich haben vier Erwachsene betreut und erzogen, wie soll das ein einzelner Mensch schaffen.

    Sorry für OT.

    back to topic. Dieses Blut und Ehre Geschwafel der Nazis, traf auf einen Raum in dem die Abstammung " wo kommst Du her", gemeint aus welchem Dorf bist Du, " zu welcher sozialen Struktur gehörst Du " noch üblich war.

    Zu meines Vaters Zeiten konnten Langenauer und Elchinger (4km Differenz) nicht im selben Raum sein ohne Streit zu bekommen, trotzdem wußten beide das sie zusammen gehören, man hat sich auch nur die auf die Nase gehauen, irgendwelche Waffen gab es nicht. Wehe es kamen Welche aus 8 km Entfernung, dann hat man wieder zusammen gehalten.

    PS. Zwang gab es in meinem Leben nie, nur ein entweder oder. Ich habe mich oft (rückblickend zu oft für das "oder" entschieden.

    Nochmal back to topic:

    Mein Großvater mußte 1941 "einrücken". Mit viel Glück kam er 1946 wieder nach Hause. Der Bauernhof mußte bewirtschaftet werden. Mein Vater, 1931 geboren, mußte seine Kindheit opfern für den Pflug. Sie hatten damals auch "Zwangsarbeiter" einen Franzosen und einen Russen. Die mussten arbeiten, dafür bekamen sie zu essen, dasselbe Essen, am selben Tisch. Geschlagen wurde niemand, wie sollten auch eine Frau und ein 10 jähriger einen Mann schlagen können. Nachts mußten sie im Lager schlafen, das gab sich auch mit der Zeit.
    Mein Großvater war, fast zeitgleich, Zwangsarbeiter in Frankreich (Vogesen). Er wollte sein Leben lang diese Leute( Die für ihn Freunde geworden waren) wieder besuchen. Leider ist er zu früh gestorben.

    Soviel mal von mir. Das sind Erinnerungen, weil ich über meine Großeltern fast 100 Jahre zurückblicken kann (bzw. über ihre Erzählungen). Wenn Ihr mehr wollt kann ich mal einen Vater (Schwabe 84 Jahre) oder auch seine Lebensgefährtin (Schlesierin, 80 Jahre) befragen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Oktober 2015

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