Übergewicht im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von MacX, 4. Januar 2013.

  1. MacX

    MacX Neues Mitglied

    In letzter Zeit frage ich mich immer wieder, wie geläufig dickleibige Menschen im Mittelalter waren bzw. überhaupt sein konnten.

    Normalerweise stellt man sich die Nahrung des überwiegenden Anteils der Menschen damals ja sehr karg vor. Ich meine einmal gelesen zu haben, dass im Prinzip Eintöpfe aus eigens angebautem Gemüse und Brot die alltägliche Kost waren. Äpfel und Nüsse galten schon wieder als besondere Köstlichkeiten, und Fleisch gab es so gut wie nie, vielleicht einmal zu hohen Festtagen.

    Alles in allem klingt die Speise (gemessen an dem, was man heute so zu sich nimmt) sehr gesund (naturbelassen) und extrem kalorienarm. Ich stelle mir vor, dass es für die allermeisten eher zu wenig gab um ihr Kalorienpensum zu erfüllen, geschweige denn dass es zuviel zu essen gab, sodass man dick werden konnte.

    Zudem kommt ja noch die körperliche Arbeit als Bauer, die zusätzlich Kalorien verbrennen musste.
    Wenn man sich jedoch Filme und Serien ansieht, die im Mittelalter spielen, oder an einer mittelalterlichen Welt angelehnt sind, sind kräftige Menschen jedoch keine Seltenheit. Nach meinem Verständnis müssten sie es aber gewesen sein...

    Wie kommt das hin?
     
  2. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Sind das nicht häufig die Mönche und Bischöfe, die als etwas kräftiger dargestellt werden? Und natürlich auch irgendwelche Burgherren und Ritter etc.

    Das kommt wahrscheinlich daher, dass ebendiese Bevölkerungsschichten des Adels und des Klerus' genug zu essen hatten, was mit den Abgaben an Naturalien seitens der Bauern einherging, denen gerade mal so viel gelassen wurde, dass diese nicht den Hungertod starben.

    Da Klöster ja auch öfter mal autark waren, sich also selbst mit Nahrung versorgen konnten und aus den umliegenden zum Besitz des Klosters gehörenden Dörfern Abgaben erhielten, war die klösterliche Tafel also auch meistens gut gedeckt. Man hatte sogar so viel, dass man häufig auch die Armen und Reisende aufgenommen hatte und ihnen zu essen gab.

    Es kam bestimmt nicht selten vor, dass einer der Kirchenleute gegen das Mäßigungsgebot verstieß und Völlerei betrieb. In den Burgen dachte sich bestimmt auch keiner "Hey, ich hatte jetzt schon einen Teller Suppe, dann verzichte ich mal auf das Spanferkel"...
     
  3. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    In den niederen Ständen wird es nicht sehr viele Übergewichtige gegeben haben. Ich vermute dass die Menschen in den Sommermonaten etwas schwerer waren als im kargen Winter. Den sogenannten Bierbauch wird es aber auch gegeben haben da Bier, auch in Form von Biersuppe ein Grundnahrungsmittel war. Von einer gesünderen Ernährung würde ich bei der geringen Abwechslung nicht sprechen.
    Bei den reichen Kaufleuten und vor allem den Adeligen waren dicke Menschen sicher häufiger anzutreffen als bei Bauern und Handwerkern. Es gab ja zahlreiche Fürsten die den Beinahmen "der Beleibte" oder "der Dicke" trugen. Auch im Klerus war Übergewicht wohl nicht so selten. Schaut man sich Bilder von Luther an so war der doch recht gut genährt.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Mich erstaunt deine Frage ein wenig. Sind Filme und Serien über das Mittelalter valide historische Quellen?
     
  5. MacX

    MacX Neues Mitglied

    Sie versuchen jedenfalls idR. ein glaubhaftes Bild zu vermitteln. Da wäre es doch unsinnig dicke Leute zu casten, wenn es sie im Prinzip nicht gegeben haben kann.

    Auch, aber auch durchaus die allgemeine Bauern-/Handwerkerbevölkerung. Ich schaue gerade "Die Tore der Welt". Dadurch kam ich auf den Gedanken.

    Wenn man hatte. Soweit ich weiß, war Fleisch auch im Adel keine alltägliche Kost. Überhaupt nicht vergleichbar mit heute, wo wirklich jeden Tag Unmengen Fleisch auf den Teller kommen.

    Besonders kalorienreich heutzutage sind ja die ganzen künstlichen, und stark zuckerhaltigen Lebensmittel. Die gab es damals ja auch nicht.

    Aber das war ja stark verdünntes Bier, wenn ich richtig informier bin.

    Im Klerus kann ich es mir wiederum ganz gut vorstellen. Wenn man ein Schreiberling war, der ansonsten nicht viel Bewegung, dafür aber gutes Essen hatte, mag das hinhauen.
    Selbiges für den hohen Adel.
     
  6. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Na gut, "Die Tore der Welt" von Ken Follett verlangt für sich ja auch keine historische Relevanz. Das ist ja eigentlich nur ein fiktionaler Text, ein Roman.
    Aber es stimmt, der Autor möchte natürlich alles so realitätsnah wie möglich darstellen (dass Kingsbridge ein fiktiver Ort ist, ist egal :D).

    Ich weiß nicht, was so auf der täglichen Tafel des Herzogs von Brandenburg war, aber ich denke, er hatte öfter den Genuss von Fleisch als der Bauer im Dörfchen nebenan. Also von der Nahrung her hatte der Fürst wohl einfach mehr Kalorien, mehr Fett, mehr Zucker in seiner Nahrung.
    Außerdem kommt es dann ja auch auf das Jahrhundert an. Und auf den technischen Fortschritt (vgl. Dreifelderwirtschaft, pferdebetriebene Pflüge ...).
     
  7. MacX

    MacX Neues Mitglied

    Nagelt mich mal bitte nicht auf die Serien/Filme fest. Ich weiß wohl, dass man die nicht zu genau nehmen muss... Es ist jedoch relativ auffällig, dass das Gros der Menschen in solchen Produktionen im Schnitt nicht davon abweicht, wie die Leute heute beschaffen sind, wo doch die Logik gebietet, dass sie wesentlich dünner sein müssten.

    Ein König oder Herzog hatte mit Sicherheit mehr zu essen als gut für ihn ist. Einfache Burgherren hatten dann wiederum nicht viel mehr zu essen ihre Bauern (so hörte ich). Ritter haben ja auch ihr tägliches "Workout", und das ständige Herumreisen zu Pferde dürfte auch etwas anstrengender sein, als Auto zu fahren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Januar 2013
  8. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Wo sollen die denn die vielen dünnen Komparsen hernehmen :D ? Für die paar Pfennige die denen bezahlt werden kann kaum verlangt werden dass die sich vor den Dreharbeiten einer Hungerkur unterziehen.
     
  9. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Im Buch "Essen und Trinken im Mittelalter" verweist der Autor Ernst Schubert mit etwas Humor gleich zu Beginn darauf, dass die Fragestellung auf den ersten Blick eher langweilig sei, da sich die Masse der Bevölkerung sehr eintönig ernährt habe (tatsächlich geht es in dem sozialgeschichtlichen Werk dann auch eher um Nahrungsproduktion, Handel etc.).

    Ihm zufolge war das Hauptnahrungsmittel Brei bzw. Getreidesuppe in allen möglichen Formen. Für den einfachen Bürger seien darüber hinaus, was Fleisch betrifft, nur Geflügel und Fisch häufiger verfügbar gewesen (konservierter Hering war schon damals ein wichtiges Handelsgut in ganz Deutschland).

    In der Tat wenige "Dickmacher", was allerdings nicht unbedingt bedeutet, dass die damaligen Menschen weniger Kalorien zu sich genommen hätten (Notzeiten mal abgesehen). Die harte Landarbeit (Stichwort Grundumsatz) kann (nicht: muss) durchaus dazu führen, dass ein drahtiger Bauer täglich mehr Kalorien zu sich nahm als heute ein leicht übergewichtiger Bürohengst.

    "Gesund" ist relativ. Dabei ist vor allem zu beachten, dass es noch bis Ende des 19. Jahrhunderts ein rudimentäres Verständnis von Hygiene gab. Das heißt nicht, dass der Bauer des Mittelalters bewusst verdorbenes aß oder Nahrung verderben ließ. Eine "Qualitätskontrolle" gab es jedoch nicht bzw. sie entwickelte sich in Ansätzen in der Neuzeit ab dem 16. Jahrhundert (und sehr gemächlich). Erkrankungsfälle z.B. durch massenhaften Mutterkornverzehr traten ab und an in Dörfern auf.

    Hingegen verfügten Adlige, reiche Händler etc. bereits über eine differenzierte Speisekarte. Auf frühneuzeitlichen Fürstenporträts begegnen uns dann auch immer wieder mal sehr übergewichtige Beispiele.
     
    1 Person gefällt das.
  10. MacX

    MacX Neues Mitglied

    Danke, sehr interessant.
     
  11. Theophano

    Theophano Neues Mitglied

    Zu den übergewichtigen Menschen fällt mir doch sogar glatt ein Beispiel ein: Dedo III. der Feiste, Markgraf der Lausitz (als Dedo V. Graf von Wettin, Groitzsch und Rochlitz) (ca. 1130 - 1190). Der war angeblich stark übergewichtig und wollte sich, bevor er zu einer langen Reise aufbrechen wollte, ein wenig Fett aus dem Leib schneiden lassen. Er ist nur leider an den Folgen dieses mittelalterlichen "Fettabsaugens" gestorben. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, aber in diesem Zusammenhang eine interessante Geschichte.

    Die Chronik vom Petersberg (13. Jh.) berichtet:
    1190
    König HEINRICH brach <1191>, um eine Frau zu nehmen, nach Apulien auf. Er wünschte, daß Dedo <V. von Groitzsch>, Markgraf der Ostmark, mit ihm ziehe. Der wußte, daß der Weg anstrengend sei und die Luft schlecht und, weil er so dick war, seinem Leib nicht zuträglich. Er ließ daher einen Arzt holen, der ihm das Fett von seinen Eingeweiden lösen sollte. An dem Bauchschnitt ist er am 16. August gestorben und im Stift Zschillen, das er selbst gegründet hatte, bestattet worden.


    Hab ich von hier: dedi_5_der_feiste_graf_von_groitzsch_+_1190

    Wikipedia-Eintrag: Dedo III. (Lausitz) ? Wikipedia

    Dedo und seine Dickleibigkeit sind übrigens auch ein Thema in den Hebammenromanen von Sabine Ebert.
     
  12. WAvSchlippenb.

    WAvSchlippenb. Neues Mitglied

    Der Wirtschaftshistoriker Wilhelm Abel schätzt den Fleischverzehr im spätmittelalterlichen Deutschland - für die gesamte Bevölkerung gerechnet - auf mehr als 100 Kilogramm pro Kopf und pro Jahr. Das ist noch wesentlich mehr als heute! Der Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie gibt auf seiner Website den Fleischverzehr an, welcher im Zeitraum ab 2008 bis 2011 Jahr für Jahr bei rund 61 kg pro Kopf stabil bleibt.

    Im Laufe der frühen Neuzeit sank aber der Fleischkonsum langfristig betrachtet sehr stark, so dass er bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bei weniger als 20 Kilogramm lag.

    Hier handelt es sich nicht blos um eine reine "Fleischkrise", sondern um eine generelle Abnahme der Realeinkommen, welche etwa ab dem Jahr 1500 drastisch sanken. Sie ereignete sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas (England, Belgien, Frankreich, Österreich, Polen uvm.) und hatte meistens den Charakter von mehr oder weniger stagnierenden Nominallöhnen bei langfristig stark zunehmenden Preisen.

    Die Hauptursache für diese Massenverelendung liegt wahrscheinlich im damaligen Bevölkerungswachstum, mit welchem der technische Fortschritt nicht Schritt halten konnte. Die Bevölkerung Deutschlands wird für das Jahr 1500 auf etwa neun Millionen geschätzt, welche (nach dem schweren Einschnitt des 30jährigen Krieges) bis 1800 auf ca. 22 Millionen anstieg, um im Laufe des 19. Jahrhunderts noch schneller zu wachsen. Zahlen hier entnommen: Diagramm: Schätzung der langfristigen Bevölkerungsentwicklungen (genauere Zahlen des Bevölkerungswachstums speziell im 19. Jh. hier und jetzt zu nennen würde bei diesem Beitrag den Rahmen sprengen)

    Eine sich vermehrende Bevölkerung muss von einer begrenzten bewirtschafteten Fläche ernährt werden und selbst auf schlechteren Böden liefert der Anbau von Getreide je Hektar mehr Kohlenhydrate, als die Fleischproduktion, was einerseits dazu führt, dass die Viehwirtschaft immer weiter eingeschränkt wird und andererseits auch, dass sich immer mehr Menschen dazu gezwungen sehen, Böden von geringer Qualität zu beackern, was zu härterer Arbeit bei geringeren Erträgen führt. Das dürfte die tendenzielle Bevölkerungszunahme bei gleichzeitiger Abnahme der Arbeitsstunden- und Flächenproduktivität im frühneuzeitlichen Deutschland schon recht plausibel erklären, auch wenn es sicher Versuche gibt, die damalige Verarmung auch anders zu deuten.

    Die frühneuzeitliche Verschlechterung der Nahrungsmittelversorgung setzte sich auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland fort.

    Friedrich-Wilhelm Henning stellt für den Zeitraum 1800 bis 1830 fest, dass immer mehr Menschen derart verarmten, dass sie sich oftmals nicht einmal mehr Getreide leisten konnten und auf Kartoffeln zurückgreifen mussten, welche pro Fläche noch mehr Kohlenhydrate liefern. Dieser Prozess dürfte zur selben Zeit in Irland in einem noch extremerem Ausmaß abgelaufen sein. Dort wuchs die Bevölkerung noch schneller und die meisten Menschen waren von der Kartoffel nahezu völlig abhängig und hatten fast nichts anderes zu essen. Als die Kartoffelfäule sich dann massenhaft ausbreitete, gab es für viele Menschen nichts mehr.
     
    1 Person gefällt das.
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bei der Oberschicht habe ich auch schon von vielen übergewichtigen Personen gelesen.
    Andererseits profitierten bspw. Ritter von ihrem Lebensstil, wenn dieser durch Jagd oder andauernde Kriegszüge viel Bewegung mit sich brachte. Sehr anschaulich fand ich zu dem Thema die Folge "Stirling Man" in der Reihe "History Cold Case" von der BBC. Hier wurde untersucht, welche Nahrung ein Ritter des 14.Jh. zu sich nahm und man schloss von seinen Überresten (Skelett) auf sein Leben, seinen Körperbau etc..

    http://docuwiki.net/index.php?title=History_Cold_Case
     
  14. steffen04

    steffen04 Gesperrt

     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Einige User, so z. B. Brissotin, haben schon auf die Quellenlage und Schichtenbetrachtung hingewiesen.

    Mich würde mal interessieren, woher diese ("makroökonomischen") Daten über den Fleischkonsum, Anteile am "Haushaltseinkommen" für Nahrungsmittel, Viehbestände etc. überhaupt stammen und wie belastbar die Schätzungen sind.

    MW bestehen belastbare Zahlen erst seit ca. Mitte des 19. Jahrhunderts. Von etwa 1830 bis 1955 (!) sind bei den Schätzungen für Anteile des Fleischkonsums Zahlen von insgesamt 20 bis 25% geboten (Hoffmann), mit strukturellen Verschiebungen, und für Nahrungsmittel insgesamt Anteile von ca. 40-50% insgesamt der "Haushaltseinkommen". Innerhalb des genannten Zeitraumes sind die (preisindexiert-bereinigten) Schwankungen relativ, für mich sogar überraschend gering.

    Abels Schätzungen sind nun schon etwas älter, und haben damals eine Debatte über die Ursachen der Verarmung in der frühen Industrialisierung ausgelöst.

    Von daher wäre doch interessant, ob solche Schätzungen, die historisch sehr weit zurückgehen, heute überhaupt als belastbar angesehen werden.
     
  16. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Ich würde sie als nicht valide ansehen. Dazu gibt es zuviele wirtschaftshistorisch und statistisch kaum zu erfassenden Unschärfen, wie:
    - landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetriebe
    - landwirtschaftliche Hauswirtschaft ("Mikrobetriebe"), Kleinstflächennutzung und Kleintierhaltung
    - "Schrebergärten" ab zweite Hälfte des 19. Jh.
    - Deputate als Lohnbestandteile (sowohl Flächennutzung, als auch Tierfutteranteile, Naturalien etc.)
    - usw. usf.

    Da müßte man rückwärts extrapolieren und stieße dann wahrscheinlich auch noch auf regionale Unterschiede sowie auf Unterschiede zwischen urbanen, suburbanen und agrarisch geprägten Milieus.

    Salopp, das wäre eine Aufgabe für ein verrücktes Historiker-, Wirtschafthistoriker-, Soziologen-, Volkskunde- und Statistikerteam mit einem super It-Support und einer Heerschar an Praktikanten zur Recherche in überregionalen und regionalen Archiven, dazu ein paar Archivare die die Tektonik der fraglichen Archive kennen. Alleine die Vereinheitlichung der Datenerhebungsbasis wäre eine klasse Leistung, von einer validen statistischen Verdichtung und Interpretation ganz zu schweigen.

    Kennst Du einen Projektsponsor? :scheinheilig:

    M. :winke:
     
  17. edgar

    edgar Aktives Mitglied

    Also solche Statistiken lassen sich einfacher über Skelettanalysen bewerkstelligen.
    Man sieht da recht gut wie die Ernährungslage war.

    Auch der Fleischkonsum läßt sich bestimmen. Im Kollagen eingelagerte Isotope zeigen ob die Eiweiße pflanzlicher oder tierische Herkunft waren.
     
    1 Person gefällt das.
  18. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun,zum einen war der Alkoholkonsum sicherlich höher,denn man trank zumindest in den Städten statt Wasser eher Most,Wein oder Bier, weil ersteres nun nicht gerade das hatte,was man Trinkwasserqualität nennt. Und Alkoholika haben nun mal Kalorien.
    Zum andern war die Nahrung ,so sie auf Getreideprodukten basierte zwar nicht unbedingt eiweiß- aber kohlehydratreich und soweit Fleisch verwendet wurde lag die Präferenz auf fettem,nicht auf magerem Fleisch.

    Zum dritten war die Zubereitung von Fleisch anders als heute weniger aufs Braten und Grillen abgestellt, bei dem das Fleisch ja Fett verliert. Der Schwerpunkt lag eher darauf,Fleisch zu kochen , zu sieden oder zu Wurst zu verarbeiten wodurch weniger Fett verloren ging .Außerdem konnte man so auch aus dem Sud noch Suppen herstellen . Und die waren damals ebenfalls ziehmlich fett.
    Wer je bei einem Schlachtfest in der Pfalz war und eine Worschd-oder Metzelsupp gegessen hat weiß wovon ich rede :D

    Hinzu kam,dass wenn nicht gerade ausgesprochene Notzeiten herrschten, bei einigermaßen situierten Bauern,Bürgern oder Adeligen bei den Mahlzeiten , wenn man den Berichten glauben darf, relativ große Mengen verzehrt wurden. Nicht umsonst stehen Völlerei und Mäßigkeit im mittelalterlichen Tugend-undLasterkatalog und werden oft erwähnt.

    Wer also nicht gerade einer ausgeprägten körperlich anstrengenden Tätigkeit nachging ,konnte auch damals schon "gut ansetzen". Und zu denen,die dies konnten gehörte nicht nur Adel und Klerus sondern auch Kaufleute (Pfeffersäcke) , größere Bauern und Gewrbetreibende. Dürre Bäcker,Metzger,Müller oder Wirte waren schon damals eher die Ausnahme.
     
  19. Silke

    Silke Mitglied

    Das spricht also wieder für die Kombination von Kohlenhydraten und (fettem) Fleisch. Das macht auch Sinn wenns brennt zuhause.

    Andersherum: wer abnehmen möchte lässt fettes Fleisch und fette Milchprodukte weg, isst keine oder sogut wie keine Kohlehydrate und is(s)t mit viel Eiweiß innerhalb ein paar Wochen tatsächlich nach ein paar Wochen schöne viele Kilogramm leichter.
     
  20. WAvSchlippenb.

    WAvSchlippenb. Neues Mitglied

    Wenn Abels "Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland" schon "zu alt" sein soll, dann nenne ich mal ein weiteres Werk, "Europa und seine Menschen: eine Bevölkerungsgeschichte" von Massimo Livi Bacci, allerdings habe ich Letzteres (noch) nicht gelesen, Bacci wird jedoch im "Fleisch"-Artikel der Wikipedia zitiert, wonach er Abels Ausführungen bestätigt: Dass der Fleischverzehr im Spätmittelalter bei mehr als 100 Kilogramm pro Kopf und pro Jahr lag, sich dann aber insgesamt stark reduzierte um im 19. Jahrhundert auf einen Tiefpunkt von nur 14 Kilogramm pro Kopf zu fallen.

    Ein weiteres Buch wird diesbezüglich im Artikel "Esskultur des Mittelalters" ebenfalls in den Fußnoten erwähnt und dieses Buch heißt "Nahrungsgewohnheiten in der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts" von Hans Jürgen Teuteberg und Günter Wiegelmann.

    Darüber hinaus gibt es auch andere Bücher, welche die Kaufkraftreduktion im 16. Jahrhundert (und darüber hinaus) in weiten Teilen Europas dokumentieren. Eines davon wäre:

    "Before the Industrial Revolution: European Society and Economy 1000-1700" von Carlo M. Cipolla: Auf Seite 159 ist eine Graphik einezeichnet, welche die Entwicklung des Reallohnes eines Bauarbeiters in Südengland zeigt. Eine ähnliche Graphik für einen längeren Zeitraum findet sich auch in Wilhelm Abels Buch "Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland", wobei Abel zusätzlich noch weitere Beispiele verschiedener Länder Europas nennt (mehr dazu unten).

    Dann wäre noch der Autor Gregory Clark zu nennen. Auch Clark zeigt die Entwicklung des Reallohns eines englischen Bauarbeiters an und kommt zu dem Schluss, dass er im 15. Jahrhundert höher war als zu irgendeinem anderen späteren Zeitpunkt in der vor- und sogar frühindustriellen Zeit: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/18/Builders'_real_day_wages,_1209-2004.png

    Erst ungefähr zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist er wieder so hoch wie im 15. Jahrhundert und man bedenke, dass sich die Reallöhne in allen anderen europäischen Ländern und Regionen des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts wesentlich ungünstiger entwickelten, weil sich dort auch erst später die positiven Auswirkungen der Industrialisierung zeigten.


    Wenn man die aus Löhnen und Preisen resultierenden Warenkörbe aus verschiedenen Zeiten und Regionen heranzieht, dann ergibt sich eine große empirsche Datenbreite. In der Zeit nach 1500 ist in vielen Ländern Europas ein starker Abfall der Reallöhne festgesetellt worden - und zwar in einem signifikanten Ausmaß. Es gibt in den Untersuchungen zu viele Übereinstimmungen um sagen zu können, dass alle Ergebnisse vollkommen für die Katz seien.

    Abel versucht auf Seite 25 des Buches "Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland" den Kaufkraftschwund eines Maurergesellen im Laufe des 16. Jahrhunderts zu beschreiben, welcher eine fünfköpfige Familie zu ernähren hat, wobei er eine Tabelle anzeigt, welche bis aufs jede Jahr genau die Schwankungen aufzeichnet. Von kurzfristigen Schwankungen einmal abgesehen, stellt Abel fest, dass bereits um 1540 das Jahreseinkommen für gewöhnlich nicht mehr ausreichte, um das physische Existenzminimum einer fünfköpfigen Familie zu decken - und wir wissen, dass gerade damals die Familien nicht selten noch viel größer sein konnten (aber bedingt durch die hohe Kindersterblichkeit durch u.a. Krankheiten nicht unbedingt mussten).

    Er schränkt aber auch ein, dass diese Berechnung insofern ungenau ist, weil dort die Möglichkeit, dass Frau und Kinder zum Einkommen beitragen könnten, nicht berücksichtigt wurde, wobei er andererseits auch anmerkt, dass gerade in den Hungerjahren bezahlte Arbeit sehr knapp war und gerade Frauen und Kinder kaum welche finden konnten. Auch erwähnt er, dass er im "Warenkorb" des "physisch Notwendigen" auch ein bisschen Fleisch und Butter eingerechnet hat, auf welches eine Familie in Hungerjahren zugunsten von Brot verzichten könnte (und wohl auch würde).

    Er geht also durchaus auf eventuelle Ungenauigkeiten ein. Wir sprechen im Moment allerdings von Ungenauigkeiten eines hypothetischen Warenkorbs, welcher (angeblich) zum Überleben notwendig wäre. Es handelt sich hier auch eher um ein Beispiel zur Veranschaulichung. Bei den Berechnungen der Löhne und Preise ansich (um die es hier ja eigentlich geht) gibt es entsprechend weniger Raum für Hypothesen.

    Natürlich ist es unklar, ob sich anhand der Quellenlage generell seriöse Angaben über die Lohn-, Preis- und Kaufkraftentwicklung einzelner Jahre machen lassen.

    Daher hat Abel auch meistens in größeren Zeiträumen gerechnet, was eine höhere empirische Basis ermöglicht und die Angaben schon wesentlich wahrscheinlicher macht:

    So stellt Abel zur groben Übersicht für Deutschland den Zeitraum 1401 bis 1451 jenem von 1801 bis 1850 gegenüber. Im Letzteren sind die Roggenpreise um das 3,78fache höher gewesen und Eisen kostete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das 1,73fache aber die Löhne sind nur auf das 1,49fache gestiegen.

    Soweit die Gesamtübersicht der Veränderungen über vier Jahrhunderte hinweg.

    Gehen wir aber mal ins Detail und nehmen uns nur die Entwicklung im 16. Jahrhundert vor:

    Da wird jeweils für verschiedene Länder der Zeitraum 1501/25 mit dem Zeitraum 1576/1600 verglichen, also wird im Folgenden der Preis- und Lohnanstieg des letzteren Zeitraums gegenüber dem Erstgenannten aufgelistet:


    • England: Die Getreidepreise stiegen insgesamt fast auf das Dreifache des Ausgangswertes. Die Preise für Gewerbeerzeugnisse sind um 50% nach oben gerückt, während sich der nominale Lohn fast gar nicht verändert hat.
    • Frankreich: Hier driften Löhne und Preise besonders exorbitant auseinander: Das Getreide verteuert sich auf das Vierfache, die Gewerbeerzeugnisse fast auf das Doppelte. Die Löhne ändern sich hingegen kaum.
    • Deutschland: Auch hier sind die Preise bis zum Zeitraum 1576/1600 enorm gestiegen. So lagen die Getreidepreise etwa schon dreimal so hoch (in Hamburg steigen die Roggenpreise im etwas anderen Zeitraum, nämlich zwischen 1511/25 und 1601/25 sogar auf mehr als das 3,5fache!, aber das nur so nebenbei) und die Preise für Gewerbeerzeugnisse in Deutschland allgemein etwa doppelt so hoch wie im Zeitraum 1501/25, aber die Löhne stiegen um weniger als 50%.
    • Österreich: Die nominellen Löhne scheinen hier sogar leicht gesunken zu sein, während die Preise für Gewerbeerzeugnisse geringfügig angestiegen sind, die Getreidepreise auf mehr als das 2,5fache wuchsen.
    • Polen: Die Getreidepreise steigen auf mehr als das Dreifache, die Gewerbeerzeugnisse kosten im Durchschnitt das Doppelte, wobei Letzteren die Löhne leicht hinterher hinken.
    • Belgien: Belgien scheint (wenn auch in sehr eingeschränkter) Weise eine Ausnahme darzustellen: Zwar steigen auch hier die Getreidepreise viel schneller als die Löhne, doch ist Belgien auf dieser Diagrammliste das einzige Land, in welchem die Gewerbeerzeugnisse sich noch langsamer verteuern als der nominelle Lohnzuwachs. Was aber für die Bevölkerungsmehrheit dennoch unterm Strich einen gewaltigen Kaufkraftverlust darstellt, da der mit Abstand meiste Ausgabenanteil der mit Abstand meisten Haushalte für pflanzliche Grundnahrungsmittel floss und davon wieder der mit Abstand größte Anteil in den Getreidekauf.



    Die Grundtendenz ist somit klar: Die Löhne sind mehr oder weniger stabil bei wesentlich schneller steigenden Preisen. Die "Krisen" des 17. Jahrhunderts, insbesondere der dreißigjärhige Krieg in Deutschland reduzieren die Gesamtbevölkerung und machen diese Teuerungswellen vorübergehend zum Teil wieder rückgängig, aber spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wächst die Bevölkerung in Europa allgemein wieder schneller und bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts sieht es mit dem Lohn- und Preisverhältniss für die Menschen in Deutschland insgesamt sogar noch schlechter aus als unmittelbar vor dem dreißigjährigen Krieg.

    Auch hier geht der Autor detailierter auf die Entwicklungen ein, aber darauf genauer einzugehen würde diesen Text hier ausufern lassen.

    Abel schreibt, dass bereits in den vorindustriellen Städten nur eine "verschwindende Minderheit" "noch ein Gärtchen besaß", aus welchem sie zusätzliche Nahrung hätte produzieren können.

    Landwirtschaftlicher Nebenerwerb ist überhaupt ein interessanter Punkt, weil seine gegebenfalls zu geringe statistische Berücksichtigung die großen Versorgungsunterschiede zwischen den oben genannten Zeiträumen eher verniedlichen als übertreiben dürfte. Das ergibt sich einfach aus der Tatsache, dass Deutschland im 15. Jahrhundert viel dünner besiedelt war und pro Kopf mehr gute landwirtschaftlich nutzbare Flächen zur Verfügung standen. Bei knappem Land fällt es Landwirten viel schwieriger neben der Selbstversorgung auch noch Knechte in größerer Menge einzustellen und diese zu versorgen.

    Ich kann zudem nicht oft genug betonen, dass der Ackerbau sehr arbeitsintensiv ist. Da fragt es sich natürlich, ob und wieviel Zeit man für einen solchen Nebenerwerb hatte.

    Da dürfte die viel weniger zeit- und arbeitsintensive extensive Viehwirtschaft als Nebenerwerb noch interessanter sein. Da Letztere jedoch viel mehr Fläche braucht, dürfte sie daher als Nebenerwerb im 15. Jh. viel eher und auch eher in wesentlich größerem Ausmaß üblich gewesen sein als in den zitierten bevölkerungsdichteren Zeiträumen.

    So gesehen waren die Nebeneinkünfte im 15. Jahrhundert theoretisch noch höher und dürften bei entsprechender Berücksichtigung womöglich die Versorgungslage im Spätmittelalter noch besser und jene im frühen 19. Jahrhunderts noch schlechter aussehen lassen.


    Und zum Punkt "Deputate": Diese zählten damals auch zum Einkommen vieler "Arbeitgeber" zb. Handwerksmeister und sind somit teilweise durchaus berücksichtigt. Natürlich ist es in manchen Fällen schwer, den Wert mancher solch lohnähnlicher Einkünfte einzuschätzen. Schließlich kam es nicht selten vor, dass Gehilfen bei Meistern zeitweilig auch "wohnten". Die Größe und Qualität dieser Behausungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist natürlich auch eine Frage: Nur kann ich mir schwer vorstellen, dass die Holznot/Holzknappheit, wie sie in weiten Teilen Deutschlands im 18. und 19. Jahrhundert in Erscheinung trat, dazu beitrug, dass die Behausungen größer, geräumiger und oder besser beheizt wurden.

    Der Klimawandel spielt sicher auch eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Landwirtschaft.

    Da allerdings auch die Preise für Eisen im frühen 19. Jahrhundert trotz technischen Fortschritts im Verhältnis zu den Löhnen (jedenfalls laut Wilhelm Abel) höher waren als im frühen 15. Jahrhundert, gehe ich doch eher davon aus, dass diese Massenverarmung hauptsächlich durch ein Bevölkerungswachstum zustande kam, welchem kein ebenso schneller durch die technische Entwicklung bedingter Produktivitätsfortschritt gegenüberstand.
     
    3 Person(en) gefällt das.

Diese Seite empfehlen