Ulrich Bräker und die Preußische Armee - Quellenkritisch betrachtet

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von AnDro, 10. Juni 2009.

  1. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Ulrich Bräker und die Preußische Armee - Quellenkritisch betrachtet

    Kurzbiographie

    Projekt Gutenberg:
    Projekt Gutenberg-DE - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur

    Wikipedia:
    Ulrich Bräker ? Wikipedia

    Das weit verbreitete Bild der Altpreußischen Armee ist denkbar schlecht. Ich nehme an, die meisten hatten auch mal in der Schule einen kleinen Exkurs zu diesem Thema, welcher die harten und unmenschlichen (Prügel-)Strafen betont hat, kombiniert mit der ein oder anderen Anekdote des Lehrers zu den zwielichtigen Methoden der preußischen Werber.
    Bräkers Selbstzeugnis, als Mann des 3. Standes, ist wohl eine der prägendsten Quellen für die Verhältnisse in der preußischen Armee. Doch inwiefern ist es glaubwürdig?

    Zitat von Brissotin:
    Kritik in:
    Jörg Muth, Flucht aus dem militärischen Alltag - Ursachen und individuelle Ausprägung der Desertion in der Armee Friedrich des Großen:
    S.171:
    S. 174:
    Ich selbst habe das Buch leider noch nicht gelesen, werde mir aber demnächst mal die Online Version von Projekt Gutenberg zu gemüte führen.
    Als Vergleichsmöglichkeit habe ich das Büchlein Preußische Soldatenbriefe (basierend auf einer Veröffentlichung des Großen Generalstabs) mit Kommentar von Hans Bleckwenn. Das lässt die preußische Armee recht gut dastehen, aber wer kann schon sagen was vom Großen Generalstab später alles geändert wurde bzw. ob das positive Bild, dass diese Briefe vermitteln nur durch eine Selektion erzeugt wurde.

    Hier noch ein Thread von Brissotin der ebenfalls mit Bräker zusammenhängt:
    http://www.geschichtsforum.de/f73/menschenraub-der-schweiz-durch-friedrich-ii-von-preu-en-21339/
    Diese Beobachtung unterstützt im Grunde die Feststellung von Jörg Muth. Gibt es auch Abschnitte zum Leben in der preuß. Armee von Thiébault?



     
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  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Thiébaults Werk ist eher etwas wissenschaftlicher Natur. Das heißt, er bildet zwar hauptsächlich seine persönlichen Eindrücke ab, hat das aber nach Themengebieten z.B. Militär sortiert. Manches erwähnt er auch nur als vom Hörensagen erfahren. Er selbst ist allerdings, anders als sein Sohn, beim Militär leider kein Fachmann und kam obendrein eben erst nach dem 7-jährigen Krieg nach Berlin/Potsdam.
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Was die Prügelstrafe angeht, wird die wohl in der preußischen Armee nicht wesentlich exzessiver gehandhabt worden sein, als in anderen europäischen Armeen.

    Dass sie gepeitscht wurden, schien die Matrosen ihrer britischen Majestät nicht weiter empört zu haben, jedenfalls wurde in den Beschwerden der Matrosen in den zwei großen Meutereien der Royal Navy der exzessive Gebrauch der berüchtigten Cat o Nine tails nicht einmal erwähnt. In diesem Zusammenhang ist übrigens der berüchtigte William Bligh zu rehabilitieren. Es ist erwiesen, dass William Bligh weit weniger Gebrauch von der Cat o´ nine machte, als sein Vorbild James Cook. Bligh war sozusagen das Opfer eines Rufmordes, da er weniger Einfluss besaß, als die Angehörigen seines 1. Offiziers Fletcher Christian.


    Der schlechte Ruf der preußischen Werber, sich offener Gewalt und Kidnapping zu bedienen, kann allerdings nicht ganz aus der Luft gegriffen sein. In zahlreichen deutschen Ländern wurde den Preußen das Betreten des Landes verboten, so in Hannover, Ansbach, Hessen- Kassel und anderen Territorien. Preußische Werber schienen nicht gerade vertrauenerweckend zu wirken. Ein Bandit namens Hoyum Moses, der schließlich wegen seiner Beteiligung an einem Einbruch in eine Tressenfabrik exekutiert wurde, tarnte sich und seine Leute, indem sie sich als preußische Werber tarnten. Offenbar fielen solche Galgenvögel dort gar nicht weiter auf.

    Allerdings sind Quellen wie Bräker auch mit gewisser Vorsicht zu betrachten. Ich erinnere dabei an einen anderen Zeitzeugen: Johann Gottfried Seume, der auf dem Weg von Leipzig nach Metz im thüringischen Vacha hessischen Werbern in die Hände fiel:

    "Den dritten Tag übernachtete ich in Bach, und hier übernahm trotz allem Protest der Landgraf von Kassel, der damalige große Menschenmakler, durch seine Werber die Besorgung meiner weiteren Quartiere nach Ziegenhain, Kassel und weiter in die Neue Welt. Die geschichte der periode ist bekannt genug: Niemand war damals vor den Handlangern des seelenverkäufers sicher. Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den Mitteln zu dem verdammten Zwecke. Fremde aller art wurden angehalten, eingesteckt, fortgeschickt."

    Seume, Mein Leben S. 111.

    Wie weit Seumes Beschreibung realistisch ist, ist ein sehr kontroverses Thema. Gewaltsame Werbung war den Hessen untersagt und wurde durchaus bestraft. Mit zunehmender Kriegsdauer und erhöhtem Truppenbedarf sanken allerdings die Hemmschwellen. Seume ging es bei den Hessians eigentlich nicht schlecht. Als Unteroffizier und Schreiber des Oberst von Hatzfeld fand er sogar Zeit zu ethnologischen Studien bei den Huronen. Seine Glaubwürdigkeit wird sehr unterschiedlich bewertet. Allerdings weiß man inzwischen, dass eine Meuterei und Rebellion im Rekrutendepot Ziegenhain 1781, bei dem man ihm die Rolle des Anführers anbot und von von der Inge Auerbach schrieb, dass sie sich nicht archivalisch nachweisen ließe, tatsächlich stattgefunden hat und zwar in der Zeit, in der sich Seume dort aufhielt.

    Allerdings ist in den Archivalien nicht von einem Seume die Rede. Rädelsführer waren zwei Jägerrekruten namens Christian Dietz und August Köhler, die den Plan gefasst hatten, mit der gesamten Garnison auszubrechen. Als sie einen Kassiber ins Schloss schmuggeln wollten, wurden sie verhaftet. Der Landgraf ließ übrigens Gnade vor Recht ergehen und ließ eine Scheinhinrichtung inszenieren.
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Sagt nicht genau Delbrück davon das Gegenteil?:grübel:

    Klar kann man sich fragen, was die "Normalarmee" war. Aber Thiébault zumindest scheint als Franzose die Brutalität bei den Preußen als etwas Besonderes empfunden zu haben. Delbrück betonte auch dass Zwangsmaßnahmen und besondere Bewachung der Soldaten gerade bei den Preußen wegen des multinationalen Charakters (damit ist er bei Thiébault) der Soldaten notwendig gewesen wären.

    Die Briten eignen sich meines Erachtens da denkbar schlecht zum Vergleich. Da waren die Ursprünge der Zwangsmaßnahmen zum Teil andere.
    Die Hessen passen vergleichsweise wieder ganz gut, weil die auch gemessen an der Bevölkerungszahl ein kaum mit normalen Quoten aufbringbares Militär hatten. Hatte Hessen-Kassel nicht um die 30.000 Mann unter Waffen? Das wäre ungefähr soviel wie August der Starke am Ende seiner Regierung mit seinem weit reicheren und größeren Kurfürstentum zu Stande brachte.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Stürzt den Bräker nicht vom Sockel!

    Er ist noch heute eine zentrale Quelle in allen deutschen Unterrichtswerken zur Geschichte, wo man ihn ausgiebig zitiert. Das müsste dann jeder Redaktionsstab in den Schulbuchverlagen neu bewerten! :weinen:
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Er hat, ob für Deutschland oder auch für Österreich oder Schweiz ja noch immer seinen Wert mit dem sehr intimen und einzigartigen Einblick, den er in die Welt des kleinen Mannes gewährt.:)
    Das wird ja kaum davon tangiert, dass man Details hinterfragt.

    :winke:
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Hessen- Kassel hatte, gemessen an der Einwohnerzahl, sogar noch mehr Soldaten, als Preußen. Dort kam auf 23 Einwohner ein Soldat, während in Hessen- Kassel auf 19 Bewohner ein Soldat kam. Georg III. mietete von seinem Onkel Friedrich II. von Hessen- Kassel 1776 3/4 der gesamten hessischen Armee.

    Ein so gigantischer Bedarf ließ sich aus den Mitteln der Landgrafschaft nicht decken, zumal man der heimischen Landwirtschaft nicht die nötigen Arbeitskräfte entziehen wollte und konnte. Friedrichs Großvater Karl war zwar schon bemüht, die Ármee mehrheitlich aus Landeskindern zu rekrutieren, und Friedrich II. führte nach dem Siebenjährigen Krieg ein Kantonatssystem nach preußischem Vorbild ein, so dass die Armee tatsächlich hauptsächlich aus Landeskindern bestand. Das funktionierte aber nur, solange die Landgrafschaft nicht in länger dauernde Konflikte verwickelt wurde. Mit zunehmender Kriegsdauer warben die Hessen vor allem im Frankfurter Raum, in Westfalen und Thüringen Soldaten an. Mancherorts kooperierten die Obrikkeiten und waren froh, Arbeitslose und "Müßiggänger" los zu werden. Seume berichtet, dass in der Festung Ziegenhain ein entlaufener Mönch aus würzburg, ein Student aus Jena, ein degradierter preußischer Major, ein Posthalter, ein bankrotter kaufmann aus Wien, ein Amtmann aus Meiningen und andere solchen Schlages seine Kameraden waren. Archivalische Quellen bestätigen seine Angaben, und im weiteren Kriegsverlauf wurde die hessische armee zu einer "Multikulti- Truppe" aus italienern, Polen, Ungarn, Engländern und Iren. selbst ein Soldat aus dem fernen Reykjavik gehörte dazu.

    Bei den Haupträdelsführern der geplanten Rebellion in der Festung Ziegenhain handelte es sich um einen Sachsen und einen Brandenburger. Die beiden waren untypisch, denn Dietz war Pfarrersohn und Köhler der Sohn eines Försters. Die beiden hatten sich offenbar aus Abenteuerlust beim Jägerkorps anwerben lassen.

    Mit zunehmender Kriegsdauer- und das ist sozusagen ein Naturgesetz- gehen in jedem größeren Krieg zuerst die Kriegsbegeisterung und schließlich auch (gute) Soldaten aus. Im Verlaufe eines längeren Krieges sank dabei offenbar auch die Hemmschwelle der Werber, die ihrerseits unter starkem Erfolgsdruck standen. Bräker, ebenso wie Seume sind en detail sicher schwierige Zeitzeugen, allerdings ist gerade Bräkers Überlieferung von unschätzbarem Wert, da es sich dabei um einen Zeitzeugen aus der "Unterschicht" handelt, von deren Vertretern schriftliche Überlieferungen ausgesprochen selten sind.

    Übrigens fiel mir noch ein anderes prominentes Opfer der Werber ein:

    Der russische Universalgelehrte Lomonossow studierte unter anderem in Marburg, und bei einer Reise wurde er zwangsrekrutiert und diente eine Weile in der preußischen Armee, ehe er nahe der Festung Glatz desertieren konnte.
     
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  8. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  9. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Ein vergleich mit der zivilen Gesellschaft dürfte auch sinnvoll sein. Die meisten Menschen standen in der Frühen Neuzeit in einer Position in der sie körperlicher Gewalt ausgeliefert waren. Die Leibeigenen mussten vor dem Gutsherrn zittern, die Gesellen vor dem Meister. Es gibt auch von Bleckwenn eine Schrift mit dem Namen "Bauernfreiheit durch Wehrpflicht". Die preußischen Kantonisten durften nicht mehr vom Gutsherrn gezüchtigt werden. Auch gab es Regimentschefs wie von Seydlitz die gegen körperliche Züchtigung waren. Auch das Infanterie Reglement legt eine gute Behandlung der Rekruten nahe.

    Bräker und Konsorten sind ja quasi alle "geworben" worden und den "Ausländern" hinzuzurechnen. Ihr Schicksal kann also nur Stellvertretend für einen bestimmten Personenkreis stehen und nicht für die gesamte preußische Armee. Dazu kommen dann noch Faktoren wie die Person des Regimentschefs. Problematisch ist es dann wohl eher das dieses Bild sich auf die gesamte preußische Armee übertragen hat. Eine unseriöse Quelle sind die "Briefe (von Kaltenborns) eines alten preußischen Offiziers Charakterzüge Friedrich des Einzigen betreffend". Von Kaltenborn war allerdings Sachse und diente nur für ein paar Jahre in der preuß. Armee und wurde dann unehrenhaft entlassen. Die negative Schilderung lässt sich so wohl relativ eindeutig begründen.

    Graf Mirabeau zur preuß. Armee (zitiert nach Guddat):
    Nach Reglement von 1751 sollte jede Kompanie zu 2/3 aus "Ausländern" bestehen. Mal ein paar Zahlen vom Inf. Rgt. Nr. 10 im Jahre 1751:
    Insgesamt 552 Nichtpreußen davon 526 Deutsche, 6 Franzosen, 2 Italiener, 10 Ungarn, 4 Polen, 4 Engländer ( nach Guddat: Grenadiere, Musketiere, Füsiliere - Die Infanterie Friedrichs des Großen).
    Für 1751 werden als Gesamtzahlen 133.000 Soldaten angegeben, davon 50.000 Inländer und 83.000 (63%) Ausländer.
    Für 1763 werden 69.806 Inländer und 29.420 (ca 42%) angegeben, basierend auf einer zeitgenößischen Bestandsaufnahme.
    "Ausländer" wurden geworben um die Wirtschaftsleistung des eigenen Landes durch eine große Armee nicht zu schwächen und um die eigene Bevölkerung zu schonen. In Kriegszeiten ließ es sich nicht mehr aufrechterhalten. Mal als gewagte These: Wie hätte die preußische Armee die blutigen Schlachten zu Beginn des 7-jährigen Krieges überstehen können, wenn denn die "Ausländer" alle in der Situation eines Bräkers gewesen wären?
    Das ist zwar sicher etwas überspitzt dargestellt, aber man kann eine große Gruppe wie die Ausländer (preußischer Militärbegriff oder unsere Bezeichnung bei Dellbrück?) nicht ganz einfach auf einen Punkt bringen. Es gab schließlich auch viele Gründe für Desertion, es musste nicht unbedingt mit einer schlechten Behandlung im Militär zusammenhängen, sondern konnte zb. auch Familiäre Gründe haben. Wie belegt Dellbrück diese These?

    In Potsdam, unter Friedrich II., gab es ein ausgeklügeltes System um Desertion zu verhindern. Nun könnte man daraus schließen das es sich aufgrund einer Notwendigkeit durch hohe Desertionsaten entwickelt hat und so ein negatives Bild der Desertion und der preußischen Armee entstanden ist oder das dieses System durch Einbindung der Bevölkerung oder andere Faktoren im Gedächtnis der Region lebendig blieb und so zum negativen Bild führte (dies ist natürlich nur als vereinfachender Gedankengang zu verstehen, als wahrscheinlich würde ich eine Mischung aus vielen Faktoren betrachten).
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 2009
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  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Dass für die negative Wertung allein Bräker verantwortlich gewesen sei, ist ja auch Unfug. Der Ruf Preußens als des "sklavischsten Landes Europas" (Gotthold Ephraim Lessing) rührt von einer Vielzahl ähnlicher Berichte her. Einen kleinen Auszug enthält Peter Lahnsteins Report einer 'guten alten Zeit', Kap. VI, S. 489-574, unter anderem auch vom berühmten preußischen Patrioten Nettelbeck.

    Wie Scorpio richtig bemerkt, gibt es von "Unterschicht"-Vertretern "schriftliche Überlieferungen ausgesprochen selten. Die Mißstände in der preußischen Armee waren aber so offensichtlich, dass sich auch "höhere Kreise" mehr oder weniger detailliert dazu geäußert haben, z. B. Scharnhorst: "Kein Soldat ist so erbärmlich gepeitscht worden wie der preußische..."

    Es ist immer schwierig, solche Vergleiche anzustellen, wenn keine Daten vorhanden sind.

    Friedrich II. jedenfalls "pflegte zum Mißfallen Voltaires des nachmittägliche Spießrutenlaufen [persönlich] zu überwachen", und Lord Malmesbury notierte. "Es gibt für einen Offizier kein besseres Mittel, des Königs Wohlgefallen zu erregen, als die vom König verhängten Strafen der Soldaten zu verschärfen" (zit. b. Augstein, Preußens Friedrich [1971], S. 99). [1]

    Das Gleiche gilt für die vergleichsweise Häufigkeit von Desertionen. Gerhard Ritter schreibt, dass Friedrich II. während des Rückzugs aus Böhmen 17.000 Mann von der Fahne gingen und dass 1757, als die Österreicher der preußischen Garnison von Breslau freien Abzug gewährten, 4000 Preußen bei der Österreichern blieben und nur 500 ihren Offizieren folgten... (aaO., S. 96; ähnlich hohe Zahlen im Bayerischen Erbfolgekrieg 1778/79).

    Nichts charakterisiert das System besser als die Aussage, die Friedrich II. noch im politischen Testament von 1768 niedergelegt hat: Die Soldaten müssen ihre Offiziere mehr fürchten als alle Gefahren!

    Hierzu würde ich gern mehr wissen, insbesondere über die Rechtspraxis.


    [1] Auf andere menschliche Schwächen wusste der König durchaus moderat zu reagieren. Als ein Kavallerist Sodomie mit seinem Pferd getrieben hatte und schwer bestraft werden sollte, verfügte Friedrich lapidar: Der Kerl ist ein Schwein, er soll zur Infanterie versetzt werden.
     
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  11. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Wobei das eigentlich eher in die Kategorie der Ausnahmesituation gehört. Die Desertionsrate im Jahr wird oft zwischen 1-3% angegeben, es gibt aber eigentlich keine wirklich genauen Schätzungen für die Armee Friedrichs des Großen, da die monatlichen Listen über den personellen Zustand der Einheiten zum Teil in den Napoleonischen Kriegen zu Patronenhülsen verarbeitet wurden und im 2. Weltkrieg der Rest zum Großteil verbrannt ist.

    Stockschläge gab es als Strafe für "absichtliche" Verfehlungen beim Exerzieren.
    Spießrutenlaufen wurde als Strafe für blindes schießen (ohne Kugel), wegwerfen des Gewehrs und Unzuverlässigkeit im Wachdienst vorgesehen. Eingeschränkt wird das Ausmaß der Strafe dadurch das sie nicht in "Excessen" ausarten darf. Der Begriff wird nicht genauer definiert. Bietet aber wohl einen gewissen Schutz des Soldaten vor dem Ermessen des Vorgesetzten. Außerdem stand ein Offizier im Gegensatz zu seinen Pendants zb. in Frankreich selbst unter einem harten Strafapperat. Ein Offizier musste für das Verlassen des Postens auf der Wacht, für mehr als eine halbe Stunde, ein Jahr in Festungshaft und erhielt keinen Lohn in dieser Zeit. Der gemeine Musketier erhielt dafür 20mal Spießrutenlaufen, wobei mehr als achtmal am Tag nicht erlaubt war (was natürlich trotzdem nicht ohne ist). Kam dann wohl am ehesten auf die Auslegung des Offiziers an, ob es human zuging.
    Quelle: Reglement für die Königlich Preußische Infanterie von 1743

    mal ein Beispiel einen solchen Offizier:
    Ernst Friedrich Rudolf Barsewisch (Premier-Lieutnant beim Inf. Rgt. Nr. 26) in Kriegserinnerungen:
    Bräker kommentiert zwar auch das Spießrutenlaufen, aber dann auch im Zusammenhang mit Desertionsplänen.

    Zitat von jschmidt:
    hier gibts einen Text dazu: Preusstart
    Das entspricht in etwa dem was in meiner Literatur steht.

    Bräker zum Spießrutenlaufen:
     
  12. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Aktenverluste sind immer mißlich, aber in den anderthalb Jahrhunderten vor 1945 haben sich viele Autoren mit diesem Problem beschäftigt und auch entsprechende Schätzungen vorgenommen. Aktuelle Angaben:
    a) zu Friedrichs Zeiten Vom Kaiserreich zum 20. Jahrhundert ... - Google Buchsuche
    b) zu Zeiten seines Vaters Grundkurs deutsche Militärgeschichte - Google Buchsuche

    Sicher wurde zu Kriegszeiten mehr desertiert als sonst. Böse Zungen behaupteten freilich, auch einen Zusammenhang mit dem jeweiligen Befehlshaber feststellen zu können. Der großdeutsch gesonnene Onno Klopp z. B. schreibt in seiner Friedrich-Biographie (S. 369):
    "Durch die Barbarei, mit welcher [1778] die Armee verfuhr, beraubte sie sich alles ihres Unterhaltes. Der König verlor binnen fünf Wochen durch Krankheit und Desertion 7000 Mann. Der Vorwurf wegen alles dessen traf nicht das preußische Heer im Allgemeinen. Nur da war es so, wo der König persönlich der Oberbefehl führte. Sein Bruder, der Prinz Heinrich, der an der Spitze des anderes Heeres stand, beobachtete strengste Disziplin."
    Nur dafür gab es Stockschläge? Da Du das Reglement zu Hand hast, könntest Du vielleicht noch etwas mehr aus den Bestimmungen zitieren.
     
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  13. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Dazu Muth:
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    "Der Unteroffizier muss außer einem guten Seitengewehr auf dem Transport stets ein Terzerol (Taschenpistole) mit sich führen. Er muss den Rekruten nie hinter, sondern stets vor sich gehen lassen und ihm bedeuten, dass ihn der erste falsche Tritt das Leben kostet. Des Nachts muss er solche wirtshäuser als Quartier auswählen, wo er und andere werber einkehren und der Wirt auf seiner Seite ist. Es ist besser, auf Vorsichtsmaßnahmen einige Ausgaben zu verwenden, als Rekruten einzubüßen. So ist ein tüchtiger Hund äußerst nützlich. Doch muss derselbe gehörig abgerichtet sein, keinen Stock in der Hand des rekruten dulden, sowie sich derselbe rührt anschlagen, auf dem Marsch den Rekruten wenn er aus dem Weg tritt wieder auf den Weg treiben. Fängt der rekrut an zu laufen, muss er denselben packen und nur auf seines Herrn Kommando wieder loslassen. Ist der Rekrut nur irgendwie zweideutig, muss er auf Befehl des Unteroffiziers die Hosenriemen entzwei, die Hosenknöpfe abschneiden und die Hosen in der Hand tragen.

    So empfahl die königlich preußische Dienstordnung für die Infanterie im Jahre 1805.
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Aus: http://www.geschichtsforum.de/f6/film-w-rdige-historische-ereignisse-14267/index3.html S. 3

    Genauer gibt Bräker für den Zeitpunkt der Kapitulation der Sachsen den 22. September an.

    (Bräker: "Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg" LIV. Kapitel)

    Interessant wäre, wie Bräker denn auf den 22. September kommt. Die Schlacht bei Lobositz ließ Bräker dann ja wieder am 1. Oktober stattfinden.
     
  16. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Mal ein weiterer Vergleich: Siegfried Fiedler "Kriegswesen und Kriegsführung im Zeitalter der Kabinettskriege"

    Im Grunde die gleiche Position wie Guddat und Muth. Die pr. Soldaten seien nicht am häufigsten und brutalsten geschlagen worden. Die Abschnitte des Reglements die milde nahelegen werden zitiert. Instruktionen des Fürsten von Anhalt-Dessau für den Kronprinzen (von 1730) dienen als weiterer Beleg. Stockschläge seien häufig gewesen, besonders beim Gefechtsexerzieren. Jedoch handele es sich bei Stockschlägen um keine ehrenrührige Strafe. In der Ausbildung seien Stockhiebe nur in engen Grenzen zugelassen gewesen. Wer jemanden blutig schlug wurde bestraft.

    Eine vermutlich interessante Sekundärquelle zum Thema:
    H. Eckert "Ulrich Bräkers Soldatenzeit und die preuß. Werbung in Schaffhausen", Schaffhausener Beiträge zur Geschichte, H. 53, Jg. 1976
    Hat die zufällig jemand?

    Gibt es in anderen Quellen noch Berichte über den Ablauf der Kapitulation?
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juli 2009
  17. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    [FONT=&quot]
    Nur war zu diesem Zeitpunkt der Siebenjährige Krieg vorbei und das preuß. Militär eigentlich schon im Niedergang begriffen. Aus einem Satz Friedrichs des Großen kann man nicht so leicht auf sein Handeln schließen. Bestes Beispiel ist der Antimachiavel. In den "Generalprinzipien des Krieges" (1753) ermahnt er z.B. die Generäle die Freundschaft der Soldaten zu gewinnen.
    Fiedler gibt sogar an, dass dieser Satz in einer Instruktion für die Kavallerieregimenter steht (1763) steht und dann zum zweiten im mil. Testament von 1768 ähnlich auftaucht.
    Gerade bei der Kavallerie spiegelt es wohl kaum die Realität wieder ( -> Seydlitz).
    [/FONT]
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Habe jetzt von Fiedler den Abschnitt über das altpreußische Militär (bis 1740) gelesen, komme aber irgendwie durch die Formulierungsweise zu dem Eindruck, dass Fiedler eine ein bisschen antiquierte Sichtweise hat und extrem proborussisch eingestellt ist. Auffällig ist auch wiederum die Abrechnung mit Friedrich I., welche die außenpolitischen Notwendigkeiten ziemlich außer Acht lässt. Damit ist Fiedler wieder nah an der alten borussischen Geschichtsschreibung des 19.Jh..

    Dennoch erwähnt er quellenmäßig Beispiele der Prügelstrafe und ihrer Verbreitung.

    Mit Bräker hat das freilich nicht arg viel zu tun.:still:
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Auch Delbrücks Aussagen zu den Problemen mit dem vielen Desertieren lassen sich relativieren.
    Bräker selbst erwähnt ja Nachtmärsche. Während Delbrück sagt, dass diese vermieden wurden.
    Die heftigen Probleme mit der Desertion gab es nunmal 1744 im böhmischen Feldzug, der so katastrophal endete. Hier wohl einige Ursachen: http://www.geschichtsforum.de/446085-post3.html
    Von solchen extremen Umständen und den dagegen unternommenen Maßnahmen auf die gesamte Kriegsführung Friedrich II. zu schließen, vereinfacht das Ganze arg zu sehr.

    Auch verführen manche Aussagen Friedrichs selbst wie in einem Brief an seinen Bruder Heinrich
    zu Fehlschlüssen. Friedrich hat in seinem Leben viel gesagt und viel ist auch dokumentiert und gern wird besonders viel über eine Berühmtheit festgehalten. Das erklärt mir vollauf, dass auch solche weniger rosigen Selbstzeugnisse erhalten sind.

    Ich mache mal in der Richtung einen Thread auf.:winke:
     
  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da ich ad hoc den ursprünglichen Thread, wo wir uns über das Besondere am Drill in der preußischen Armee unterhielt, nicht wiederfinden konnte, hier der Link zu einem weiteren kritischen Beobachter der preußischen Armee: Kabinettskriege: An American Soldier in Prussia: Colonel William Stephens Smith
    Col. W.S. Smith sieht Preußens Nachteile auf eine sehr moderne, aber auch recht rationale Weise, das Militär offensichtlich mit den Augen des Fachmannes, der jahrelang selbst gekämpft hatte.
     
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