Ulrich Bräker und die Preußische Armee - Quellenkritisch betrachtet

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von AnDro, 10. Juni 2009.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In einer vor einigen Jahren erschienenen Dissertation zum hessischen Militär (Die gezähmte Bellona? Bürger und Soldaten in den hessischen Festungs- und Garnisonsstädten Marburg und Ziegenhain) ist der Verfasser Stephan Schwenke auf individuelle Gründe für Desertationen eingegangen, soweit sie sich aus archivalischen Quellen rekonstruieren lassen eingegangen. Der Verfasser erwähnt mehrere Fälle und betont an dieser Stelle, dass es im Gegensatz zur weitverbreiteten Ansicht nicht Beschwerden über Misshandlungen und Schikanen durch Offiziere oder Unteroffiziere waren, die Soldaten schließlich zur Desertion motivierten, sondern Heimweh oder aber Sorgen wegen Spielschulden, die schließlich den Ausschlag gaben.
     
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  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Sind diese Aussagen auch aus Kriegszeiten (Österreichischer Erbf.krieg, Siebenjähriger etc.)? Ich kann mir gut vorstellen, dass bei miserabel laufenden Feldzügen wie bei den Hessen in Bayern 1745 die Desertionsrate deutlich in die Höhe schnellte auch wenn das Überlaufen, so man denn dessen überführt wurde, besonders hart geahndet wurde.
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im Österreichischen Erbfolgekrieg dienten hessische Kontingente ja in beiden Lagern, in der britisch-hannoverschen pragmatischen Armee und auf Seiten des Wittelsbachers Karl VII. Albrecht, mit dem der Erbprinz Friedrich (II.) befreundet war, denn Landgraf Wilhelm VIII. hatte Subsidienverträge mit beiden Seiten geschlossen und wohlweislich in die Klauseln aufgenommen, dass hessische Einheiten nicht gegeneinander eingesetzt werden durften. Ein Kantonatssystem nach preußischem Vorbild wurde in Hessen- Kassel erst nach Regierungsantritt Friedrich II. vollendet, aber ähnliche Strukturen existierten schon früher und seit Friedrichs Großvater Karl bestand das stehende Heer mehrheitlich aus Landeskindern, und Soldaten, die aus der gleichen Gegend rekrutiert wurden wie ihre Nachbarn neigten seltener zur Desertion, da größere soziale Kontrolle und die Möglichkeit und Praxis die Familie oder die Dorfgemeinschaft haftbar zu machen und aus der Familie des Deserteurs aus seinem Dorf Ersatz zwangsrekrutieren zu können und die Drohung des Vermögenseinzugs schreckten viele davon ab, zu desertieren, und selbst in Amerika war die Desertionsrate vergleichsweise gering, blieb jedenfalls weit hinter Hoffnungen zurück, die die Amerikaner sich versprachen.
    Anders sah das natürlich mit Rekruten aus, die vorzugsweise aus Thüringen, aus dem Frankfurter Raum geworben wurden. Im Verlauf des Unabhängigkeitskrieges, als die Landgrafschaft die nötigen Reserven nicht mehr aufbringen konnte, fanden sich Rekruten aus fast allen deutschen Staaten, ja aus ganz Europa in der hessischen Armee wieder und mit dem Druck auf Werbeoffiziere sank auch die Hemmschwelle, dubiose Methoden bis zur offenen Gewalt anzuwenden.

    Den "Ausländern", die seit 1777 in der Festung Ziegenhain ausgebildet wurden, bevor sie via Kassel und Bad Karlshafen weserabwärts verschifft wurden- haben viele Offiziere nicht getraut. Manchen Rekruten wurde unterstellt, dass sie nur die freie Überfahrt interessierte um in Amerika zu desertieren. Jedenfalls wurden die Rekruten in Ziegenhain wie Gefangene bewacht, 1781 beschlossen einige Soldaten eine Rebellion mit dem Ausbruch der gesamten Garnison. Man wollte die Unteroffiziere mit einem Schlaftrunk betäuben und dann über die Grenze fliehen. Der Plan wurde allerdings verraten, und als die Verschwörer einen Kassiber ins Schloss schmuggeln wollten, waren auch die Rädelsführer enttarnt. Der eine war Sachse, Sohn eines Forstbeamten, der andere Brandenburger und Pfarrersohn.
    Die Delinquenten sollten in der Festung Ziegenhain neben der Hauptwache gehängt werden. Auf Order des Landgrafen inszenierte man eine Scheinhinrichtung, nur der Festungskommandant war eingeweiht. Als der Henker Hand an die Delinquenten legen wollte, verkündete der Kommandant den Pardon des Landgrafen, und damit wurde letztlich jeder Widerstand gebrochen.
     
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  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Vielleicht mal zusammenfassend Gründe, die Soldaten dazu bewegten, zu desertieren:

    1. quasi gewerbsmäßige Desertion
    In Franken wurde im 18. Jahrhundert ein Gauner schließlich gehängt, der sich 36 oder 38 Mal als Dragoner hatte anwerben lassen, das Handgeld kassierte und dann jedesmal kurz danach mitsamt einem Gaul desertiert war, bis er dann doch endlich erwischt wurde. Es gab durchaus Gauner, die so abgebrüht waren, dass sie weder drakonische Strafen noch die Sicherungsmaßnahmen gegen Deserteure abschrecken konnten. In den Biographien vieler Banditen spielten mehr oder weniger längere Militärdienste eine bedeutende Rolle und nicht wenige Banditen waren zuvor Soldaten gewesen. Gerne auch suchten Gauner kurzzeitig Unterschlupf im Schutz einer Armee, wenn nach ihnen gefahndet wurde und schlugen sich dann wieder seitwärts in die Büsche, wenn der Sturm vorüber gezogen war. Auch wenn die Militärs des 18. Jahrhunderts nachdrücklich auf ihren Ehrenkodex pochten und es eines eigenen Rituals bedurfte, wenn Angehörige sogenannter "unehrlicher Berufe" Schäfer, Abdecker, Scharfrichter, Müller, u. a. in das Militär aufgenommen und für "ehrlich" erklärt wurden, so war kaum zu verkennen, dass das Militär kriminalisierte und kriminelle Existenzen anzog (und produzierte). Es scheint aber, als seien selbst die abgebrühten Unteroffiziere des Ancien Regime mit den Gauner- und Vagantenscharen etwas überfordert gewesen, jedenfalls gelang Leuten, die in den Kulturcode der Kochemer eingeweiht waren und über ein Netzwerk von Schlupfwinkeln und Helfern verfügen konnten die Desertion meist mühelos und relativ risikolos.

    2.Kriegsmüdigkeit, Abneigung gegen den Soldatenberuf, Zwangsrekrutierung, Frust
    Für einen Handwerksgesellen oder Studenten, der in die Fänge von Werbern geriet und zum Militärdienst gepresst wurde, war es ein schweres Schicksal, mit den Hessen zum jahrelangen "Auslandseinsatz" nach Amerika gehen zu müssen oder sich als Gemeiner in der preußischen Armee unter Fridericus Rex wiederzufinden wie es dem jungen Lomonossow geschah. Abenteuerlust, Hoffnung auf eventuelle Beförderung und das durchaus ansehnliche Handgeld mochte auch die Rädelsführer der geplanten Rebellion 1781 im Rekrutendepot Ziegenhain motiviert haben, sich bei den Hessen anwerben zu lassen. Die beiden, ein Sachse und ein Brandenburger, stammten aus einem "gutbürgerlichen" Umfeld. Der eine war Sohn eines Pfarrers, der andere eines Försters. In der Festung, die Seume "ein wahres Teufelsnest" nannte, konfrontiert mit hartem Drill und bewacht wie Gefangene, von denen der Kommandeur von Gohr sagte: "Es fällt schwer mit nur wenigen Unterofficiers Ordnung unter so vielen bösen Kerls zu halten," dürften sich die hochfliegenden Hoffnungen so mancher Rekruten ziemlich bald verflüchtigt haben.

    3. Heimweh

    Der Militärdienst bedeutete für viele oft noch sehr junge Männer häufig die erste längere Abwesenheit vom Heimatort und von familiären und sozialen Bindungen. Die Sorge um zurückgelassene Familienangehörige oder um den Hof der eigenen Familie, der durch das Militär womöglich wichtige Arbeitskräfte genommen wurden, verführte immer wieder Soldaten zur Desertion/unerlaubten Entfernung von der Truppe, um daheim mal nach dem Rechten zu sehen. solche Deserteure waren recht einfach zu verfolgen und zu fassen, wobei die Militärgerichtsbarkeit anscheinend davor zurückschreckte, drakonischste Strafen anzuwenden und tatsächlich zu vollziehen.

    4. ungewollte Schwangerschaft, "Beziehungskisten"

    In den meisten Staaten unterlagen Soldaten und auch Offiziere einem Heiratskonsens, und sie benötigten eine Erlaubnis, um heiraten zu dürfen. In Garnisonsorten kam es natürlich immer wieder zu sexuellen Kontakten zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung. Ungewollte Schwangerschaft konnte für eine Frau verheerende soziale Folgen nach sich ziehen, aber auch die Väter mussten damit rechnen, wegen Verstoß gegen die obrigkeitlichen Sittlichkeitsmandate oder wegen Ehebruchs bestraft zu werden, mit teilweise empfindlichen Strafen. Diesen glaubte mancher nur durch Desertion entgehen zu können.

    5. Spielschulden

    Spielschulden haben so manche Offizierskarriere ruiniert und sie führten manchmal auch dazu, dass Offiziere dadurch so in Kalamitäten gerieten, dass sie desertierten. In der Garnison blieb als Zeitvertreib oft nur der Alkohol und das Glücksspiel. Von einem Offizier wurde ein standesgemäßer Lebensstil erwartet, und dazu gehörte auch der Einsatz am Spieltisch. Spielschulden waren vor allem in Offizierskreisen ein weitverbreitetes Übel, das manchen Offizier zwang, die Armee zu verlassen, um den Gläubigern zu entkommen oder sich auf krumme Geschäfte einzulassen. Ein Fähnrich Rall aus dem Regiment Knyphausen in Marburg war so ein Fall. Am 8. Juni 1787 berichtete sein Vorgesetzter, dass Rall sich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. Als Grund seiner Fahnenflucht stellten sich Spielschulden heraus, die er angehäuft hatte beim Spiel mit Studenten. Frühere Schulden waren vom Oberst beglichen worden, Rall hatte aber neue Schulden gemacht und einem Studenten eine Flöte gestohlen. Ein Adjutant Kiesewetter vom Regiment Boyneburg floh unter Hinterlassung von 158 fl Schulden und wurde in Absentia unehrenhaft entlassen. Gegten Soldaten wurden ganz andere Strafen verhängt wie gegen den Musketier Schabacken vom Regiment Prinz Maximilian. Dieser war in Gelnhausen desertiert und wurde mit seiner Ehefrau nahe Vacha im heutigen Thüringen gefasst. Er gab als Grund seiner Flucht an, wegen Spielschulden müsste er einige Habseligkeiten verkaufen, um sie zu begleichen. Er wurde wegen Desertion gehängt.
     
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