Untätigkeit Englands bei der Machtergreifung Hitlers

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Gast, 19. April 2008.

  1. Gast

    Gast Gast

    Hallo zusammen!

    Hätte mal eine Frage. Vielleicht kann mir sie ja jemand von euch beantworten.
    Wieso war England bei der Machtergreifung Hitlers so untätig, d.h. warum hat man nichts unternommen um Hitler aufzuhalten. Warum hat man kein Druck ausgeübt auf die deutsche Regierung, sondern stattdessen zugesehen bei den Verfolgungswellen gg. Sozialisten, Juden etc., bei der Angliederung Österreichs, Sudetendeutschlands und schließlich dem Einmarsch in die Tschecholslowakei! Warum hat man nichts unternommen, sondern eher Appeasement-Politik betrieben(vgl. Flottenabkommen etc.). Wäre euch sehr dankbar für Informationen oder Links, wo ich darüber mehr erfahren könnte! Vielen Dank im Voraus.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was hätte man denn Deiner Meinung nach tun sollen? In innere Angelegenheiten eines zweiten Staates eingreifen? Die "Machtergreifung" selbst entsprach den Regeln der Weimarer Republik. Gegen den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 gab es internationale Proteste. Aber gegen solche inneren Angelegenheiten hatte man kaum eine Handhabe.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Appeasement-Politik wurde schon vor der Machtübernahme Hitlers betrieben. In Großbritannien gab es in den 20ern beachtliche Bestrebungen, dem Deutschen Reich in den Revisionsansprüchen zu Versailles entgegen zu kommen. Das betraf Gebietsregelungen, Aufrüstungen, aber auch Reparationen (zB die Gespräche mit Brüning, die britischen Aspekte beim Young-Plan etc.).

    Hitler war zunächst für GB ein Kanzler in der Reihe, wobei man aufgrund der verkündeten Programmatik davon ausging, dass er die Revisionsansprüche kräftiger als zuvor verfolgen würde. Insofern setzten recht früh Überlegungen ein, wie man sich hier verhalten soll.
     
  4. Gast

    Gast Gast

    In die inneren Angelegenheiten des dt. Reiches einzugreifen stellte sicherlich ein großes Problem dar. Das sehe ich ja ein. Auch ist mir bewusst, das die Machtergreifung Hitlers im Wesentlichen legal ablief! Allerdings hätte man doch nach dem Verstoß gegen den Versailer- Vertag ( massive Aufrüstung, allg. Wehrpflicht, Einmarsch in die Rest-Tschech; dies konnte nicht mit dem Selbstbestimmungsrecht der eigenen Bevölkerung begründet werden) reagieren sollen o. können. Mir stellt sich die Frage, warum man das nicht tat. Aber stattdessen Deutschland Zugeständnisse machte. Es zeigte sich doch, was in Deutschland ablief. Gut, Frankreich war innenpolitisch angeschlagen. Weiß jedoch nicht, ob England auch innenpolitische Probleme hatte, was natürlich erklären würde, warum man nichts getan hat?
     
  5. durruti

    durruti Mitglied

    Die Machtergreifung gab es so nicht - ist eine Wortschöpfung der Nazipropaganda.

    Hitler wurde gewählt, die Macht wurde übergeben - die Demokratie und freiheitliche Grundrechte abgeschafft.

    Was sollte GB machen? In Deutschland einmarschieren weil das Wahlergebnis nicht den Erwartungen entsprochen hat?
     
  6. Gast

    Gast Gast

    Natürlich nicht. An solch radikale Maßnahmen denke nicht einmal ich(obgleich ich sicherlich historisch nicht so bewandert bin). Mir geht es lediglich darum, dass man die Zugeständnisse einer falschen Person/Regierung machte und dies ausgenutzt wurde.
     
  7. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das hat mit der Appeasement-Politik Chamberlains zu tun. Er wollte durch Zugeständnisse die territorialen Ambitionen Hitlers auf friedlichem Weg befriedigen und so einen Krieg verhindern.

    Hier kannst du darüber lesen:

    http://www.geschichtsforum.de/f66/hilfe-fuer-geschichtsklausur-dringend-appeasement-1939-a-18808/
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. April 2008
  8. Gast

    Gast Gast

    Vielen Dank für den Link. Sehr informativ.
     
  9. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Damals aber noch auf der Vorstellung, dass durch Zugeständnisse an Deutschland ein funktionierendes kollektives, vertraglich vereinbartes Sicherheitssystem der europäischen Staaten auf der Grundlage des Völkerbunds oder anderer internationaler Verträge geschaffen werden sollte. Davon rückte man dann 33-38 immer weiter ab, bis Chamberlain 1938 beim Münchener Abkommen angelangt war.
     
  10. TGDarmstadt

    TGDarmstadt Neues Mitglied

    Das Verhalten des demokratischen Deutschlands während der 20ger Jahre in Fragen der Außenpolitik scheint auf die Briten großen Eindruck gemacht zu haben. Die Weimarer Republik hat von Anfang an die Revision des Versaillervertrages mit friedlichen Mitteln verfolgt. Als Hitler an die Macht kam, dachten viele Briten wohl, dass er diese Politik fortsetzen werde.

    Vielleicht war ja wirklich so, dass viele Menschen Hitler 1933 unterschätzt haben. Es fällt uns heute leicht zu sagen: Ihr hättet ja nur "Mein Kampf" lesen müssen und euch wäre klar geworden, was Hitler vor hatte. (Dabei haben die wenigsten von uns dieses Buch gelesen. Und da ich diese Quelle nicht kenne, kann ich auch nicht beurteilen, ob die Verbrechen des Dritten Reiches aus Mein Kampf vorhersehbar waren.)
    Und wenn schon die Mehrheit der Deutschen Hitler auf den Leim gegangen ist, dann sicherlich umsomehr die Briten.
     
  11. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Bei Hitlers Machtergreifung 1933 war Ramsay Mc Donald Premierminister.
    Dann kam noch Stanley Baldwin (Gegner des Appeasement), erst ab 1937 Chamberlain.
     
  12. Josephine

    Josephine Neues Mitglied

    Appeasementpolitik bezeichnet die Politik der Beschwichtigung und der Zugeständnisse zur Vermeidung von Konflikten und ist der Versuch der britischen Regierung unter Premierminister Chamberlain, den Frieden durch internationle Entspannung zu stabilisieren und Hitler in ein Sicherheitssystem einzubinden.

    Ziel von Hitlers Außenpolitik war unter anderem die Revision des Versailler Vertrages, die Zurücknahme des Kriegsschuldparagraphen, der für Deutschlands Schwächung verantwortlich war und die Wiederaufrüstung.
    Großbritannien hatte für diese Politik teilweise Verständnis und war bereit Hitler gegenüber Zugeständnisse zu machen. Diese Politik fand starken Rückhalt in der britischen Bevölkerung. Großbritannien befand sich in einer schweren Wirtschaftskrise und ein Aufrüstungsprogramm war der Bevölkerung gegenüber nicht vermittelbar.

    Höhepunkt der Appeasementpolitik war die Zustimmung zur Abtretung des Sudetenlandes (Volksdeutsche) im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zwischen Deutschland - Hitler, Italien - Mussolini, Großbritannien - Chamberlain und Frankreich - Daladier.
    Inhalt des Abkommen war, dass das Sudetenland der Tschechoslowakei an das Deutsch Reich angegliedert wird. Tschechen und Sudeten werden entsprechend umgesiedelt.
    Der Grund hierfür was, dass es durch unhaltbare Forderungen von Hitler an die techische Regierung hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechts der Sudetendeutschen auf beiden Seiten, also zwischen Deutschland und Tschechoslowakei, zu Kriegsdrohungen und Mobilmachungen kam.
    Um die drohende Kriegsgefahr abzuwenden, stimmte Chamberlain der Abtretung des Sudetenlandes zu.

    Die Folge war, dass am 15. März 1939 deutsche Truppen in die Resttschechoslowakei einmarschierten und Prag besetzten, nachdem in der Nacht zuvor der tschechoslowakische Ministerpräsident Hacha unter massiver Gewaltandrohung der Besetzung zugestimmt hat.
    Der tschechische Teil wird als "Protektorat Böhmen und Mähren" ins Deutsche Reich eingegliedert, die Slowakei durfte ein selbständiger Staat bleiben, mußte jeoch einen Schutzvertrag mit Deutschland schließen und wurd so zum Satellitenstaat (= war nur noch zum Schein selbständig).

    Am 17. März 1939 verkündet der britische Premierminister das Ende der Appeasementpolitik.

    Am 31. März 1939 folgt die britisch-französische Garantieerklärung für Polen als Reaktion auf die Errichtung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren.
    Im August 1939 wurde ein britisch-polnischer Bündnisvertrag unterzeichnet.

    Bekanntester Gegner der Appeasementpolitik war Winston Churchill.

    So, mehr fällt mir jetzt nicht mehr ein.....
     
  13. Das UK war ein Empire, neben Deutschland gab es auch noch andere kleine Probleme (z.B. diesen Gandhi). Zudem ist Aussenpolitik vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität interessant. Das war damals auch im UK nicht so. Deutschland war geschlagen, galt als abgerüstet und interessierte keinen Menschen, so wie heute auch.
     
  14. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ramsay Mc Donald wurde als Vater der Appeasement-Politik angesehen. Während der sogenannten Machtergreifung war er sehr Krank und seine Führungsqualitäten liessen nach. Winston Churchill beschuldigte ihn, dass er im Bezug mit der Politik Hitlers versage. Donald starb 1937.

    Stanley Baldwin war sicher einer sehr interessanter Politiker seiner Zeit. Er trug massgeblich zur Abdankung von Eduard VIII bei. Eduard VIII nahm auch eine unkritische Haltung gegenüber Hitler ein, dies missfiel Baldwin. Jedoch wurde Ramsay Mc Donald vorgeworfen die Kriegspläne Hitlers ignoriert zu haben. Gegner der Appeasement-Politik wurde er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt als Premierminister 1937.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2008
  15. Ladislav

    Ladislav Neues Mitglied

    Im Jahre 1939 war zu spät. Britische Garantie für Polen hatte keine Wirkung, weil Briten konnte nicht und Franzosen wollte nich (Sie hette keine innere Kraft) Verhindern polnische Niderlage.

    Ladislav
     
  16. Petra_44

    Petra_44 Neues Mitglied

    Hallo,

    ich nehme an, du fragst, weil du das für eine Arbeit brauchst. Falls es dich aber generell interessiert, kann ich dir den Film "America and the Holocaust" empfehlen.

    Es hat ja nicht nur England weggesehen, sondern mehr oder weniger die ganze Welt. Was Amerika angeht, zeigt man in diesem Film erschreckende Details. So wurden z.B. Visa für Juden, die aus Deutschland heraus wollen, gezielt verzögert. Dafür gab es eine offizielle Dienstanweisung.

    Ich denke, es gab zwei Gründe, dass man keine Juden nach Amerika lassen wollte. Zum Einen gab es da die ewigen Arbeitsplatzwarner, die grundsätzlich auf jede Veränderung mit der Klage reagieren, dass dadurch Arbeitsplätze gefährdet würden. ("Es gibt ja schon für Amerikaner nicht genug Arbeitsplätze! Wie können wir da noch Juden ins Land lassen? Große Katastrophe!")

    Zum Anderen gab es zu dieser Zeit nicht nur in Deutschland Antisemitismus, sondern auch in Amerika, und bestimmt auch in England.

    Aus dem Film kann ich mich an ein Schild erinnern, das man dort vor eine Pension gestellt hat. "Zimmer zu vermieten", stand darauf, und "nur an Christen".

    Soviel zur Stimmung zur damaligen Zeit. Auch die Eugenik gab es damals ja nicht nur in Deutschland. Ich habe in einer medizinischen Publikation der damaligen Zeit viele Verweise auf angewandte Eugenik im Ausland gefunden, z.B. hatte ein südamerikanisches Land beschlossen, dass keine Behinderten einreisen oder einwandern durften, und es gab auch in anderen Ländern Gesetze, die die Sterilisierung von Behinderten forderten. Nur hat man dass dann nach dem Krieg wohl gerne wieder vergessen. Es ist ja auch viel angenehmer, Deutschland die Schuld an dem allen zu geben.

    Ich bringe dieses Beispiel, um darauf hinzuweisen, dass Deutschland die Dinge zwar auf die Spitze trieb, dass aber in anderen Ländern durchaus ähnliche Gefühle herrschten.

    Schöne Grüße

    Petra
     
  17. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Soviel ich mich erinnern kann, handelt der Film aber von 1941 - 1945. Da war doch die Machtergreifung schon lange vorbei :confused:

    Kannst du hier bitte die Jahreszahl angeben, hab sie nicht mehr im Kopf.

    Von wem ist das Zitat in der Klammer?

    Zur Geschichte des Antisemitismus:

    Shoa.de - Antisemitismus
     
  18. pippigro

    pippigro Gast

    Kurz vorm Abi auch mal von mir wieder ein Beitrag...
    Mögliche Gründe der Appeasement-Policy:
    - Deutschland war nicht die einzige Diktatur in Europa (z.B. Lettland, SU, Spanien, Bulgarien, Portugal, ...) fast alle europäischen Staaten besaßen also autoritäre oder totalitäre Systeme -> wieso sollte also gerade von Deutschland eine Bedrohung ausgehen?
    - Scheu vor einem neuen großen Krieg in Europa (Der 1. WK brachte nicht nur Belastungen für Deutschland!)
    - fehlendes Interesse an Zusammenarbeit mit SU
    - z.B. England hatte eigene außenpolitische Probleme (wie oben schon erwähnt)
    - Mit SU und Deutschland standen sich zwei gegensätzliche Diktaturen gegenüber (evtl. Hoffnung auf gegenseitige Vernichtung?)
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Entwicklungen seit Mitte der 20er-Jahre - Appeasement - haben unterschiedliche Ursachen, aufdie differenzierbaren, unterschiedlich weit gehenden Zielsetzungen hat Gandolf schon hingewiesen.

    zu den Ursachen:

    oben wird ein wichtiger Aspekt erwähnt, der vor allem von den britischen Konservativen getragen wurde: ein Vordringen des sowjetischen Bolschewismus in Mitteleuropa. Diese Beschwichtigungspolitik ist insbesondere vor dem dt.-brit. Flottenvertrag 1935 spürbar. Dafür nahm man auch Konflikte mit Frankreich in Kauf.

    Wesentlich für die Zeitdauer bis Mitte der 30er ist auch der "Schuldkomplex" des Versailler Vertrages, der in den ersten Jahren bis 1935 eine dominierende Rolle einnahm. Auch die Machtübernahme der Nationalsozialisten als Sieg über die demokratischen Parteien wurde in diese Schublade einsortiert. Folge: das Anstreben eines Arrangements, die zu betreibende Korrektur von Versailles.


    In der britischen Presse lassen sich dann nach 1933 zunehmend Sorgen ablesen, wie weit Hitler gehen würde. Andererseits wurden hier in den ersten Jahren ernsthafte Überlegungen angestellt, ob Hitler ein "Gemäßigter" oder eine Marionette anderer NS-Führer bzw. konservativer Kreise darstellt. In GB sehr präsente Themen wie die Judenverfolgung, Nürnberger Gesetze, Blu- und Boden-Reden und der Kirchenkonflikt sorgten recht schnell Ende 1935 für einen rapiden Ansehensverlust, nachdem man sich noch 1933 Hoffnungen auf eine "Einigung" gemacht hatte.

    Holzweißig, Das Deutschlandbild der britischen Presse im Jahre 1935 - ein Beitrag zur Grundlegung der englischen Appeasementpolitik.


    Dabei ist anzufügen, dass auch bezüglich dieser Betrachtungsweise heftig gestritten wurde, von Seiten der "Alarmisten" wurde die Lage nach der Machtergreifung kritisch eingeschätzt und eine Situation wie vor dem Weltkrieg prophezeit. Die Meinungsbildung derjenigen, die ein Zugehen auf deutsche Forderungen befürworteten, läßt sich vielleicht an folgendem Times-Artikel anschaulich darstellen (im Kontext von Stresa-Wiederbewaffnung und Verurteilung durch den Völkerbund in Genf):
    "Hitlerism is largely a revolt agaist Versailles; and until this fundamentally truth is taken fully into account there will be no real peace in Europe." (18.4.1935). Entsprechend euphorisch wurde dann die Hitler-Rede vom 21.5.1935 aufgenommen, was die Prognose zu bestätigen schien, die Nationalsozialisten würden in Europa und im eigenem Land an Gefährlichkeit und Aggressivität verlieren, wenn man nur geeignete Konzessionen mache und sie nicht weiterhin "vor den Kopf stoße", wie es angeblich der Völkerbund getan habe. Hitler solle für ein kollektives Sicherheitssystem in Europa gewonnen werden, unter Einschluß eines "Luft-Locarno" und ohne das hierbei ein Ostpakt mangels britischer Interessen störend wirken würde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. April 2008

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