Uschebti

Dieses Thema im Forum "Das Alte Ägypten" wurde erstellt von pietFFM, 1. September 2021.

  1. pietFFM

    pietFFM Mitglied

    Guten Morgen.



    Ich habe hier als Dachbodenfund diese kleine Statuette gefunden, bei der es sich meiner Meinung nach um ein Uschebti handeln dürfte. Da der Dachboden zu einem Geschichtsverein gehört und im Fundzusammenhang wohl seit ca. 1900 dort gelegen haben, also dürfte es sich um kein Made in China Mitbringsel vom letzten All-Incl. Urlaub sein. Wobei eine Kopie aus dem späten 19. Jahrhundert nicht ausgeschlossen werden kann.



    Also die Statuette ist ohne Sockel noch ca. 9,5 cm groß, hart gebrannt und es sind keine Reste von Farbe und Beschriftung oder Gravur zu erkennen.



    Also eine vergleichbare Figur habe ich im Netz nicht gefunden, also liege ich überhaupt mit einem Uschebti richtig?

    TIA

    Uschebtis.jpg
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Haben Uschebtis nicht vor der Brust verschränkte Arme? Hier wäre eher vor dem Bauch gefaltete Hände dargestellt, jedenfalls wenn man nach der erkennbaren Armhaltung geht.
     
  3. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Im ersten Augenblick hat mich die Figur an eine "Schabmadonna" erinnert.
    Aber wenn es eine sein sollte, dann wäre es eine schon stark abgeschabte. Also eine gebrauchte...

    Gruss Pelzer
     
  4. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Wenn es gefaltete Hände waren, müssten die beiden hellen Flecken die Bruchflächen der fehlenden Hände sein. Der etwas dunklere, aber vor dem Rest hellere Streifen dazwischen, der auf dem linken Bild noch ein klein wenig dreidimensional aussieht, könnte meiner Meinung nach durchaus die Kreuzstelle der Unterarme gewesen sein, damit wären die hellen Kreise dann keine Bruchflächen, sondern die anders gefärbten Hände selbst (schwer zu sagen ob das hier der Fall war, aber manchmal haben auch Uschebtis Krummstab und Wedel in den Händen, das würde eine deutliche Verdickung der Hände erklären).
    Die Haare würden, soweit erkennbar, auch zu einer Uschebti passen. Die Füße würden dann fehlen, was unabhängig vom Zustand der Verwitterung durchaus schnell passieren kann, die Knöchel sind schließlich die dünnste Stelle einer Uschebti (der Ansatz ist aber in der Verbreiterung der Beine noch sichtbar).

    Hat mir gar nichts gesagt, musste ich kurz recherchieren. Wieder was gelernt.
    Jedenfalls, was dazu natürlich passen würde ist die Struktur am unteren Ende der Figur. Fußansatz wäre eben die eine Möglichkeit, genauso entsteht eine solche Verbreiterung aber auch, wenn man die Figur mit dem Kopf zu sich hält und mit einem Messer o.ä. von sich weg schabt - man rutscht am Ende immer weiter nach oben weg.
    Ich habe aber schon den Eindruck, dass da auf der Unterseite was fehlt, das sieht schon sehr uneben aus, da tippe ich auf Bruchkante.
    Dazu @pietFFM, weißt du, was das für ein Material ist? Sieht für mich nach irgendeiner Art von festerem Stein aus.

    Also, ich würde auf eine Uschebti tippen. Für weitere Erkenntnisse müsste man das Material kennen.
    Eine Sache aber noch zum Kopf. Die Haare passen wie gesagt, aber es ist alles krumm und schief. Der tiefe Strich, der etwa an der Stelle des Mundes ist, passt überhaupt nicht dazu. Bei einer ordentlichen Uschebti wäre er sehr viel feiner, die Lippen würden leicht hervorstehen und letztlich wäre der Mund im Vergleich zum restlichen Gesicht gar keine wirkliche Vertiefung. Natürlich verwischt die Verwitterung das, aber das hier sieht seltsam aus.

    Theorie: Ich vermute, dass diese Rille tatsächlich der Mund sein sollte und dass es sich hier - im Kontext mit einem älteren Geschichtsverein - um den misslungenen Versuch einer selbstgemachten Kopie handelt.
    Der Stein sieht für mich zu hart aus, das kann kein original verwendetes Material sein. Aber bei so hartem Material, da braucht man als Laie nur mal zu fest zuzuhauen, weil man meint es ist nötig, und schon hat mein eine Schlucht anstelle eines Mundes. Ergo, misslungene Kopie. Andernfalls glaube ich auch nicht, dass sie auf dem Dachboden liegen würde.
    Damit passt dann alles zusammen. Auch die Augen: Die Augenhöhlen, in die vermutlich hier Perlen hätten eingesetzt werden sollen, sind zwar krumm und schief, aber so fein, dass der Zustand der restlichen Figur eigentlich keine Verwitterung sein kann. Da wollte jemand, ein Laie in der Steinbearbeitung, eine Uschebti bauen, hat nach den groben Umrissen (die abgesehen von zu kurzen Beinen, falls die Verbreiterung tatsächlich schon in die Füße übergeht, gar nicht schlecht sind) das Gesicht versucht und verhauen und dann aufgegeben und irgendwo in die Ecke gelegt. Der Fußbereich ist dann wohl abgebrochen, bei einer misslungenen Figur hat wohl niemand besonders aufgepasst.

    Um die Theorie zu überprüfen und (idealerweise) zu bestätigen müsste man nun erstens das Material genau bestimmen, zweitens eine Datierung im Labor vornehmen lassen und drittens sich genauer mit dem Verein, seinen Mitgliedern im fraglichen Zeitraum und der Geschichte des Hauses beschäftigen. Spannende Sache, auch wenn es sehr wahrscheinlich kein Original ist :)
     
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da Pharaonenbart und evtl. Nemes(?)* klar erkennbar sind, kann man wohl eine Schabmadonna ausschließen, Überhaupt gemacht die gesamte schlanke Silhouette der Figur an etwas Ägyptisches und hat nichts madonnenhaftes an sich.

    *können auch Haare sein, aber auch diese sprächen von der voluminösen Gestaltung her für eine typisch ägyptische Darstellung.
     
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  6. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Da hab ich was übersehen @El Quijote. Du hast recht, links ist der Bart selbst in der groben Bearbeitung sehr deutlich sichtbar. Dann dürfte es sich wohl wie du sagst auch um ein Nemes handeln und nicht Haare, und folgerichtig würden die Hände dann auch die Insignien halten. Oder eben nicht, falls meine Theorie zutrifft dürfte der "Künstler" nie bis zu ihnen gekommen sein, oder zu einer erkennbaren Ausgestaltung des Nemes ;-)
     
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  7. pietFFM

    pietFFM Mitglied

    Schon einmal Danke für die Antworten.



    Nach den Kriegsbedingten Verlusten, mindestens 3 Notumzüge der Sammlung und einer sehr mangelhafter Katalogisierung schon vor dem ersten Weltkrieg, kommt die Sammellust nach Altherthümer der damaligen Zeit. Neben echte Bodenfunde der Ur- und Vorgeschichte, Römer und Franken die durch Bauunternehmer eingeliefert wurden, sind halt auch viele antike Altherthümer die wohl von Reisen und aus Auktionen stammen, geschenkt wurden. Öllampe aus Jericho, etruskische Vase oder auch ein Bleiwasserrohr aus Pompeji. Zumindest das Rohr ist römisch und passt in die Zeit. Also das ein Uschebti neben einer Urkunde vom Deutschen Orden, Spinnräder oder römischen Ziegel liegen könnten, täte mich nicht wundern. Irgendwo soll sogar noch ein Depositum eines Missionars aus den 1930er liegen, incl. Giftpfeile vom Amazonas.



    Was für mich gegen eine misslungene Kopie spricht, ist der Zustand. Er wirkt abgeschliffen und bei den braunen Flecken dürfte es sich noch um Erde handeln. Also eher ein Oberflächenfund, bzw. ein Objekt das längere Zeit in der Nähe der Oberfläche lag.



    Es ist halt nervig wenn man eine Objekt hat mit dem man nichts anfangen kann und doch interessant ist, aber gleichzeitig sich um Objekte kümmern muss die wichtiger sind.



    Also Danke für eure Mühe.
     
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  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Also, ich gehe im Prinzip mit dir davon aus, dass das Ding echt ist. Aber: Auch um 1900 wussten ägyptische Fälscher schon, was (gebildete) Touristen erwarteten. Insofern können Erdanhaftungen und "Gebrauchsspuren" durchaus nicht einfach als Zeichen von Authentizität gewertet werden. Ein - rein handwerklich betrachtet - guter Fälscher fälscht diese Dinge mit.

    Es wäre zu fragen, ob
    - das Teil tatsächlich aus Ägypten stammt (klar ist es ägyptisch, aber man findet ägyptische Formensprachen ja auch in römischen, griechischen und ganz viel in punischen Kontexten)
    - es um 1900 einfacher (weniger aufwendig) war, etwas zu fälschen oder einfach hinter seinem Haus ein Loch zu buddeln und den ollen Kram von Ur^n-Großvater zu verscherbeln. Da das bis heute in Ägypten passiert (mittlerweile so professionell, dass von manchen Privathäusern Tunnel zu altägyptischen Gräberstätten führen), ist letzteres anzunehmen, also dürfte das Ding wohl echt sein). ​
     
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