Utopie gleich Weltfrieden

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Sabine1234, 20. März 2020.

  1. Sabine1234

    Sabine1234 Neues Mitglied

    Die Frage, die sich heutzutage stellt, wäre: Ist der Frieden im 21.Jahrhundert eine Utopie?
    Fallen euch dazu Pro/Contra Argumente ein? Am Besten in Kombination mit Beispielen.

    Danke im Voraus!
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es liegt zuerst in Deiner Verantwortung, eine Vorarbeit zu leisten. Diese Vorarbeitet sollte einen Hinweis geben, dass Du Dich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hast.

    Deswegen die Rückdelegation: Somit ist es an Dir eine wissenschaftlich fundierte These zu entwickeln und Argumente zu finden. Die Gedanken von Kant könnten interessant sein.

    https://www.zeit.de/1980/21/zum-ewigen-frieden

    Normalerweise sind dann andere in einem zweiten Schritt bereit, einen Beitrag zu leisten.
     
  3. Sabine1234

    Sabine1234 Neues Mitglied

    Das Problem zurzeit besteht darin, dass ich keine Contra Argumente finde. Letztendliche sprechen die Taten im 21.Jahrhundert für eine Vorstellung des Friedens. Der Krieg in Syrien, Bürgerkriege in Afrika etc. alles spricht dafür.
    Aber was spricht gegen die Aussage?
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  5. Sabine1234

    Sabine1234 Neues Mitglied

    Ja man kann schonmal sagen, dass die Todesopfer einwenig zurückgegangen sind, aber trz kann man nicht von einem Frieden rede. Aber gibt es ehrlich kein Argument das dagegen spricht?
     
  6. Kochant

    Kochant Aktives Mitglied

    Du musst vor allem definieren, was du unter "Frieden" verstehst. Afghanistan? Tunesien? Ägypten? Israel?

    Von einem Psychologen habe ich mal gehört, das aggressive Potential in der Bevölkerung bleibe immer gleich, wenn es keinen Krieg gäbe, äußere es sich in individueller Aggressivität, Anschlägen, Hassausbrüchen usw.
    Das war aber nur so eine persönliche Theorie, Beweise hat er dafür nicht vorgelegt.

    Gruß
    Kochant
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Frieden kann ja nicht einfach als Abwesenheit von Krieg definiert werden. Dann wäre es nur ein Synonym für 'kein Krieg'. Es ist damit zusätzlich die Möglichkeit der friedlichen Konfliktlösung und der Friedenswahrung und die Bereitschaft dazu gemeint. Die christlichen Kirchen betonen oft auch, dass dazu eine Haltung der Gesellschaft kommen muss, die auch den anderen Existenzrechte und Meinungen zugesteht. Letzteres ist wesentlich schwieriger zu erreichen als die Abwesenheit von Krieg. Und das sind nur Aspekte eines weiten Themas. Was sind heutzutage die Ursachen von Krieg, was hat sich bei diesen geändert und wie wird Frieden erreicht?

    Was ist da heute möglich? Was sind realistische Erwartungen im Positiven und im Negativen? Und: Lässt du nur den Weltfrieden gelten oder auch friedliche Regionen? Was ist mit den vielfältigen Beschränkungen von Kriegen, die ja dem "Inter arma enim silent leges." ("Denn zwischen den Waffen schweigen die Gesetze.") Ciceros, das bis ins späte 19. Jahrhundert als Rechtsgrundsatz galt, entgegenstehen?

    (Natürlich wurden Kriege schon zuvor eingeschränkt. Es sei an die Landfriedensregelungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit erinnert, die die Fehde einschränkten. Und auch international hatten sich schon Gepflogenheiten entwickelt, was z.B. die Behandlung Kriegsgefangener betraf. Aber eine neue grundsätzliche Regelung wurde erst durch die Gründung des Roten Kreuz als Völkerrechtssubjekt und die Haager Landkriegsordnung erreicht, bzw. angestrebt. Auch die Beschränkung des Krieges ist dem Weg zum Frieden zuzuordnen. Und vergleich das mal mit noch älteren Ansichten als denen Ciceros: https://www.geschichtsforum.de/thema/antike-kriegsdefinition.46752/)

    (Und google mal nach dem Melierdialog bei Thukydides, wenn du den noch nicht kennst. Der ist bis heute relevant, wenn es um Krieg und Frieden oder Gewissen geht.)

    (Die Frage, was Krieg ist, befördert natürlich auch verschiedenste Definitionen an Licht, die oft auch politisch motiviert sind. Die verharmlosende Rede von 'bewaffneten Konflikten' gehört oft hierher, da sie auch für unbeteiligte Staate vieles einfacher macht. Und das ist nur ein Aspekt. Viele der Weltkriegsgeneration sahen und sehen es radikal so, dass "Krieg ist, wo geschossen wird". Das wäre ebenfalls Stoff für eine ganze Arbeit. Schon Clausewitz gibt in "Vom Kriege" nicht nur eine Definition. "Der Krieg ist ein erweiterter Zweikampf." steht neben dem bekannteren "Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln." und der Betrachtungsweise des Krieges als Versagen der Diplomatie. (Dabei geht er logisch von der Kategorienlehre des Aristoteles aus und will den real vorkommenden Krieg betrachten. Daher ist das mit "nicht nur eine Definition" nicht ganz richtig. Wie gesagt, spielt dabei auch Logik eine Rolle, weshalb ich das hier nicht weiter erklären will, zumal du ja den Frieden betrachten willst und Clausewitz hier nur ein Beispiel ist, wenn auch ein berühmtes.))

    Langer Rede kurzer Sinn: Sowohl Pro als auch Contra lassen sich erst aus der von dir vorausgesetzten Betrachtungsweise von Krieg und Frieden heraus beurteilen. Vielleicht bringt dir eine solche Klärung Contra-Argumente.

    Edit: Bis Kant wurde außerhalb des religiösen Bereichs eher vom Krieg als vom Frieden geschrieben.
     
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  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Fragestellung betrifft eine zentrale Kategorie des Zusammenlebens von Menschen in Gruppen und im Rahmen von Staaten. Und bereits Kant (vgl. Link oben) hat dieses Problem thematisiert (vgl. z.B. Stadler oder Joas zur Ideengeschichte)

    Zum historischen Stellenwert von Krieg in der Geschichte hat Schöllgen die Genese nachgezeichnet und ten Brink hat die Erklärung von Staatenkonflikten systematisch in die jeweiligen theoretischen Erklärungsansätze eingeordnet.

    Relevant für das Thema ist jedoch zu verstehen, dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen Typen von Kriegen gibt (vgl. die Beiträge zu den unterschiedlichen Typen von Kriegen in Jäger u.a.), die auf unterschiedliche Kriegsursachen zurück zu führen sind. (vgl. Links zur Kriegsursachenforschung)

    https://www.bmz.de/de/themen/krisenpraevention/index.html

    https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf.html

    Generell kann man feststellen, dass die meisten Kriege im Ergebnis lediglich temporäre Positionsvorteile erbrachten, die selten länger als eine Generation von Bestand waren. Da Kriege in der Regel durch eine Kombination von ideologischen Motiven, wirtschaftlichen Interessen oder geostrategischen Überlegungen zu erklären sind heist das aber auch, dass die temporären Positionsgewinne keine langfristige Nachhaltigkeit entfalten konnten.

    Und damit stehen sie in der Bewertung kooperativen Formen der Konfliktlösung bzw. Zielerreichung gegenüber, die aufgrund des Konsens einen hohen Grad an Zustimmung erreichen und damit Widerstände minimieren. Das sichert die Langfristigkeit von Abkommen die auf der Basis des Völkerrechts geschlossen worden sind (vgl. Hobe & Kimminich)

    Und das verweist auf die historische Entwicklung, die ihren Ausgangspunkt zu Beginn des 19. Jahrhundert nahm, und auf die Möglichkeit zur kollektiven Konfliklösung verweist (vgl. Mazower). Den ersten Ausdruck fand das Bestreben, den Krieg zu Ächten bzw. Einzuhegen im "Völkerbund". Nach dem WW2 wurde diese Idee erneut aufgegriffen in der UNO.

    Dass diese multinationalen Institutionen der kollektiven Sicherheit ihrer Aufgabe nicht gerecht werden konnten und zwischenstaatliche Kriege oder Bürgerkriege nicht verhindern oder begrenzen konnten liegt - in der Regel - an der Dominanz nationalstaatlicher Egoismen. Nicht zuletzt, da einzelne Personen oder Gruppen durchaus einen hohen Anreiz haben, die Ressourcen eines Staates zu ihrem Vorteil zu nutzen und sich zu bereichern. Nicht selten sind die "wahren Interessen" der Bevölkerung eines Nationalstaates absolut nicht deckungsgleich mit den Interessen der jeweils herrschenden Clique.

    Und es ist wahrscheinlich, dass mit einer Zuspitzung globaler ökologischer Probleme, Wasserknappheit etc., Verteilungskämpfe zwischen Staaten und auch innerhalb von Staaten - man denke an Klopapier - zunehmen werden.

    Und vor diesem Hintergrund ist es notwendig, den egoistischen Dummköpfen dieser Welt deutlich zu machen, dass nur eine kollektive zivile Sicherheitspolitik, die Inklusion betreibt, den Frieden zwischen Staaten und den Frieden innerhalb eines Staates sicher stellen kann. Nur durch Reden und Verhandeln kann man "Frieden" herstellen. Durch Kriege und Gewalt ist bisher nur "Friedhofsruhe" hergestellt worden.

    Und deswegen ist "Frieden" eine positive Utopie, die wie "Demokratie" hart von allen Staatsbürgern erstritten und verteidigt werden muss. Und dazu sollte man in Kategorien der zivilen Sicherheitspolitik denken lernen und nicht in antiquierten Kategorien von Militäreinsatz (vgl. z.B. Becker u.a.)

    Becker, Ralf; Stefan Maaß, Stefan; Schneider-Harpprecht, Christoph (Hg.) (2018): Sicherheit neu denken - Von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik. Karlsruhe: Evangelische Landeskirche in Baden.
    Brink, Tobias ten (2008): Staatenkonflikte. Zur Analyse von Geopolitik und Imperialismus - ein Überblick. Stuttgart: Lucius & Lucius
    Hobe, Stephan; Kimminich, Otto (2004): Einführung in das Völkerrecht. 8. Aufl. Stuttgart: UTB.
    Jäger, Thomas; Beckmann, Rasmus (Hg.) (2011): Handbuch Kriegstheorien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
    Joas, Hans (2000): Kriege und Werte. Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Weilerwist: Velbrück Wissenschaft.
    Mazower, Mark (2012): Governing the world. The rise and fall of an idea. London: Allen Lane.
    Schöllgen, Gregor (2017): Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. 1. Auflage. München: Deutsche Verlags-Anstalt.
    Stadler, Christian (2009): Krieg. Wien: UTB
    Steinweg, Reiner (Hg.) (1990): Lehren aus der Geschichte? Historische Friedensforschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. März 2020
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  9. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Besonders beeindruckt bin ich von den Spitzen von vergessenen Kriege, die zumindest im deutschen, eurozentrischen Geschichtsbewusstsein keinen Platz haben. Der Koreakrieg ist ist immerhin noch als "vergessene Krieg" bekannt, aber von einigen besonders schweren Kriegen wie dem Bangladeschkrieg (1971), lese ich ich hier wirklich zum ersten mal.
    Die mediale und politische Aufmerksamkeit die Kriege bekommen, ist extrem verschieden. Gleiches gilt für die Rezeption. Mitunter werden auf stereotype Zerrbilder reproduziert, wie das vom "Pulverfass Balkan" oder dem Nah-Ost-Konflikt, die mit unter größeren und schwereren Kriegen die Show stehlen. Die Liste der ignorierten und vergessenen Kriege ist lang.
     
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  10. hatl

    hatl Premiummitglied

     

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